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Alle Rezensionen zu Arild Andersen, Paolo Vinaccia & Tommy Smith
(Genre »Jazz«, Land »Norwegen«)

 

In-House Science
(2018, ECM/Universal ECM 2594 | 6716897)

Es beginnt mit einer einfachen Melodie, die Arild Andersen auf seinem Bass zupft, nachdem er sich mit seiner Loop-Station einen feinen Tieftonteppich zurecht gewoben hat. Es ist das Motiv von »Mira«, Titelstück des letzten Trio-Studioalbums. Am Ende dieser Live-CD werden wir eine Demonstration all dessen gehört haben, was Trio-Jazz zu offenbaren vermag. Schon während des Openers lässt Tommy Smith mit forschem, vollen Ton und energischen Linien erahnen, wohin die Reise zu gehen vermag, aber sowohl er als auch Paolo Vinaccia am Schlagzeug bewahren noch für einen langen Moment den romantischen Duktus, den dieses erste Stück einfordert; der italienische Wahlnorweger etwa, indem er kaum einmal Mal die Snare spielt.

Das ändert sich unmittelbar mit Beginn des zweiten Stücks, »Science«, mit dem grandiosen Finale »In-House« bildet es die titelgebende und musikalische Spange um dieses Konzert. Andersen beginnt hier mit grummelnden Basstönen, das Feuer zu schüren, wechselt später in einen Walkingbass, über den Smith sich anschickt, seine lodernden Riffs erklingen zu lassen. Vinaccia treibt das Trio wahlweise durch geradliniges Spiel an oder umgarnt die Solisten mit seiner feinen Arbeit an den Becken. All dies steigert sich über das Konzert hinweg so sehr, dass Smith seine nervösen Phrasen gegen Ende dem Publikum regelrecht vor die Füße wirft, in abseitigen Skalen, bisweilen in rettungslos überblasenem Ton – und das sprichwörtlich bis zum letzten Atemzug. Dazwischen werden die Themen übergeben und übernommen, man trifft sich für einige Takte und geht wieder solierend auseinander – und alles ist reinster Bop, noch viel energetischer und gelöster als auf der 2008er »BELLEVILLE«-Live-CD. Nur einmal, nämlich zur Mitte des Albums und damit genau zur rechten Zeit, gibt es für die Akteure und das Publikum eine Atempause, wenn Andersen, erneut am Looper, Arco-Klänge erzeugt, über die er dann das »Hyperborean«-Motiv aus der gleichnamigen Platte entwickelt.

Wenn man am Ende dieses Parforceritts noch mal den Blick auf den Albumtitel wirft, müsste man der Band eigentlich den Vorwurf machen, das Thema glatt verfehlt zu haben, denn »wissenschaftlich« ist das alles überhaupt nicht. Aber gerade das ist das Erfrischende an dieser Produktion ... und das aus dem Hause ECM, in dem der wohlgesetzte Ton gegenüber dem ungestümen Derwisch doch so oft den Vorzug erhält. Insgesamt erfreuen wir uns über eine offensichtliche »neue Leichtigkeit« bei ECM, die zuletzt schon einige der aktuellen Produktionen bei ECM auf angenehmste Weise durchzogen hat. (stv)



Siehe auch:
Arild Andersen
Arild Andersen Group
Andersen im Trio mit Vassilis Tsabropulos und John Marshall
Radka Toneff

Arild Andersen: In-House Science

Offizielle Website

Der »Senf« unserer Autoren ...
Nicht immer sind wir alle einer Meinung. Zur »CD des Monats« wählen wir deshalb gern eine CD, die Meinungen polarisiert.
Dazu geben - neben dem Rezensenten selbst - immer vier unserer Autoren ihren Senf dazu ab.

Ich bin ja bekanntermaßen nicht die Jazz-Fachfrau, aber mit diesen souverän wagemutigen Album kann ich mich anfreunden!
Eva-Maria Vochazer


Tim Jonathan Kleinecke

Schön, dein leidenschaftliches Urteil dieses kraftvollen Trios. Auch mit über 70 besticht der große Mann des nordischen Bass' noch immer mit Spielfreude und Fantasie. Wer die leise Poesie von der CD »MIRA« vermisst, wird hier nicht so ganz auf seine Kosten kommen. Alle, die hingegen Freude an extensiven, feurigen Improvisationen haben, jedoch umso mehr.
Ingo J. Biermann

Leider, vier Jahre nach der Studio-CD kein weiteres Studioalbum. Manche(r) wird sich daher die Frage stellen: Gibt es ausreichend Grund für ein 4. Andersen-Livealbum innerhlab von 10 Jahren (nach »CELEBRATION«, »BELLEVILLE« und »THE ROSE WINDOW«)? Aber sicher. Hier geht die Post ab!
Leif Haugjord

Offizielle Website      www.arildandersen.com

   

Mira
(2013, ECM/Universal ECM2307 / 3728782)

Erst sechs Jahre nach dem teils euphorisch gelobten »LIVE AT BELLEVILLE« kam es zum Studiodebüt des bereits langjährig aktiven, multinationalen Trios, geleitet vom Bass-Altmeister der ersten »nordeuropäischen Jazzwelle«: Arild Andersen, demnächst 70 Jahre alt, konnte man kaum einmal vorwerfen, dass er sich auf seinen Lorbeeren ausruhte. Sein »klassischer« ECM-Klang gerinnt durch die Begegnung mit dem italienischen Schlagzeuger Vinaccia (der gleichwohl schon fast sein halbes Leben in Norwegen residiert) und dem schottischen Saxofonisten Tommy Smith eine frische, unvergleichliche Stilistik.

Der vorwiegend balladeske Gestus steht erst einmal im markanten Kontrast zur »BELLEVILLE«-CD. Exzentrische Haken bietet das Programm dennoch: »Blussy« erinnert frech an die wilden Sechziger in New York City, und beim folgenden »Alfie« handelt es sich gar um den Titelsong des Filmklassikers von 1966. Das Trio feilt souverän, über sieben Minuten, an Burt Bacharachs melodischer Zeitlosigkeit. Während der Großteil der Stücke Andersen als Komponisten zugeschrieben werden, überzeugt »MIRA« auf ganzer Linie mit gleichberechtigtem Ensemblespiel, das jeden Ton wertschätzt und keine individuellen Eitelkeiten kennt. Als Summe des Albums erklingt am Ende »Stevtone«, eine gemeinsame Kompostion mit Kirsten Bråten Berg. (ijb)



Siehe auch:
Kirsten Bråten Berg
Terje Rypdal

   

Live At Belleville
(2008, ECM/Universal 177 4448)

Der Bassist Arild Andersen gehört zu den Big Four des norwegischen Jazz, dies geht zurück auf die späten 60er und beginnenden 70er Jahre. Einige der bahnbrechenden LPs dieser Zeit stammen von einem Trio mit Jan Garbarek, Edward Vesala und Andersen, und eben an dieses erinnert man sich bei dieser Aufnahme, entstanden live in Oslos Belleville Club. Andersens Partner sind der schottische Tenorist Tommy Smith und der Drummer Paolo Vinaccia aus Italien, der allerdings seit fast 30 Jahren in Norwegen lebt.

Die vierteilige Suite »Independency«, ist der norwegischen Unabhängigkeit von Schweden gewidmet, hier bahnen sich nach komponierten Teilen viele freie Strukturen den Weg. Die Interaktion zwischen allen drei Musikern ist phantastisch; Vinaccia hört sehr aufmerksam zu und reagiert blitzschnell auf die weiten Melodiebögen Smiths, der nicht nur in freien, exstatischen Passagen brilliert. In Duke Ellingtons »Prelude To A Kiss«, dem einzigen Stück nicht aus Andersens Feder, hat er ein grandioses unbegleitetes Intro. Andersen spielt mit mächtigem Ton, hält alles zusammen und soliert phantastisch, zudem erweitert er das Klangspektrum durch behutsam eingesetzte live electronics. Ein Trio auf einem sehr hohen Energielevel, und auf einem musikalischen Niveau, das kaum seinesgleichen hat. (tjk)



Siehe auch:
Jan Garbarek
Edvard Vesala



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