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Alle Rezensionen zu Motorpsycho
(Genre »Rock«, Land »Norwegen«)

 

Behind The Sun
(2014, Stickman STI14078)

Exakt 38 Sekunden lullen uns die Norweger ein mit schöner akustischer Gitarre, dann kommt aber endlich die elektrische Breitseite – so kennen, so lieben wir Motorpsycho. Aber langsam: »Cloudwalker« bezaubert mit großen, fast hymnischen Melodien und gigantischen Dynamiksprüngen. Immer wieder zarte akustische Gitarrensprengsel, gleich wieder heftig konterkariert. Allein dieser Song ist eine akustische Badewanne, in die öfters mal ein Fön fällt – sehr elektrisierend, da hinter der Sonne.

Diese Band ist seit gefühlten 100 Jahren ganz weit vorne. Kenneth Kapstad, Hans Magnus Ryan und Bent Sæther erfinden sich alle Jahre wieder neu und surfen durchdacht und gekonnt auf ihren Gitarrenbrettern durch jazzige Improvisationen, Beatles-schöne Melodien, Pink Floyd-sche Soundeskapaden (da helfen Gäste mit Mellotron, Violine, Säge und Klavier), durch sensibelste Mädchenmusik und harte Männermucke. Sind bei allen Neuerungen und stilistischen Wandlungen immer erkennbar. Machen Gänsehaut, machen jubeln, machen auch sprachlos angesichts der Intelligenz, der Kreativität. Keine Band schafft es wie sie, zärtliche Brachialität mit brachialer Zärtlichkeit zu verbinden. Motorpsycho waren, sind und bleiben für immer die beste norwegische Band der Welt. (tjk)



Siehe auch:
Motorpsycho & Jaga Jazzist Horns
Motorpsycho & Ståle Storløkken
Deathprod (Helge Sten)
Ole Henrik Moe

 Motorpsycho: Behind The Sun

Offizielle Website

Die CD »Behind The Sun« war »CD des Monats« im Monat 3 / 2014.
Und so urteilten unsere anderen Autoren darüber:

Ganz abgesehen davon, dass dieses Album wie ein Feuerwerkskörper ist, der beim Explodieren auf wunderbar anarchische Weise die buntesten Funken sprüht: Motorpsycho, die alten Haudegen, sie haben es mehr als verdient, dass sie bei uns endlich mal durch die Wahl zur Monats-CD ausführlich gewürdigt werden. Und das ohne jegliche Heldenverehrung, sondern weil sie einfach großartig sind. Und das seit vielen Jahren.
Eva-Maria Vochazer

Auch wenn ich mich damit im Kollegenkreis unbeliebt mache, kann ich die Begeisterung für die norwegischen Motorpsycho im Allgemeinen und für dieses Album im Besonderen selbst nach mehrmaligem Hören nicht teilen. Es weckt bei mir keinerlei Emotionen – zugegeben: auch keine negativen.
Nathalie »Natte« Martin

Natte, mir geht's da ganz ähnlich wie dir. Vor einigen Jahren mochte ich ein paar Alben sehr gerne (»It's a Love Cult«), doch seither bleiben sie mir leider immer wieder fremd, so gerne ich sie mögen würde. Schätze, ich komme mit dieser Stimme in Kombination dem anachronistischen Prog-Style nicht so zurecht ...
Ingo J. Biermann

Und mir gehts genau anders herum als Ingo. Mit manchen der alten Alben wurde ich nicht recht warm, aber diese Scheibe hier hat mich sofort gepackt. Da drängeln sich Erinnerungen hervor, die ich einst beim Hören von CSN&Y, den Who oder den frühen Genesis und Yes hatte. Die Spannbreite dieser norwegischen Legenden ist wirklich enorm.
Peter Bickel

Offizielle Website      motorpsycho.fix.no

   

Here Be Monsters
(2016, Stickman/Soulfood psychobabble083)

Ein neues Jahr, ein neues Motorpsycho-Album. Und wieder anders, wieder toll. Muss man mehr Worte verlieren? Wohl nicht. Dem Titel nach scheint es die Reihe der 1990er-Jahre-Ungetüme »Demon Box«, »Timothy's Monster« und »Angels & Daemons At Play« zu beerben. Aber so ist es dann doch nicht ganz. Eher schon legen Motorpsycho anno 2015/16 ihr Seventies Album vor. Nach jüngsten druckvollen Exkursen mit Spidergawd und BOL&Snah gibt es diesmal viel Melodie, viel Pink Floyd – und auch etwas mehr King Crimson als gewöhnlich. Zudem recht lange instrumentale Passagen; im 18-minütigen »Big Black Dog« (ein Gruß an Led Zeppelin? Oder Genesis?) verschwindet der Gesang zumeist im Mix des monumentalen, dramatischen Rock-Epos', für das allein sich schon den Erwerb der Platte lohnt. Ganz groß.

Doch altbacken sind Motorpsycho keineswegs geworden. »HERE BE MONSTERS« rettet das Beste aus der britischen Psychedelic/Progressive Rock-Tradition in die Gegenwart, zum dritten Mal mit Thomas Henriksens facettenreich geschichteten, gar nicht verwässernden Keyboardfarben. Stilsicher und majestätisch, nur selten lautstark krachend erzählen die fünf Stücke (plus zwei kurze Zwischenspiele) die Erfolgslinie der Karrierehöhepunkte »Behind The Sun« und »Still Life with Eggplant« eingängig und stark weiter. (ijb)



Siehe auch:
Spidergawd
BOL & Snah

   

Supersonic Scientists –
A Young Person's Guide To Motorpsycho
(2 CDs, 2015, Stickman psychobabble 082)

Dass es bis heute nie eine »Best of«-Zusammenstellung von Norwegens international bekanntester Alt.-Rockband gab, überrascht dann doch. Passend wurde weitaus größer als der Untertitel aufs Cover gedruckt: »It's Here! AT LAST!« Ein wenig nimmt der »Young Person's Guide To Motorpsycho« dem Hörer die Entscheidung ab, wie man einen Einstieg in das überaus vielfältige Gesamtwerk dieser Jungs finden kann. Über dieses 2-Disc-Set natürlich. Auch wenn man bislang nur bestimmte Alben oder Phasen der Band kennt, empfiehlt sich dieser geschickte Querschnitt durch ihr Schaffen über ihre (ersten) 25 Jahre hinweg, zumal das faszinierende Miniposter, das man statt eines typischen Greatest-Hits-Beihefts miterwirbt, wunderbar die zahlreichen Inkarnationen und Besetzungswechsel von Motorpsycho um Bent Sæther und Hans Magnus »Snah« Ryan in aller Ausführlichkeit darlegt.

Obwohl die 17 Stücke anhand einer geschickt gewählten Auswahl von Motorpsychos regulären Alben einen durchaus repräsentativen Querschnitt durch ihr Schaffen bieten, ist noch immer nicht alles enthalten, was diese ungemein vielseitige Band auszeichnet. Und nicht alles wird jedem zusagen. Wer es »heavier« und stärker vom Sound der Neunziger geprägt mag, wird sich mit der ersten CD wohler fühlen. CD2 kommt melodischer und songorientierter daher. Jedoch gelingt es hervorragend, dass sich die Stücke zu einem richtigen Album addieren und keineswegs eine banale Aneinanderreihung von Schlaglichtern bilden. Souverän und schillernd. Chapeau. Auf die nächsten 25 Jahre! (ijb)

   

Demon Box (5 Disc Box Re-Release)
(2014, Rune Grammofon/Cargo RACD/LP112 4CDs+1DVD)

Kinder, was waren wir jung! 22 Jahre ist es her, dass die damals durchschnittliche Alternative-Combo gerade mal der Teenagerzeit entwachsener Jungs, sich erstmals an der großen Geste versuchte und in der Folge zur markantesten Rockband Norwegens aufstieg. Dezember '92, Trondheim: Helge »Deathprod« Sten wird als Neumitglied angeheuert, um den Bandsound maßgeblich durch seine Basteleien mit SoundArt- und anderen technischen Ideen zu erweitern, was zu genialen Exzessen wie dem Titelsong führt, der in gefühlt uferlosem Noise endet. Und Einfälle hatten die vier damals ohne Ende, wie die Unmengen wie im Rausch eingespielter Stücke beweisen.

Gleichwohl ist »DEMON BOX« ganz Kind seiner Zeit, die damaligen Grunge-, Alternative-, Hardrock, und Metal-Moden sind bei aller Fantasie so präsent, dass diese 5-Disc-Box eine 1A-Zeitkapsel in die Jahre 1992/93 abgibt. Für all jene, die erst später zu Motorpsycho gestoßen sind, kann das faszinierend sein, diese Welt zu entdecken, kann aber auch mit schulterzuckendem »Musik von älteren Herren, gefällt bestimmt meinem Vater« abgetan werden. Jeder wie er mag. Der Verdienst dieser dem Zeitgeist folgenden, bereits dritten Multi-CD-Wiederveröffentlichung liegt indes darin, dass die zwei LPs damit erstmals vollständig auf CD erhältlich sind; dazu die EPs »Mountain« und »Another Ugly EP« sowie Berge, ja Bergmassen von Outtakes und Live-Tracks, darunter eines mit einer(!) VHS-Kamera gefilmten Konzerts im September 2013. Da muss man dann auch noch durch. (ijb)

   

Still Life With Eggplant
(2013, Stickman/Soulfood RCD 2143 / RLP 3143)

Nach fast 25 Jahren und nahezu 20 Alben sollte man bei einer Rockband eigentlich wissen, was einen erwartet. Bei unseren Freunden von Motorpsycho ist es eben so, dass man stets auf das Unerwartete gefasst sein darf, denn noch immer überrascht das Trio auf fast jedem Album mit neuen Haken. Diesmal, direkt nach dem intensiven Riesenwerk »The Death Defying Unicorn«, kehren die Trondheimer scheinbar in eingängigere, bekanntere Gefilde zurück.

Doch das ist eher relativ zu verstehen. Zum einen sind sie mit dem Schweden Reine Fiske, der akustische und elektronische Gitarren beisteuert, wie er es zuletzt schon auf zwei Alben der Labelkollegen von Elephant9 tat, diesmal zum Quartett angewachsen. Zum andern werden über 46 Minuten gerade mal fünf Stücke geboten. Und nicht zuletzt verbeugen sich die Jungs charmant mit einer ebenbürtigen Coverversion von »August« (1969) vor Love und Arthur Lee, der im August 2006 starb und, wie man hier hört, keinen geringen Einfluss bei Motorpsycho hinterlassen hat. Trotz Jazz- und Progeinflüssen ist »Still Life With Eggplant« also ein ziemlich straightes »Classic Hardrock«-Album. Kein Wunder, hatten sich während der jahrelangen Arbeit am »Unicorn«-Projekt mindestens 20 Stücke angesammelt, die jetzt nach und nach rausdürfen. (ijb)



Siehe auch:
Dungen
Elephant9 with Reine Fiske
BOL / Westerhus / Snah

   

Blissard (4 CD-Box)
(4 CDs, 2012, Stickman/Indigo Psychobabble076)

Motorpsycho sind eine Institution. Natürlich. Und seit mehr als zwanzig Jahren aus der norwegischen Rockszene nicht wegzudenken. Doch typisch »nordisch« war ihr Alternative-Rock bis Experimental-Hardrock eigentlich nie. Manch einer weiß daher nicht einmal um ihre Herkunft, meint, er habe es hier mit einer Truppe aus dem Angelsächsischem zu tun. Wer sie nicht kennt, hat anhand ihres umfangreichen Schaffens aus Studio- und Liveaufnahmen einen satten Brocken abzuarbeiten, und der Einsteig fällt mit Sicherheit nicht leicht, überblickt man mal ihr vielseitiges Gesamtwerk.

Für die 4-CD-Boxen ihres nach wie vor hochgelobten frühen Werks wird sich außer eingefleischten Fans kaum jemand erwärmen können. Auf »Timothy's Monster« (1995) folgt nun »BLISSARD« aus dem Folgejahr '96, als der US-Alternative-Rock gerade noch mit zugedrückten Augen als Independent bezeichnet werden wollte und »Indie-Rockstars« wie die Smashing Pumpkins sich ein letztes Mal mit der dieser Goldgrube der Neunziger Jahre abfeierten, bevor kaum mehr jemand ohne elektronische Musik durchstarten konnte.

Für Fans jener Zeit bietet die Box neben dem Originalalbum mehr vom gleichen und so eine echte Gold- und Fundgrube: weitere Songs, eine alternative Version des kompletten Albums, B-Seiten, Probeaufnahmen und Skurrilitäten, fast zur Hälfte erstmals erhältlich, ordentlich mit etlichen Liner-Notes und Detailinformationen in zwei Booklets präsentiert. Alles, was das Fanherz begehrt. Das wird entsprechend begeistert sein und die Vervierfachung seines Meisterwerks lieben. Konnte man sich aber für den trockenen, etwas dünnen Klang des Albums und der Gesangsstimme Bent Sæthers bislang nicht erwärmen, ist die vierfache Materialmenge von »BLISSARD« nicht der beste Startpunkt, um Motorpsycho kennen und lieben zu lernen. Persönlicher Tipp des Rezensenten: »It's A Love Cult«. (ijb)

   

Heavy Metal Fruit
(2010, Stickman/Indigo 946172)

Stehenbleiben? Warum? Wohldosiert alle zwei Jahre ein Album herausbringen, weil das irgendwie opportun sein könnte? Mit solch oberflächlichen Überlegungen halten sich Motorpsycho nach 15 Studioalben nicht auf. In Bewegung bleiben und nur dem eigenen Kopf (und Herzen!) folgen, das ist bei den Norwegern der rote Faden, der sich durch das Schaffen der Norweger zieht. Der Albumtitel »HEAVY METAL FRUIT« führt in die Irre, natürlich. Zur reinen Metal-Lehre passt hier nur die machtvolle Energie einiger Gitarrenakkordfolgen. Sechs Songs. Gleich mit einem 15-Minüter gestartet, wie um zu demonstrieren, dass Erwartungshaltungen unterlaufen werden.

Motorpsycho experimentieren mit offenem Ausgang. Begeben sich ins ausufernde Dickicht des psychedelischen Rock, verausgaben sich mit schmutzigem, schweißtreibenden Hard Rock, streuen eine Piano-Ballade ein, jazzen unvermittelt herum. Und ach ja, der Geist des Blues lebt bei ihnen, sehr. Mit der eigensinnigen Chanteuse Hanne Hukkelberg haben sie eine famose Mistreiterin gefunden. Trompeter Mathias Eick addiert trotzig-gefühlfvolle Töne. Eine Stunde. Ein Verwirrung stiftendes Abenteuer. War wohl nicht anders zu erwarten bei diesem Trio. (emv)



Siehe auch:
Hanne Hukkelberg
Matthias Eick

   

Little Lucid Moments
(2008, Stickman Psychobabble060)

Kenneth Kapstad (Ex-Gåte, Ex-Dadafon) muss sich bei seinem Debüt im Motorpsycho-Bandgefüge gleich der härtesten aller Prüfungen unterziehen: Die der Improvisation. Fahnenflüchtig stieben die Gitarren umher, versuchen mit Noise-Wolken Ablenkungsmanöver zu fahren und sind stets im Zickzack-Kurs unterwegs.

Diese Rock-Exzentrik hat man Jahre schon nicht mehr bei Motorpsycho gehört, ebenso wenig die antiautoritären Arrangements, die gut und gerne die vier vorhandenen Titel auf über 60 Minuten Spielzeit strecken. Soviel musikalischer Eskapismus und psychedelische Ausuferung ist in Zeiten von Schnelllebigkeit und Drei-Minuten-Radiosongs sicherlich Ehren wert, und so mancher Luftgitarrero wird seine helle Freude daran haben, aber bei diesem laxen Umgang mit Stringenz gibt es leider auch viel Leerlauf, der dieses Album nur ins gute Mittelmaß drückt. (maw)



Siehe auch:
Gåte
Dadafon

   

Black Hole / Blank Canvas
(2 CDs, 2006, Stickman/Indigo Psychobabble053)

Aus drei mach zwei, und die säuselnde Schönheit macht Pause – auf diesen Nenner könnte man die neuen Motorpsycho kurzum reduzieren. Nach dem Ausscheiden des Drummers Håkon Gebhardt katapultiert sich die Band zurück in die 90er und überrascht mit rauem, fast archaischem Rocksound, der auf CD2 seine kompakte und eher poppige Erfüllung findet, während auf CD1 sägende Auswüchse dominieren.

Dennoch waren Motorpsycho früher besser, waren die Melodien packender, die Soundflächen breiter, die Alben insgesamt aufregender. Das mag klingen wie das Wiederkäuen eines traditionalistischen Mantras, ist am Ende jedoch nur die Enttäuschung über eine Band, die den Zenith ihrer Karriere langsam überschritten zu haben scheint. Leider. (maw)



Siehe auch:
Manifest

   

Presents The International Tussler Society
(2004, Stickman/Indigo Psychobabble 046)

Die Slidegitarre schnurrt, Bandhündin Laila Lou jault im Schein der Lagerfeuerflammen, und Wyatt Earp stellt im Saloon fest, dass der Whisky betrunken ist. Die erste Kugel steckt noch fest in seiner Schulter, da holt die Band nach dem überraschenden Erfolg des wiederveröffentlichten Tussler-Soundtracks zum nächsten Duell aus: CD samt Bonus-DVD. Man trifft sich bekanntlich zweimal im Leben.

Fein säuberlich werden die Patronen in die Country- und Southern Rock-Kammern geschoben, die Banjo-Mechanik geölt und mit einem kräftigen Schluck Feuerwasser der Staub aus der Kehle gespült. Mit unerschütterlich ernster Miene geht es auf den Showdown zu – nur der Sargbauer im Hintergrund bricht in schallendes Gelächter aus. (maw)

   

Tussler (Original Soundtrack)
(2003, Stickman/Indigo Psychobabble 044)

Manchmal muss eine Band eben das tun, was eine Band tun muss. Ausbrechen aus eigenen Gehegen, plündern und brandschatzen im Nachbargelände. So gibt es statt Indierock wunderbar verschlurfte Eigenkompositionen im Gewand eines pittoresk-folkigen Westernbeats nebst zehn Bonus-Songs von Country-Größen wie Robert Hunter, Flying Burrito Bros. und Neil Young. Banjo, Mellotron und rustikale Lagerfeuerstimmung – schließlich ist das hier ein Soundtrack zu einem staubtrockenen Westernmovie. Auch wenn der Film nie gedreht wurde ...

Original 1994 in einer Auflage von 2000 Stück veröffentlicht und 2003 neu aufgelegt ist »TUSSLER« sicherlich nicht das konsensfähigste Album der Norweger, aber allemal eine kuriose Ergänzung zum privaten Obskuriäten-Kabinett. (maw)

   

It's A Love Cult
(2002, Stickman/Indigo 1883-2)

Mit schöner, beinahe jährlicher Regelmäßigkeit lassen Motorpsycho wieder von sich hören und schaffen es dennoch, sich immer wieder neu zu erfinden. Im großen und ganzen brät das Trondheimer Trio Rock, aber dann?

»Überwagner Or A Million Bubbles In M Mind« (was für ein Titel!) etwa rollt als knalliger Progrocker an – Stones meet Michael Rother. »Carousel« schraubt sich von psychedelischer Streicher-Träumerei zu orgiastischem Gitarrenriff-Werk à Led Zeppelin empor. »What If« schließlich kombiniert Burt-Bacharach-Flair mit Fieps-Orgeln und straffen Pink-Floyd-Bläsern. Motorpsychos Wurzeln liegen also ganz klar in den Siebzigern, doch schon längst ist daraus ein eigener kräftiger Stamm mit recht exotischen Blüten erwachsen. (peb)

   

Serpentine EP
(EP, 2002, Stickman/Indigo 4015698196023)

»Vier plus Eins« lautet die magische Formel dieser EP, welche als Vorbote zum Album »IT'S A LOVECULT« die Wartezeit verkürzt hat. Nur der Titeltrack findet sich dort wieder, die weiteren vier Sinfonien nehmen sich ihr Exklusivrecht heraus.

Federleicht und zurückgenommenen gleitet man herein, derweil die verstiegenen typischen Eigenheiten der Band nicht lange auf sich warten lassen. Sphärisch werden süßliche Jazzakzente gesetzt, die in filigraner Slow-Motion gefangen zu sein scheinen – immer in Intimitäten versunken und mit Understatement auf hohem melodischem Niveau. Mit eher ausufernden Gitarrentreatments schließt diese EP, die aber wenig Neues dem Motorpsycho-Klangkosmos hinzuzuzufügen hat. (maw)

   

Phanerothyme
(2001, Stickman/Indigo 405698.0558-2)

Der Blick in die Songfabrik der Fließbandarbeiter von Motorpsycho offenbart vertraute Heimeligkeit. Hier wird nachdenklich gezupft, euphorisch getupft und intensivst geschwurbelt. Durch die umwerfende und keinesfalls überladene Orchestrierung befreit sich die Band von der Last der tonnenschweren Melancholie älterer Songs. Angetrübt und rau integrieren sich die eigentümlichen Vocals von Bent Sæther in die lieblich-verspielten Kompositionen.

Reminiszenzen an den bunten Pop der 60er Jahre brechen das Licht ins Schillernde, und die Jazz-Phrasierungen gleiten mühelos hinein. Trotz collagenartigem Anschein und sonderbarer Entrücktheit präsentiert sich das Album in romantischer Geschlossenheit. Endlich werden die bandtypischen, teilweise eigenwilligen Melodien ein wenig offensiver und bleiben doch auf halber Strecke stehen. Man muss sich dem Klangkosmos von Motorpsycho noch immer selbst nähern, doch mit diesem wundersamen Album streckt die Band ihre Hand sehr weit aus. (maw)

   

Barracuda
(2001, Stickman/Indigo 4015698962925)

Gut so: Um die Kompaktheit zu wahren, veröffentlichen Motorpsycho den härteren Part der »Let Them Eat Cake«-Sessions auf einem eigenständigen Mini-Album. Spröde und konservativ redundiert man die eigenen Anfänge, zersägt psychedelische Retro-Rocker und rädert sie mit wüstenhaftem Blues und konsolidierten Bläsern wieder zusammen.

Dazu brandmarkt Bent Saethers raue Stimme dreckig bohrend die heißblütigen Songs und verleiht ihnen eine grollende Dynamik. Bissfest und knackig sind die sieben Tracks allemal; letztlich jedoch muss man einsehen, dass ein Schritt zurück eben nur manchmal ein Schritt nach vorne ist. (maw)

   

Let Them Eat Cake
(2000, Stickman/Indigo Psychobabble 023)

Kurz wollten sie es machen. Zehn Jahre nach Bandgründung ein Neubeginn. Keine epischen Neunminüter mehr, keine brachial verzerrten Gitarren. Zum ersten Mal schwelgen sie in seligen Popgefilden. In psychedelischen, leicht jazzigen oder gar funkigen. Und alles in schillerndem Technicolor der 60er und 70er Jahre.

Die ausgeklügelten Arrangements und prosperierenden Melodiebögen haben dabei das Talent stets intensiv, aber doch besonnen und einfühlsam zu sein. Schnurrige Song-Miniaturen mit enormen Tiefenstrukturen aus dem postmodernen Pop-Elfenbeinturm, die stetig wandeln und zaubern. Bis man flach atmend auf dem Teppich liegt ...
(maw)

   

Roadwork Vol. 2 (The MotorSource Massacre, Motorpsycho, The Source & Deathprod, Live At Kongsberg Jazzfestival 1995)
(2000, Stickman 3rd ear 0200)

Forderte der erste Part der Roadwork-Serie schon intensive Beschäftigung, so ist Teil zwei ein massiver Brocken der Anstrengung. Nach nur dreistündigen Proben wagte die Band das Experiment, mit den Freejazzern von The Source und Deathprod an den analogen Synthies gemeinsam auf einer Bühne zu exerzieren.

Die Musiker ergeben sich in ein onanistisches Spektakel zwischen Genre-Kollisionen, chaotischen Klangkomplexen, und quengelnden Loops. Wuchernde Gitarrenschlaufen verwirren sich in Bläserstürmen, die ihren Widerhall in der grandiosen Live-Atmosphäre finden. Neben sprießlichen Höhepunkten der Harmonie verweilen die Strukturen teilweise enervierend angeschrägt. Dennoch: eine Improvisations-Performance, die ihresgleichen sucht. (maw)

   

Roadwork Vol. 1 (Heavy Metal Iz A Poze, Hardt Rock Iz A Leifschteil, Live In Europe 1998)
(1999, Stickman 3rd ear 0199)

Motorpsycho sind in erster Linie eine fantastische Liveband. Kaum zu glauben, dass es erstmals mit diesem Album eine Live-Veröffentlichung zu feiern gilt. Gebrochen und tastend wandeln Motorpsycho durch den vertrackten Raum. Die Korsage der Minutenbegrenzungen gelockert wird auf sieben Songs virtuose Improvisationskunst demonstriert – ausufernd mit schweren Kaskaden der Beklemmung und der gelegentliche Überwindung der tonalen Rock-Vorgaben.

Das dreißigminütige Herzstück, die »A K9 Suite«, ist ein psychedelisch breitgetretenes, düster gefärbtes Epos, deren satter Spielwitz und energetischer Strudel kein Entrinnen zulässt. Genau wie das süßliche Melodie-Gesäusel, das sich live aber noch fesselnder um die Seele schlingt. (maw)

   

Trust Us
(2 CDs, 1998, Columbia/Sony Music 489.738.2)

Motorpsycho gönnen sich keine Pause und veröffentlichen weiterhin auf höchstem Niveau, dass es schon fast unheimlich ist. Die Suggestion der Radiotauglichkeit (der Angelpunkt fast jeder Liveshow, »Vortex Surfer«, wurde gar – zum besten Rocksong des Millenniums gewählt - am Silvestertag '99 bei einem Radiosender 24 Stunden nonstop gespielt) wird mit Wabergitarren und sublimen Noise-Kaskaden konterkariert.

Dennoch geht die Entwicklung weiter zu wie beiläufig freigesetzten Melodieflächen. In diesem Gestus entstehen naive, unverbrauchte und doch sehr epische Songs mit den eigentlich schon abgehakten Mitteln der klassischen Gitarrenschule. Vertrauen und kaufen. (maw)

   

Angels And Daemons At Play
(1997, Columbia/Sony Music 487301)

Die Conclusio alles Vorangegangenem, die Essenz aus acht Jahren Weirdness und Schöpfungsdrang findet sich geballt auf dem neuesten Werk der drei Trondheimer. Natürlich nicht in Reinform, sondern in verspielten Andeutungen und Verästelungen. Schließlich war der Weg vom ungestümen Hardrock zur Pop-Finesse ein langer.

Ob mäandernde Exkurse, Tüftelei oder Improvisation – die gebrochen wirkenden Melodien bauen sich gegenseitig wieder auf. Die Gitarren holen tief Luft, tänzeln noch einmal vorsichtig hin und her und laufen schließlich rot an. Exaltiert gewandet und dennoch scheinbar einmalig aufs Wesentliche reduziert: Hippie-Space-Pop, Prog-Noise-Rock, Genialistentum. Whatever. Weniger wäre nicht Motorpsycho. (maw)

   

Blissard
(1996, Columbia/Sony Music 483786)

Zerfahrene Soundabstürze und Songs, die gleich ein komplettes Großraum-Abteil für sich alleine beanspruchen – dafür sind Motorpsycho bekannt und beliebt. Auf »BLISSARD« ziehen sie die Korsage leicht enger, um den Eindruck der Geschlossenheit zu verstärken. Ohne aber die für sich typischen Merkmale aufzugeben: verschroben, ein wenig melancholisch und trotzdem voll wundervoller Momente des Popzitats.

Fühlt man sich geradezu apathisch in einem Arrangement verfangen, wächst bereits ein neuer Bogen zur Melodie heran, der virtuos mit Stimmungen und Sehnsüchten spielt. Songs, die sich zu verlieren scheinen und dann kongenial auf vertrackte Weise zusammengeführt werden. Im Abba-Studio in Stockholm eingespielt, ist dieses Album das bis dato melodiöseste und zugänglichste. (maw)

   

Timothy's Monster
(2 CDs, 1995, Stickman Psychobabble 002)

Motorpsycho haben ein Album geschaffen, in dem alle anderen schon drin sind. Die Pop- und Rockgeschichte wird aus der Cellophan-Hülle gewickelt und kreuz und quer ausgerollt – somit der Musik den Platz gegeben, den sie verdient.

Ein Intimus von Kammerstück eröffnet den Reigen voll Contenance und schwelender Melancholie. In dezentrierten Popsongs wird Feinpsychedelik gesponnen, werden lechzende Fallgruben als verschlurfte Ruhekissen getarnt und der Himmel voll Geigen gehängt. Aus jeglichen Fugen scheinen die Emotionen zu quellen. Und so klettet die Unwiderstehlichkeit wie märchenhaft an dieser Hybris von Meisterwerk. In diesem süßen Wahnsinn kann man sich fürwahr nur hemmungslos verlieren. (maw)

   

Demon Box
(1993, Voices Of Wonder VOW030)

Das dritte Album bescherte der Band –auch international – den Durchbruch und wurde prompt von führenden Musikjounalisten Norwegens unter die zehn besten Alben des Jahrzehnts gekürt. Mag der Torso Grunge im entferntesten Sinne sein, zeigt sich schon hier die unbändige Stilvielfalt, die in der weiteren Karriere nur noch der Justierung unterliegen sollte. Denn Veränderungen wurden schon in diesem Stadium als Konstanz taxiert.

Morastiger Heavy Metal karamboliert auf »DEMON BOX« mit wild gewachsenem Folk, dann wieder regiert die Band den Alternative-Rock mit einer dicken Keule. Und wenn die Dämonen erst einmal befreit sind, zeigt sich die düster-psychedelische Seite der Band. Eine Wand, an der man nicht vorbeikommt. (maw)



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