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Alle Rezensionen zu Arvo Pärt
(Genre »Klassik«, Land »Grenzgänger«)

 

Arvo Pärt: Musica Selecta – A Sequence by Manfred Eicher
(2 CDs, 2015, ECM New Series 2454/55)

Die Kritiker werden es ihm wieder als Selbstdarstellung auslegen, doch dass hier »A Sequence by Manfred Eicher« als Untertitel auf dem Cover steht, ist vielmehr als Geschenk gemeint. Immerhin erzählte Eicher oft davon, wie ihn die erste Begegnung mit Arvo Pärts Musik im wahrsten Sinne »aus der Bahn geworfen« hat und dann dazu brachte, »ECM New Series« ins Leben zu rufen; immerhin sind die vielen Ersteinspielungen von Pärts Werken seit 30 Jahren nicht nur Bestseller, sondern auch stilprägend und weltweit bei Musikern, Regisseuren, Kirchen und Musikliebhabern beliebt (zugegeben: eine Minderheit reibt sich nach wie vor an der Schlichtheit dieser Musik, doch wäre es ohne jene Kritiker nicht langweilig?), weshalb etliche Labels nachzogen und seither eigene Pärt-Alben auf den Markt bringen, meist ohne Eichers einzigartige künstlerische Sensibilität; und nicht zuletzt verbindet Eicher und Part eine tiefe Freundschaft und geteilte Vision.

Muss man zu Pärts Musik überhaupt noch große Worte verlieren? Vielleicht gehen wir die Sache von dieser Seite an: Als Musikliebhaber steht man hin und wieder vor der schweren Aufgabe, dass man jemandem einen Rat geben möchte, welches Pärt/ECM-Album sich als Einstieg eignet. »Alina«, weil jeder diese Intimität und Poesie lieben wird? »Tabula Rasa«, weil es sozusagen der Beginn war und jeder die Stücke schon gehört hat? »Arbos« wegen der Vielseitigkeit? Das Chorwerk »Kanon Pokajanen« wegen der klaren Eindringlichkeit...? Eichers Sequenz, ein Geschenk zu Pärts 80. Geburtstag am 11. September 2015, macht hier ein exzellentes Angebot.

Sicher – einiges »fehlt« in dieser Auswahl: eine Version von »Spiegel im Spiegel«, das zahlreiche Musiker inspirierte und in vielen Filmen nicht immer angemessen zum Einsatz kam, das überwältigende Chorwerk »Te Deum«, die Orgelwerke oder eine Aufnahme des schwebenden Meisterstücks »Summa«. Doch darf diese Auswahl nicht als »Greatest Hits« missverstanden werden. Wer bräuchte dies auch? Eicher ist wohl der intuitive Meister aller Produzenten im Arrangieren musikalischer Sequenzen, »seine« Jazzmusiker und Komponisten erzählen dies gern und dankbar in Gesprächen. So richtet sich »MUSICA SELECTA« gleichermaßen an Neulinge und Gelegenheitshörer, von denen die meisten nach diesem Programm große Lust auf weitere ECM-Pärt-Alben haben werden, wie an Kenner des Labels und des Komponisten: Je nach Vertrautheit mit Pärts Oeuvre wird man mit einer unterschiedlichen Erfahrung und anderen neuen Sichtweisen beschenkt. (ijb)



Siehe auch:
Martin Kuuskmann

Arvo Pärt: Arvo Pärt: Musica Selecta – A Sequence by Manfred Eicher

 

Arvo Pärt: Babel
(2015, col legno WWE1CD20427)

Im Internet ist zu lesen, dass das Album »BABEL« auf die Initiative von Arvo Pärt selbst produziert wurde. Das CD-Beiheft sagt hierzu nichts; womöglich wollte man das Ergebnis nicht kleiner reden, als befürchtete man, den Eindruck zu erwecken, die Werke hätten am Ende nicht genügend eigene Stahlkraft, um eine Aufnahme mit Knabenchor zu rechtfertigen. Doch diese Sorge wäre unbegründet: In der Tat ist es bei der Fülle der Pärt-Veröffentlichungen schon ein wenig erstaunlich, dass ein solches Projekt zuvor nicht unternommen wurde und erst zum 80. Geburtstag des beliebten Komponisten erscheint.

Johannes Stecher und »seine« Wiltener Sängerknaben aus Innsbruck (bis ins 13. Jahrhundert reicht die Geschichte des auch international renommierten Chors zurück) haben ein bestechendes einstündiges Programm unterschiedlicher Motetten zusammengestellt, das von den Knaben, deren jüngste erst sechs Jahre alt sind, mit faszinierender Vielschichtigkeit dargeboten wird. Im Beiheft erzählt Stecher eindrücklich davon, wie Pärts Musik die schnell unkonzentrierten Jungen forderte und sie schließlich mit ihrer fokussierenden und meditativen Wirkung einzunehmen vermochte. Dem Hörer ihrer glänzenden Aufnahme wird das ähnlich gehen, und die Klarheit dieser Werke gewinnt durch die ungewohnte Darbietung einen ganz neuen Reiz. Es war ein langer Prozess, diese für junge Stimmen fordernden Stücke einzuüben, denn ihre schwebende Qualität kann leicht zerstört werden.

Die wenigen Passagen, in denen Stecher auf einen Orgeleinsatz oder im »Vater unser« auf ein Piano setzt, sind klug gewählt und verstärken die Eindringlichkeit der Motetten auf einzigartige Weise. Dass die lateinischen, englischen und deutschen Texte wie gewohnt nur durch ein Mitlesen zu Erfassen sind, ist zwar schade, aber unerheblich. Man merkt auf, wenn die Sängerknaben einen grausamen Psalm wie »An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten« interpretieren. Zeitgenössische sakrale Vokalmusik mit großer Wirkung. Eine große Leistung. (ijb)



Siehe auch:
Schola Cantorum Reykjavicensis

Arvo Pärt: Arvo Pärt: Babel

Video-Link

 

The Sound of Arvo Pärt (3 CDs)
(3 CDs, 2015, Parlophone/Warner / Erato 825646080731)

Zu einem unschlagbaren Sonderpreis veröffentlichte Warner Music zum 80. Geburtstag des beliebten und vielgespielten estnischen Komponisten das 3-CD-Set »THE SOUND OF ARVO PÄRT«. Der Titel der Zusammenstellung soll laut Rückseiteninfo auf Pärts »Klang der Stille« verweisen, doch das ist etwas irreführend, da gerade die besonders stillen (vor allem kammermusikalischen) Werke in Pärts Œuvre zumeist durch Abwesenheit glänzen. Dies soll kein Kritikpunkt sein, gibt es derartige Alben doch bereits zur Genüge — und von unschlagbarer künstlerischer Qualität, speziell bei ECM. Wie jene sind auch die hier vertretenen Aufnahmen zum allergrößten Teil unter Mitwirkung des Komponisten entstanden. Wer in erster Linie mit den bekannten ECM-Alben vertraut ist, dürfte speziell bei der ersten CD dieses Sets erst einmal große Ohren machen.

Im Wesentlichen sind die drei CDs Wiederveröffentlichungen von eigenständigen Programmen bei Virgin Classics/Erato, die – nicht weiter überraschend, da die estnischen »Klassik-Stars« Paavo Järvi und Tõnu Kaljuste seit langem mit Pärts Schaffen und Person vertraut sind – von großem interpretatorischem und konzeptionellem Erfolg gekrönt waren. Nachdem Virgin und Erato über EMI schließlich bei Warner gelandet sind, ist es prinzipiell lobenswert, dass die mittlerweile nicht mehr erhältlichen Alben nun kostengünstig wieder verfügbar sind. Sehr zu bemängeln ist allerdings, dass im Beiheft keinerlei Informationen zu den Musikern, den Werken und ihren Entstehungsumständen oder zur Einordnung zu finden sind, nicht einmal die obligatorische Angabe des jeweiligen Entstehungsjahrs. Das ist schwach und nicht nachvollziehbar, denn gute Texte gab es als Teil der früheren CD-Veröffentlichungen bereits.

CD1 erschien 2004 als »Pro&Contra« und bietet eine repräsentative Auswahl der Jahre 1959 bis 1966, bevor Pärt in schweigende Klausur ging, um einen neuen, seinen ganz eigenen Weg zu finden. Hier experimentierte er mit Collagetechnik, teils harschen Dissonanzen und expressionistischen Klangbildern, was in der Sowjetunion damals als »westlich« wenig willkommen war. Auf noch weniger Gegenliebe stieß dann Pärts gestärktes Bekenntnis zu Gott und spiritueller Musik, das in den 1960ern zwar schon zu hören war, aber erst in den Stücken der zweiten CD (2002 als Album »Summa« erschienen) offenkundig wurde. CD3, 1997 als »Beatus« erstveröffentlicht, zeigt dann eine Auswahl aus dem sakralen Chorœuvre, vorrangig aus den Jahren 1977 bis 1996. Etwas pflichtschuldig und verloren wird ganz zum Schluss noch ein Stück des kammermusikalischen Werks (von der als »The Sound of Arvo Pärt« wiederveröffentlichten LP) angehängt, das sich leider in den Kosmos der Järvi-Einspielungen nicht wirklich einfügt.

Ein glanzvoller Querschnitt durch das Schaffen des Esten, für Neugierige, die Pärt noch nicht oder noch nicht genug kennen. (ijb)



Siehe auch:
Tõnu Kaljuste & Erkki-Even Tüür
Truls Mørk

Arvo Pärt: The Sound of Arvo Pärt (3 CDs)

 

The Sound of Arvo Pärt (LP)
(LP, 2015, Parlophone/Warner 0825646043798)

Als Quasi-Bonus zum 3-CD-Set und Schmankerl für den wiedererwachten bzw. neuen Kundenstamm der Vinyl-Liebhaber reicht Parlophone/WarnerClassics eine LP mit dem gleichen Albumtitel nach. Auch hierbei handelt es sich um eine Wiederveröffentlichung, in diesem Fall um die 1994 bei EMI Classics unter dem Titel »Fratres« erschienene und längst nicht mehr verlegte CD. Nicht nur wurde (wie schon beim 3-CD-Set) das Covermotiv unpassend in Richtung Esoterik- bzw. Entspannungsmusik neu gestaltet (wo 1994, nur unwesentlich angemessener, vier Kerzen eine vergilbt-sakrale Atmosphäre vorgaben), sondern die Stücke in eine neue Reihenfolge gebracht sowie im Rahmen der kürzeren LP-Laufzeit das sechsminütige Streicherwerk »Festina Lente« aus dem Programm genommen.

Da der Gelegenheitskäufer vermutlich eher selten zur LP greift, richtet sich eine solche Neuauflage bzw. LP-Erstveröffentlichung vorrangig an wählerische Musikliebhaber und Kenner der Werke. Die zu klärende Frage ist daher: Rechtfertigt der sehr hohe Preis von 20 bis über 25 Euro den Erwerb der Platte? Bedauerlicherweise gereichen hier mehrere Faktoren zu Ungunsten dieses Urteils. Gut, dass das Design ein wenig lieblos und oberflächlich ist, fällt noch wenig ins Gewicht. Der relative Mangel an Infos zur Aufnahme und Entstehungsjahr jedes Werks schon eher. Der kurze, teils etwas pathetische, teils eine gute kompakte Einführung gebende Text scheint sich eher an jene zu richten, mit Pärts Œuvre bislang wenig oder gar nicht vertraut sind. (Doch greifen die zur teuren LP, wenn etwa das sehr gute 3-CD-Set viel weniger kostet?)

Der Albumtitel »THE SOUND OF ARVO PÄRT« verweist hier darauf, dass ausschließlich ein paar der ganz großen Klassiker geboten werden. Da ist die Konkurrenz groß, und leider findet sich hier keine zwingende Interpretation, die gegenüber vielen empfehlenswerten bestehen kann. Verwiesen sei hier nachdrücklich auf die Referenzalben, die der Komponist mit Manfred Eicher (ECM) erarbeitet hat. »Spiegel im Spiegel« etwa, das bereits als einziges Kammermusikwerk ans Ende der dritten, der Chorschaffen-CD der 3-CD-Box angeklebt wurde, spielen die Briten hastig und ohne das für Pärt nötige sensible Verständnis. Am ehesten überzeugt wohl noch die etwas vorsichtige Lesart von »Tabula Rasa«, doch das eher mittelmäßige Klangbild des LP-Masterings gereicht auch diesem Werk nicht so recht zum Vorteil. (Nur zum Vergleich sei hier auf das klanglich eindrucksvollen LP-Mastering aus dem Hause 2L / Lindberg Lyd verwiesen.) (ijb)

Arvo Pärt: The Sound of Arvo Pärt (LP)

 

Arvo Pärt: Für Anna Maria – Complete Piano Music
(2 CDs, 2014, Brilliant Classics/Edel 95053)

»Sämtliche Klavierwerke« Arvo Pärts, das ist bis zu einem gewissen Grad zu relativieren. Wahr ist, dass Jeroen van Veen das gesamte bekannte Œuvre für Piano solo eingespielt hat. Dieses ist indes relativ schmal und würde somit locker auch auf einer CD Platz finden. Was der niederländische Pianist allerdings aus diesem Projekt macht, ist weit mehr »Kür« als »Pflicht«, und aufgrund dieses einzigartigen und äußerst gelungenen Ansatzes ist sein Album rückhaltlos zu empfehlen. Klar, die ECM-Veröffentlichung »Alina« mit Alexander Malters zwei überragenden Versionen von Pärts beliebtem und wegweisendem »Für Alina« (1976), dem Anbeginn-Stück seiner globalen Erfolgslaufbahn, wird immer als Referenz im Raum stehen bleiben, vermutlich bis ans Ende der Musikgeschichte.

Van Veen ist so klug (und talentiert), sich davon nicht den Wind aus den Segeln nehmen zu lassen – und diese CDs braucht sich hinter jenen aus dem Hause ECM nicht zu verstecken. Er hat »Für Alina« hier in gleich vier Versionen eingespielt, in zwei kurzen, rund dreiminütigen, einer zwanzig- und einer gar 23-minütigen. Und alle sind hervorragend, im Besonderen die langen – und garantiert im Sinne des Komponisten. Allein dies würde den Erwerb des zum kundenfreundlichen Verkaufspreis angebotenen Albums lohnen. Doch van Veen beweist auch bei anderen Werken ein tiefes Einfühlungsvermögen und das richtige Maß passionierter Klarsicht für Pärts Vision auf dem Klavier.

Viele der Kompositionen sind recht kurz, und ihre nicht chronologische Anordnung, vor und zurück in der Zeit springend, sorgt für ein erfrischendes und durchweg inspirierendes Hörerlebnis. Auf CD1 finden sich die Werke ab 1976, darunter zwei seltener zu hörende Stücke für zwei Pianos, die der Interpret mit seiner Frau Sandra van Veen eingespielt hat; unerwartet vergnügt vor allem »Hymn to a Great City« (1984). Abschließend werden noch zwei von Pärts am häufigsten zu erlebenden Stücken dargeboten: »Fratres« und »Spiegel im Spiegel« im Duett mit dem US-amerikanischen Cellisten Douw Fonda – stark und individuell, wenn auch nicht herausragend. Eine schöne Dreingabe, die gefällt, jedoch den Fokus auf das »gesamte Klavierwerk« ein klein wenig aufweicht.

Wunderbar seltene Einblicke bietet dann CD2 mit sehr frühen Stücken aus der Anfangszeit von Pärts Kompositionsstudium – 1958 bis 1963 studierte er bei Veljo Tormis und Heino Eller in Tallinn. Die vier Stücke bleiben insgesamt zwar unter 30 Minuten, führen dann aber zur letzten, bewegenden »Alina«-Version. (ijb)

Arvo Pärt: Arvo Pärt: Für Anna Maria – Complete Piano Music

 

Arvo Pärt: Organ Music · Choral Music
(2015, Brilliant Classics/Edel 94960)

»Orgel- und Chormusik« ist dieses zweite Pärt-Album aus dem Hause Brilliant Classics betitelt, pünktlich zu des Komponisten 80. Geburtstag im September 2015 veröffentlicht. Anders als mit Jeroen van Veens früher erschienener Doppel-CD »Sämtliche Klavierwerke« liegt hier allerdings keine so überragende Referenzveröffentlichung vor. Dazu ist die Auswahl und Zusammenstellung der Kompositionen nicht so durchweg zwingend. Auch gibt es von den meisten der Chorwerke bereits mehrere, teils exzellente Einspielungen. Und nicht zuletzt lassen der Text im Beiheft und die Angaben zu den einzelnen Stücken zu wünschen übrig. Klanglich ordentlich, aber etwas unausgewogen im Gesamtbild.

Dies vorweg gestellt, kann man die acht recht unterschiedlichen Werke aus den Jahren 1976 (das leise »Paro intervallo«) bis 2010 (Giovanni Battista Mazzas feingestaltige Orgeltranskription des hundertfach in allen nur vorstellbaren Besetzungen (ein-)gespielten »Spiegel im Spiegel«) selbstredend vollauf ebenso genießen, wenn man bereits Kenner und Liebhaber von Pärts Schaffen ist oder als Neueinsteiger in die eindringlich spirituelle Klangwelt des Esten eintaucht. Im Zentrum steht die achtsätzige »Berliner Messe« (1990), das der Leeds Cathedral Choir unter Benjamin Saunders durchaus versiert interpretiert. Darauf folgt die kleine »Cantate domino«, die in die Zeit des Tintinnabuli-Durchbruchs Mitte der 1970er gehört und letztlich eine gute, selten zu hörende Ergänzung zu den zeitgenössischen Klassikern jener Jahre bildet.

In der zweiten Hälfte des mit 80 Minuten bis aufs Letzte gefüllten CD-Programms sind fünf Orgel-Solowerke – wohl das schmale Gesamtwerk – zusammengefasst, teils zurückhaltend, teils feierlich von Thomas Leech ebenfalls in der Kathedrale in Leeds eingespielt. Man hätte sich wirklich eine geschickte Durchmischung der Chor- und Der Orgelkompositionen gewünscht. (ijb)

Arvo Pärt: Arvo Pärt: Organ Music · Choral Music

 

Arvo Pärt | Robert Wilson: The Lost Paradise
(DVD, 2015, Accentus Music ACC 20321)

Bereits der Anfang dieses Dokumentarfilms – die im deutschen Fernsehen übliche Bezeichnung »Dokumentation« wäre zu geringschätzig für Günter Attelns starke Arbeit – lädt auf angemessene Weise in Arvo Pärts Welt ein: unprätentiöse Naturbilder, der Komponist geht unruhig durch ein Waldstück, die Kamera nah dran, als wolle sie den Künstler einfangen, doch er entzieht sich, da ihm die eigene Suche wichtiger ist. Auf der Tonebene sagt Pärt nur einen Satz über das Adams-Gleichnis, der seinen künstlerischen Weg charakterisiert und auf die in diesem Film dokumentierte Arbeit neugierig macht. Wie es sich für einen wirklich gelungenen Film gehört, kreist das Porträt schlüssig klug um das im Titel vorgegebene Thema, »Das verlorene Paradies«, das Günter Atteln als Grundthema des Komponisten ausmacht.

Vom ersten Bild, der ersten Szene an ist offenkundig, dass es sich hierbei nicht um eine typische WDR/arte-Produktion handelt, in der (zu) viele Studiointerviews mit üblichen Verdächtigen die Stationen und Infos zu Leben und Werk des Porträtierten abhaken. Mit 55 Minuten ist diese Veröffentlichung zwar recht kurz für eine reguläre, normalpreisige DVD-Veröffentlichung ohne Extras, zumal der Film vorher bereits für alle frei verfügbar im Fernsehen lief. Doch die exzellent aufgemachte Verpackung mit 21-seitigem Beiheft mit vielen Farbfotos rahmt die ungewöhnlich ruhige und offene Produktion, die durch eine qualitative Klarheit besticht, die sich ganz auf Augenhöhe mit Pärt und seinen interessierten Zuhörern begibt. »Das verlorene Paradies« ist weit mehr als nur ein »Making of«-Begleitfilm zur parallel als DVD veröffentlichten Produktion »Adam's Passion«, in der der Bühnenregiestar Robert Wilson erstmals eine eigens für die Bühne konzipierte Arbeit mit dem großen estnischen Komponisten entwickelt.

Wenige und kurze, aber essenzielle und prägnante Interviewkommentare von Sofia Gubaidulina, Paul Hillier und Gidon Kremer bieten mehr Anregung als jeder konventionelle Fernsehsprecher mit viel Informationsgehalt liefern könnte. Dass ausgerechnet Pärts größter Unterstützer und langjähriger musikalischer Partner, der Produzent Manfred Eicher, nicht mitwirkte, ist am Ende vielleicht sogar ein Gewinn, da sich Pärts Status so auch ECM-unabhängig überaus prägnant vermittelt. Und letztlich ist der Dokumentarfilm auch ohne übliches Blabla trotzdem eine Biografie, die dem Pärt-Gelegenheitshörer einiges mitzuteilen vermag. Mit Sofia Gubaidulinas Worten: »Er hat eine Kunst geschaffen, die uns alle anspricht und die wir alle benötigen.« (ijb)

Arvo Pärt: Arvo Pärt | Robert Wilson: The Lost Paradise

Video-Link

 

Arvo Pärt | Vox Clamantis: The Deer's Cry
(2016, ECM/Universal ECM New Series 2466)

Hier möchte man sich erst einmal wundern: In der 30-jährigen Zusammenarbeit zwischen Arvo Pärt und ECM kam es erst einmal (»TE DEUM«, 1993) vor, dass eine Pärt-CD von einer Fotografie auf dem Cover begleitet wurde. Stets gab es ein rein grafisch-abstraktes, in den letzten Jahren nur noch ein konsequent weißes Cover mit den wesentlichen Textinformationen. Doch dann versteht man: »THE DEER'S CRY« ist eigentlich kein neues Pärt-Album, sondern genau genommen ein Album des estnischen Vokalensembles Vox Clamantis, das sich für sein zweites ECM-Album auf Werke ihres großen Landsmanns fokussiert. Dafür wählten das Ensemble und ihr Leiter Jaan-Eik Tulve zehn Stücke aus den Jahren 2003 bis 2012, dazu drei ältere (die längsten der CD): aus den 1990ern »And One of the Pharisees« (1992) und »Gebet nach dem Kanon« aus »Kanon Pokajanen« (1997) sowie eines seiner bekanntesten, »Summa« von 1977.

Treten Vox Clamantis auch vorwiegend a cappella auf, bei drei weniger häufig zu hörenden Stücken werden die Auftritte der 17 Stimmen hier sensibel von wenigen Musikern begleitet. Neben ihrem ECM-Debütalbum »FILIA SION« (2012) mit mittelalterlichen und gregorianischen Gesängen konnte man Vox Clamantis bereits auf zeitgenössischen Einspielungen von Werken der Esten Helena Tulve und Erkki-Sven Tüür (»Salve Regina«, 2007) sowie mit Pärts »Adam's Lament« (2012) erleben, wo sie jeweils ihre herausragende Eignung für Musik an der Grenze von Alter und sehr gegenwärtiger Musik unter Beweis stellten. Während die jüngeren KollegInnen Tüür und Tulve an einer progressiveren Tonsprache in der Verbindung aus Tradition und Avantgarde arbeiten, kennt und schätzt man Arvo Pärts Schaffen eher für seine Spiritualität, für eine zeitlose Stilistik, die sich direkter vorklassischer geistlicher Chormusik annähert. Und stille, introspektive Qualitäten finden sich in diesen gut sechzig Minuten zuhauf, denen man aufgrund ihrer Vielsprachigkeit (deutsch, englisch, griechisch, spanisch, lateinisch) durchaus den Anspruch eines ökumenischen Gottesdienstes zuschreiben könnte.

Es herrscht wahrlich kein Mangel an Aufnahmen mit Arvo Pärts Chorwerken, doch »THE DEER'S CRY« kann aufgrund des mit Bedacht zusammengestellten Programms, das mehrere Ersteinspielungen beinhaltet, und der fachkundigen Interpretation der estnischen SängerInnen als Referenzeinspielung empfohlen werden, wozu nicht zuletzt die im Beiheft dokumentierte Mitarbeit des Komponisten beiträgt, die ihn seit den 1990ern mit dem Ensemble verbindet. Zwar erreicht die Zusammenstellung nicht die aufregende Kraft von Pärts größeren Werken, fasziniert wiederum jedoch durch eine Leichtigkeit und Fragilität, wie sie in vielen anderen Aufnahmen nicht (oder nur am Rande) zu erfahren ist. Nach dem Ende der Jahrzehnte langen Zusammenarbeit mit dem unlängst aufgelösten Hilliard Ensemble ist umso mehr zu hoffen, dass wir noch viele Alben mit Vox Clamantis auf ECM genießen dürfen, sehr gerne auch mit weiteren (estnischen) Werken der Gegenwart. (ijb)



Siehe auch:
Helena Tulve
Erkki-Sven Tüür

Arvo Pärt: Arvo Pärt | Vox Clamantis: The Deer



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