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Alle Rezensionen zu Jóhann Jóhannsson
(Genre »Avantgarde«, Land »Island«)

 

Fordlandia
(2008, 4AD CAD2812CD)

Fordlândia ist ein einziges Missverständnis. Mitten im brasilianischen Regenwald gelegen, wurde die Kleinstadt rund um Kautschukplantagen aus dem Boden gestampft, um Gummi für die Automobilindustrie zu gewinnen. Der unfruchtbare Boden, die Ahnungslosigkeit der ausländischen Investoren und die mürrischen Arbeiter machten dieses Unterfangen aber zu einem Fiasko. Aufstände wurden brutal niedergeschlagen, bis Naturkautschuk überflüssig wurde und die Stadt ihrem Verfall preis gegeben wurde.

Johánnssons Klänge vertonen auf eine sublime Art diese Tragödie, sind vage Andeutungen und offensichtlicher Pomp zugleich. Gänzlich unaufgeregt nimmt dieses instrumentale Album Fahrt auf, mit ausladenden Streicherflächen, die nur mit wenig digitalen Störgeräuschen eine bedrückende Stimmung evozieren. Traurigkeit, Tristesse und subtile Ahnungen begleiten das Eintauchen in die karge Welt des Isländers, der viel von seiner Arbeit als Soundtrack-Komponist auch zu diesem Werk mitgenommen hat. Dabei verfällt er auch gerne einmal überaus kitschige spätromantische und impressionistische Klischees oder wartet mit sakralem Orgelpfeifen auf, was dieser Platte aber eine zusätzliche Dimension der Intimität und inneren Ruhe verleiht. Es geht um das bewusste Innehalten, das konsequente Zuhören und um die Empfindung, die in der heutigen Zeit immer mehr der Abstumpfung unterliegt. »FORDLANDIA« ist ein einziger ruhiger Fluss, der viele Elemente der Klassik auf sich vereint und doch in seiner Komplexität eher überschaubar bleibt. Nur manchmal gibt wie bei »The Rocket Builder (Io Pan)« ein schwereloser Beat Halt und erinnert den in entfernten Kosmen schwebenden Kopf daran, dass diese Musikwatte ein einziger Glücksmoment ist. (maw)



Siehe auch:
Jóhann Jóhannsson Filmmusik
Erik K. Skodvin aka Svarte Greiner
Evil Madness
BJ Nilsen

Jóhann Jóhannsson: Fordlandia

Offizielle Website

Die CD »Fordlandia« war »CD des Monats« im Monat 11 / 2008.
Und so urteilten unsere anderen Autoren darüber:

Nicht, dass ich ihm die CD-des-Monats-Ehren nicht gönnen würde, er hat's verdient. Aber wenn, dann hätte es Jóhanssons Album "IBM 1401, A User's Manual" sein müssen. Dies hier dreht sich in seiner Traumschönheit nur im Kreis, was einem zwar die Tränen in die Augen treibt. Aber der große Entwurf des Vorgängers fehlt mir doch.
Sebastian Pantel

Hin- und hergerissen zwischen Faszination und Abscheu. Faszination, weil Johanssons Musik so reduziert, so leise, so unspektakulär ist und trotzdem spannend. Abscheu, weil sie doch auch teilweise arg simpel daherkommt und eiskalt durchkalkuliert erscheint. Vor allem ist mir das viel zu depressiv. Nochmal hören? Lieber nicht.
Tim Jonathan Kleinecke

Mit den Glücksmomenten hast Du völlig Recht, Markus! Aber es ist ein melancholisches Konzept von Glück, das der Isländer hier entwirft. Denn eigentlich ist Fordlândia ein heimliches Requiem. Ein Soundtrack zu den großen Themen Scheitern und Vergeblichkeit. Mit Gefühlen in Cinemascope. Kitschig? Stellenweise! Aber der Kitsch ist hier ein integraler Teil des Gesamtkunstwerks. Denn im Ergebnis macht Fordlândia tatsächlich auf eigentümlich traurige Art glücklich.
Eva-Maria Vochazer

Das geht gar nicht – war mein erster Gedanke beim kurzen Reinhören. So viel Kitsch und Streicher-Opulenz! Doch dann greifen Johannssons Schwelgereien und verschleppen mich in eine andere Welt. Eine, wo alles erlaubt ist – Leiden, Hingabe, Grenzenlosigkeit, und vor allem Rückbesinnung: etwa auf den Verzicht der beim Pop üblichen Kompression, um so eine verzerrungsfreie und bessere Klangqualität zu erzielen. Nochmal hören? Aber ja! Im Moment zum fünften Mal!
Peter Bickel

Offizielle Website      johannjohannsson.com

   

End Of Summer
(2015, Sonic Pieces pattern002)

Jóhann Jóhannsson hat sich in den vergangenen Jahren in Hollywood einen Namen als Filmkomponist gemacht - Oscar-Nominierungen eingeschlossen. Große Emotionen, üppige Orchestrierung, große Spannungsbögen: Der Isländer weiß die Klaviatur der Gefühle zu bedienen. Mit »END OF SUMMER« tritt Jóhannsson selbst hinter die Kamera. In Schwarz-Weiß auf Super 8 gedreht, gleichen Film und Musik einer großen Reise ins Unbekannte. Denn der Komponist hat auf der Insel Südgeorgien in der Antarktis die kurzen Sommertage dokumentiert und sie mit einem kargen Soundtrack voller düsterer, traumwandlerischer Schönheit unterlegt: Entstanden ist eine latent beunruhigende, kammermusikalische Meditation über diese wilde, fragile Landschaft am Ende der Welt.

Unterstützung hat sich Jóhansson mit der ehemaligen Múm-Cellistin Hildur Guðnadóttir und dem experimentellen Synthie-Musiker Robert A.A. Lowe geholt. Implizit aber ist »END OF SUMMER« eine zarte Elegie auf eine sterbende Landschaft. Die globale Erwärmung hat diese komplexen Ökosysteme bereits nachhaltig, wenn nicht gar irreparabel geschädigt. Die Pinguine in den flackendern Schwarz-Weiß-Bildern sind keine putzigen Gesellen: Sie sind Kreaturen, denen gerade die Lebensgrundlage entzogen wird. (emv)



Siehe auch:
Múm

   

IBM 1401, A User's Manual
(2006, 4AD CAD2609CD)

Ein singender Großcomputer. Dreißig Jahre alte Tapes. Ein Dachbodenfund. Gold in den Händen des Komponisten und Produzenten Jóhann Jóhannsson, der die wissenschaftlichen Aufnahmen zunächst nur mit der Choreographin Erna Ómarsdóttir für ein Bühnenprojekt benutzte. Komplett umgeschrieben und mit einem 60-Geigen-Orchester in Prag eingespielt ist es nun ein ausgefeiltes Werk geworden für den Abraum der Welt, für entrückte Stunden und lichte Momente. Ein Album, was Zeit und Raum aufzuheben vermag.

In fünf schwerelosen Tracks tänzeln einzelnen Klänge über zerfließende Geigenlandschaften, nehmen akustische Blenden gemächlich Fahrt auf und zerspringen in kargem Seelenregen. Das ist mitunter so ausladend, dass man sich ein bisschen in der Weitläufigkeit verloren vorkommt. Auch wer auf überraschende Effekte wartet, wartet vergebens bis hin zum letzten ergreifenden Finale aus himmlisch durchwobenen Streicherelegien. Nur pure Schönheit erzeugen diese Klangmodulation in Cinemascope. (maw)



Siehe auch:
Hildur Guðnadóttir
Nordic Affects



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