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Alle Rezensionen zu Tõnu Kõrvits
(Genre »Klassik«, Land »Grenzgänger«)

 

Tõnu Kõrvits: Mirror
(2016, ECM/Universal ECM New Series 2327)

Es wäre ein wenig ungerecht, den 1969 geborenen Komponisten Tõnu Kõrvits als »neue Stimme« in der Musikwelt zu bezeichnen. Immerhin machte er bereits 1994 seinen Abschluss an der estnischen Akademie für Musik und Theater, wo er, nach weiteren Studien bei Arvo Pärts Zeitgenosse Jaan Rääts, seit bereits 15 Jahren nun selbst Komposition und Orchestrierung unterrichtet. Sein Œuvre umfasst nahezu alle Arten von Kompositionen von Orchester, Ensembles und Solisten sowie Chor-, Opern- und Filmmusikwerke. Und doch ist »MIRROR«, nach einer CD mit geistlichen Liedbearbeitungen des Balten Cyrillus Kreek, erst die zweite Veröffentlichung, die Kõrvits' Schaffen einem internationalen Publikum vorstellt. Einerseits lässt sich Kõrvits' Werk in eine Linie der etablierten Komponisten Arvo Pärt und Veljo Tormis einordnen, unterscheidet sich so auch grundlegend von den weitaus radikaleren jüngeren Stimmen estnischer Zeitgenossen Tüür und Tulve, die ebenfalls durch ihre exzellenten ECM-Alben international bekannt wurden.

Für Kõrvits sind die oftmals einfachen, über Jahrhunderte weitergegebenen Melodien von Volksliedern ein wichtiger Einfluss. Man erlebt seine Bezüge zu Tradition und Überlieferung auf dieser CD außerdem in Form von direkten Bearbeitungen mehrerer Stücke des estnischen Altmeisters Veljo Tormis (geb. 1930), wobei Kõrvits unter anderem die zehnsaitige Kantele zum Einsatz bringt (und sie auf dieser Aufnahme selbst spielt). Auch die Natur seines Heimatlandes dürfte wesentlichen Anteil an der poetischen Klangwelt und dem versierten Farbenreichtum der feinen Orchesterfarben in Kõrvits' Werken haben. Die Kompositionen auf »MIRROR« brauchen den Vergleich mit Arvo Pärt nicht zu scheuen, eben weil Kõrvits auf der anderen Seite mit seinem Blick für Klarheit und Einfachheit, für Tradition und Romantik zu einer ganz anderen musikalischen Sprache gefunden hat, als das sehr präsente Œuvre Pärts dies aufweist.

Da die Begegnung der vielseitigen Cellistin Anja Lechner mit Tõnu Kõrvits der entscheidende Grundstein für diese CD war, räumen die meisten der hier vertretenen Werke dem Cello bzw. den klassischen Streichinstrumenten einen markanten Raum ein, seien es die poetisch schillernden sieben Sätze der Streichersuite »Labürindid« (»Labyrinths«), welche mit Wiederholungen und faszinierend abwechslungsreichen Klangbildern erzählt, seien es die Begegnungen von Cello und Chor, die von Anfang an sofort eine ganz eigene, bewegende Lied-Lyrik erschaffen oder eben das seinem Titel entsprechend traumhaft schwebende, naturmystische »Seven Dreams of Seven Birds«, das Kõrvits für dieses Programm aus der originalen Form als Konzert für Cello und Kammerorchester um einen Chor erweiterte.

Volksmusikalische Einflüsse schimmern allerorts durch, doch Tõnu Kõrvits dringt mit seiner reichen Fantasie tiefer in die Seele seines Heimatlandes vor und damit zugleich in eine »nordische« Poesie, die weit über estnische Identität hinausweist. Das Album »MIRROR« ist in der Interpretation des zuverlässig herausragenden Dirigenten Tõnu Kaljuste, »seines« Kammerorchesters sowie der Solisten eine exzellente Einführung in das Werk dieses hierzulande unbedingt noch zu entdeckenden Esten. Und das reiche Beiheft mit den Liedtexten, Paul Griffiths Essay und schönen Farbfotos des verschneiten Tallinn runden das Ganze mustergültig ab. (ijb)



Siehe auch:
Arvo Pärt
Erkki-Sven Tüür
Helena Tulve
Jaan Rääts

Tõnu Kõrvits: Tõnu Kõrvits: Mirror

Offizielle Website

Die CD »Tõnu Kõrvits: Mirror« war »CD des Monats« im Monat 4 / 2016.
Und so urteilten unsere anderen Autoren darüber:

Ich finde die Werke auf dieser CD sehr bewegend. Und toll, dass unser Fach mit estnischen Komponisten in letzter Zeit einigen Zuwachs bekommen hat. Kõrvits ist für mich eine »neue Stimme«, eine echte Entdeckung.
Leif Haugjord

Estnische Volksmusik ist an sich schon sehr interessant und sogar faszinierend (man denke an die Chöre!), aber was Kõrvits daraus macht, ist faszinierend. Toll, diese einfachen, ergreifenden Melodien! Mich packt besonders »Viimane Laev« mit Männerchor, Streichern und Trommel.
Tim Jonathan Kleinecke

Es lohnt sich unbeding, von Helsinki hinüber ins Baltikum zu schauen! Und mir gefällt bei Kõrvits tatsächlich sehr, dass er die reiche Volksmusiktradition Estlands aufnimmt und sie in einen völlig neuen Kontext stellt. Von ernster Schönheit sind sie, diese Kompositionen!
Eva-Maria Vochazer

Ich gebe Euch recht, es gibt viel zu entdecken im Baltikum. Nur darf man Körvits bedächtige und asketische, in der Tat an Pärt erinnernde Musik nicht im hellen Licht eines sonnigen Frühlingstags hören, sie benötigt mindestens Dämmerung und absolute Ruhe.
Peter Bickel

Offizielle Website      www.emic.ee/tonu-korvits



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