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Alle Rezensionen zu Masqualero
(Genre »Jazz«, Land »Norwegen«)

 

Masqualero
(2016, Odin Records/Musikkoperatørene ODINCD9553)

Masqualero wird längst bei Jazzfans und Musikern als »Supergruppe« des europäischen Jazz betrachtet. Doch wenn man im Beiheft dieser exzellenten Wiederveröffentlichung die Entstehungsgeschichte von Band und Debüt nachliest, – die vor den drei beliebten und preisgekrönten ECM-Klassikern »Bande à Part«, »Aero« und »Re-Enter» zwischen 1986 und 1991 liegt – erfährt man, wie spontan das ganze Projekt zustande kam. All jene, die Nils Petter Molvær, Tore Brunborg und Jon Balke seit Jahrzehnten als Kreativkräfte in Europas Jazzszene kennen und schätzen, bekommen hier die Gelegenheit, ihre Anfänge wieder oder gar neu zu entdecken.

Als das Quintett im Juli 1983 nach gemeinsamen Konzerten mit Jan Erik Kongshaug im Talent Studio in Oslo für diese Aufnahmen zusammen kam, war die Band aus einem als Trio geplanten Gig der damals längst international bekannten Norweger Arild Andersen (b) und Jon Christensen (dr) mit dem jungen Pianisten Jon Balke entstanden. Zwei jeweils 23-jährige »Shooting Stars« der Szene, der Trompeter Molvær und der Saxofonist Brunborg, kamen hinzu, und im Auto auf dem Weg zum ersten Auftritt hörte man unter anderem Wayne Shorters Stück »Masqualero« aus der Zeit mit dem Miles Davis Quinet (wohl in einer Liveaufnahme von 1969). Doch sowohl beim Auftritt als auch bei der LP-Veröffentlichung 1983 hatte das Quintett noch nicht den Namen »Masqualero« angenommen; die Platte bekam diesen Titel, und die fünf Mitglieder wurden einzeln genannt. Umso verwunderlicher, dass Andersen, der die Aufnahmen im Oktober 2015 mit Kongshaug remasterte, auf dieser Neuveröffentlichung der Odin-Reihe »Jazz out of Norway since 1981« weder auf den beiden Back-Covers noch im Beiheft im Line-Up genannt wird (auch Jon Christensen wird fälschlich als »John« geführt).

Doch dieser Seltsamkeiten ungeachtet: Hört man die neun Stücke des Originalalbums und die fünf »Bonus Tracks« – von denen vier erst zwei Jahre später aufgenommen und die bei der ersten CD-Veröffentlichung 1996 noch unpassend in eine veränderte Songreihenfolge eingefügt wurden – nach 33 Jahren wieder (oder zum ersten Mal), springt vom ersten Moment an der Funke dieser zeitlosen, genialen Jazzenergie über, und die Tradition, in die sich Masqualero mit ihrem Bandnamen stellen, wird wach wie am ersten Tag. Inspiriert von Shorters Titelstück spielte das Quintett von fast jedem Mitglied Kompositionen ein, nur von Christensen, der damals frisch aus Keith Jarretts weltweit populärem »europäischen Quartett« kam, gibt es keine. Von Andersen gibt es u.a. ein der kurz zuvor verstorbenen Radka Toneff, dessen musikalischer Leiter er gewesen war, gewidmetes Stück. Musikgeschichtlich, kompositorisch und interpretatorisch ein essenzielles Werk. (ijb)



Siehe auch:
Nils Petter Molvær
Jon Balke Magnetic North Orchestra
Jon Christensen mit Jarrett, Garbarek und Danielsson
Arild Andersen

 Masqualero: Masqualero

   

Re-Enter
(1991, ECM 1437 | 847 939-1 /-2)

Nach dem Weggang von Gitarrist Frode Alnæs (der auf der vorigen LP Pianist Jon Balke ersetzt hatte) präsentierte »RE-ENTER« das vierte und (bis heute) letzte Album von Masqualero – und das einzige, das die Band als Quartett einspielte. Drei Jahre lag »AERO« bereits zurück, und so war Nils Petter Molværs (tr) eröffnendes Titelstück in der Tat ein kraftvolles »Re-Enter«, ein »Hier sind wir wieder.« Und wie sie zurückkamen – fokussierter und durch die kleinere Ensemblegröße auch konziser, luftiger, frischer.

Darauf folgen zwei auf volksmusikalisch Überlieferungen gründende Stücke, die unter der Leitung Arild Andersens zu komplex geschichteten, wendungsreichen eigenen Kompositionen ausgestaltet werden. Seite A endet mit »Gaia«, einer etwas schrägen Nummer wieder aus der Feder Molværs, welche allerdings nichts mit der gleichnamigen von Gary Peacock zu tun hat. Überhaupt ist die erste Albumhälfte sehr vom ausdrucksstarken Zusammenspiel der beiden Bläser Molvær und Tore Brunborg (Tenor-, Sopransaxofon) geprägt.

Andersens »Little Song« eröffnet die ruhigere B-Seite charmant liedhaft, ein unprätentiös verhaltenes Schmuckstück nach der vorwiegend groovig kraftvollen, streckenweise abstrakten ersten Hälfte. Auch Molværs »There is no Jungle in Baltimore« geht in diese sehr melodiegetragene Song-Richtung, bevor Andersens »Find another Animal« eine markante Wendung bringt mit einer stark rhythmisch erzählten, vertrackten Exotik. »Stykkevis og Delt« (Brunborg) hingegen schließt den Bogen elegant und elegisch, mit der »klassisch-nordischen« ECM-Atmosphäre, zwischen Tradition und der unkonventionellen Zeitlosigkeit, für die die skandinavischen Künstler des Labels standen und stehen.

Schade, dass die Masqualero-Geschichte nach dem superben »RE-ENTER« nicht weiterging, bewiesen doch alle Mitglieder in darauf folgenden Projekten ihre Meisterschaft. Dennoch: mit einem würdigeren und vielschichtigeren Ende als dieser im Dezember 1990 im Osloer Rainbow Studio eingespielten LP hätte die Band das Jahrzehnt wohl nicht verabschieden können. Und wer weiß – nachdem sich die Herren bereits zum gemeinsamen Weihnachtsessen trafen, dürfen wir uns vielleicht doch noch über eine Reunion freuen ...? (ijb)

   

Aero
(1988, ECM/Universal 835.767-2)

Der Gitarrist Frode Alnæs ersetzt Jon Balke, die Kompositionen teilen sich nun Arild Andersen und Tore Brunborg. Am Konzept von Masqualero ändert sich wenig, am Sound viel. Im Titelstück schält sich nach langem Intro eine Melodie von Brunborg und Nils Petter Molvær, wobei Frode Alnæs wie ein Schüler von Bill Frisell klingt. Im hektischen »Printer« von Brunborg legt er sich eher einen verzerrten Gitarren-Synthi-Sound (Torn/Rypdal) zu und jagt über Jon Christensens Trommelfeuer.

Andersens »Bålet« gehört zu den Höhepunkten, hier lassen die Musiker sich ebenfalls Zeit, das Stück ins Laufen zu bringen. Insgesamt haben Masqualero auf »AERO« weniger Bodenhaftung, schweben mehr, lassen Klänge stehen und wirken. In der Ruhe liegt die Kraft, allerdings ist der Wechsel Balke zu Alnæs definitiv ein Downgrade. (tjk)



Siehe auch:
Frode Alnæs
Tore Brunborg

   

Bande À Part
(1986, ECM/Universal 829.022-2)

Die Namensgebung nach einem Stück von Wayne Shorter, als dieser Mitglied des Miles Davis Quintetts Mitte der 60er war, ist nicht abwegig: Ähnlich offen gehen die fünf Norweger mit ihrer Musik um. Ihre Herkunft und die daraus resultierende Musizierweise lassen einen Vergleich mit den berühmten Kollegen freilich ins Leere laufen.

Arild Andersen ist Kopf des Quintetts, sein herrlich knurriger Bass lenkt und leitet die Stücke, die allesamt von den Musikern (außer dem jungen Saxophonisten Tore Brunborg) stammen. Zweiter Bläser ist der ebenso junge Nils Petter Molvær, beide sind weniger an ausufernden Soli interessiert denn an Klängen: »Sort Of« zeigt, wie man mit Trompete und Sopransax Gänsehaut erzeugen kann. Pianist Jon Balke hält sich glänzend zurück und tupft mit E-Piano feine Sprengsel, legt Flächen mit Synthesizer, dann greift sogar Andersen zum E-Bass – wann hat es das schon gegeben? Gewohnt souverän und unnachahmlich klopft Jon Christensen gerade Metren und schafft Räume mit Becken und Pausen. Das Tempo wird nur selten angezogen, Hektik ist Masqualero fremd. Allerdings liegt eine unterschwellige Spannung über manchen Stücken, die sich wie in »Vanilje« in eine wunderschöne Unisono-Melodie auflöst. Andersen und Christensen beweisen erneut ihren Blick für junge Talente, standen doch Brunborg und Molvær gerade am Anfang ihrer Karriere. (tjk)



Siehe auch:
Geir Lysne
Arild Andersen Group
Jon Balke
Tord Gustavsen Quartet



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