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Alle Rezensionen zu Jean Sibelius
(Genre »Klassik«, Land »Finnland«)

 

Jean Sibelius: Symphonien, Violinkonzerte, Tondichtungen, u.a.
(7 CDs, 2002, Finlandia/EastWest 0927-46661-2 bis 7-2)

Das musikalische Werk, das uns Finnlands finnischster Komponist hinterlassen hat, ist mehr als stattlich. Es umfasst neben sieben Symphonien eine Fülle von Orchester- und Kammermusik und auch Vokalkompositionen. Der gesamte Symphonienzyklus ist nun anläßlich des 45. Todestags von Jean Sibelius auf einer 7 CD-Edition erschienen, ergänzt durch sein berühmtes Violin-Konzert, die Karelia-Suite, Tapiola und neben vielen weiteren Stücken natürlich auch die inoffizielle Nationalhymne »Finlandia«.

Jukka-Pekka Saraste hat alle sieben Symphonien mit dem Finnischen Radiosinfonieorchester 1995 im Philharmonischen Konzertsaal in St. Petersburg live eingespielt - einem historischen Ort, wo bereits Jean Sibelius selbst am Dirigentenpult stand. Auch wenn die Zahl der Sibelius-Aufnahmen allmählich ins Astronomische klettert, sollte Sarastes Sibelius einen festen Stammplatz darin haben. (mls)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Symphonien, Violinkonzerte, Tondichtungen, u.a.

 

Jean Sibelius: Sinfonie Nr.2 · Sinfonie Nr.4
(2001, Erato 8573-85776-2)

Obwohl der Katalog vielfach vertreten, muss doch überraschen, mit welcher Regelmäßigkeit immer wieder Neuaufnahmen der Sibelius-Sinfonien erscheinen. Dass noch immer neue Perspektiven möglich sind, beweist Sakri Oramo. Er gehört zu jener Gruppe finnischer (Jung-)Dirigenten, die in den letzten Jahren von sich Reden machten. Ursprünglich Konzertmeister, tauschte er vor ein paar Jahren die Violine gegen den Taktstock ein; seit 1998 ist er Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra.

Oramo kennt und denkt seinen Sibelius von der Seite des Musikers, das ist der Einspielung in jedem Moment anzumerken. So verzichtet er offenbar auf einen nachbearbeiteten, künstlichen Ensembleklang und gewinnt damit den Partituren der beiden Sinfonien ein unerhörtes Maß an Ausgewogenheit ab. Sibelius' mitunter irritierende Instrumentation erscheint bei Oramo in jedem Takt sinnfällig.

Die mit präziser Phrasierung und punktgenauer weiträumiger Dynamik verbundene Detailtreue kommt besonders der fragilen 4. Sinfonie zu Gute, die auf diese Weise gar nicht mehr so schicksalsschwanger klingt. Ohnehin erweist sich die Koppelung mit der vergleichsweise gelösten Nr. 2 als höchst instruktiv. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Sinfonie Nr.2 · Sinfonie Nr.4

 

Jean Sibelius: The Tempest · The Oceanides · Nightride And Sunrise
(1998, Ondine/Naxos ODE 914-2)

Es muss ein Rätsel bleiben, warum die Aufnahmetechnik den gut disponierten und von Leif Segerstam zu einer engagierten Umsetzung motivierten Klangkörper im Nebel stehen lässt. So aber kann man die Absicht, Sibelius' faszinierende Bühnenmusik zu Shakespeares »Sturm« als sinfonisches Epos und dennoch strukturell durchhörbar umzusetzen, stellenweise nur mehr erahnen: Extreme der Dynamik werden gekappt, berückende Stimmungsbilder (»Berceuse«) überreich mit Watte versehen.

Besonders das dumpfe, basslastige Klangspektrum wirkt sich nicht vorteilhaft auf die Komposition des finnischen Meisters aus, die ohnehin schon in dunklere Regionen tendiert. Mehr Präsenz wäre nötig gewesen, um Segerstams Intention zu entsprechen. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: The Tempest · The Oceanides · Nightride And Sunrise

 

Jean Sibelius: Symphonies Nos. 2 & 7
(1998, Arte Nova 74321.59231.2)

Man gewinnt den Eindruck, Sibelius' Sinfonien werden von Adrian Leaper und seinem Orquesta Filarmónica de Gran Canaria geradezu aus dem Schatten der so oft beschworenen dunklen finnischen Wälder geführt. Denn mit einem fast sachlichen Tonfall, durchweg leicht angezogenen Tempi (hier ein Heilmittel!) sowie einer auf Präsenz und Durchhörbarkeit angelegten Klangregie wirken die komprimierten Partituren auf faszinierende Weise von ihrer (be)drückenden Last befreit.

Diesem Ansatz entspricht die Aufnahmetechnik in der dicht gewirkten 7. Sinfonie kongenial, so dass die Einspielung eine echte Alternative zu tradierten Hörgewohnheiten bietet. Nur der viel zu knapp gefasste, sich sprachlich unangemessen ambitioniert gebende Einführungstext vermag das Niveau der Produktion nicht zu halten. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Symphonies Nos. 2 & 7

 

Jean Sibelius: Karelia Suite · King Christian II · Pelléas et Mélisande
(1999, BIS BIS CD-918)

Für diejenigen, die schon alles von Sibelius im Plattenschrank stehen haben, mag diese CD ein richtiges Sammlerstück sein. Denn mit der 43. (!) Folge der ambitionierten Sibelius-Edition werden zwei Schauspielmusiken als »first complete recording using original scoring« vorgestellt. Die Unterschiede zu den bereits vor Jahren von Neeme Järvi ebenfalls für BIS eingespielten Suiten sind allerdings (mit Ausnahme der instrumental bearbeiteten Lieder) gar nicht so gravierend, wie man zuerst vermutet. Im Fall von »Kung Kristian II« (1898) kommen neben geringfügigen Fassungsvarianten zwei knappe Sätze hinzu, bei »Pelléas och Mélisande« (1905) ist es ein dreiminütiges Stück, das in der gedruckten Ausgabe fehlt.

Immerhin wird in der beliebten »Karelia-Suite« diesmal die Ballade gesungen. (Die komplette Musik liegt in gleicher Besetzung als Folge 42 der Edition vor.) Auch wenn man den editorischen Wert dieser Veröffentlichung anzweifeln kann (die CD entspringt der Eigendynamik einer »Gesamteinspielung«), so tut dies der überzeugenden Leistung von Osmo Vänskä und dem Lathi Symphony Orchestra keinen Abbruch. Den besonders am unteren Ende der dynamischen Skala fein ausgehörten Abstufungen wurde die Tontechnik allerdings mit einem indifferenten und in Watte gelegten Klangbild nicht gerecht. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Karelia Suite · King Christian II · Pelléas et Mélisande

 

Jean Sibelius: Symphony No.2 · The Tempest. Suite No.1
(1999, Naxos 8.554266)

Dass sich nach Jahren des Glücksspiels bei Naxos nun ein Qualitätsstandard etabliert hat, darf positiv vermerkt werden. Zu dieser Entwicklung gehört auch diese Sibelius-CD, bei der man mit dem Isländischen Sinfonieorchester einen aufstrebenden und in letzter Zeit viel gefragten Klangkörper verpflichtete. Auch wenn man sich bisweilen mehr klangliche Transparenz vorstellen könnte, so hinterlässt die Interpretation der gar nicht so dunklen 2. Sinfonie mit ihren flüssigen Tempi und weiten Bögen einen abgerundeten Eindruck.

Auch die knappen Stücke der Sturm-Suite überzeugen, obwohl der letzte Biss fehlt. Nur das Booklet bedient von Anfang an das nordische Klischee vom Komponisten, dessen Kraft angeblich »aus den unendlichen Wäldern und aschfahlen Sommernächten erwuchs ...« (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Symphony No.2 · The Tempest. Suite No.1

 

Jean Sibelius: Symphonie Nr.2 · En Saga · Luonnator
(2006, Primal Music PH05049)

Wer die Staatskapelle Dresden auch nur ein einziges Mal im Konzert erlebt hat, der wird dieses Erlebnis kaum vergessen. Nur einen Abglanz davon kann ein Live-Mitschnitt vermitteln. Und dennoch ist es gerade dieser Umstand, der den besonderen Reiz dieser CD ausmacht. Wie immer musiziert die Staatskapelle mit offenem Visier – so auch unter ihrem Ehrendirigenten Sir Colin Davis, der schon mit anderen Klangkörpern bei Sibelius angekommen ist.

Trotzdem wirkt die Einspielung der Sinfonie (1988) ungleich kompakter als die von »En Saga« und »Luonnator« (2003), bei denen die Mikrophone die Partituren, ihre Interpreten und Solisten, mitunter auch gnadenlos sezieren. Dennoch wird man nur selten einmal die schwierigen Tondichtungen in ähnlicher Weise durchhören können. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Symphonie Nr.2 · En Saga · Luonnator

 

Jean Sibelius: Pohjolas Tochter · Sinfonie Nr.4 · Finlandia
(2005, Ondine ODE 1040-2)

Auch die jüngste und letzte Folge von Segerstams Sibelius-Zyklus (beim finnischen Label Ondine) bestätigt das Bild eines durchaus charakteristischen, fülligen Klanges, der wenigstens vordergründig zu überzeugen vermag. Sieht man aber einmal von Tempofragen ab, so ist es die merklich nachregulierte Balance der Instrumente (Holzbläser!), die – wie in »Pohjolas Tochter« – beim Hören anhaltend irritiert und zu Lasten einer natürlichen Klangdramaturgie geht.

Trotz der wirklich satten Textur bleiben die Sforzati zu Beginn von »Finlandia« (dankbarerweise einmal in der Urfassung, also mit hymnischem Männerchor am Ende) merkwürdig stumpf. Segerstams Interpretationen sind gleichwohl über alle Zweifel erhaben – selbst die abgrundtiefe 4. Sinfonie kann in diesem welligen Fahrwasser noch überzeugen. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Pohjolas Tochter · Sinfonie Nr.4 · Finlandia

 

Jean Sibelius: Symphony No.2
(2005, RCO 05005)

Die Katalog-Konkurrenz ist groß geworden. Dass nun auch das Concertgebouw Orchester eine aktuelle Einspielung der 2. Sinfonie von Sibelius vorlegt, ist daher wohl vor allem dem Marketing des eigenen CD-Labels geschuldet – wie auch das Etikett »Live«, denn die vier Aufnahmetermine lagen um Monate auseinander. Davon abgesehen zeichnet Jansons die Partitur eher pastos und kompakt als klar.

Dies wird schon in den ersten Takten deutlich, doch auch im weiteren Verlauf schweben die Konturen – entsprechend bleibt die für Sibelius so charakteristische Schwelldynamik ohne Schärfe. Die vielschichtige Partitur und der durchwegs warm vibrierende Orchesterklang finden erst im Finale zusammen. Unverständlich ist allerdings, warum man kein anderes Werk gekoppelt hat: Mit 44 Minuten ist die Spielzeit einer SACD gerade einmal zu 50% ausgeschöpft. Käuferfreundlich ist das nicht. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Symphony No.2

 

Jean Sibelius: Luonnotar op.70, diverse Orchesterlieder
(2006, Ondine ODE 1080-5)

Erstaunlich, dass in den vergangenen Monaten gleich mehrere Einspielungen von Sibelius' ebenso kosmisch-flirrendem wie sperrigem und Grenzen überschreitendem symphonischen Gesang »Luonnotar« auf CD erschienen. Den schwierigen, mehr zu erzählenden als auszusingenden Solopart deutet Soile Isokoski, eine der international angesehensten finnischen Sängerinnen, mit hochdramatischem Impetus.

Der will in diesem Fall aber so gar nicht zum erstaunlich durchsichtig und fast schon sachlich gestalteten Orchesterpart passen – Segerstam, der sonst nur allzu gerne mit breitem Pinsel pastos zeichnet, scheint sich eigenartigerweise gerade hier auf die Partitur zu besinnen. Die daraus resultierende Spannung hält auch in den weiteren 18 Liedern an, die man als ein flammendes Plädoyer dieses fast verschollenen Repertoires hören kann. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Luonnotar op.70, diverse Orchesterlieder

 

Jean Sibelius: Six Humoresques · Two Serenades · Suite op.117, Swanwhite
(2006, Ondine ODE 1074-5)

Eine Humoreske ist auch bei Sibelius kein billiger musikalischer Spaß, sondern fordert instrumentalen Witz der edleren Sorte. Und das Gespür für den damit verbundenen leichtfüßigen, bisweilen aber auch doppelbödigen Ton kann Pekka Kuusisto für sich zweifelsohne in Anspruch nehmen. Seit vielen Jahren auf CD und im Konzertsaal ausgewiesen aus virtuoser Solist, fügt er nun seinem Repertoire mit viel detailverliebter Spielfreude eine ganz neue Note hinzu.

Nicht nur in der symbolistischen »Schwanenweiß«-Suite, sondern auch in den vermeintlich leichteren Nummern begegnet der kernige Sibelius (bis auf das op. 117, freilich eine Gelegenheitsarbeit für Übersee). Trotz klanglicher Ausgewogenheit bleibt die souveräne Sinfonietta aus Tapiola zu kompakt. Dennoch: ein gleichermaßen heiteres wie kerniges Vergnügen. (mku)



Siehe auch:
Tapiola Sinfonietta: Stravinsky

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Six Humoresques · Two Serenades · Suite op.117, Swanwhite

 

Jean Sibelius: Kullervo op.7
(2006, Telarc 80665)

»Das Kalevala scheint mir ein sehr modernes Werk zu sein. Es liest sich wie reinste Musik.« So schrieb Jean Sibelius im Herbst 1890 seiner Verlobten aus Wien. Zwar war er nicht der erste Komponist, der sich mit dem finnischen Nationalepos beschäftigte, doch ließ er sich wie kaum ein zweiter durch die archaischen Runen zu einer Vielzahl von Werken inspirieren. Ganz am Anfang steht dabei mit der Kullervo-Sinfonie die gewichtigste Partitur – ein mehr als einstündiges Werk in fünf Sätzen mit vollem Orchester, einem betörenden Liebesduett und einem kantigen, das tragische Ende berichtenden Männerchor.

Was das Stück auszeichnet, ist eine ungemein frische, ungebändigte rhythmische Kraft, eine überreiche Klangfantasie und ein effektvoller dramatischer Gestus. All das wird (bei namhafter Konkurrenz im Katalog) von den Mannen aus dem fernen Atlanta geradezu vorbildlich hörbar gemacht. Eine wahrer Ohrenschmaus – »ganz im finnischen Geist.« (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Kullervo op.7

 

Jean Sibelius: The Complete Music for Voice and Orchestra (Kantaten, Melodramen, Orchesterlieder)
(5 CDs, 2007, BIS BIS-CD-1906/08)

Wie ein roter Faden zieht sich die Musik von Jean Sibelius durch die Firmengeschichte des 1973 gegründeten schwedischen Erfolgslabels BIS. Und die Tradition reicht noch weiter zurück: Voller Stolz verweist der Firmengründer Robert von Bahr auf seinen Urgroßvater Karl Fredrik Waselis, der sich einst als erster Verleger überhaupt der Musik Sibelius' annahm.

Man sagt, Tradition verpflichtet. Auch wenn das Wort im kommerzialisierten Kulturleben nur noch eingeschränkten Wert besitzt, so ist es doch wohl nur der damit verbundenen individuellen Begeisterung zu verdanken, dass pünktlich zu Sibelius' 50. Todestag die ersten Folgen einer auf 65 CDs in 13 Boxen angelegten Gesamteinspielung erschienen – ein fast schon überwältigendes Großunternehmen, zu dem heute wohl keiner der sogenannten Majors mehr in der Lage ist. Freilich kann das Label auch auf den umfangreichen eigenen Katalog zurückgreifen. Doch neben den Wiederveröffentlichungen zumeist hochkarätiger Einspielungen stehen auch Neuproduktionen, die ältere Aufnahmen ersetzen oder richtige Premieren darstellen, gemäß dem über allem stehenden Motto »every note he ever wrote«.

Nach der Orchestermusik und einem ersten Teil der Kammermusik bietet die dritte Box sämtliche Werke für Gesang und Orchester in allen Fassungen und in chronologischer Reihenfolge – vom schlichten Lied über gewichtige Orchestergesänge, kraftvoll-patriotische (Gelegenheits-)Werke, dem Opern-Einakter »Die Jungfrau im Turm« bis hin zur großen Chorsinfonie »Kullervo« op. 7. Abgedeckt wird damit ein Werkkorpus, das in seiner ganzen Breite wohl auch in Finnland kaum bekannt sein dürfte, aber für Sibelius' Schaffen von zentraler Bedeutung ist. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: The Complete Music for Voice and Orchestra (Kantaten, Melodramen, Orchesterlieder)

 

Jean Sibelius: En Saga · Lemminkäinen Legends
(2000, Ondine ODE953-2)

Für mich fraglos eine der CDs, die mit auf die Insel gehören – ich möchte jedenfalls nie auf sie verzichten wollen. Denn hier stimmt einfach alles. Zunächst das Repertoire: Die vier Teile umfassende »Lemminkäinen Suite« (mit einer Stunde Spielzeit fast eine ausgewachsene Sinfonie!) gehören mit zum Schönsten, was Sibelius je geschrieben hat. Den Schwan von Tuonela dürfte man gemeinhin vom Hören kennen; er zählt zu den Evergreens der Klassik-Charts. Aber auch die anderen Sätze müssen sich nicht verstecken. Ganz im Gegenteil, denn ihre kunstvoll ausgearbeiteten archaischen Melodien und Rhythmen lassen vor dem inneren Auge Geschichten und Landschaften entstehen ...

Dann die Interpretation: Was Mikko Franck da 1999 im holden Alter von gerade einmal 20 (!) Jahren mit dem Schwedischen Radio-Sinfonieorchester auf die Scheibe gebannt hat, ist schlichtweg einer jener raren Momente, in denen einfach alles zusammenpasst. Sicherlich hat dazu auch seine jugendliche Unbeschwertheit beigetragen. Man spürt geradezu ein vor Begeisterung glühendes Feuer, das auch die Musiker im Orchester angespornt hat.

Schließlich der Klang: Einfach großartig, was die Techniker geleistet haben. Zu hören ist ein großes, natürliches Farbspektrum, und auch die Dynamik wird in allen Bereichen bestens ausgelotet. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: En Saga · Lemminkäinen Legends

 

Sibelius: Violinkonzert · Stenhammar: Two Sentimental Romances · Valen: Violinkonzer
(1998, Simax PSC 1173)

In Norwegen ist er eine Ikone des Violinspiels, außerhalb seiner Heimat zählt Arve Tellefsen (*1936) allerdings zu jenen Musikern, denen man eher auf CD als im Konzertsaal begegnet. Leider. Denn Tellefsen, der in den vergangenen Jahrzehnten in seiner Heimat mit allen erdenklichen Preisen ausgezeichnet wurde, ist auf der Violine ein Poet alter Schule. Kühle Strenge im Ton und ein in das Innere der Musik gerichteter Blick zeichnen sein Spiel aus. Technische Brillanz ist für ihn selbstverständlich – sie muss nicht als äußere Virtuosität in den Vordergrund gerückt werden. Auch effekthascherische Mätzchen sind ihm fremd. Vielleicht blieb deshalb auch bis heute der ganz große internationale Durchbruch aus.

Doch zählt er wirklich zu den ersten Geigern unserer Zeit. Dokumentiert ist dies durch eine ganze Reihe phantastischer CD-Einspielungen. Zu ihnen zählt auch die des Violinkonzerts von Sibelius – ein Werk mit höchsten Anforderungen. Mit dem vorzüglichen Royal Philharmonic Orchestra ist hier eine Aufnahme gelungen (übrigens im legendären Abbey Road Studio 1), die man als diskographische Sternstunde bezeichnen muss. Dem stehen die beiden versonnen-idyllischen Romanzen von Stenhammar in nichts nach. Ein Geheimtipp bleibt das Violinkonzert von Fartein Valen – so etwas wie eine nordische Variante des berühmten Werks von Alban Berg. (mku)

Jean Sibelius: Sibelius: Violinkonzert · Stenhammar: Two Sentimental Romances · Valen: Violinkonzer

 

Jean Sibelius: Kullervo op.7
(2006, cpo 777 196-2)

Obwohl Sibelius nicht der erste Komponist war, der sich mit dem finnischen Nationalepos Kalevala beschäftigte, so ist er doch mit einigem Abstand derjenige Komponist, der sich am stärksten durch die archaischen Runen anregen ließ. Erstmals schlägt sich dies nieder in der weit über einstündigen Kullervo-Partitur – einem Werk, das irgendwo zwischen (szenischer) Kantate und sinfonische Dichtung anzusiedeln ist, bei dem aber Sibelius nachdrücklich darauf bestand, dass es sich um eine »Sinfonie (nicht Suite)« handelt. Das muss überraschen, bedenkt man die fünfsätzige Disposition, den literarischen Vorwurf und die Einbeziehung von Chor und Solisten. Jedoch macht die von ihm in Anschlag gebrachte Gattungsbezeichnung, die übrigens auf dem Manuskript eigenartigerweise fehlt, klar, wo Sibelius die Komposition musikhistorisch verortet wissen wollte – nämlich in der Nachfolge von Beethovens 9. Sinfonie und den von ihr ausgehenden Werken.

Sibelius, der mit Schwedisch als Muttersprache aufwuchs, verdankt das Interesse an der Kalevala vor allem seiner Verlobten Aino Järnefeld, die der nationalen Idee eng verbundenen war. Im Herbst des Jahres 1890 berichtete er ihr: »Es ist gut, dass Sie die finnische Sprache und finnische Dinge lieben. […] Ich lese sorgfältig in meinem Kalevala, und fühle, dass ich Finnisch schon viel besser verstehe. […] Das Kalevala scheint mir ein sehr modernes Werk zu sein. Es liest sich wie reinste Musik, wie ein Thema mit Variationen.«

Geradezu prophetisch für das weitere Œuvre und dessen Rezeption liest sich dann die erste Ankündigung des Kullervo am 15. April 1891: »Ich arbeite jetzt an einer neuen Symphonie, ganz im finnischen Geist.« Warum Sibelius nach insgesamt sechs (erfolgreichen) Aufführungen das Werk dann in der Schublade verschwinden ließ, ist bis heute nicht ganz geklärt. Denn bereits hier findet sich jener charakteristische Tonfall, der fortan das weitere Schaffen bestimmen sollte. Zudem spricht aus der Partitur eine ungemein frische, ungebändigte rhythmische Kraft, wie auch eine reiche Klangfantasie (ganz abgesehen vom sicheren dramatischen Gespür) – Eigenschaften, die auch die Einspielung der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter ihrem Chefdirigenten Ari Rasilainen auszeichnet. Dies betrifft auch die durchsichtige Aufstellung des Klangkörpers, mit der auch so manches Risiko eingegangen wurde. Pluspunkt: der vollständig und in Übersetzungen abgedruckte Gesangstext. (mku)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Kullervo op.7

 

Jean Sibelius: Symphonies 1-7
(4 CDs, 2015, Berliner Philharmoniker Rec. 150071, 4CDs+2BD+DL)

Nach Herbert von Karajan wurde in diesem Jahr auch Simon Rattle die Sibelius-Medaille als vielseitigem Förderer der Musik von Sibelius überreicht, die höchste Auszeichnung der Jean-Sibelius-Gesellschaft. Und der Chefdirigent und seine Berliner Philharmoniker haben zur Feier des Jahres, dem 150. Geburtstag des Komponisten am 8. Dezember, unlängst auch ihren Komplettzyklus der sieben Sinfonien in einer edlen Edition veröffentlicht, auf 4 CDs, einer Pure Audio Blu-Ray Disc und einer Video Blu-Ray Disc mit allen Aufzeichnungen der zwischen Dezember 2014 und Februar 2015 in Berlin dargebotenen Sinfonien, zwei Bonus-Videos und einem ausführlichen Begleitbuch. Die Aufnahmen sind darüber hinaus in allen erdenklichen High-Res-Formaten als Download erhältlich.

Für Rattle bedeutet es keineswegs reine Verbindlichkeit, wenn er sagt, Sibelius sei seiner Meinung nach »einer der aufregendsten und originellsten Komponisten überhaupt.« Das zeigt sich schon darin, dass dies, nach 30 Jahren, bereits seine zweite Gesamteinspielung der Sinfonien ist. Für das Orchester hingegen ist es eine Premiere; man hätte nicht gedacht, dass das Ensemble 2010 (!) erstmalig die Dritte gespielt hat, schon da unter Rattle.

Für diesen Text machte der Rezensent eine Hör-Studie: Jeweils zuerst die unter Sibelius' Aufsicht durchgeführten Ureinspielungen aus den frühen 1930er Jahren, dann Rattles Lesart. Und was soll man sagen... »originalgetreu« ist das nicht, was die Berliner 2015 bieten. Doch wer wollte das schon hören? Dies ist nicht der ultimative Sibelius-Zyklus, aber er steht unbedingt ganz oben mit dabei. Zu bemängeln ließe sich allenfalls, dass Rattles Zugriff nicht mehr so kantig wie früher wirkt, streckenweise fast souveränes Entertainment bietet. Um Virtuosität geht es hier nie, auch wenn manche Sinfonie und Passage wahrlich grandios gelingt (pars pro toto: die Nr.7).

Auch in die Aufnahmen wurde viel technische Fachkenntnis und Akribie investiert, so dass diese Einspielungen die Unmittelbarkeit und Dringlichkeit einmaliger Rattle-Konzerte mit der klangästhetischen Eleganz in der Tradition Karajans, präsentiert mit den besten Mitteln der Gegenwart verbinden. Zwar ist die Box preislich kein Schnäppchen, aber wer hören will, wie ein alter Herr wie Sibelius heute spontan und aufregend, wie Rattle auf der Höhe seines künstlerischen Schaffens, gelöst von allen externen Ansprüchen, zeitlos klingt, dem sei zum Jubiläum mehr als alles andere dieses Geschenk ans Herz gelegt (ijb)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Symphonies 1-7

Audio-Link Video-Link

Die CD »Jean Sibelius: Symphonies 1-7« war »CD des Monats« im Monat 12 / 2015.
Und so urteilten unsere anderen Autoren darüber:

Obwohl ich schon drei Komplett-Einspielungen der Sibelius-Sinfonien im Schrank habe (Saraste, Berglund, Segerstam), spiele ich mit dem Gedanken, den Rattle hinzuzufügen. Was ich bisher gehört habe, finde ich sehr gut, und auch sehr kraftvoll, ohne Pathos.
Tim Jonathan Kleinecke

Es ist ein üppig ausgestattetes Paket, und so eine Einspielung ist natürlich schon per se ein Kraftakt. Wichtiger ist jedoch, dass Rattle hier seine eigene Einspielung der Sibelius-Sinfonien von 25 Jahren mit dem Birmingham-Orchester locker toppt – so wünscht man sich das!
Peter Bickel

Rattle, die Berliner Philharmoniker und Sibelius: Ein Hochgenuss, und zwar keiner, der Gefühlsbetontheit setzen muss, um zu beeindrucken. Dass der Brite und die deutschen Hauptstädter denn Finnen so gut verstehen - wunderbar!
Eva-Maria Vochazer


Sebastian Pantel

 

Jean Sibelius: Orchesterwerke
(2004, Aulos Musikado AUL 66084)

Einen Pluspunkt gibt es für diese Aufnahme schon mal deshalb, weil es sich die Macher verkneifen konnten, die unvermeidliche »Finlandia« mit aufzunehmen – das erste und oft wohl auch einzige Stück, das Befragten zum Namen Sibelius einfällt. Ganz zu Unrecht, wie dieses Album zeigt. Es versammelt kurze Charakterstücke, die ganz und gar unpathetisch daherkommen, wie auch breit angelegte Romantik-Vorzeigewerke wie das d-moll-Adagio für Streicher.

Nun hat sich das Folkwang Kammerorchester zwar bei Dirigent und Solist zwei Finnen an Bord geholt. Doch auch die schaffen es nicht so ganz, den oft arg gediegenen und gemütlichen Ton des Orchesters nordisch anzuschleifen und aufzufrischen. Dann klingt Sibelius immer wieder verdächtig nach einem Abo-Konzert-Bruckner oder gar nach Schumann. Den tänzerischen Stücken fehlt der letzte Rest Wildheit, den breit romantischen die dunkle, verstörende Tiefe, die in Sibelius’ Werken fast immer unter der Oberfläche schimmert. Schade – denn in allen anderen Punkten (na gut, abgesehen von manchmal sehr bedächtigen Tempi) wird der edle Folkwang-Klang seinem Ruf gerecht. (sep)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Orchesterwerke

 

The Sibelius Edition 13 – Miscellaneous Works
(4 CDs, 2011, BIS/Klassik Center Kassel BIS-CD-1936/38)

Sie haben es geschafft: Den kompletten Sibelius – kompletter als jemals irgendwer zuvor ein kompositorisches Werk veröffentlicht hat – auf 68 CDs, insgesamt achtzigeinhalb Stunden. Das letzte Kapitel, diese dreizehnte Box, ist mit nur drei CDs die schmalste (gegenüber sonst jeweils fünf oder sechs CDs pro Box), und die »verschiedenen Werke« sind letztlich vor allem eine CD mit Orgel- und religiösen Werke, entstanden 1925 bis 1927 und eingespielt von Harri Viitanen auf der Marcussen-Orgel der Kathedrale in Helsinki.

Darüber hinaus finden sich hier etliche Skizzen, Fragmente und verworfene Alternativen, quer durchs gesamte Oeuvre, und da muss man ganz offen sagen, dass diese zum Großteil allenfalls für Musikwissenschaftler oder intime Kenner von Sibelius' Werk von Interesse sein dürften. Zwei Orchesterstücke stehen neben dem Fragment »Die kleine Meerjungfrau« für Streichquartett und Rezitation (einem frühen Experiment des etwa zwanzigjährigen Komponisten), gefolgt von Klavierskizzen für Sinfonien, für Kinder und so weiter, noch mehr Orgelstücke... auch hinsichtlich Entstehungszeit höchst bunt gemischt. Ein nettes kleines Schmankerl sind die »Vorschläge für die Glocken«, die Sibelius 1911 auf Teilen der zweiten Sinfonie schrieb, für die Kallio-Kirche in Helsinki.

Ganz feierlich gibt es zum Abschluss noch das »Andante Festivo« in der Orchestrierung von 1938, am 1. Januar 1939 vom Komponisten selbst dirigiert. Und weil drei CDs mit vorwiegend Fragmenten keinen großem Kaufanreiz geben, bietet diese Box noch weitere Extras: Filmaufnahmen, die kurz vor dem 80. Geburtstag bei Sibelius zu Hause gedreht wurden; eine DVD mit der bereits unabhängig veröffentlichten »Visual Journey to the Music of Sean Sibelius«, d.h. 45 Minuten lang Naturfotografien des finnischen Archipels, unterlegt von verschiedenen bekannten Werken; und zuletzt eine weitere CD »Around Sibelius«, achtzig Minuten Musik von Freunden, Verwandten, Schülern und Zeitgenossen, darunter fünf Lieder von Leevi Madetoja für Sopran und Piano und ein sinfonisches Poem für Männerchor und Orchester von Robert Kajanus, dem Gründer des Philharmonischen Orchesters Helsinki.

Fast alles ist hörenswert, wenn auch nach sehr unterschiedlichen Maßstäben. Es ist nicht davon auszugehen, dass jemals eine ebenso umfangreiche Gesamtschau von Jean Sibelius angestrebt wird. Nach wie vor exzellent sind die ausführlichen Texte im 140 Seiten starken Beiheft. (ijb)

Jean Sibelius: The Sibelius Edition 13 – Miscellaneous Works

 

The Sibelius Edition 12 – Symphonies
(5 CDs, 2011, BIS/Klassik Center Kassel BIS-CD-1933/35)

Über die Sinfonien von Jean Sibelius scheint mittlerweile alles gesagt, sollte man meinen. Kein Komponist aus den skandinavischen Ländern ist so bekannt und wird so häufig gespielt wie er, der alle anderen überschattende, noch immer, und allem voran seine sieben Sinfonien. Wer also braucht noch eine Box mit diesen Werken? Nachteilig jedoch ist allein die Tatsache, dass die Einspielungen unter Osmo Vänskä und der Sinfonia Lahti allesamt bereits vor fünfzehn Jahren beim gleichen Label veröffentlicht wurden, schon mit besten Kritiken ausgezeichnet. Der Kenner dürfte sie also schon in der Sammlung haben, sie sich kaum wegen der fünften CD mit verworfenen Entwürfen und früheren Alternativen noch einmal zulegen, die diese Box doch eigentlich erst motivieren.

Mit diesem 5-CD-Set kommt die umfangreichste Sibelius-Edition, die jemals aufgenommen und veröffentlicht wurde, zur vorletzten Folge, und womöglich war es eine bequeme Verlegenheitslösung, auf die Vänskä-Interpretationen zurückzugreifen. Eine empfehlenswertere Gesamteinspielung gibt es derzeit freilich kaum. Wem die Sibelius-Sinfonien im Plattenschrank fehlen, bekommt hiermit die volle, makellose Komplexität, zumal das Beiheft alle wesentlichen Informationen zu Entstehung und Kompositionsweisen zusammenfasst.

Neben der zwei weitreichend unterschiedlichen Versionen der Fünften – die sogenannte Originalversion von 1915 und die endgültige von 1919 stehen gleichrangig nebeneinander – werden auf CD Nummer 5 insgesamt 14 Skizzen und frühere Stadien der übrigen Sinfonien (die Sechste ausgenommen) präsentiert, aufgenommen eigens und erstmals für diese Veröffentlichung unter dem in Finnland sehr aktiven Jaakko Kuusisto. Diese wiederum bieten keine allzu großen Erkenntnisse oder Überraschungen. Nur Musikwissenschaftler oder intime Kenner der Werke werden diese Aufnahmen überhaupt zu beurteilen wissen (die anderen lesen dann bitte das Beiheft) und sie unter Umständen mehr als einmal anhören. Gut, die Fleißarbeit, die die Beteiligten um das Label BIS mit der gesamten »Sibelius Edition« geleistet haben, ist mehr als bewundernswert; sie können ja nichts dafür, dass Sibelius nicht mehr herumexperimentiert hat und spektakuläre Schätze in seinem Sinfonie-Notizbuch für die Nachwelt gelassen hat. (ijb)

Jean Sibelius: The Sibelius Edition 12 – Symphonies

 

Jean Sibelius: Historical Recordings and Rarities 1928-1945
(7 CDs, 2015, Parlophone/Warner 0825646053179 Mono)

Zum Sibelius-Jubiläum im Dezember 2015 ein Blick in die Vergangenheit, mit dieser Zeitkapsel aus den Jahren 1928 bis 1945: Aufnahmen aus den Anfängen des kommerziellen Schallplattenzeitalters. Als das Grammophon in den Zwanzigerjahren aufkam und Hörgewohnheiten grundlegend änderte, – wie heute das Internet – konnten erstmals viele wichtige Werke festgehalten und für den Hausgebrauch erhältlich gemacht werden. Anlässlich Sibelius' 150. Geburtstag schenkt uns Warner Classics diese opulente, wenngleich unebene Zusammenstellung historischer Aufnahmen auf 7 CDs. Viele davon wurden in Zusammenarbeit mit dem Komponisten eingespielt. Zudem gibt es eine Aufnahme von »Andante festivo« (1924), die Sibelius selbst am 1. Januar 1939 in Helsinki dirigierte.

Von besonderem Wert sind die Ersteinspielungen der Sinfonien, dirigiert zumeist von Robert Kajanus, welcher Jahrzehnte zuvor bereits einige Uraufführungen geleitet hatte (beginnend mit der revidierten Ersten Sinfonie im Jahre 1900). Anfang der Dreißigerjahre, im hohen Alter von über 75 Jahren, konnte Kajanus auf besonderen Wunsch des Komponisten für diese Aufnahmen verpflichtet werden. Der gab dem Ergebnis folglich seine uneingeschränkte Zustimmung. Der russische Einfluss, etwa von Tschaikowsky, kommt hier in diesen alten Einspielungen wohl noch deutlicher zum Vorschein, als uns das heute meist bewusst ist, wo Sibelius vor allem mit nordischer Naturmystik in Verbindung gebracht wird. Faszinierend ist zudem, wie einige der alten Monoaufnahmen viel Filmmusik der folgenden Jahrzehnte vorwegzunehmen scheinen und an klassische Schwarzweißfilme, etwa vom Typ »Rebecca« oder »Die Wendeltreppe« usw. erinnern, wenn man im Jahr 2015 zu diesen CDs greift.

Klar, nach heutigen Maßstäben und Gewohnheiten lässt die Klangqualität zu wünschen übrig, doch wer würde bei einem Film aus dem Jahr 1928 Dialogton und Farbe vermissen? Diese historischen Aufnahmen bieten eine faszinierende – zumal reale – Zeitreise in eine ferne Vergangenheit, etwa in den Berliner Beethovensaal am 30. Mai 1928 (»Marsch des finnisches Jäger-Bataillons«), dem Geburtstag von Agnès Varda; zehn Tage zuvor hatte die DNVP bei den Reichstagswahlen deutliche Verluste eingefahren, während die SPD mit knapp 30% gewann. Ebenfalls im Beethovensaal spielte im August 1933 das Budapest Streichquartett Sibelius' einziges von ihm autorisiertes Streichquartett ein. (ijb)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Historical Recordings and Rarities 1928-1945

 

Jean Sibelius: Violinkonzert · Humoresquen
(2009, EMI 5099968441326)

Sowohl Jean Sibelius’ einziges Violinkonzert als auch das erste von Sergej Prokofiev sind zugegeben keine Raritäten, und es herrscht kein Mangel an erstklassigen Einspielungen. Wenn also EMI die noch relativ unbekannte, zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre junge Vilde Frang aus Oslo aufgrund dieses Sibelius-Konzerts mit dem WDR-Sinfonieorchester Köln begeistert unter Vertrag nimmt und ihr ein Solo-Debüt ermöglicht, merkt man schon mal auf. Frangs Spiel ist von einem ganz anderen Charakter als die eigenwillig-klare Hilary Hahn oder die mehr zum Populären strebende (und gleichwohl stilsichere) Janine Jansen: lyrischer, elegisch gar und doch subtil und fließend in leidenschaftlichen Passagen, vor allem bei Sibelius. Bei dieser ersten CD-Aufnahme Vilde Frangs fällt auf, dass die Solistin kein virtuoses Auftrumpfen notwendig hat – entgegen des Rufs, der ihr in manchen Feuilletons voraneilt, und ja, auch entgegen der technischen Anforderungen, die Sibelius hier bekanntlich komponiert hat. Das kürzere, persönliche Konzert Prokofievs, zur Zeit des ersten Weltkriegs entstanden, spielt Frang mit einer merklich spröderen Stimme, aber zugleich eben auch mit beherzter Expressivität. Somit wird schon nach diesen zwei Konzerten deutlich, dass eine Stärke der jungen Interpretin ist, jedes Werk mit einem eigenen Stil zu erfüllen, so dass man als unvoreingenommener Hörer fast meinen könnte, man hätte es mit zwei verschiedenen SolistInnen zu tun.

Als Zugabe schließt diese CD dann mit drei selten zu hörenden »Humoresquen«, wiederum von Sibelius. Wer die Werke bislang nicht kennen sollte (oder vielmehr sogar gerade dann), wer eine aktuelle Einspielung möchte oder auch nur eine Interpretation aus einem anderen als immer den selben Ländern sucht, ist mit dieser Aufnahme bestens beraten. Einzig beim Klang wünscht man sich hin und wieder, vor allem beim Sibelius-Konzert, mehr Transparenz, damit sich die Details zwischen Orchester und Solistin gerade auch zu Hause besser entfalten. Es scheint, die Rhein-Sieg-Halle in Siegburg bietet nicht die ideale Akustik. Und noch ein Detail: Bitte, die vier Cover-Fotos der Interpretin hätten doch nicht unbedingt elfenhaft mit weißem Hemdchen sein müssen, oder? Dazu das grimmige Porträt des älteren Herrn Sibelius – und schon gehen die Assoziationen in unpassende Richtungen ... Die Musik ist dafür um so viel spannender und niveauvoller als der Gelegenheitskäufer es aufgrund der Weichzeichnerbilder vermutet. (ijb)

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Violinkonzert · Humoresquen

 

Sibelius: Symphony No.5 · Symphony No.7 · En Saga
(2016, Hallé Concerts Society/Naxos CD HLL 7543)

Als Komponist, Orchesterleiter und Orchester(musiker) sieht man sich derzeit mit der berechtigten Frage konfrontiert, wie viele Einspielungen und Interpretationen von Sibelius' Sinfonien die Hörerschaft verträgt. Nicht nur fällt es zunehmend schwer, den Überblick zu behalten und beim Kauf Präferenzen festzulegen, auch muss man die Werke schon sehr genau kennen, um qualitative Unterschiede herauszuhören. Zu Sibelius 150. Geburtstag im Dezember 2015 empfahlen wir nachdrücklich die Simon-Rattle-Einspielung mit den Berliner Philharmonikern, wenngleich deren Lesart nicht bei allen Klassikfreunden auf ähnliche Zustimmung stieß. Mit Sir Mark Elder und seinem Orchester Hallé und ihren in Manchester aufgezeichneten Sinfonien kann man eine unbedenklichere Empfehlung aussprechen; ihre Interpretation ist souverän und emotional eindringlich, bleibt aber auf klassischerem, sicherem Boden.

Womit wir wieder zur Eingangsfrage zurückkehren: Was spricht nun dafür, sich für die Hallé-Einspielungen, die 2010 bzw. 2014 aus Konzert- und Probenaufnahmen montiert wurden, zu entscheiden und etwa die vielerorts als Referenz gepriesenen und empfohlenen Sinfoniezyklen etwa von Osmo Vänskä und der Sinfonia Lahti links liegen zu lassen? Nicht viel. Doch es spricht auch nicht viel dagegen. Doch leider kann man auch nicht behaupten, dass sich die Interpretationen ergänzen würden, wie man es im direkten Vergleich mit Rattles Versionen sagen kann. Elder/Hallé spielen kenntnisreich, kohärent, kraftvoll, aber auch altmodisch und latent majestätisch, klanglich schlüssig, jedoch nicht herausragend. Ob es nötig war, bei dieser editierten CD-Fassung den Schlussapplaus stehen zu lassen (und dann doch schnell auszublenden), bleibt indes fraglich. Dadurch entsteht kein Mehrwert, verliert die Veröffentlichung eher an Souveränität.

Eine wirklich schöne Zugabe gibt es mit »En Saga«, einige Jahre vor der Ersten Sinfonie entstanden. Mit dem Untertitel »Ein Märchen« verweist die knapp 18-minütige Sinfonische Dichtung deutlicher auf finnische Folklore als Sibelius' »Klassiker«, zu denen die Fünfte und die Siebte zweifelsfrei zählen. Hallé und Sir Mark Elder lassen hier eine luftigere, spielerische Lesart zu als in den Sinfonien, was die Aufnahme absolut hörens- und empfehlenswert macht. (ijb)

Jean Sibelius: Sibelius: Symphony No.5 · Symphony No.7 · En Saga

 

Jean Sibelius: Streichquartette
(2016, Musikprod. Dabringhaus & Grimm/Naxos MDG 307 1957-2)

Etwas verzögert als Quasi-Nachtrag zum Sibelius-Jubiläumsjahr 2015 (die Aufnahme fand Anfang 2016 statt) bietet das renommierte Leipziger Streichquartett – in internationaler Presse teils als »bestes deutsches Quartett« bezeichnet – ihre Lesart der gerne gehörten Kammermusik des Finnen. Die hat man vielleicht nicht ganz so auf dem Schirm wie die markanten Orchesterwerke, wenn man an Sibelius denkt, doch besonders vom 1909 in Berlin fertig gestellten d-Moll-Quartett op.56 »Voces Intimae« gibt es bereits einige hervorragende Einspielungen diverser Weltklasse-Ensembles. Gegen die muss sich eine neue Aufnahme erst einmal rechtfertigen.

Nun hatte das Leipziger Quartett zuletzt einen erzwungenen Wechsel an der Position des Ersten Geigers zu verkraften, möglicherweise nur temporär, doch für eine Einspielung, die von den Sibelius-Kennern wahrgenommen wird, wahrlich nicht unerheblich. Einerseits fügt sich Conrad Mucks elegantes Spiel ins angenehme Gesamtbild ein, andererseits hätte man sich gerade hier etwas mehr Mut und Kraft gewünscht, auch ein spannenderes Phrasieren. Das hat zweifelsfrei ein hohes handwerkliches und ästhetisches Niveau, doch aus der Fülle der Jubiläumsplatten ragt das Leipziger Quartett mit ihrer Einspielung speziell des der Opus 56 nicht heraus. Wer etwa zuletzt das Engegård Quartet oder das Emerson String Quartet gehört hat, vermisst bei den Leipzigern einen vergleichbar markanten eigenen Ansatz.

Mit dem seltener gespielten, zwanzig Jahre jüngeren Streichquartett a-Moll gelingt den vieren eine etwas reizvollere Aufnahme. Vielleicht passt es stilistisch besser zum sich im Umbruch befindenden Ensemble, wie 1889 auch der 24-jährige Komponist noch mehr Jugendlichkeit und Romantik erkennen lässt. Doch auch hier ist spürbar, dass der neue Primarius seinen Platz in der Gruppe noch nicht ganz gefunden hat. Eine schöne – wenn auch nicht vollkommen überzeugende – kontrastreiche und von kreativer Neugierde geprägte Aufnahme, die durchaus den Erwerb dieser CD lohnt. (ijb)



Siehe auch:
Engegård Quartet: Grieg · Sibelius · Thommessen

Jean Sibelius: Jean Sibelius: Streichquartette



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