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Alle Rezensionen zu Edvard Grieg
(Genre »Klassik«, Land »Norwegen«)

 

Edvard Grieg: Lyric Pieces
(2002, EMI 557296.2)

Klang Grieg je »griegerischer« als in seinen »Lyrischen Stücken«, von denen der norwegische Star-Pianist Leif Owe Andsnes vierundzwanzig in den Original-Steinway-Flügel des alten Meisters auf Troldhaugen selbst hineintupft, -hämmert, -klopft, -streichelt?

Die kleinen Miniaturen für Klavier spiegeln in ganz besonderer Weise Griegs Harmonik wider, deren Chromatik häufig von norwegischen Volksweisen durchsetzt ist. Rhythmisch verarbeitet er dabei neben klassischen Walzer-Takten auch traditionelle Bauerntänze wie den dreitaktigen »springar« und den zweitaktigen »halling«. Die vorliegende Auswahl verzichtet natürlich auch nicht auf die Publikumslieblinge wie den »Marsch der Trolle« und den »Hochzeitstag auf Troldhaugen«.
Kurzum: Für Grieg-Fans ein genussvolles Muss! (mls)

Edvard Grieg: Edvard Grieg: Lyric Pieces

 

Edvard Grieg: Haugtussa op.67 · Vinje-Lieder op.33 (Auswahl)
(2003, NMA NMA 3)

»Die besten Lieder, die ich je komponiert habe«, schrieb Edvard Grieg selbst über seine »Haugtussa«-Vertonungen. Wenn sich eine norwegische Sopranistin – in diesem Falle keine geringere als Solveig Kringelborn – also den zwei bedeutsamsten Liedzyklen ihres Landsmannes annimmt, dann gilt vor allem eins: genau Hinhören.

Wie sie hier zusammen mit ihrem langjährigen Klavierbegleiter Malcolm Martineau den »Haugtussa«-Liederzyklus op. 67 sowie sechs persönliche Favoriten der »Vinje-Lieder« aus op. 33 interpretiert, kann man nur als »Musikgenuss pur« bezeichnen. Die zahlreichen Aufführungen in aller Welt scheinen die beiden bei der CD-Aufnahme jedenfalls nicht abgeschreckt, sondern regelrecht beflügelt zu haben. Einziger Wermutstropfen: Der frühere Liedzyklus der zwölf Melodien zu Gedichten von Aasmund Olavsson Vinje wurde leider nur zur Hälfte realisiert. (ano)



Siehe auch:
Marianne Kielland & Nils Mortensen: Garborg, Vinje, Ibsen
Kielland & Mortensen: Thommessen/Grieg: Veslemøy Synsk

Edvard Grieg: Edvard Grieg: Haugtussa op.67 · Vinje-Lieder op.33 (Auswahl)

 

Edvard Grieg: Peer Gynt (komplette Bühnenmusik mit Schauspielauszügen)
(2 CDs, 2005, BIS BIS-SACD-1441/42)

In jedem Plattenladen stehen gleich Dutzende von Einspielungen der beiden beliebten Peer-Gynt-Suiten, doch gibt es nur wenige CDs mit der kompletten, weitaus umfangreicheren Bühnenmusik. Aber was nützt die werbewirksame Vollständigkeit der Partitur, wenn die dazugehörige Szene fehlt? Wer hat schon Henrik Ibsens mehrstündiges Drama in allen Details parat? Hier nun setzt die 2005 in Bergen aufgeführte Konzertfassung von Svein Sturla Hungnes an, der in Norwegen eine Institution in Sachen Peer Gynt darstellt.

Puristen mögen zwar angesichts seines nun bei BIS auf zwei Hybrid-SACDs erschienenen »Schnelldurchlaufs« erblassen; was jedoch gewonnen wird, das ist endlich einmal der szenische Zusammenhang zu einer Musik, die längst in die Herzen jedes Musikliebhabers gewachsen ist. Die Suiten geben eben doch nur eine Vorahnung vom klanglichen Füllhorn und dramatischen Zug dieser Bühnenmusik.

Vor allem aber fasziniert die Interpretation. Es ist nicht nur das herrlich trockene Klangbild und die vorbildliche Orchesterleistung, die sanfte Töne ebenso kennt wie das raue Aufbrausen – sie allein beansprucht schon Referenzcharakter. Es ist auch die phantastische schauspielerische Leistung in den gesprochenen Szenen, die die gesamte Produktion zu einem Erlebnis werden lassen, das einen über Tage nicht loslässt. Das Booklet bietet übrigens eine englische Übersetzung der norwegisch gesprochenen Worte. (mku)

Edvard Grieg: Edvard Grieg: Peer Gynt (komplette Bühnenmusik mit Schauspielauszügen)

Die CD »Edvard Grieg: Peer Gynt (komplette Bühnenmusik mit Schauspielauszügen)« war »CD des Monats« im Monat 8 / 2005.
Und so urteilten unsere anderen Autoren darüber:

Von der ersten bis zur letzten Minute ein großartiges sinnliches Erlebnis! Eigentlich bin ich ja nicht so ein Freund von Eingriffen ins Original, aber bei dieser gelungenen Version und dem audiophilen Genuss mach ich gern eine Ausnahme. Wenn nur die Doppel-SACD nicht so teuer wäre ...
Harald Kepler

Wer vom ersten Skandinavienurlaub zurückkomt und dort entstandene klassische Musik sucht, landet bei Sibelius und Griegs »PEER GYNT«. Und allein schon weil die vorliegende Aufnahme den großen Unterschied zur Grabbeltisch-Konkurrenz deutlich macht, gebührt ihr unendlicher Dank.
Peter Bickel

Da nimmt man sich vor, Peer Gynt als Begleitmusik aufzulegen – aber nichts da! Diese entfaltet sich hier nämlich zu einem ganz eigenen Hör-Erlebnis, welche es verdient, die volle Aufmerksamkeit zu erhalten. Bügelwäsche? Die kann heute ausnahmsweise liegen bleiben!
Petra von Schenck

Zu Grieg bügeln? Das hat selbst »PEER GYNT« nicht verdient. Mir ist die Musik trotzdem zu »abgegrast«, wofür freilich diese Aufnahme nichts kann. Und zugegeben: Wenn schon die »Halle des Bergkönigs«, die »Morgenstimmung« und all die Gassenhauer, dann kann ich Hungnes' Fassung gut hören.
Leif Haugjord

 

Edvard Grieg: Peer Gynt (Bühnenmusik)
(2004, Virgin/EMI 7243 5 45722 2 7)

Wohl in jeder Plattensammlung wird sich eine Aufnahme der beiden Peer Gynt-Suiten finden. Aber die komplette Bühnenmusik? Auch wenn man nicht das ganze Schauspiel präsentieren muss, so erscheint der szenische Zusammenhang bei einigen Nummern (die Grieg eben nicht für die Suiten übernommen hat) doch zwingend notwendig.

Davon abgesehen bleibt Paavo Järvis Sicht auf die Partitur blass, weil trotz des weiten dynamischen Spektrums die Grieg'schen Kanten abgerundet klingen. Mit ihrer weiträumigen Akustik ist die Veröffentlichung in diesem Sinne aber konsequent. Ein schärferer Kontrast zur weit besseren Produktion aus Bergen (Siehe die BIS erschienene Einspielung mit dem Bergen Philharmonic Orchestra unter Ole Kristian Ruud) ist kaum zu denken. (mku)

Edvard Grieg: Edvard Grieg: Peer Gynt (Bühnenmusik)

 

Edvard Grieg: Norwegian Dances
(2006, Virgin/EMI 3 44722 2)

Wie schon bei der Peer Gynt-Suite treibt Paavo Järvi auch mit dieser Grieg-CD die international noch unbeschriebenen Mannen aus Tallin zu einer respektablen Leistung an (die offenkundigen Nervositäten der Holberg-Suite einmal ausgenommen). Gleichwohl: Die indirekte und weiträumige Akustik kappt doch vielfach die einkomponierte rhythmische Schärfe und rundet lyrische Linien allzusehr ab.

So rückt der kraftvolle, mitunter gar wild vorwärtsstürmende Impetus der »Sinfonischen Tänze« zugunsten einer interpretatorischen wie technischen Homogenität in den Hintergrund. In Sachen Grieg bleibt für mich aktuell Ole Kristian Ruud mit den Philharmonikern aus Bergen (beim schwedischen Label BIS) erste Wahl. (mku)

Edvard Grieg: Edvard Grieg: Norwegian Dances

 

Edvard Grieg: Ballad for Edvard Grieg
(2007, EMI 0946 3 94399 2 8)

Ein Geburtstagsalbum zum 100. von Edvard Grieg von Landsmann Leif Ove Andsnes – das klingt ja erstmal wunderbar. Leider, leider ist an dieser CD nicht viel Neues – sowohl das Klavierkonzert als auch die lyrischen Stücke stammen von älteren Aufnahmen; nur die groß angelegte Ballade ist eine Neueinspielung. Und die ist auch gelungen, wenn man denn Andsnes' samtweichen, leicht melancholischen, eher nebligen Anschlag mag. Die furiose Wildheit ist seine Sache nicht, die glasklare Technik schon, sie ist wirklich ein Hörerlebnis.

Die solistischen Werke bekommen dadurch eine zerbrechliche Tiefe, klingen ein bisschen wie von fern gespielt, wenn man so will: skandinavisch eben. Das Klavierkonzert aber hätte einige Kanten durchaus verdient, die auch die Berliner unter Mariss Jansons nicht voll beisteuern. Grieg ist eben nicht der plüschige Romantiker wie einige seiner Zeitgenossen, sondern durchaus ein Wegweiser, der in Richtung Zukunft zeigt – selbst in dem heute fast zu populären Klavierkonzert. Eine Ahnung davon würde der Musik seiner norwegischen Landsleute auch hundert Jahre später guttun. (sep)

Edvard Grieg: Edvard Grieg: Ballad for Edvard Grieg

 

Edvard Grieg: The Complete Music für Piano
(12 CDs, 2006, BIS CD-1626/28)

Man muss kein ausgewiesener Liebhaber sein, um doch das eine oder andere »Lyrische Stück« von Edvard Grieg zu kennen. Denn diese nationalromantisch getönten Petitessen gehören zum unverrückbaren Kernbestand europäischen Kulturguts. Irgendwie ist wohl jedem schon mal eine der Melodien über den Weg gelaufen. Wer nun aber Lust auf mehr hat und es gründlich angehen will, der sollte auf eine ungemein wohlfeile Box des schwedischen Labels BIS zurückgreifen: 12 CDs zum Preis von dreien, insgesamt mehr als 13 Stunden pure Musik – einfach alles, was Grieg fürs Klavier geschrieben hat.

Langeweile kommt dennoch nie auf, denn die jüngst verstorbene Pianistin Eva Knardahl packt die Stücke nicht in Watte, sondern nimmt sie wundervoll straff und schnörkellos. Außerdem: Der herrlich direkte Klang dieser überwiegend zwischen 1977 und 1980 produzierten Aufnahmen (digital remastered) steckt viele Einspielungen neueren Datums locker in die Tasche. (mku)

Edvard Grieg: Edvard Grieg: The Complete Music für Piano

 

Edvard Grieg: Slåtter in der Tradition von Knut Dahle
(2007, Simax/Grappa PSC 1287)

Hier hört man nicht nur norwegische Weisen, sondern schaut dem Komponisten auch über die Schulter. Denn Grieg, der mit seinen lyrischen Klavierstücken weltberühmt wurde, hat mit seinem Opus 72 auch ein Stück norwegischer Musikidentität geschaffen. So gehen die insgesamt 17 kunstvoll bearbeiteten Stücke auf originale Slåtter zurück, wie sie vom alte Knut Dahle gespielt wurden. Beides erschien dann 1903 im Druck: die Transkription der Volksweisen und Griegs Komposition.

Soweit, so gut. Ingfrid und Åshild Breie setzen aber mit ihrer CD noch einen drauf: Hier erklingen die Klavierstücke auf Griegs eigenem, wundervoll weichem und farbenreichen Steinway auf Troldhaugen; ihnen werden die originalen Slåtter auf der Hardangerfiedel zur Seite gestellt (leider en block und nicht im direkten Vergleich). Auch wenn ein i-Punkt an Spritzigkeit fehlt, so ist doch das Konzept der Scheibe zutiefst beeindruckend. Die Zugabe: eine tolles Booklet und das auf einem Wachszylinder bewahrte Tondokument aus dem Jahre 1912. (mku)



Siehe auch:
Tre Nyhus
Halvorsen · Kvandal · Nyhus: Hardanger fiddle in art music
Ingfrid Breie Nyhus

Edvard Grieg: Edvard Grieg: Slåtter in der Tradition von Knut Dahle

 

Edvard Grieg: Sämtliche Violinsonaten / The Violin Sonatas
(2010, Claves/Klassik Center Kassel 50-1002)

Edvards Griegs Werke scheinen sich jüngst einer zunehmenden Beliebtheit zu erfreuen, jedenfalls unter Musikern. Vielleicht sind es auch die veröffentlichen-den Firmen, die nach »neuen Klassikern« suchen, da Beethoven und Kollegen bereits zum x-ten Mal herausgebracht wurden und man auf dem engen CD-Markt nach eingängigen, einträglichen und zugleich mit einigem Spielraum für Virtuosentum ausgestatteten Kompositionen bekannter Namen sucht.

Die in Moskau geborene Alexandra Soumm nahm sich im Alter von zwanzig Jahren, noch als Violinstudentin in Wien, für ihre zweite eigene CD also gleich alle drei Sonaten vor, um sie im Februar 2010 in einer Kirche in Berlin fürs schweizer Qualitätslabel Claves aufzunehmen. Schön auch, dass Claves trotz elegant gestalteten und kostspielig aufgemachten CD-Verpackungen es nicht für notwendig erachtet, wie derzeit nicht wenige Plattenfirmen ihre hochbegabten Talente mit Erotikfotos auf Vorder- oder Rückseiten des Covers zu bewerben, sondern Musik und (gleichwertig alle) Namen für sich sprechen lassen kann. Im dreisprachigen Booklet finden sich überdies kenntnis- und aufschlussreiche Anmerkungen zu Werk und Komponist aus der Feder des Autors Etienne Barilier.

Und die Aufnahmen halten, was das Äußere verspricht. Alexandra Soumm und ihr ebenbürtiger Partner, der französische Pianist David Kadouch, spielen nicht nur durchweg so präzise wie kraftvoll, ihre Interpretationen leben zudem von dichtem Miteinander und fast strengem Charakter, bestechen durch Abwesenheit erwartbarer »nordischer Melancholie«. Am deutlichsten wird all das vielleicht in der dritten Sonate, mit der sich Grieg im Jahr 1886 besonders individuell zeigte. Von Alexandra Soumm wird man noch einiges zu hören bekommen, und ihre Bekanntheit wird sich ohne Zweifel international durchsetzen. Gespannt darf man sein, ob sie bei der Klassik und Romantik bleiben, ihre Veröffentlichungen weiterhin auf das nicht ganz so offensichtliche fokussieren wird – oder ob sie sich gar auch an zeitgenössische Komponisten heranwagen wird. Mit dieser CD ist ein sicherer Grundstein gelegt, eingängig, differenziert und emotional, aber keineswegs vorhersehbar oder sentimental. (ijb)

Edvard Grieg: Edvard Grieg: Sämtliche Violinsonaten / The Violin Sonatas

 

Grieg — Garborg / Vinje / Ibsen
(SACD, 2014, LAWO Classics LWC 1059)

Mezzosopranistin Marianne Beate Kielland zählt zu den besten Sängerinnen Skandinaviens und reüssierte bereits in Bereichen von Barock über Romantik bis zu zeitgenössischen Werken, wie zahlreiche veröffentlichte CDs eindrucksvoll unterstreichen. Einige davon präsentieren sie im exquisiten Zusammenspiel mit dem auch als Solist hervorragenden Pianist Nils Anders Mortensen. So bringen Kielland und Mortensen hier erstmals die sechs Ibsen-Lieder (1876), 12 Vinje-Lieder (1880) und »Haugtussa« (1895), acht Lieder nach Texten von Arne Garborg (1851-1924) auf einer CD zusammen, nachdem sie sich »Haugtussa« bereits ausführlich auf ihrem ambitionierten Thommessen/Grieg-Doppelalbum »Veslemøy Synsk« gewidmet haben.

Wie dort ist hier das höchste Ziel, die Kunstlieder nach Griegs Vorstellungen darzubieten, wobei besondere Betonung darauf liegt, dass die Vinje-Lieder, die einen männlichen Erzähler andeuten, üblicherweise von einem Bariton gesungen werden, Kielland hingegen darauf verweist, dass Grieg keine spezifischen Hinweise für die Stimmlage angab. Sie hat die Anweisungen des Komponisten in Dynamik und Tempo eingehend studiert und so, ähnlich wie es etwa Andras Schiff zuletzt mit Beethovens kompletten Klaviersonaten tat, eine eher lichtere, unsentimentale Interpretation ausgearbeitet.

Über das Klangbild der Multichannel-CD kann man streiten, speziell über das des Instruments, doch der beeindruckende Aufnahmeort der Vågan-Kirche in Kabelvåg (Lofoten) ist ein Glücksgriff: Die auch Lofoten-Kathedrale genannte Holzkirche, eine der größten nördlich von Trondheim, gibt eine beeindruckende Atmosphäre für diese akzentuierte, dichte und von dialogischer Intensität gezeichnete Interpretation vor, zu der das kraftvolle Naturmotiv auf dem Cover trotz Klischeegefahr vorzüglich passt. Eine vorbildliche Veröffentlichung aus dem Hause LAWO, die wunderbar dazu einlädt, einen der konstanten Klassik-Bestseller der Nordischen Länder immer wieder neu zu entdecken und zu genießen. (ijb)



Siehe auch:
Marianne Beate Kielland & Sergej Osadchuk
Nils Anders Mortensen

Edvard Grieg: Grieg — Garborg / Vinje / Ibsen

 

Thommessen/Grieg: Veslemøy Synsk
(SACD, 2011, 2L/Musikkoperatørene 2L-078-SABD, 3 Discs)

Grieg unerwartet anders: Der Nationalromantiker erfährt vom 1946 geborenen Modernisten Olav Anton Thommessen ein Update. Griegs kleiner, aber präsenter Zyklus »Haugtussa« Op.67 (1895) aus acht Liedern nach Texten von Arne Garborg nimmt in der norwegischen Musik- und Sprachgeschichte eine wesentliche Rolle ein. Thomessen bezeichnet Garborgs Werk gar als »eine der Kronjuwelen der europäischen Literatur«, zieht Parallelen zu Dantes »Göttlicher Komödie« und Puschkins »Eugen Onegin«, jedoch nur für Kundige der norwegischen Sprachfeinheiten wirklich wertschätzbar. Norwegen musste sich zu jenem Zeitpunkt erst noch von Dänemark emanzipieren, und so darf man diesen Texten eine nicht unwesentliche Rolle zuschreiben, zumal sie ihre Protagonistin, das Hirtenmädchen Veslemøy (alias Haugtussa), in einer für Frauen damals ungewohnt aktiven Rolle beschreiben.

Thomessen weitet Griegs kleines Werk nun, unter Zuhilfename von Griegs volksmusikalisch grundiertem Gesamtoeuvre, zu einem mehr als zweistündigen Monumental-Liedzyklus aller 45 Gedichtlieder des gesamten Garborg-Zyklus aus. Er adaptiert und variiert Kammermusik und andere lyrische Stücke in Form einer Collage und setzt sie in Beziehung zu Garborg und Grieg. Dabei zieht er alle Register verschiedener Stile von Mittelalter bis Gegenwart, ohne dass sich je der Eindruck einer angestrengten Puzzelei oder einer großspurigen Ego-Nummer einstellt. Zudem sind Mezzosopranistin Marianne Beate Kielland und Pianist Nils Anders Mortensen sowohl langjährige Kenner von Griegs Kammermusik (siehe ihre Gesmateinspielungen beim Label LAWO) als auch versiert in ambitionierten, Epochen übergreifenden Programmen (siehe »Come, away Death«) und meistern diese Herkulesaufgabe bravourös. Kein Wunder wurde die Aufnahme für einen Grammy in der Kategorie »Best Vocal Performance« nominert.

Klanglich wie immer bei 2L ebenfalls top. Das Set enthält 2 Super-Audio-CDs und eine Blu-ray mit Mixen in Stereo und 5.1 DTS. Im ausführlichen Booklet sind detailreich alle Referenzen aufgelistet und die Handlung auch für Nicht-Norweger ausgeführt. (lha)



Siehe auch:
Nils Anders Mortensen
Kielland/Mortensen: »Come Away, Death«

Edvard Grieg: Thommessen/Grieg: Veslemøy Synsk

 

Grieg: Lyric Pieces
(2015, ATMA Classique/Note1 ACD2 2696)

Was Edvard Grieg in seinen »Lyrischen Stücken«, die in zehn Büchern zwischen 1867 und 1901 veröffentlicht wurden, schrieb, lässt sich als direkter Vorläufer von Claude Debussys Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenem Œuvre für das Piano begreifen. Gegenüber Griegs »Hauptwerken« gehen diese insgesamt 66 Stücke jedoch in der allgemeinen Wahrnehmung ebenso ein wenig unter wie gegenüber Debussys bis heute vielerorts beliebtem Klavierwerk. Jüngst haben sich ein paar wenige Pianist(inn)en daran gemacht, diesem umfangreichen Katalog kurzer bis sehr kurzer Kompositionen zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen.

So auch Janina Fialkowska, die für diese Einspielung eine individuelle Auswahl von 25 Stücken quer aus allen zehn Büchern getroffen hat. Dass die Kanadierin sonst eher als Chopin-Interpretin bekannt ist, klingt des öfteren durch (Buch 2: »Berceuse«, Buch 4: »Albumblatt«), und dies nicht zum Nachteil von Grieg, dessen Vorstellungen diese Aufnahmen vermutlich sehr entsprechen. Die gesamte CD kann durch souverän ausgearbeitete Vielseitigkeit punkten, obgleich die Gesamtstimmung zumeist verhalten bis melancholisch bleibt. Fialkowska wählt oftmals einen nüchternen, man könnte sagen »natürlichen« Ansatz, der Grieg besser steht als der Hang zu Idylle und Naturmystik, der früher gerne mit den skandinavischen Komponisten in Verbindung gebracht wurde. So sind im Besonderen jene häufig heiteren Miniaturen hörenswert, die aus kluger Distanz zur naheliegenden »nordischen Natur« heraus die Noten für sich sprechen lassen, und damit eben nicht das erfüllen, was das kurz gedachte Covermotiv verspricht. Zu diesen gelungenen Passagen zählen etwa bekannte Melodien wie »Norwegischer Tanz« (Buch 4) und »Salon« (Buch 8). (ijb)

Edvard Grieg: Grieg: Lyric Pieces

 

Engegård Quartet: Grieg · Sibelius · Thommessen
(SACD, 2015, BIS 2101)

Das norwegische Engegård-Quartett haben wir hier schon des öfteren als eines der spannendsten und besten Streichquartette Skandinaviens besprochen und entsprechend empfohlen. Immer wieder beeindruckt das Ensemble um den 1963 im nordnorwegischen Bodø geborenen Primarius Arvid Engegård mit ausgefeilten Interpretationen klassischer, zeitgenössischer und folk-verbundener Musik. Auf ihrer ersten BIS-CD wagen sie sich an zwei der meistgespielten und -gehörten Klassiker der nordischen Spätromantik, Edvard Griegs einziges vollendetes Streichquartett aus den Jahren 1877/78 und Jean Sibelius' »Voces Intimae« (1909). Abgerundet wird das Programm mit den beiden halbstündigen Werken von dem ganz jungen »Felix Remix«, dem kurzen vierten Streichquartett des 1946 geborenen Olav Anton Thommessen.

Mit ihrer sehr inspirierten Interpretation von Grieg legen die vier gleich zu Beginn der CD eine Referenzeinspielung vor, überaus lebendig und durchdrungen; ein sehr guter, ausgefeilter Ansatz, Grieg auf eine zeitgenössische Weise zu spielen, nicht, wie so oft, romantisch angestaubt, sondern viele verschiedene Seiten in dem gut 33-minütigen Werk in ihrer Gegensätzlichkeit zur Geltung bringend. Man hört sehr gut, welche unterschiedlichen Elemente in die Komposition eingeflossen sind. Und man hört die Lust der Musiker, wie sie jede Gelegenheit wahrnehmen, sich in die Vielzahl der Ideen und Gedanken Griegs einzufühlen und das, was von ihm angeboten wird, herauszukehren, nicht im naheliegenden Kontrast von romantischer Sehnsucht und ruppiger Gegenwart verweilend, sondern jede Wendung in ihrer eigenen kompositorischen Idee wertschätzend. Jeder Satz klingt frisch und neu; die Interpreten verstehen nicht nur, das Tempo klug zu gestalten, sondern eben auch aus ihrem Fundus ihrees reichen bisherigen Schaffens heraus inspiriert zu spielen.

Im Prinzip trifft all dies auch auf Sibelius' 30 Jahre später entstandenes »Voces Intimae« zu das nicht zum ersten Mal (siehe Emerson String Quartet) ein schlüssiges und angemessenes Gegenüber für Griegs Quartett bildet. Auch hier können die Engegård-Quartett-Musiker jedem der fünf Sätze eine ganz eigene, spannende Charakteristik – hier zeitgenössisch, dort volksmusikalisch, dann wiederum klassisch – verleihen, faszinierenden Klangfarbenreichtum gestalten, rhythmisch virtuos und bis zum mitreißenden Finale packend.

Bleibt Thommessens neunminütiges Stück, dem die undankbare Rolle des Nachklapps nach zwei so fulminanten Werken zukommt. Es scheint auch nicht so ganz klar zu sein, was man sich von dem Sprung in die jüngste Gegenwart erhofft, obgleich das Scherzo aus Mendelssohns Op. 44 Nr.2 als Ausgangspunkt diente. Es wird mit reizvollen Klangideen und und surrealer Stimmung hantiert, doch würde man gerne noch hören, wie es nun weitergeht. Vielleicht Raum für eine Fortsetzung? (ijb)



Siehe auch:
Susanne Lundeng & Engegårdkvartetten
Engegård-Quartett: Beethoven - Nordheim - Bartók

Edvard Grieg: Engegård Quartet: Grieg · Sibelius · Thommessen



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