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Lange Rezensionen 1 - 10 von 401 im Genre »Klassik« (insgesamt 403)

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Hans Abrahamsen:
Danish String Quartet: Thomas Adès / Per Nørgård / Hans Abrahamsen
(2016, ECM New Series 2453 ) - Dänemark

Das junge Danish String Quartet hat sich über die letzten paar Jahre international einen Namen gemacht und eine Reihe hörenswerter CDs bei verschiedenen Labels veröffentlicht; darunter skandinavische Volksmusik und eine zweiteilige Kompletteinspielung der Quartette von Carl Nielsen (dacapo) sowie Klassiker von Brahms und Haydn. Nicht zu verwechseln ist das Ensemble mit dem Danish Quartet, das in den Neunzigerjahren unter anderem hervorragende Einspielungen von Gubaidulina und Hindemith bei cpo vorgelegt hat.

Für ihr ECM-Debüt, das im Mai 2015 mit Manfred Eicher in Neumarkt in der Oberpfalz eingespielt wurde, entschieden sie sich für ein spannendes Programm dreier zeitgenössischer Komponisten unterschiedlicher Generationen. Und allen dreien wurde nicht lange vor Veröffentlichung der CD besondere Aufmerksamkeit durch renommierte internationale Preise zuteil.

Die das Album bildenden Werke sind gewissermaßen, also dem Datum nach, nicht ganz so zeitgenössisch wie ihre jeweiligen Urheber. Was die drei indes verbindet, ist dass es sich um jeweils die erste Arbeit für Streichquartett des zum Entstehungszeitpunkt eines 20-jährigen Komponisten vor dem Durchbruch handelt. Das jüngste Werk – das erste auf der CD – stammt zugleich vom jüngsten Künstler: »Arcadiana« in acht Sätzen schrieb der 1971 in London geborene Thomas Adès im Jahr 1994. Er zählt zu den herausragenden Komponisten der britischen Inseln, nicht zuletzt seit sein Werk von Simon Rattle gefördert wurde, etwa beim Antrittskonzert bei den Berliner Philharmonikern im Jahr 2002. Adès wurde unlängst der dänische Léonie-Sonning-Musikpreis zugesprochen, was eine von mehreren Verbindungen mit den beiden dänischen Kollegen dieses Programms bildet. In den lesenswerten und erhellenden Liner Notes erläutert Paul Griffiths die Bezüge des Titels, wie Adès' Musik nationale Grenzen obsolet macht und mit welchen kompositorischen Stilmitteln er sich mit den beiden Dänen verbindet.

Von diesen überaus faszinierenden, aber keineswegs unmittelbar einnehmenden, an Schatten und Schattierungen, Verweisen und Verwandlungen reichen zwanzig Minuten geht der Weg zum 1932 geborenen Per Nørgård, der 2016 mit dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis ausgezeichnet wurde (den Léonie-Sonning-Musikpreis erhielt er zwanzig Jahre zuvor, und den Musikpreis des Nordischen Rats bereits 1974). Sein kontrapunktisches »Quartetto Breve« (1952) besteht aus nur zwei Sätzen und erzählt alles in gerade mal sieben Minuten, was ein wenig an Schostakowitschs kürzeste (und heiterste) Werke des Genres denken lässt. Nørgård, der später einen Platz als einer großer Sinfoniker des Jahrhunderts einnehmen sollte, knüpft hier zarte Bande mit dem damaligen Modernismus, teils unter dem Einfluss seines damaligen Lehrers Vagn Holmboe, teils wahrscheinlich auch vom wenige Jahre zuvor verstorbenen Bartók fasziniert. Wer Nørgård heute vor allem für seine Großwerke kennt und schätzt, sollte unbedingt diesem eher unbekannten, feinen Jugendstück besondere Aufmerksamkeit schenken.

Ein Schüler Nørgårds war der 1952 in Kopenhagen geborene Hans Abrahamsen, der häufig zur »Neuen Einfachheit« gezählt wird, was sich in seinen schlicht und fast minimialistisch anmutenden »10 Preludes« aus dem Jahr 1973 widerspiegelt. Ihm wurde wurde 2016 der renommierte amerikanische Grawemeyer Award verliehen (den Adès bereits im Jahr 2000 erhielt), im besonderen für seinen Liedzyklus »let me tell you«, der auf Paul Griffiths' Novelle basiert und beim Online-Klassikmagazin Musicweb International zum Album des Jahres gekürt wurde. Auch hier, in dem kaleidoskopartig schillernden Streichquartett, lässt sich in zehn lebhaften Miniaturen die Neugier eines jungen Talents erleben, das in Skandinavien längst hoch geschätzt (siehe z.B. die ebenfalls 2016 veröffentlichte CD »AIR« von Frode Haltli), hierzulande jedoch noch zu wenig beachtet wird.

Im Meer der laufend den Markt schwemmenden Streichquartett-CDs besticht dieses kraftvoll dichte und mit einer Dreiviertelstunde erfrischend kompakte Album mit höchster Individualität und lädt leidenschaftlich ein, Horizonte zu erweitern, statt immer nur auf die üblichen und bekannten alten und neuen Klassiker zu bauen. Hoffentlich folgen noch weitere Einspielungen von solch konkurrenzlosem Format. (ijb)



Siehe auch:
Frode Haltli: Sørensen / Abrahamsen

Hans Abrahamsen: Danish String Quartet: Thomas Adès / Per Nørgård / Hans Abrahamsen

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Kalevi Aho:
Aho: Klavierwerke · Works for Solo Piano
( SACD, 2014, BIS /Klassik Center Kassel BIS-SACD-2106 ) - Finnland

Es ist ja kein Geheimnis, dass wir das große und umfangreiche Werk des Finnen Kalevi Aho ebenso schätzen wie die beispielhafte kuratorische Arbeit seines schwedischen »Hauslabels« BIS. Da haben sich zwei gefunden und erfreuen das Herz des an zeitgenössischer skandinavischer Komposition interessierten Hörers mit durchgehend empfehlenswerten CDs. Daher darf auch mal ein wenig kritische Verhaltenheit angebracht sein, wenn eine 73 Minuten lange Zusammenstellung von über dreißig Stücken aus vier Jahrzehnten eher wegen der Vollständigkeit des Oeuvres von Interesse ist als aufgrund der künstlerischen Prägnanz.

Doch das ist Kritik auf hohem Niveau, und die Interpretin Sonja Fräki am edlen Steinway D macht ihre Sache sehr gut. Man kann ihr die Disparatheit des Materials ja nicht zum Vorwurf machen. Aufwerfen darf man die Frage aber schon, wie man eine Zusammenstellung als Album goutiert, wenn »Drei kleine Klavierstücke« (1971) von zusammen knapp vier Minuten das komplette Pianowerk der Siebziger Jahre ausmachen, die darauf folgenden »Zwei leichte Klavierstücke für Kinder« (1983) ebenfalls ein wenig verloren wirken und überhaupt mehrere Stücke nur rund 30 Sekunden kurz sind. Das ganze wirkt ein wenig pflichtschuldig — doch genug des Lamentierens.

In lyrischen Passagen fühlt man sich bei Kalevi Ahos Solo-Klavierwerk ein wenig an zeitgenössische Kollegen wie Valentin Silvestrov erinnert, doch ansonsten scheint sich der Komponist eher an der Klassik zu orientieren, verweist aber darüber hinaus ebenso auf Bach wie auf Komponisten der Romantik. Echte Frühwerke des 1949 Geborenen sind vor allem die 1965 bis 1968 entstandenen »19 Preludes«, die er vor seiner Bekanntheit schrieb, Übungsstücke in der Tat, doch machen sie knapp die Hälfte der 73-minütigen Laufzeit aus. Zum Ende hin wird's merklich spannender, flippig etwa der Prestissimo-Satz der 1993 entstandenen »Sonatina«, natürlich keine zwei Minuten kurz. Mit den elf Minuten von »Solo II« macht man kompositorisch eine klare Zeitreise in die Stilistik der 1980er, ein forderndes Werk, aber kein großes. Ganz ähnlich klingt die abschließende, 1993 geschriebene Sonate, 14 Minuten lang und von allen Werken das spannendste, in dem sich viele spannende Kontraste und Abwege entdecken lassen. Wenn man so lange durchhält. Ansonsten unser Rat: CD von hinten hören. (ijb)

Kalevi Aho: Aho: Klavierwerke · Works for Solo Piano

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Kalevi Aho:
Kalevi Aho: Kammermusik
(2012, BIS /Klassik Center Kassel BIS-CD-1886 ) - Finnland

Bekannter ist der 1949 geborene Kalevi Aho eher für seine Orchesterwerke, mit denen BIS vorrangig die andauernde und durchweg erfolgreiche Reihe der Aho-Werkschau bestreitet. Doch sollte das kammermusikalische Schaffen des Finnen nicht gering geschätzt werden. Drei dieser Werke, deren Entstehungszeitraum sich über gut zwanzig Jahre erstreckt, können in Form dieser mit 75 Minuten sehr langen CD kennengelernt werden.

Fast die Hälfte der CD-Laufzeit nimmt das eröffnende fünfsätzige Quintett für Klarinette und Streichquartett ein, das einen Teil von Ahos Holzbläser-Reihe bildet, die 1973 mit dem Oboenquinett begann und bis zum 2006 entstandenen Bläserquintett reicht. Wie schon bei der Premiere 1998 spielt Osmo Vänskä, ein intimer Kenner von Aho's Werk, auch hier die Klarinette. Der Zugang wird dem Hörer in diesem so klanglich fokussierten wie kompositorisch alle Ecken und Nischen abgrasenden Großwerk nicht leicht gemacht; eine extravagante Klarinette steht im Zentrum dieser Tour de Force, während die vier Streicher stets das Fundament oder den herausfordernden Part in dieser Zweisprache einnehmen. Wer mit dem Werk Ahos bislang nicht oder wenig vertraut ist, sollte eventuell den Umweg über die einnehmenderen Kammersinfonien wählen, bevor man dieses eher inkongruente und disharmonisch-sprunghafte Quinett zu durchdringen vermag.

Kaum einfacher wird man es mit der 25-minütigen Sonate für zwei Akkordeons haben, einer Variation der Sonate für Solo-Akkordeon, 1984 entstanden, was die späte CD-Veröffentlichung des Werks erklären könnte. Aho lotet alle Grenzen des Instruments aus, angelehnt an Liszts virtuoseste Pianostücke. Ähnlich neoklassizistische Färbungen schimmern durch das im überraschenden Wechsel teils skurril heitere, teils fast abgründig undurchsichtige Trio für Klarinette, Bratsche und Klavier, erst 2006 entstanden. Wenn auch nur unwesentlich weniger abstrakt als das Quintett kann das Trio doch durch die weniger ausufernd angelegte Gesamtstruktur und Länge sowie durch die Gleichbehandlung der drei Spieler viel unmittelbarer begeistern und überzeugen. (ijb)



Siehe auch:
Osmo Vänskä

Kalevi Aho: Kalevi Aho: Kammermusik

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Kalevi Aho:
Kalevi Aho: Symphony No.15 · Double Bass Concerto · Minea
( SACD, 2013, BIS /Klassik Center Kassel BIS-1866-SACD ) - Finnland

Ahos »Hauslabel« BIS schließt auf bis an die Gegenwart. Mit der jüngsten Folge gelangt die Aho-Werkreihe zu seiner 2009/10 komponierten 15. Sinfonie. Die 16. hat er wohl zwischenzeitlich bereits abgeschlossen — und (zumindest in dieser Hinsicht) damit eines seiner Vorbilder überrundet: Dmitri Schostakowitsch schaffte »nur« 15 Sinfonien, wobei man darauf hinweisen darf, dass Ahos Orchesterwerke zumeist auch nicht ganz so voluminös angelegt daherkommen. Seine Nummer 15 überzeugt mit vier Sätzen in dreißig kompakten Minuten, auf den Punkt dirigiert vom Moskau-geborenen Wahlfinnen Dima Slobodeniouk.

Superb schon die ersten Passagen des eröffnenden Satzes »Nebbia«, »Nebelmusik«, mit denen Aho alle Gewissheiten aushebelt. Doch —»meine Apotheose des Tanzes« nennt Kalevi Aho seine 15. Symphonie— steigert sich der Orchesterapparat aus den anfänglichen Nebelschwaden zu komplexen Tanzstücken (»Musica bizarra«, »Musica strana«), extravagant mit verschiedensten Schlaginstrumenten wie Bongos, Darbukas, Djembe und dem Riqq, einem arabischen Tambourin, ausgemalt.

Und auch über Osmo Vänskäs gewohnt durchdringendes Dirigat darf man sich hier wieder freuen: Er wünschte sich von Aho ein rund zwanzigminütiges Orchester-Virtuosenstück für das Minnesota Orchestra, das allen Musikern des Ensembles herausfordernde Aufgaben stellt — und das naheliegenderweise dieses sehr reiche, beeindruckende und komplexe Programm eröffnet. Aho beschreibt »Minea« als entscheidend von indischer und anderer orientalischer Musik inspiriert; auch die japanische Shakuhachi-Flöte diente ihm als Einfluss. Bestimmt hatte er eine Referenz an Ravels »Bolero« im Sinn. Das zunehmend rhythmisch effektvolle Orchesterstück endet in Höchsttempo, prestissimo, und da hört man die sich anschließenden Jubelstürme in den Philharmonien direkt mit.

Die beiden Werke rahmen das 2005 für Eero Munter geschriebene, ebenfalls halbstündige Virtuosenkonzert für Kontrabass und Orchester in fünf Sätzen, welches mit etlichen unerwarteten Klangideen und unorthodoxen Kadenzen aufwartet: einem Pizzicato-Duett mit der Harfe und einem Trio mit zwei Percussionisten. Ohne Frage: Mit dieser Folge der Aho-Reihe bekommt man Außerordentliches und ausgesprochen viel geboten, und somit gerade im Abwechslungsreichtum eine exzellente Reise quer durch das große Können des finnischen Meisters. (ijb)



Siehe auch:
Jaakko Kuusisto

Kalevi Aho: Kalevi Aho: Symphony No.15 · Double Bass Concerto · Minea

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Kalevi Aho:
Kalevi Aho: Theremin Concerto · Horn Concerto
( SACD, 2014, BIS /Challenge Records Internationa BIS-2036 SACD ) - Finnland

Nachdem der hoch produktive und ambitionierte Kalevi Aho Solokonzerte für alle wesentlichen Instrumente im aus der Romantik tradierten Orchesters geschrieben hatte, blieb ihm sozusagen nur noch das Horn. Er hörte 2009 Annu Salminen im südkarelischen Lappeenranta und war so hingerissen von ihrem Können, dass er sofort vorschlug, ihr ein Hornkonzert zu schreiben.

Das 26-minütige Werk verlangt von der Solistin Annu Salminen, anfangs aus der Ferne zu kommen, sich um das Orchester herumzubewegen und am Ende wieder hinter die Bühne zu verschwinden, so dass das Horn wiederum aus der Ferne erklingt. Dies ist jedoch nicht die einzige bzw. entscheidende Schwierigkeit, mit der die Widmungsträgerin dieses Einsätzers mit rituellem Charakter konfrontiert ist. Mikrointervalle und komplizierte Kombinationen aus Obertönen erfordern Interpret/innen mit hohem Können.
Der Gesamteindruck des Hornkonzerts bleibt, bei aller Virtuosität, ein erstaunlich schlichter. Einem mit zeitgenössischer Musik nicht oder wenig vertrauten Hörer dürfte es nicht schwer fallen, in die eher lyrische und getragen mysteriöse Atmosphäre einzutauchen. Spektakel sind hier nicht zu erwarten, und wer nicht genau hinhört, könnte eher eine streckenweise ereignisarme halbe Stunde beklagen. Da hilft indes die hervorragende Klangqualität der Super-Audio-CD, um zahlreiche Details entdecken und genießen zu können, die Dirigent John Storgårds aus der Partitur und dem Kammerorchester Lappland herauskitzelte.

Das anschließende, etwas längere Konzert für Theremin und Kammerorchester »Acht Jahreszeiten« schrieb Aho auf Bitte der Leipziger Musikerin Carolina Eyck, die ihn beim Besuch in ihrer Heimatstadt mit Technik und Möglichkeiten des 1919/20 von dem Russen Lev Termen entwickelten elektronischen Instruments vertraut machte. Auf der CD ist ein kurzer Videoclip zu finden, in dem Eyck eine kurze Einführung gibt.
Entsprechend spielt »Acht Jahreszeiten« mit den Möglichkeiten des Theremins, das mitunter wie eine menschliche Stimme klingt, zumal Eyck teils tatsächlich während des Spielens singt. Die acht Sätze basieren auf der Jahresaufteilung der Samen, und so gestaltete Aho das Werk, ähnlich wie das Hornkonzert und manch frühere Arbeit, mit schamanistischen Anklängen und zahlreichen naturtönigen Klangbildern. Der Finne bietet wie gewohnt faszinierende Entdeckungsreisen in die ungewohnte Möglichkeiten der Orchestermusik. (ijb)



Siehe auch:
Eero Hämeenniemi
Pehr Henrik Nordgren

Hafliði Hallgrímsson


Kalevi Aho: Kalevi Aho: Theremin Concerto · Horn Concerto

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Hugo Alfvén:
Hugo Alfvén: Sinfonie Nr. 5 a-Moll op. 54, Andante religioso
(2007, Naxos CD 8.557612 ) - Schweden

Die 5. Sinfonie ist eine unzeitgemäße Komposition. 1942 begonnen, 1953 uraufgeführt und 1958 nochmals revidiert, handelt es sich gleichwohl um ein bedeutendes Alterswerk des großen Schweden Hugo Alfvén (1872–1960). Der dramatische, dunkle Tonfall lässt nochmals die nordische Spielart der spätromantischen Tradition in allen Facetten aufleben, einschließlich eines eigenwilligen »Danse macabre«.

Nur ganz selten im Konzertsaal zu hören, liegt mit der aktuellen Produktion aus Norrköping, die die gelungene Gesamtaufnahme bei Naxos nunabschließt, überhaupt erst die zweite Einspielung des Werkes vor. Und sie besticht durch makelloses Spiel, eine ausgewogene, durchgehend gespannte Interpretation und einen angenehm direkten, satten und dennoch nicht lastenden Klang. (mku)

Hugo Alfvén: Hugo Alfvén: Sinfonie Nr. 5 a-Moll op. 54, Andante religioso

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Claude Loyola Allgén:
Claude Loyola Allgén: Sonata for Solo Violin
(2006, BIS CD-1381/82 ) - Schweden

Kurios, kautzig, einsam und tragisch. So lässt sich das Leben und Schaffen des in Kalkutta geborenen schwedischen Komponisten Claude Loyola Allgén (1920–1990) umschreiben. Am Anfang stand ein erfolgreiches Bratschen-Studium, es folgten Kontrapunktstunden, schließlich der Kreis der »Montagsgruppe«. Dann aber konvertierte Allgén, wechselte auf die Jesuitenschule nach Innsbruck – die Priesterweihe blieb ihm aber ebenso verwehrt wie der musikalische Durchbruch. Zu sehr erschien er den Zeitgenossen des musikalischen Establishments als Sonderling (er befindet sich damit in Skandinavien in guter Gesellschaft!); zu sehr isolierte sich Allgén selbst. Obwohl niemand seine Werke kannte, hielt man sie für unspielbar. Und so schrieb Allgén, den niemand wollte und der (wieder zurück in Stockholm) von Sozialhilfe lebte, nur für sich und die Zukunft.

Schwierig als Mensch, wurde ihm Aufmerksamkeit nur von den wenigen Interpreten geschenkt, die den Vorurteilen keinen Glauben schenkten und sich ernsthaft mit dem Schaffen auseinandersetzen wollten. Voraussetzung ist freilich physische und psychische Ausdauer. Und nachdem bereits 2005 Joar Skorpen bei dem Label »Nosag« erstmals (und live!) die gigantische Sonate für Violine allein (1989) vorgelegt hat, präsentiert nun Ulf Wallin seine (schrittweise produzierte) Sicht. Er hinterlässt dabei zwar einen abgeklärteren Eindruck als Skorpen, benötigt aber eigentümlicherweise auch eine ganze Stunde mehr für die drei Sätze des Werkes (insgesamt 161 Minuten). Gewöhnungsbedürftig ist auch die etwas hallige Akustik, obgleich Wallin selbst den Ort bestimmte.

Allgén verstarb, als sein Haus in Flammen aufging – vermutlich war er bei einer brennenden Kerze eingeschlafen. Seine erst späten gewonnenen musikalischen Freunde verfassten zur Beisetzung einen Gedenkspruch, der wie eine Verheißung klingt: »Claude, wir hören voneinander!« (mku)

Claude Loyola Allgén: Claude Loyola Allgén: Sonata for Solo Violin

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Joachim Andersen:
Joachim Andersen: Works For Flute & Orchestra
(2004, Danacord DACOCD 604 ) - Dänemark

Gestatten, Joachim Andersen! Ich war nicht nur Soloflötist und stellvertretender Dirigent der Berliner Philharmoniker, sondern seit 1898 auch Chefdirigent des Tivoli-Sinfonieorchesters. Als Komponist kennen mich alle Querflöten-Schüler wegen meiner 188 Etüden, mit denen sie seit hundert Jahren gemartet werden. Aber hier hören Sie den Effekt: Wie bei einem heiteren Sommer-Konzert im Tivoli muss das »Allegro Militaire« klingen – übrigens das einzige Orchesterstück für zwei Soloflöten. Federleichte Salonmusik wie »Deuxième Morceau de Concert«, die Ungarische Fantasie oder die beliebten »Variations Drolatiques«, die auf einer gotländischen Volksweise basieren.

Erst 95 Jahre nach meinem Tod wurden diese Stücke nun auf einer CD eingespielt, von meinem exzellenten Kollegen und Landsmann Thomas Jensen, der meine flinken Finger und die Atemtechnik geerbt zu haben scheint.
Ihr Andersen. (mls)

Joachim Andersen: Joachim Andersen: Works For Flute & Orchestra

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Fridthjov Anderssen:
Fridthjov Anderssen: Kammermusik
(2009, euridice /Musikkoperatørene EUCD 46 ) - Norwegen

Nordnorwegen vor 100 Jahren – was muss das für eine andere Welt gewesen sein? Abgelegen, schwer erreichbar, noch nicht von Ölboom, Massenfischfang und deutschen Touristen mit Reichtum gesegnet... Hier lebte Fridthjov Anderssen, im April 1876 in Moldjord in Nordland geboren, lernte als Kind 1888 das Orgelspiel vom ersten Organist der Kirche in Bodø und studierte als 15-Jähriger bereits am Peter Lindemans Musikkonservatorium in Oslo.

Nun könnte man meinen (oder hoffen), dass man mit Anderssens Werk eine kleine Raum- und Zeitreise in den abgelegenen Norden bekommt, oder auch in eine eigene musikalische Welt, die eben ein wenig anders ist... Doch bedauerlicherweise studierte der junge Mann während seiner Zeit als Organist und musikalischer Leiter in verschiedenen Nordland-Kirchen dann am Konservatorium in Leipzig, und seine Vorliebe für die deutsche Spätromantik tritt in seinem schmalen Kammermusikœuvre stark zutage. Besonders Wagner hatte es ihm angetan, doch dafür sollte man eher seine Chorwerke anhören.

Das hier vertretene kammermusikalische (vermutlich) Gesamtwerk wurde an drei Terminen zwischen 2006 und 2009 in der Osloer Sofienbergkirche und der für derartige Aufnahmen ebenso gern gewählten Hoffkirche in Østre Toten aufgenommen und ist fein gespielt von den Musikern des Streichquartetts MiNensemblet und dem Pianisten Sergej Osadchuk, einer verlässlichen Instanz für norwegische Kammermusik von der Romantik bis heute. Alles hübsch also, wenn auch recht frei von Überraschungen oder Erkenntnissen.

Oder sagen wir es so: Das Album wirkt vielmehr, als seien die Musikstücke als akustische Begleitung für die Betrachtung der zauberhaften Gemälde des nordnorwegischen Malers Eilert Adelsteen Normann (1848-1918) veröffentlicht worden, die in großer Zahl das Beiheft und Cover veredeln. Der Zeitgenosse des Komponisten, als »der große Maler der Mitternachtssonne« im Text bezeichnet, studierte in Düsseldorf und lebte einen Großteil seines Lebens in Berlin. Seine ein wenig an Caspar David Friedrich erinnernden Werke bleiben weit eindrücklicher in der Erinnerung als die Werke der CD und vermitteln eben jenen Einblick in die ferne Vergangenheit Nordlands, den man gerne von Anderssen bekommen hätte. (ijb)



Siehe auch:
Klaus Egge
Edvard Grieg / Sergej Osadchuk

Kielland / Osadchuk

Johannes Haarklou


Fridthjov Anderssen: Fridthjov Anderssen: Kammermusik

Offizielle Website

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Arctic Philharmonic Orchestra:
Tschaikowsky: Symphonie Nr. 5 · Suite aus »Schwanensee«
( SACD, 2013, BIS 2018 ) - Norwegen

Das Arctic Philharmonic Orchestra (Nordnorsk Symfoniorkester) wurde erst 2009 gegründet, nimmt jedoch eine gewisse Sonderstellung ein, da es, weit nördlich des Polarkreises in Tromsø beheimatet, das nördlichste Orchester der Welt ist. Konzerte im Ausland haben es freilich schnell bekannt gemacht. So wurde ihre Aufführung von Tschaikowskys Fünfter ausgerechnet in St. Petersburg, mit einer anschließenden ausverkauften Tournee durch China, ein solcher Erfolg, dass das Werk in der Folge auch in Nordnorwegen für diese CD-Veröffentlichung beim schwedischen Vorzeigelabel BIS eingespielt wurde.

Christian Lindberg, international gefeierter und auch bei »Nordische Musik« – beispielsweise für seine Referenzeinspielungen der Sinfonien von Allan Pettersson – bereits vielgelobter Klassikstar ist Chefdirigent des Orchesters. Nun ist der Weg von Pettersson (via Mahler) zu Tschaikowsky nicht ganz so weit, wenn letzterer auch, »typisch russisch« würde man es wohl nennen, mehr ins Emotionale und Leidenschaftliche geht. Gerade diese Verbindung aus Lindbergs schwedischer Klarheit und Präzision und Tschaikowskys russischem Drama, in Verbindung mit dem jugendlichen nordnorwegischen Orchester rechtfertigen eine weitere Einspielung und CD-Veröffentlichung dieses beliebten Klassikers, denn fraglos liegen bereits mehr CDs mit der 5. Sinfonie vor, als die Welt braucht. Und da darf sich Lindbergs flotte, klanglich transparente und nie aufdringliche Interpretation zu den empfehlenswerten gesellen. Und die als Dreingabe gebotene Suite als dem Ballett »Schwanensee« steht dem keineswegs nach. (ijb)



Siehe auch:
Arctic Philharmonic Orchestra, Christian Lindberg: Ole Olsen
Christian Lindberg conducts Jan Sandström

Lindberg dirigiert Allan Pettersson

Tromsø Kammerorchester


 Arctic Philharmonic Orchestra: Tschaikowsky: Symphonie Nr. 5 · Suite aus »Schwanensee«

Offizielle Website

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Lange Rezensionen 1 - 10 von 401 im Genre »Klassik« (insgesamt 403)

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