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22 Pistepirkko: Einfach nur dem Fluss zugucken

Einleitender Essay von Rolf Jäger;
Interview von Stefan Merx


In Finnland sind die Insekten durchnumeriert.

Käfer Nummer 22, der »Kaksi-kymmenntä Kaksi Pistepirkko«,
ist eine Art gelber Marienkäfer und Taufpate
einer großartigen Band aus dem hohen Norden:
22 Pistepirkko.

22 Pistepirkko


»Wir kennen das seit 36 Jahren«
Ein Intro von Rolf Jäger


22. Pistepirkko

Hang zur Melancholie?

Finnland. Ihr wisst schon. Das letzte grosse Abenteuer Europas. Eine Welt der Extreme. Wer kennt sie nicht, die ewige Nacht, den endlosen Tag, Schreichöre, Tango und Holzgebiss? Selbst vor Ort muss man heutzutage nicht mehr sein: Das typische, allzufinnische spiegelt sich längst international wider in Filmen und Musik des Landes. Eben. Sowieso. Genau. Wir wissen schon.

Was in etwa das im Falle 22 Pistepirkko sein könnte, darüber kann ihr Sänger und Gitarristen PK Keränen, Finne schon seit Geburt, nur spekulieren: »Vielleicht unser Hang zur Melancholie? Keine Ahnung. Wir leben ja da, für uns sind diese Extreme normal. Ich kenne das seit sechsunddreissig Jahren!«

Ende der Siebziger hatte Keränen begonnen, mit seinem Bruder Asko und Schulfreund Espe Haverinen die Ramones zu covern, die den Punkrock bis in die Nähe des Polarkreises getragen hatten. Sich ausgerechnet das finnische Wort für »Marienkäfer« zum Namen zu nehmen, hatte seinen guten Grund: »Wir wollten einen Anti-Rock'n'Roll-Namen«, grinst PK. »Wir fanden, das war Punk!«

22. Pistepirkko

Konzert auf dem Ausflugsboot

Aus diesem freiheitlichen Geist und dem Drang zu ständiger Weiterentwicklung entwickelten 22-PP ab Mitte der Achtziger – mittlerweile in Helsinki aufgeschlagen – ihre kunsthafte Zitat-Popmusik. War »THE KINGS OF HONGKONG« (1987) noch astreiner Garagenrock der Sechziger-Prägung, wurde »RUMBLE CITY, LA LA LAND« (1994) ein eklektisches Indie-Rock-Album zwischen Mississippi-Delta und europäischer Postmoderne. »ELEVEN« (1998) schließlich, das Opus magnum des Trios, stilistische Quersumme des Geleisteten zum Einen, bildet das Album – die subjektive Wahrnehmung mal außen vor gelassen – mehr als ein anderes seiner Zeit die »Cut'n'Paste«-Ästhetiken des Post-Pop wie Beck & Co. ab: ein musikalisches Sittenbild des ausgehenden 20. Jahrhunderts, gemacht aus Popmusik.

Stagnation ob des grossen Erfolgs der Platte lässt das Trio nicht spüren. »RALLY OF LOVE« zum Beispiel ist einhundert Prozent Pop mit Achtziger-Anklängen und klanglich geradezu irritierend unbefleckt. PK: »Wir versuchen nicht, irgendwie lo-fi zu sein. Es ist immer noch wie am Anfang. Wir wollen Musik machen, die uns gefällt und das so lange tun, wie es uns Spass macht. Keine musikalischen Risiken mehr einzugehen wäre unser Ende.«



Das weiße Ausflugsboot
Ein Interview von Stefan Merx


22. Pistepirkko

PK in Cordschuhen (nicht im Bild)

Das weiße Ausflugsboot gleitet über den olivfarbenen See – einen von 180 Seen, die die finnische Industriestadt Tampere umgeben. Dieser hier heißt Pyhäjärvi, heiliger See, was allerdings nicht viel zu sagen hat. »Pyhäjärvis« gibt es in Finnland ungefähr so viele wie bei uns Eisdielen namens Venezia. Man schippert vorbei an Holzfabriken, Birken und Fichten und unzähligen Inselchen. Von Bord schleicht verhaltene Rockmusik in den Wald.

Diese Fahrt hat den Charme eines Familienausflugs. Wer möchte, bestaunt die musizierende Attraktion im Bug: Dort nämlich stehen 22 Pistepirkko im Kabelsalat und singen »Gimme Same Water«. Die drei Bandmitglieder hatten die Idee, ein Konzert im Rahmen des diesjährigen Musikspektakels »Tammerfest« schwimmend unter einer holzvertäftelten Decke zu absolvieren.

Auf Orientteppichen steht Gitarrist PK und tritt mit seinen braunen Cordschuhen wahlweise auf Knöpfe wie Fuzz oder Big Muff. Schlagzeuger Espe zerbeult seine Becken mit hölzernen Rasseln, die er bei manchen Stücken gegen konventionelle Sticks austauscht. Und Asko windet sich hin-und hergerissen in seiner Computerecke hinter dem Keyboard. Die Stimmung könnte besser nicht sein.

I'm Tired Of Being Drunk

22. Pistepirkko

»I'm Tired Of Being Drunk ...«

Kurz bevor das Boot wieder in den Hafen einläuft, singt Espe gelangweilt im Sitzen »l'm Tired Of Being Drunk«. Die meisten Zuhörer haben ordentlich einen in der Krone und singen natürlich trotzdem mit. Eine der geringsten Absurditäten an Bord. »Ich war ein bißchen angeödet von den hier sehr erfolgreichen Sauf-Songs. Ich wollte dem etwas entgegensetzen«, erklärt Espe später. Angeblich wurde der vermeintliche Partybremser sogar in Moskau ein respektabler Erfolg. In der Heimat wird dagegen nach alter Väter Sitte beim Landgang erst mal triumphierend erbrochen, um dann loszuziehen in Richtung Tammerfest-Amüsement.

Asko und PK Keränen scheinen am nächsten Morgen in Tampere ein besonders hartnäckiges Finnland-Klischee bedienen zu wollen: Die Brüder sitzen nicht gerne in der Sonne. Ihr alter Kumpel Espe Havarinen dagegen liebt das Licht. Also wird mit vereinten Kräften die Interview-Bank so gerückt, dass zwei Drittel der Band im Schatten sitzen. Asko trägt schließlich selbst nachts seine runde Sonnenbrille, wobei allein der Besitz einer Sonnenbrille in Finnland an Hochstapelei grenzt.

22. Pistepirkko

Espe liebt das Licht

22 Pistepirkkos Mischung aus langsamen, gefühlvollen Songs und schnellen Rock-Titeln wurde nicht nur im Boot präsentiert, sondern findet sich z.B. auch auf dem Album »ELEVEN«. Die Bandbreite spiegele laut Asko auch die unterschiedlichen Charaktere in der Band. »Wir verbringen so viel Zeit miteinander, da ist es doch schön, dass wir noch roh, traurig und mild sein können.« Wie mild, das beweisen die drei zum Beispiel im Stück »Boardroom Walk« – einem melancholischen Stück über die Träumerei, in die man gerät, wenn man abends um zehn noch im Büro sitzt.

Ein seltener Fall, dass sich eine Rockband so unironisch sentimental über das Befinden von Workaholics äußert. »Ich kenne so viele Leute, die ein Geschäft haben, groß oder klein, und dabei noch eine Familie. Sie müssen die ganze Zeit arbeiten, verlieren ihre Frauen. Das sind wirklich nette Leute, nur dass sie so viel arbeiten müssen. Ich kann sie gut verstehen, sie tun mir leid«, erklärt Asko.

Rockfeinde Nr. 1

22. Pistepirkko

Die finnische Band des Jahres 1982

22 Pistepirkko sind eine erwachsene Band. Ihre musikalische Variabilität – von Finnen-Pop über elektrifizierte Polka bis zum handfesten Rock – ist gleichzeitig ihr Rezept fürs Älterwerden. Und im mittleren Alter wenden sich die drei Jugendfreunde immer stärker dem computergestützten Kurztakt-Rhythmus zu und tauschen Samples mit den Kumpels von Larry & The Lefthanded.

Es ist nicht leicht, ein harmoniebedürftiges Volk wie das finnische zu spalten. 22 Pistepirkko haben es trotzdem geschafft: in Liebende und Hassende. 1982 wurden sie zur finnischen Band des Jahres gewählt – mit lässig vorgetragener Anti-Rock'n'Roll-Musik. »Lass uns hingehen und einen Skandal provozieren. Als Rockfeinde Nummer eins«, lacht Espe. Es gelang. »Als wir den Wettbewerb gewonnen hatten, wurden einige Leute ernsthaft sauer. Es hat unserer Karriere nicht geholfen, im Gegenteil.«

Damals sangen sie noch finnisch, spielten »Wild Thing« in einer charmant-naiven, grammatikalisch bedenklichen Version und klangen mit eigenen finnischen Kreationen ähnlich minimalistisch-fiepsig wie seinerzeit in Deutschland Trio. Spätestens mit dem »KINGS OF HONGKONG«-Album zeigten sie im übrigen, dass sich auch ihre Gitarren laut stellen lassen. »Es spornt mich immer noch eher an, wenn jemand unsere Musik beschimpft«, sagt Asko.

Jungs vom Lande

22. Pistepirkko

Asko aus dem Wald

Auf den Plattenhüllen weisen sie auf ihre Herkunft hin, zeigen Familienfotos und Bilder vom Wald. Asko: »Wir sind nun mal Jungs vom Land. Was du auch machst, es kommt einfach immer durch, dass du aus dem Wald stammst. Manchmal machen wir richtig urbane Songs wie »Frustration«. Da nehmen wir uns vor, mal so richtig wie die Beastie Baus oder die Chemical Brothers loszulegen. Aber hinterher«, lacht er, »klingt es doch wieder freundlich und entspannt.«

Im Song »Beautiful Morning« geht es vordergründig um das schöne Wetter. »Aber in Wirklichkeit ist das purer Horror: Die Ozon-Schicht ist völlig weg, und die Person im Lied weiß, dass eine Motorradfahrt die letzte seines Lebens sein würde. Und er fährt trotzdem.« Natürlich ist es ein schöner Morgen, also lass uns unseren Hund erschießen und sterben fahren. Ist das nicht depressiv, zynisch – typisch? Eigentlich nicht. Die drei Jungs sind zuvorkommend und gut gelaunt.

Einfach nur stumm hier sitzen ...

Natürlich: Alles, was die Finnen tun, wird von den klischeeverliebten deutschen Journalisten letztlich auf ihren unangenehm dunklen Winter zurückgeführt und in einer melancholischen Säuferseele zusammengefasst. »Ja, ein bisschen Wahrheit liegt da drin, aber was uns betrifft, waren wir in der letzten Zeit sehr glücklich.« PK nickt unter seinem Basthut.

Ein Klischee aber konnte letztendlich doch erhärtet werden: »etwas, das uns mit den Indianern verbindet: Wir sprechen nicht so gern.« Auf Tour mussten sie die Kunst des Small-Talks regelrecht erlernen, sagt Asko. Espe: »Alle Leute dachten, wir wären stoned oder sie hätten uns beleidigt, weil wir so still waren. Aber von uns aus könnten wir alle einfach nur stumm hier sitzen und dem Fluß zugucken. Da ist doch nichts Schlechtes bei.«

© Rolf Jäger, Stefan Merx
Foto-Credits: Stefan Merx



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