Zur Hauptseite
Diese Seite empfehlen Neuheiten CD-Rezensionen Service Suche Impressum

Anja Garbarek: Dieser Holztisch ist meine Bratsche

Ein Interview von Petra von Schenck

Übersprudelnd, offen und mit einem umwerfenden Lachen gesegnet – Anja Garbarek wirkt am Telefon so lebendig, dass räumliche Distanzen nebensächlich werden und Einrichtungsgegenstände sich in Musikinstrumente verwandeln.

Anja Garbarek

Norwegisch? Norwegisch!


Anja Garbarek

Anja: vollkommen weg

Anja (vorsichtig): Hallo?

Hei Anja! Wie geht´s Dir? (auf norwegisch)

Ohohoho! Das ist sehr gut! (auf englisch) Mir geht es sehr gut! (auf norwegisch und sehr begeistert) Ich kann es fast nicht glauben: Du sprichst norwegisch!

Ja – seit ungefähr siebzehn Jahren ... Mein letzter Kurs ist jedoch dreizehn Jahre her.

Also: Hast Du Lust, auf Norwegisch zu reden?

Ja, sehr gerne!

(Ganz enthusiastisch) Ich bin so froh! Das war so unerwartet, dass ich gerade vollkommen weg war. Du bist so flott – darüber bin ich sehr froh! Wir probieren es!

O.K. – Ich hatte auch einmal mit Deinem Vater einmal gesprochen. Wir haben zusammen ein Telefon-Interview gemacht und sprachen ebenfalls Norwegisch. Es kam mir wie ein Urlaub vor ... wenn dies wohl auch nicht für Dich heute gilt.

(Lacht sich kaputt, herzlich und überschwänglich) Ich habe mit den Leuten gesprochen, die hier im Büro arbeiten, und schon zu ihnen gesagt: Ich bin eigentlich glücklich dran, weil ich doch hier Leute zum Sprechen bekomme, die Lust haben, über die Musik zu reden.

Ich glaube, es gibt zur Zeit viele Künstler, die einem Plan folgen und etwas tun müssen, was sie nicht wollen – weil sie so und so viele Scheiben verkaufen. Es ist wie auf einer Art Fliessband.

Aber hier kommen doch Leute, die Lust zum Reden haben. Ich meine, es ist fast so, als ob man jemanden – wie einen Freund oder so – treffen soll, auf den man Lust hat, ihm zu begegnen und es mit ihm gemütlich zu haben. Und so sitzen wir hier und sprechen miteinander.

Anja Garbarek

Einen Hang zum Dunklen, ...

Ja, nur sitze ich Dir jetzt nicht persönlich gegenüber. Das ist jetzt ein wenig schade.

Oh ja, es wäre sehr angenehm gewesen, Dich zu begrüßen. Du bist das erste Mädchen, mit dem ich heute spreche.

Wirklich? (Anja beginnt zu lachen) Wirst Du heute noch weitere Gespräche führen?

Ja, danach habe ich ein Radio-Interview – mit noch einem Mann. (lacht erneut) Aber wenn ich das fertig habe, war ich sehr fleissig. Ich hatte neun Interviews heute – große, lange, flotte Interviews – und das ist superklasse.

Düster, um in Balance zu sein

Deine Melodien sind so schön, dass man sich gut fort träumen kann, aber Deine Texte haben jedoch eine sehr düstere Stimmung. Bist Du immer noch in dieser dunklen Stimmung oder geht es Dir nun besser, da Dein Kind ja jetzt ein wenig größer ist?

Ja, also, ich hatte immer schon einen Hang zum Dunklen. Ich habe mich viele Male gewundert, warum das so ist. Und auch Mama und Papa haben sich gewundert, warum ich so bin. (lacht herzlich)

Aber Dein Vater scheint doch auch ein wenig melancholisch zu sein.

Anja Garbarek

... den ich herausfinden will

Ja, also – er hat absolut eine Melancholie in sich. Aber es gibt so eine makabere Seite an mir, von denen sie meinen, dass sie etwas speziell an mir ist. Ich habe sie analysiert und kam zu zwei Schlüssen: Die eine ist, dass ich glaube, dass ich gerne das Dunkle herausfinden will ... und auf eine Weise das Ungefährliche. Daran halte ich mich, wenn ich mich mit mir selbst unterhalte.

Und die andere Seite ist: Ich hatte ein sehr, sehr sorgloses Leben und eine solch sichere Kindheit. Eigentlich bedrückte mich nichts Grausames und so dachte ich, dass ich vielleicht ... (Anja verstummt kurz nachdenklich) ... Ich glaube, es gibt eigentlich keine Dinge die so tief gehen, um grausam zu sein. Ich bin da möglicherweise ein wenig eigenartig, wie man ein grausames Gefühl auffassen soll. Ich glaube, Kinder sind sehr grausam in manchem, was sie tun, aber das wohnt doch an dem selben Ort. ... Ich möchte gern wissen, ob ich vielleicht dagegen immun bin.

Ich glaube, dass alle Menschen ein natürliches Bedürfnis für beide Teile haben, um das aufzuwiegen und um sich auf eine Weise in Balance zu halten. Ich habe eine genauso gute Kenntnis meiner schlechten und dunkleren Seiten und bin sie etwas mehr gewohnt als meine guten Seiten. Alle diese Facetten in mir sind genauso wichtig für mich, denn ich denke nicht, dass die Menschen nur das oder das sind – oder nur einen Ausdruck für dieses oder jenes haben. Ich glaube, dass man viele verschiedene Dinge in sich trägt.

Das macht es ja auch gerade so spannend, Menschen kennen zu lernen.

Anja Garbarek

All diese Teile in mir

Ja, ganz genau. Wir erleben ja die ganze Zeit neue Dinge. Aber leider ist es doch sehr häufig so, dass – wenn man anfängt, alle seine Seiten zu zeigen – gesagt wird: Nein das will ich nicht sehen, denn es waren andere Dinge, die ich an Dir mochte. Das ist sehr gefährlich für sehr viele Künstler.

So haben sie zum Beispiel eine Weile ein bestimmtes Image gepflegt. Dann möchten sie gerne andere Dinge ausforschen und erfahren, was sie noch sind – weil sie nicht nur eine Facette haben. Und dann verlieren sie dieses Publikum, weil es diese Facette nicht gutheißt. Die Menschen sind oft nicht an diesen anderen Seiten interessiert, weil sie nur genau das sehen wollen, was Du genau beim ersten Mal gegeben hast.

Genau das wollte ich niemals sein. Ich wollte immer frei sein und die Möglichkeit haben, in alle möglichen Musikrichtungen zu steuern – von Jazz bis Pop ... alles mögliche von Gammeldans (Anmerkung der Red.: traditionelle Volksmusik) bis 30er-Jahre-Saxophon-Spiel oder irgend etwas anderes. Also ich nehme ich alle möglichen Elemente in mich auf, weil ich einfach das Gefühl habe, dass ich all diese Teile brauche, um das auszudrücken, was ich wünsche und um auch über die Geschichte im Text hinauszuführen.

Komponieren mit der Stehlampe

Wie beginnst Du mit dem Komponieren?

Ich orientiere die Musik meist an der Geschichte, weil – so finde ich – die Worte einen ganz großen Platz einnehmen. Häufig höre ich Musik, bei der der Text entstand, nachdem die Melodie geschrieben wurde. Oft bekomme ich da das Gefühl, dass der Text in die Musik hineingezwungen wurde.

Anja Garbarek

Gibt es hier Gardinen?

Deshalb habe ich damit begonnen, die Texte zuerst zu schreiben und erkannte so, das dieser oder jener Satz eine Melodie aus sich selbst heraus hat. Dieser Satz gerade hatte doch auch einen eigenen Rhythmus, nicht war? Auch in der Geschichte selbst liegt eine Ordnung. So erfasste ich, wie es diesen Charakteren geht. Sind sie drinnen oder draußen? Ist es warm oder kalt? Wie ist die Stimmung in dem Raum? Gibt es hier Gardinen, nicht war?

In solchen Momenten beginne ich plötzlich, diese Dinge als Instrumente zu sehen. Dann bestimme ich: Dieser Holztisch hier zum Beispiel ist meine Bratsche. Und da drüben ist eine Stehlampe und die – meine ich – soll den elektronischen Laut repräsentieren, der irgendwie von dieser Seite kommen soll. Auf diese Weise sehe ich die Musik. Da fing ich an, zu verstehen, wie ich mit den anderen kommunizieren muss, und wie ich das Tonbild erhalten kann, das ich erschaffen will.

Ich mag die Vorstellung, dass der Tisch hier meine Gitarre ist. (Anja fängt an zu lachen im Hintergrund)

(Perlend lachend) Also mir hilft es sehr dabei, ein Gefühl dafür zu bekommen, was diese Musik macht. Ich bekomme eine Nuance, ein klares Gefühl, das ich als Orientierung nutzen kann. Ich wollte zum Beispiel ein Mädchen kreieren, das Angst hat, etwas zu fühlen und intim zu sein. Und so kommt da meine Bratsche und damit ein Touch hinein, den man gleichsam einmal hört.

Anja Garbarek

So hoch

Dieses eine Mal ist auch das, was ich haben möchte und in der Musik repräsentiert wird: Plötzlich beginnen da die Streicher und spielen so hoch, dass sie es fast nicht hinbekommen. So hoch oben. So dass es fast so ist, als ob sie nicht imstande ist, zu fühlen – als ob sie es fast nicht ertragen können, weil es so intensiv ist. Daher wählte sie einen anderen Weg, weil sie diese Intimität nicht haben möchte. Sie bringt es nicht fertig, diesem Weg zu folgen, und ich kam irgendwie auf den Marsch-Rhythmus zurück.

Wie vermittelst den Musikern diese Ideen?

Also eigentlich wird zunächst der absolut größte Teil mit dem Keyboard erzeugt und die Laute aus den Samples ausgewählt – und da von den Samples von Miroslavs Bank. Er hat sehr viele feine, schöne Laute da: eine hübsche Bratsche, die ich auf eine Weise irgendwie gerne spiele. Also spiele ich das zuerst auf dem Keyboard, und dann kommt da der Zeitpunkt, wo ich denke: Das kann ich doch machen! Ich denke, ich muss kein Instrument spielen und mich schlecht darin fühlen.

Ich habe eine Gitarre – wir können es ja zusammen versuchen. Allerdings sollten wir uns dann einen Platz suchen, wo uns niemand hört und es dicke Mauern gibt. (Anja lacht sich derweil im Hintergrund schlapp).

Ich bin ganz damit einverstanden mit dem, was Du sagst. Ich bin so ungeduldig, daher habe ich nie ein Instrument erlernt. Aber ich habe ein Diktaphon, das ich überall mitnehme – so kann ich da hinein singen. Ich benutze es auch viel, um zu zeigen, welche Art Chor es sein soll oder solche Dinge.

Anja Garbarek

Die Puschen angezogen

Ich habe aber auch viel mit Papa gearbeitet. Er war da, um mir bei den Streicher-Arrangements und bei den etwas heftigeren und schwierigeren Sachen zu helfen. Das ist ganz fantastisch. Du siehst: Ich zog zurück nach Norwegen mit dem Studio in meiner Wohnung, und so musste ich nur die Puschen anziehen und direkt runter gehen. Meine Mutter und mein Vater wohnen da, ich habe eine Kinderbetreuung, wenn ich es brauchen sollte, und das ist doch klasse!

Zeit zum Leben

Du wohnst jetzt mit Deiner Familie zusammen?

Ja also, ich wohne wie auf einem ordentlichen alten Hof in der Stadt. Es wohnen mehrere Leute da. Die Wohnung, die unter Mama und Papa liegt, stand zum Verkauf, aber ich war zu dieser Zeit gerade in London. Daher haben sie das gekauft, so dass Papa ein Studio einrichten konnte und einen schallgedämmten Raum hat und so weiter.

Der Rest der Wohnung wurde umgebaut, so dass ich und John da wohnen konnten, wenn wir in Norwegen zu Besuch waren. Es war so schön! Daher dachten sie – und dachte ich: Warum in der Welt sitze ich hier ohne Kinderbetreuung und ohne Netzwerk, von dem man Hilfe bekommen kann? Und in Norwegen habe ich das Studio und einen Kinderplatz – und kein Kopfzerbrechen!

Das klingt sehr praktisch.

Ja. Aber ich hoffe, dass es nicht noch einmal vier Jahre dauert bis zur nächsten Platte. Zuhause sind doch meine Verhältnisse sehr schön und gesund beschaffen. Aber manchmal geht es einfach darum, dass ich Zeit brauche, um ein wenig zu leben und etwas zu schreiben zu haben.

Anja Garbarek

Lesen und Wandern

Was machst Du gerne neben der Musik? Bücher über schlechte Menschen lesen?

(Lacht herzlich) In der Tat! Nein, ich mag es selbstverständlich sehr gerne, Bücher zu lesen – aber ich gehe auch gerne Wandertouren, das mag ich sehr gerne. Wir haben uns eine kleine Hütte gekauft, nicht am Wasser, aber wir haben eine fantastische Aussicht über das Meer.

Also, die Bilder kommen, wenn ich draußen bin, weisst Du. Ich war eine Weile Mutter eines Kleinkindes und dann habe ich – wie gesagt – die Platte gemacht. Danach war ich wieder eine Weile Kleinkind-Mutter, und das kam mir wie ein paar Pausen vor. Später bekam ich wieder ein paar Tourneen in Gang, und wir sind weiter dabei und werden sehen, was passiert. Somit kann ich vielleicht ein wenig herauskommen und ein paar Galerien besuchen oder ins Theater oder ins Kino gehen – oder so. Das wäre sehr schön!

Wie alt ist Dein Kind?

Anja Garbarek

Kleinkind-Mutter

Sie ist fünf und ein richtig beharrliches kleines Mädchen.

So wird sie auch eine sehr individuelle Person.

Jepp – das glaube ich wohl. Das wird wohl kein Problem. (lacht)

Gefühle auf dem Gang

Du hast auch die Musik zum Film »Angel-A« geschrieben: Wie bist Du da vorgegangen?

Also, es ist so, dass Luc sowohl viel von »BALLOON MOOD« und »SMILING & WAVING« als auch von der neuen Platte hier ausgewählt hat. Um sie zu platzieren, akzeptierte er Musik, von der er dachte, dass sie – im Verhältnis zu anderen Sachen – dramatisch klang.

Auf diese Weise verstand ich besser, was ihm einen Kick versetzte und somit war es etwas einfacher für mich, zu arbeiten. Es war auch etwas leichter, weil es meine eigene Musik war. Ich war sehr froh, dass er meine Musik als Grundlage auswählte – und dass er nicht versuchte, es zu verschlimmern und zu sagen, ich solle es so oder so oder so machen. Das war sehr, sehr angenehm, und ich fühlte, dass das Komponieren ein wenig auf die gleiche Weise ablief.

Aber da sind Bilder einer anderen Person – anstatt meiner eigenen – an die ich mich halten muss. Im Prinzip ist es doch derselbe Vorgang: Ich habe eine Szene, an der ich mich orientieren muss. Ich habe einen Raum zwischen dem Innen und Aussen. Was für Gefühle sind da auf dem Gang? Sind da die zwei Hauptpersonen, für die ich schreiben soll oder geht es eigentlich um den, der ganz hinten im Winkel sitzt, nicht wahr?

Anja Garbarek

Ein Raum zwischen innen und außen

Es gab ein ganz unglaubliches Erlebnis: Zweimal habe ich etwas für einen anderen Ort in dem Film geschrieben, und er stand da, hörte sich das an und sagte: Probiere diese Musik hier stattdessen an einer anderen Stelle. Ich tat es, und es öffnete sich alles. Es war so klasse!

Er hat so eine Ahnung, dieser Mann! Er war mir ganz unheimlich. Wie konnte er den Sinn dafür haben? Er verstand einfach, was er in der Szene haben wollte, und man legte man die Musik drauf, und plötzlich wurde es ganz anders. Das war sehr schön.

Hast Du keine Lust selbst wieder zu spielen? Du hattest doch damit begonnen, die Schauspielerei zu lernen, nicht wahr?

Ob ich Lust habe in einem Film zu spielen? Ob ich Schauspielerin sein möchte? Oh, das wäre supertoll! Aber danach bin ich bin nie gefragt worden. (lacht)

Du kannst doch Deinen eigenen Film machen, zuerst die Filmmusik schreiben und dann darin spielen.

Ja ... wenn niemand mich gebrauchen kann, mache ich meinen eigenen Film. (lacht) Ich glaube, auf eine Weise habe ich wohl in einem Film gespielt, wenn ich mich an meine Platten halte. Da bekam ich doch mein eigenes Universum, was irgendwie dazu führte, dass es – wie gesagt – sehr viel Spaß gemacht hat.

Aber da gibt es so viel, was dabei stimmen muss. Ich habe nicht nur den Anspruch darauf, im Film zu sein .All die Arbeit, die wir gar nicht im Film sehen – darüber war ich mir nicht klar. Es muss vollkommen richtig sein ... Aber ich habe mich riesig amüsiert, das habe ich.

Anja Garbarek

Billie Holiday bis Marilyn Manson

Ordentlich lieb – anständig schlimm

Welche Musik hörst Du gerne an?

(Lacht) Ach, es ist etwas schwierig, darauf zu antworten. Ich dachte gerade, wie schade es ist, dass ich mir nur wenig anhören kann. Weil das eine solch klassische Frage ist, möchte ich – als jemand der mit viel mit der Musik arbeitet – sagen, dass ich auch die Stille mag. Manchmal schaffe ich mir auch kleine Sammlungen, die meine ganze Person regeln – als laufenden Gegensatz. (lacht)

Ansonsten höre ich gerne alles – Ich brauche sowohl Laurie Anderson als auch Billie Holiday. Für all dies hier habe ich Platz. Wenn ich etwas auflege, sind das meist sehr unterschiedliche Arten von Musik. Ich höre mir sehr häufig das an, worauf ich gerade Lust habe. Das kann wirklich in der einen Sekunde Doris Day sein, und ich fühle mich sehr wohl dabei und finde es herrlich. Und dann kann ich Lust bekommen, Marilyn Manson mit Beautiful People zu hören, von denen ich finde, dass sie cool sind.

Anja Garbarek

Wie schnell wir uns wandeln!

Ich meine, es ist so wunderbar und schön, so viele Erfahrungen zu haben. Ich lasse es los und will nicht nur so und nicht so oder nur einen Stil haben. Ich komme gern mit viel Verschiedenem in Kontakt. Man möchte sich selbst faktisch in die Stimmung eintauchen; es ist unglaublich, was Musik bewirkt! Es ist wirklich so – ich merke es an mir selbst –, dass man vollständig wechseln kann. Da sitze ich und bin so ordentlich lieb, und dann gehe ich und bin anständig schlimm. (lacht perlend) Es ist einfach unfassbar, wie schnell wir uns wandeln – ich erschrecke oft darüber.

Was mich fasziniert: Du siehst nicht die Musik, Du siehst nicht diese Laute, aber sie bewirken so eine Menge verschiedene Gefühle. Du kannst Personen begegnen, die die gleichen Gefühle haben und anderen, die eine völlig andere Idee von dieser Musik haben. Man kann sie mit vielen Menschen gemeinsam erleben und auch auf eine spezielle und sehr persönliche Weise.

Ja, das ist unglaublich. Genau jetzt merke ich, wie begeistert Du bist – aber das ist ganz unsichtbar. Da passiert so viel! Sind wir eigentlich nicht glücklich, die Möglichkeit zu haben, den Deckel von unserem Innersten zu nehmen? Das ist ganz fantastisch! Oh! Ich bekam gerade einen Zettel auf den Tisch mit einer Außenansicht, auf dem steht: »I'm so sorry, but we have to hurry a little bit.« Schade! Ich glaube wir könnten noch eine Menge reden. Das war furchbar gemütlich!

Wenn das nächste Album herauskommt, können wir gerne noch einmal sprechen.

Ja! Ich muss probieren, die Dinge ein wenig schneller geschehen zu lassen.

Anja Garbarek

Dinge ein wenig schneller
geschehen lassen

Nun ja, alles braucht seine Zeit. Man kann auch nicht schneller oder größer sein, als man eben gerade ist. Man kann nur sich selbst so mögen, wie man gerade ist und sich selbst ein guter Freund sein.

Ja, das ist so. Aber ich glaube auch, dass ich sehr häufig allzu hart zu mir selbst bin. Das habe ich jedenfalls begriffen. Es war herrlich, zu lernen, nicht so selbstkritisch mit sich selbst zu sein. Ich glaube, da bin ich gut vorangekommen. Jetzt ist es sehr, sehr gut. Jetzt bin ich ganz ... ganz ... im Himmel. (lacht)

O.K. Du, es tut mir sehr leid, ich habe sehr, sehr große Lust, noch länger mit Dir zu reden, aber ich habe jemanden am Fenster winken sehen, und das ist jetzt nicht so gut.

Stimmt. Vielleicht bekommen wir ja die Möglichkeit, wieder miteinander zu reden.

... und einander zu begrüßen.

Anja Garbarek


Studio und Kinderhort
Eine Biografie

Anja Garbarek wurde 1970 geboren und wuchs in der Gegend von Oslo auf. Das einzige Kind des Komponisten und Saxophonisten Jan Garbarek mochte stets Musik, aber lernte nie ein Instrument. Sie interessierte sich stattdessen für die Schauspielerei und schrieb sich mit 16 Jahren in einer Schauspielschule ein. Hier sang sie in einem Bühnenmusical - und überzeugte die norwegischen Plattenindustrie.

Anja Garbarek

1992 veröffentlichte sie ihr Erstlingswerk »VELKOMMEN INN« und ging im Anschluss daran auf Tournee. Zusammen mit Marius DeVries – Produzent von Massive Attack, Björk und Madonna – arbeitete sie an »BALLOON MOOD«, das 1996 erschien. Im Folgejahr zog sie nach London. Hier arbeitete sie an ihrem dritten Album »SMILING & WAVING«, das im Jahr 2001 erschien und Beiträge von u.a. Mark Hollis von Talk Talk und Robert Wyatt enthält.

Anja Garbarek wurde Mutter und zog 2003 mit ihrer Familie zurück nach Norwegen. Während sie sich dort ein paar Studios ansah, traf sie Gisli – einen isländisch-norwegischen Künstler – und entschloss sich, mit ihm zu arbeiten. Mit weiterer Unterstützung durch ihren Vater entstand so ihr viertes Album »BRIEFLY SHAKING«.

Ihre Musik kam auch als Soundtrack zum Einsatz: Einige Titel der letzten drei Alben sowie weitere extra hierfür komponierte Stücke untermalen den Film »Angel-A« von Luc Besson, der im Dezember 2005 in Frankreich erschien.

© 2006 Petra von Schenck, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Bjørn Opsahl (9), unbekannt (7)

Discografie

1992 Velkommen inn
1996 Balloon Mood
2001 Smiling & Waving
2006

Briefly Shaking



Neuheiten | CD-Rezensionen | Artikel | Service | Suche | Impressum

Bands:    Allgemein:    Konzerte:


© 2000 - 2017, Design & Programmierung: Polarpixel