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Apotygma Berzerk: Band Against The World

Ein Interview von Christian Dännart

Jedes neue Apoptygma-Album stellt einen gewissen Bruch mit dem Vorgänger dar, doch diesmal dürfte die Kluft besonders groß sein.

War das Albumdebut »SOLI DEO GLORIA« noch weitestgehend beherrscht von dunklem EBM, brach man schon auf »7« die Düsternis auf mit wesentlich mehr Melodien. Technoid war dann »WELCOME TO EARTH«, während »HARMONIZER« richtiges Dance-Feeling bekam.

Auf »YOU AND ME AGAINST THE WORLD« packt man nun die Gitarre aus und macht sehr regen Gebrauch davon. Mit etwas Zeitverzögerung sind Apoptygma Berzerk nun endgültig das große Ding, szenenübergreifend.

AB-Mastermind Stephan Groth sprach über das neue Album, Touren, die Bandchemie und seine Nebenbeschäftigungen.

Apoptygma Berzerk

Ein kurzer Rückblick

Apoptygma Berzerk

Älter geworden

»YOU AND ME AGAINST THE WORLD« verfolgt ein ganz anderes Albumkonzept als die letzten beiden Veröffentlichungen »WELCOME TO EARTH« und »HARMONIZER«. So gibt es weder Klangkollagen, noch Instrumentals oder Reprise-Flashbacks, sondern kompakte, gitarrenlastige Popsongs.

Richtig, für dieses Album habe ich mich darauf besonnen, dass es nicht mein Job ist, experimentelle, elektronische Musik zu machen. Ich bin älter geworden und überlasse das Experimentieren den jüngeren. Wir haben uns nicht hingesetzt und beschlossen, ein kompaktes Album aufzunehmen, es ist einfach so herausgekommen.

Auf den anderen Alben habe ich auch immer das gemacht, was ich wollte. Wir haben einfach Songs geschrieben, bis wir ein Album damit füllen konnten, und das ist das, was Ihr jetzt hört. Aber es ist wahr, es gibt keinen Techno, kein Trance, kein Euro Dance, und ich bin froh darüber, ich fühle mich damit einfach nicht mehr verbunden. Es wird aber wieder Club-Remixe geben.

Trotzdem bist Du doch noch zufrieden mit den früheren Veröffentlichungen?

Apoptygma Berzerk

No Future Pop anymore

Nun, das »HARMONIZER«-Album hat vielleicht etwas zu viel vom Euro-Trance. Damals habe ich nicht so gedacht, das ist aber jetzt meine Meinung. Damals war es gut und recht, ich kann aber kein Album mehr wie dieses machen. Ich möchte mich weiterentwickeln und das tun, was sich richtig anfühlt.

Das ist es eigentlich, was auch die Fans von Dir erwarten.

Die Fans erwarten eine Menge. Du kannst aber nicht jeden zufrieden stellen. Ich muss erst einmal mich selbst zufrieden stellen. Es gibt momentan so viel gute Clubmusic, da braucht es uns jetzt nicht auch noch dazu. Als wir damit begonnen haben, Industrial mit Trance und Techno zu mischen, was dann später als Future Pop bezeichnet wurde, gab es vielleicht 10 Bands, die so etwas gemacht haben, Covenant, VNV Nation etc. Nun gibt es an die hundert Bands.

Apoptygma Berzerk

Jeder kennt jeden

Wenn so viele andere Bands die Leute mit der Musik versorgen, warum sollten wir dann auch noch mitmachen? Da machen wir lieber etwas Neues. Ich bin sehr stolz auf alle bisherigen Veröffentlichungen, doch dieses Mal musste es eben etwas völlig Anderes sein, auch um die Spannung zu erhalten und etwas Unerwartetes abzuliefern.

Stammt der dominantere Gitarrensound von den Liveshows? Dort setzt Ihr ja schon seit Jahren auf Gitarren

In vielen Interviews muss ich darauf hinweisen, dass der Sound des Albums nicht so neu ist, denn es ist eben unser Livesound. Seit acht, neun Jahren benutzen wir Gitarren und Drums. Ich wollte bisher, dass sich die Alben von der Liveshow unterscheiden, aber das hat sich jetzt geändert. Das war übrigens die einzige Maßgabe für das neue Album: Wir wollen klingen wie bei den Liveshows.

Die letzten beiden Songs, die wir für das Album machten, waren die elektronischsten. Auch wenn es eine Menge Gitarre und Drums gibt, so ist die Produktion sehr elektronisch. Alle Songs bis auf »Maze« wurden elektronisch entwickelt. »Maze« ist ein purer Gitarrensong.

Da wir gerade von »Maze« sprechen, dieser Song entstand in Zusammenarbeit mit Mortiis, einer ebenfalls norwegischen Band.

Die Szene in Norwegen ist recht klein. Jeder kennt Jeden. Es gibt viel Kooperation zwischen den norwegischen Bands. Ich habe Vocals für einen Song vom Mortiis-Album »THE GRUDGE« eingesungen, in Frederikstad, meiner Heimatstadt.

Apoptygma Berzerk

Ich mag Zusammenarbeit

Sie meldeten sich vor einem Jahr, um auf ein paar Bier vorbeizukommen. Später habe ich sie dann angerufen und ihnen die Gelegenheit gegeben, sich zu revanchieren. Ich mag und suche die Zusammenarbeit.

Wie waren die Entstehungsbedingungen zum neuen Album?

Es ging sehr oft ins Studio. Es wurde in verschiedenen Studios gearbeitet, mit verschiedenen Toningeneuren, in Norwegen, Deutschland und Schweden. Das komplette Album wurde hier und dort aufgenommen. Normalerweise geht man ins Studio und nimmt ein Album in einem Monat oder meinetwegen in 14 Tagen auf.

»YOU AND ME AGAINST THE WORLD« ist der Mix eines großen Chaos. Deshalb hören sich manche Songs auch recht unterschiedlich an. Es liegt auch viel Zeit zwischen den einzelnen Stücken. Die ältesten Stücke wurden vor acht Monaten aufgenommen, die neueren vor zwei. Da liegt ein halbes Jahr dazwischen. Das ist aber ganz die Apoptygma Tradition. Auch auf den elektronischeren Alben sind die Songs sehr unterschiedlich, das wollte ich auch für das neue Album.

Was kannst Du mir zur Bandchemie von Apoptygma Berzerk sagen? Bisher warst Du ja das Mastermind.

Apoptygma Berzerk

Bandmitglieder mehr involviert

Bisher war es so, doch das ist der größte Unterschied, den das neue Album macht: Die anderen Bandmitglieder sind nun mehr involviert. Ich habe ihnen auch viel überlassen und mehr darauf geachtet, mit was für Ideen sie ankamen. Früher war Apoptygma wenig demokratisch, jetzt ist die Bandchemie ganz anders, früher war es das »Me Against The World«-Feeling, jetzt ist es »Band Against The World«.

Es ist schön, die guten Dinge zu teilen, mit Leuten zusammen zu sein, besser als nur alleine zu tüfteln. Es ist herausfordernder, spannender und spaßiger, wenn mehrere Leute etwas tun. So kommt das Beste von fünf Personen zu Stande. Nach »HARMONIZER« hat es mich angeödet, alles selbst in der Hand zu haben, es war zu viel Arbeit und zu viel Druck.

Viel Zeit habt Ihr Euch für das neue Album gelassen, was ist in der Zwischenzeit so alles passiert?

Apoptygma Berzerk

24 Stunden Action

Drei Jahre sind es seit »HARMONIZER«; in der Zwischenzeit gab es aber eine Menge an Touren, es gab das Projekt Fairlight Children, Remixes, spielten Festivals in Israel und Russland, es ist wirklich sehr viel passiert.

Das Synthiepop-Projekt Fairlight Children wird fortgesetzt?

Fairlight Children wird fortgesetzt. Die Aufnahmen zum neuen Album sind nahezu abgeschlossen, aber zur Zeit benötige ich jede Minute für Apoptygma. Ich denke, das Fairlight Children Album wird Ende nächsten Jahres erscheinen. Es ist etwas, das ich praktisch zum Spass mache, mit absoluter Freiheit, in dem was ich tue. Ich bekomme nicht mal negative Presse, weil niemand etwas davon erwartet.

Gab es bei den viele Touren besondere Erlebnisse, an die Du gerne zurückdenkst?

Jede Tour ist einzigartig. Es passiert sehr viel, und es dauert danach Monate, um für sich zu Hause zu realisieren, was genau alles vorging. Touren bedeutet 24 Stunden Action täglich eineinhalb Monate lang. Es ist immer ein Spass, an neue Orte zu kommen, Fans zu treffen, Party machen, mit anderen Bands zusammentreffen. Man knüpft viele Verbindungen.

Der gesamte soziale Part der Tour ist schön, Touren ist aber auch extrem harte Arbeit. Du gehst um 5 Uhr morgens ins Bett, stehst um 8 wieder auf und dann geht's zum Interview mit einem Lächeln. Es ist nicht so glamourös, wie sich das viele Leute vorstellen. Es sind 15 schwitzende, stinkende Jungs in einem Bus, das hat wirklich nichts mit Glamour zu tun, aber es macht Spaß.

Apoptygma Berzerk

(1)5 schwitzende, stinkende Jungs

Ihr wart ja diesen Sommer schon in Deutschland unterwegs. Wie waren die Reaktionen auf den neuen Apoptygma-Sound?

Die Leute reagieren sehr unterschiedlich. Je nachdem, wo wir spielten und wie viele Fans sich im Publikum befanden. In der Schweiz und in Deutschland haben wir auf Festivals gespielt vor völlig neuen Leuten. Das Feedback war recht gut.

Es gab Festivals, wo fast nur Fans da waren, da waren die Reaktionen recht geteilt. Ich schaue da nicht jeden einzelnen Besucher an. Aber als Band mit Historie weiß man, dass viele Leute wegen der Klassiker kommen. Es ist aber immer schwierig, neue Songs zu spielen.

Wird der Nachfolger zu »YOU AND ME AGAINST THE WORLD« wieder ein Bruch mit allem werden, was bisher für Apoptygma Berzerk stand?

Das kann gut sein. Ich gehe davon aus, dass auch das neue Album etwas Spannendes, Interessantes werden wird. Vor einem halben Jahr war ich skeptisch, wie das neue Album ankommen würde. In den Internet-Foren gibt es viel negatives Feedback, aber auch viel Positives. Jeder hat eine Meinung dazu.

Wenn jeder nur sagen würde: Neues Apoptygma-Album, ganz OK, das wäre schlimmer. So hätte ich das gerne auch beim neuen Album. Ich habe zwei Jahre, herauszufinden, wie ich das wieder hinkriege.

© Christian Dännart, erstmals erschienen in Tribe-Online
Fotos: Harald Hoffmann



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