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Apoptygma Berzerk: Photoshop Sucks

Ein Interview von Christian Dännart

Auf dem siebten Album »HARMONIZER« kommt man wieder ganz in den Genuss der unverwechselbaren Harmonien Apoptygma Berzerks; auch bedient sich Stephan Groth wieder bei sehr naheliegenden Effekten und Melodien, die er bei unserem Interview gerne als »Oldschool« bezeichnete.

Apoptygma Berzerk

Ein kurzer Rückblick

Apoptygma Berzerk

Non Stop Violence

Schon Anfang der Neunziger war der Norweger Soundtüftler Stephan Groth mit seinem Projekt Apoptygma Berzerk bemüht, dem kalten, elektronischen Gewand des EBM etwas Wärme einzuhauchen. Diversen EPs folgte das Album »SOLI DEO GLORIA«, das schon damals eine enorme Stilfielfalt aufwies und geprägt war von dunklem Groove und Tanzbarkeit. Die Clubhits waren unbestritten »Stitch«, »Bitch« und das Velvet Underground-Cover »All Tomorrows Party«.

Es folgte das Album »7« mit seinen Hits »Non Stop Violence«, »Deep Red« und »Mourn« und seiner schon wesentlich poppigeren Ausrichtung. Mit diesem Sound machten Apoptygma Berzerk sich auch Freunde jenseits des grossen Teichs, was die erste US-Tour 98 eindrucksvoll belegte. »APOCALYPTIC MANIFESTO« vereinte Remixe und neue Tracks, zudem erschien das Live-Album »APBL98«.

Der definitive kommerzielle Durchbruch gelang mit dem 99er-Album »WELCOME TO EARTH«, das den Pop-Appeal auf eine erste Spitze trieb, und in die Media Control Charts einstieg. »Kathys Song«, das wunderbare »Eclipse«, »Starsign« und »Paranoia« waren aus den Clubs nicht wegzudenken, außerdem erschien mit »Fade To Black« die wohl dancelastigste Metallica-Coverversion aller Zeiten.

Mit diesem Album endete der Plattenvertrag mit dem Indie Tatra Records, und Stephan gründete sein eigenes Label Harddrive, dessen erstes Signing natürlich Apoptygma Berzerk war. Als mächtigen Vertriebspartner wurde das der Warner Ableger WEA gewonnen. »APBL2000«, das zweite Live-Album mit Aufnahmen von verschiedenen Konzerten in Europa und USA zeigte den Fortschritt als Live-Band. Und dann kam »HARMONIZER« ...

Oldschool oder Retro

Apoptygma Berzerk

Mit Fanfaren zurück

Ich muss zugeben, dass ich Dein neues Album »HARMONIZER« erst gar nicht mochte. Mit dem disharmonischen Intro und dem stark dancelastigen Sound musste ich mich erst anfreunden.

Sehr gut! Viele sagen das, ich kann es verstehen und sehe das auch nicht negativ. Dasselbe passierte mir zum Beispiel mit »ULTRA« von Depeche Mode. Als die Platte erschien, war ich völlig entsetzt, und nun ist es mein Lieblingsalbum der Band.

Es ist manchmal so, dass man nur schwer Zugang zu einem Album findet und es dann um so mehr liebt, wenn man sich hineingefunden hat.

Der erste Song »Suffer In Silence« beginnt ja sehr heroisch – ist das eine Art Fanfare, die bedeutet: »Hey, we are back!«?

Das kann man durchaus so sehen, deshalb wird der Song auch der Opener für die Tour sein.

»Until The End Of The World« ist die erste Single aus dem Album. Ich habe ja immer noch Schwierigkeiten mit dem meiner Meinung nach etwas platten Keyboardriff. Weshalb trotzdem dieser Song?

Nenne es Oldschool oder Retro. Ich wollte einen Trance-Track machen, der Oldschool klingt. »Something I Should Know« ist ebenfalls sehr Oldschool. Diese Elemente der 80er und 90er sollten zum Sound von »HARMONIZER« gehören.

Als die erste Single »Until The End Of The World« entstand, gab es noch keine weiteren Tracks. Aber es ist eine typische Single. Auf dem Mera Luna-Festival spielten wir »Until The End Of The World«, und die Reaktionen waren recht positiv, deshalb die Entscheidung.

Photoshop und Pokemon

Apoptygma Berzerk

Man braucht uns nicht als Rockband

Nach dem letzten Album »WELCOME TO EARTH«" war die Entwicklung in alle Richtungen hin offen, vom EBM über die bewährte »WELCOME TO EARTH«-Schiene bis hin zu kommerziellem Dance. Irgendwie bist Du in alle drei Richtungen gegangen.

Du hast recht, es gibt Retro-Stücke, es gibt Stücke im Strickmuster des letzten Albums; die einzige Richtung, die nicht eingeschlagen wurde, ist die gitarrenorientierte. Ich könnte mir schon vorstellen, einen rockigen Song einzuspielen, aber kein ganzes Album in dieser Richtung.

Auf Tour kam mir schon die Idee, aber ich kam davon ab, als ich wieder zu Hause im Studio war und erkannte, dass das irgendwie nicht passte. Es gibt so viele gute Rockbands, da braucht man uns nicht dazu.

Es prallen auch so sehr unterschiedliche Songs aufeinander – der manische Opener »Suffer In Silence« auf den düstereren Track »Unicorn«, und die hitverdächtige Nummer »Rollergirl« wird vom ellenlangen, monotonen Stampfer »OK Amp, Let Me Out« abgelöst.

Auf einem Apoptygma-Album sollen so viele Stile wie möglich zu hören sein. Ich versuche nicht, die Songs passend zu machen. Ich mag es, wenn Tracks völlig unterschiedlich sind, das war schon auf den früheren Alben so.

Apoptygma Berzerk

Sehr persönlich ...

Vorherrschend beim letzten Album »WELCOME TO EARTH« war ja eine gewisse Space-Thematik. Sieht man sich so die Songnamen wie »Unicorn«, »Rollergirl«, »Pikachu« oder »Detroit Tickets« vom neuen Album an, dann kann man nicht unbedingt von einem Konzept sprechen.

Das letzte Album »WELCOME TO EARTH« hatte schon ein Konzept, »HARMONIZER« ist in der Hinsicht etwas freier. Was die Songnamen des neuen Albums betrifft, so versuche ich, etwas Humor in die Sache zu bringen.

»Photoshop Sucks« ist ironisch zu verstehen, denn jeder ist von diesem Grafiktool begeistert. Aber es geht darum, dass vieles Augenscheinliche so falsch und unwirklich ist, und dass man fast alles in irgendeiner Weise bearbeiten kann. In den Magazinen sehen die Leute so viel besser aus, als in Wirklichkeit, und so ist »Photoshop Sucks« eine Erinnerung daran, was wahrhaftig und schützenswert ist, und dass nicht alles so ist, wie es scheint.

»Pikachu« habe ich für meine Tochter geschrieben, die wie jedes Kind ein großer Pokemon-Fan ist (eine globale Seuche anscheinend, die Red.). Es ist ein sehr persönlicher Song, der entstand, als ich private Probleme hatte. Meine Tochter war nicht alt genug, um zu verstehen, aber sie half mir aus der Sache heraus. Deshalb widmete ich ihr den Song, es ist wie mit der Figur Pikachu, es ist die kleinste, aber stärkste. Alle Texte des Albums sind sehr persönlich gehalten.

iBook im Tourbus

Apoptygma Berzerk

Wie entstand »HARMONIZER«, und wie war die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Alon Cohan?

Das Album wurde in Norwegen aufgenommen und von Alon Cohan in New York produziert. Zusammen in meinem Studio arbeiteten wir die Songs aus, und die Tracks wurden dann in verschiedenen Studios gemixt.

»Until The End Of The World« wurde in London fertig; »Detroit Ticket« wurde auf der US-Tour im Bus aufgenommen. Viele Songs entstanden im Tourbus und wurden teilweise auch dort auf meinem iBook aufgenommen.

Der tighte, kraftvolle Sound ist auch etwas der Verdienst des Produzenten. Er schaffte es, die Tracks härter klingen zu lassen: ich selbst habe das nicht so gut hinbekommen. Unser früherer Gitarrist und ich produzierten gemeinsam das letzte Album, und ich war auch zufrieden, aber dieses Mal wollte ich mehr, deshalb arbeitete ich mit Alon.

Hat man versucht, Einfluss auf Dich und Deine Musik zu nehmen, im Hinblick auf die Veröffentlichung von »HARMONIZER« beim Major WEA?

Niemand nahm Einfluss auf meine Arbeitsweise. Natürlich waren Meinungen von Freunden und Fans oft hilfreich, und als Ein-Mann-Projekt bin ich auf Hilfe von anderen angewiesen, aber es wurde keinesfalls am kommerziellen Ventil gedreht.

Apoptygma Berzerk

Remixe ins Radio

Mit den Singles haben wir aber Pläne, die auch in eine sehr kommerzielle Richtung gehen, es wird Trance- und Technoremixe geben. Es werden wohl die Remixe sein, die im Radio zum Einsatz kommen, und so erreiche ich auch Leute, die nicht aus der Industrial- und Synthiepopszene kommen.

Hast Du auch William Orbit als Remixer für Dich gewinnen können?

Das wäre bestimmt cool, würde den Rahmen aber bei weitem sprengen. Aber es gibt einen »Until The End Of The World«-Remix von Schiller, ausserdem Remixe von Ladytron – so sprechen wir sehr viele verschiedene Szenen an.

Und Paul Humphries von OMD produzierte die Vocals von »Unicorn«. Claudia Brücken von Propaganda ist die weibliche Stimme des Songs. Das war ein Wunsch von mir, denn ich liebe die Band Propaganda.

Da scheint WEA ja große Pläne mit Dir zu haben; es wird mit Sicherheit auch Videos zu den Singles geben.

Videos gibt es für »Until The End Of The World«, ausserdem wird es eines für »Suffer In Silence« geben. Ob dieser Track aber dann als zweite oder dritte Single erscheint oder nur als Video, liegt bei WEA.

In Skandinavien wird »Rollergirl« eine Single; ich weiß nicht, ob der Song in Deutschland auch veröffentlicht wird. Aufgrund des unterschiedlichen Musikgeschmacks erscheinen in Deutschland, Skandinavien und den USA unterschiedliche Singles.

Die Highways der USA

Apoptygma Berzerk

Fünf Stunden im Viervierteltakt

Schon seit »7« tourt Ihr regelmäßig durch die USA, spielt dort oftmals in ausverkauften Häusern. Wie ist es, als Band aus Norwegen durch die USA zu touren?

Auf Tour und überhaupt auf Reisen erhalte ich meine Inspiration: Jeden Tag neue Leute zu treffen und jeden Tag neue Musik zu hören ist sehr inspirierend. In den USA zu touren, ist etwas ganz anderes als in Europa. Es sind die langen Fahrwege, die krassen Unterschiede, von einer Wüste aus die Skyline einer Stadt zu sehen. Durch die langen Fahrten hat man viel Zeit zum Nachdenken.

Die langen, monotonen Stücke (»Detroit Ticket«, »OK Amp, Let Me Out«) spiegeln mein Seelenleben im Tourbus wieder. Du sitzt die ganze Zeit in einem sehr begrenzten Raum, und Dir kommen die seltsamsten Gedanken. Ich spielte mit einem bestimmten Rhythmus herum, bis mir klar wurde, dass ich fünf Stunden im Vierviertel-Takt verbracht habe. Dieses Feeling kommt bei den angesprochenen Tracks durch. Touren mit einem Laptop ist eine gute Idee.

Wie erklärst Du Dir den Erfolg von Apoptygma in den Staaten, wo doch der Musikgeschmack der Amerikaner so sehr anders ist als der der Europäer?

Die Musik der Amerikaner basiert stärker auf Gitarren, ist rockiger. Aber mir kommt es so vor, als schauten sie immer mehr auch nach Europa, zumindest was die Industrial und Synth-Pop Szene betrifft. Das Publikum ist auch dementsprechend euphorisch, da nicht jeden Tag eine Elektro-Band in den Städten spielt. Gerade bei in Europa ist man da sehr verwöhnt.

Bei Eurer Live-Show hattet Ihr einen recht druckvollen Sound mit zwei Gitarristen. Auf dem Studioalbum sind die Gitarren aber ziemlich untergemischt.

"Auf CD soll Apoptygma sehr elektronisch sein, live experimentiere ich gerne, aber das ist eine andere Geschichte, denn eine Gitarre ist ein sehr gutes Live-Instrument, und in Verbindung mit den Drums kann man viel Energie freisetzen und ein besonderes Livefeeling erzeugen. Zu Hause sollen die Leute ein sehr elektronisches Album hören und live mit vielen Nettigkeiten und Energie überrascht werden. Von einem der beiden Gitarristen haben wir uns getrennt, aber auf dieser Tour wird dafür ein Drummer dabei sein, der das ganze Konzert bestreitet. Ich möchte auf jeder Tour etwas Neues bieten, damit es nicht über all die Jahre die gleiche Show gibt. Es klingt sehr gut mit Live-Drums."

© Christian Dännart, erstmals erschienen in Tribe-Online
Fotos: Olaf Heine



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