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Arve Henriksen: Ohne Supersilent wären wir nicht die Musiker, die wir heute sind

Ein Interview von Sebastian Pantel

Sie sind wohl die stilprägendste Formation der norwegische Avantgarde: Supersilent.
Ein Gruppe, die aus musikalisch starken Einzelpersönlichkeiten besteht, die auch solo und in zahlreichen Nebenprojekten glänzen.

Sebastian Pantel sprach anlässlich des achten Supersilent-Albums mit Trompeter Arve Henriksen – über Supersilent, aber auch über seine Solo-Arbeit.

Arve Henriksen, Foto: Jan Bang

Supersilent 8

»SUPERSILENT 8« ist draußen – wird es in den kommenden Jahren eine Nummer 10 oder gar 15 geben?

Das muss sich zeigen, aber wir wollen natürlich weitermachen. Wir haben ja genug Zeit und werden nichts überstürzen.

Arve Henriksen, Foto: Alf Solbakken

»Wir haben genug Zeit«

»SUPERSILENT 7« habt Ihr als DVD eines Konzertes in Oslo veröffentlicht. War es für Euch von vornherein klar, dass das eine einmalige Sache sein würde, oder warum ist »SUPERSILENT 8« wieder eine normale CD?

Grund für die DVD war der Wunsch, dieses Format einmal auszuprobieren. Die Idee kam von Kim Hiorthøy, der dieses Projekt machen wollte. Ob es in Zukunft weitere live-DVDs geben wird – wer weiß, vielleicht? Dass unsere aktuelle Platte, Nr. 8, eine Studioplatte geworden ist, entsprang dem Wunsch, tiefer in die Musik hinein zu forschen. Ins Studio zu gehen ist ein wichtiger Teil unserer ständigen Suche nach neuen Klängen. Wir hoffen, mit dieser Fokussierung neue Seiten unseres Musizierens zu entdecken. Das ist uns sehr wichtig.

Für »SUPERSILENT 6« bekamt Ihr den »Alarmpris«, eine Art norwegischer Underground-Grammy. Nun seid Ihr wieder nominiert – irgendwie wundert mich das. Das ist ein ziemlich populärer Preis – seid Ihr eine populäre Band?

Dieser Preis wurde als Alternative zum eher soliden Spellemann-Preis eingeführt. Er sollte das jugendliche Segment des Musiklebens bedienen. Dass der Alarmpreis einen »Music-Award-Look« bekommen hat und »populär« wirkt, stimmt sicherlich, aber das ist nichts, was uns schadet. Wir finden es gut, dass unsere Musik beachtet wird und glauben auch zu spüren, dass wir Anerkennung für unsere Musik bekommen haben, die ja ein bisschen abseits des eher leichten und verkaufbaren Mainstreams liegt.

Arve Henriksen. Foto: Oliver Heisch

Arve Henriksen

Ihr seid in der Kategorie »Jazz« nominiert. Ist das eigentlich Jazz, was ihr spielt? Vor allem die aktuelle Platte hört sich doch sehr elektronisch-experimentell an – »nyjazz« vielleicht, eine norwegische Wortschöpfung, die man mit »New Jazz« übersetzen könnte. Oder sind Kategorien vielleicht gar nicht so wichtig?

Für mich persönlich bedeuten sie nichts. Aber unsere Musik enthält absolut das wichtigste Element, auf dem auch Jazz basiert, und das ist die Improvisation. Ich will aber nicht, dass unsere Musik mit Free Jazz verglichen wird. Das ist etwas völlig anderes als das, was wir machen.

Speziell zu deiner Arbeit, Arve. Ich habe den Eindruck, dass deine Solo-Platten ruhiger sind, sanfter als das kontrollierte Chaos und die Ausbrüche von Supersilent. Gibt es für zwei verschiedene Weisen, Musik zu machen?

Nein, das würde ich nicht so einfach sagen. Ich war wohl oft in einigen Partien auf den »Supersilent«-Platten verantwortlich für einen großen Teil der Kraft und Energie und das Klangbild insgesamt allein mit Effektmaschinen und Loops etc..

Meine Soloplatten haben vielleicht eine etwas gedämpftere Stimmung, aber der Link zu »Supersilents« sanfteren Teilen ist ja oft deutlich. Ich sehe das Musikmachen als eine einzige Sache, die ich tue – und darin enthalten sind verschiedene Stimmungen und Ausdrucksformen. Im Laufe der Jahre habe ich ja bei einer ganzen Reihe Platten mitgemacht (rund 90 Stück), und es ist mir natürlich ein Bedürfnis, von Platte zu Platte variieren zu können.

im pulse von den Rändern

Arve Henriksen, Foto: Arve Henriksen

Über 90 Platten

Auf »SUPERSILENT 8« höre ich die typische Henriksen-Trompete erst bei Track 4. Spielt dD vorher gar nicht?

Oh doch, und wie! Ich spiele Trommeln auf mehreren Tracks, Synthesizer, und ich mache Elektronik: Treatments, Loops, Sampling, Stimme und Trompete. Das steht nur nirgendwo, und es macht ja auch keinen großen Unterschied.

Wie Du sagst: Du singst auch, nicht nur auf deinen Soloplatten, sondern auch auf »SUPERSILENT 8«. Und Du hast einen ganz eigenen Stil, der ein bisschen orientalisch klingt, finde ich. Wie hast Du den entwickelt?

Dadurch, dass ich viele Jahre lang sehr unterschiedliche Musik gehört habe, und mich dann irgendwann getraut habe, auch im Konzert zu singen.

Ich habe Dich ein paarmal live gesehen – in Köln, beim Moers-Festival, auf dem Punktfestival in Kristiansand. Jedes Mal bist du sehr bescheiden aufgetreten, bist oft im Hintergrund geblieben. Trotzdem sagt zum Beispiel Reiner Michalke, der Moers organisiert, dass Du einer der besten Trompeter bist, die er kennt. Magst Du es nicht, im Scheinwerferlicht zu stehen?

Naja, ganz so bescheiden komme ich mir selbst gar nicht vor, aber es ist gut, dass ich nicht prahlerisch rüberkomme ... Ich habe nichts dagegen, im Zentrum zu stehen, wenn ich musikalisch was zu sagen habe. Nicht ich als Person bin wichtig, die Musik ist es. Und doch leben wir in einer Zeit, in der wir, wie alle Künstler in populären Genres, verkauft und vermarktet werden sollen wie Waren.

Arve Henriksen, Foto: Rune Mæhre

Nicht ich als Person bin wichtig

Übrigens, ein anderer Michalke-Satz: Heutzutage kommen die Impulse innerhalb des Jazz-Genres von den Rändern – zum Beispiel und vor allem aus Norwegen. Hältst Du das mit dem »Rand« für ein Lob oder eine Beleidigung? Und hat er Recht?

Schön, dass wir Skandinavier solches Lob und gute Worte bekommen. Natürlich gibt es eine ganze Schar von Musikern aus Norwegen, die spannende Musik machen. Aber wir haben ja auch eine ganz nette Gruppe von Musikern, die uns den Weg gezeigt haben: Arild Andersen, Jon Balke, Jon Christensen, Jan Garbarek, Terje Rypdal, Nils Petter Molvær, Bugge Wesseltoft etc etc. Es ist ja auch Manfred Eicher und dem Label ECM viel zu verdanken, dass diese Musik einen Weg finden konnte. Aber auch im Rest von Europa passiert jede Menge Gutes, würde ich sagen.

Wenn Du Trompete spielst, hast Du dann eine Vorstellung eines »idealen Klangs«? Und wo wir gerade bei den Wegbereitern waren: ist Dein Ton anders als der von z.B. Nils Petter Molvær?

Klang ist zwar wichtig für mich, aber es ist nicht bloß ein Typ von Klang, den ich suche. Ich will variieren können und flexibel sein, so dass ich mich an verschiedene Umgebungen anpassen kann.

Supersilent

Supersilent: Arve Henriksen, Ståle Storløkken, Jarle Vespestad, Helge Sten

Die Farbe rosa

Arve Henriksen

Supersilent: Arve Henriksen

Zurück zu Supersilent. Diese Jahr feiert Ihr zehnjähriges Jubiläum – und Ihr wart auf Tournee in China. Wie war's?

Spannend, dorthin zu reisen! Viel gute Resonanz und ein interessantes Land. Technisch haben die Konzertveranstalter mit Herausforderungen zu kämpfen, aber der Enthusiasmus übersteigt oft das, was wir in Europa erleben. Der Wunsch, uns im Westen zu gleichen und innovative und herausfordernde Kunst zu präsentieren ist so absolut stark dort – China dürfte eine spannende Arena für Künstler aus der ganzen Welt werden.

Inwiefern sind denn Publikum und Konzertsituation anders als in Europa?

In Europa gibt es ja eine längere Tradition mit dieser Art von Musik. Das Publikum im Osten kann manchmal schon hungriger wirken auf das, was wir tun. Aber ich finde es schwierig, solche Bewertungen gegeneinander zu setzen.

Supersilent: Jarle Vespestad

Supersilent: Jarle Vespestad

Für das Mastering von »SUPERSILENT 8« habt Ihr Bob Katz gewinnen können – warum habt ihr Ihn gefragt?

Helge Sten hat mit ihm bei einigen Rune-Grammofon-Einspielungen zusammengearbeitet und mag, was er tut.

Wie war die Arbeit mit ihm? Hat er Euch einen anderen Sound verpasst?

Eine Nuancen sind vielleicht justiert bei der Produktion und bewirken, dass die Klangqualität homogener ist und die Energie maximal ausgeschöpft wird. Es ist ja immer gut, objektive Personen zu haben, mit denen Helge Sten sich bei einer solchen Produktion die Bälle zuspielen kann. Man muss auch betonen, dass es Helge Sten ist, der unsere Platten zusammensetzt. Fantastischer Mann!!

Supersilent: Helge Sten

Supersilent: Helge Sten

Vielleicht liegt es daran, vielleicht an etwas anderem – ich finde, »SUPERSILENT 8« ist anders als die Vorgänger. Fremdartiger vielleicht? Vielseitiger? Elektronischer? Auf jeden Fall kontrastreicher ...

Ja. Das Album ist anders. Die Stücke, die es auf die Platte geschafft haben, waren die Kompositionen, die als »neu« und »anders« aus den Aufnahmen hervorstachen und etwas Neues repräsentieren.

Du sagst »Kompositionen« – ich meine tatsächlich, mehr Struktur in den Stücken zu hören.

Es ist noch immer alles improvisiert. Kein Editing. Es gibt nur diesen enormen Willen und Wunsch, mehr und mehr deutlich zu werden.

Supersilent: Stâle Storløkken

Supersilent: Stâle Storløkken

Jeder von Euch ist eine starke, musikalische Persönlichkeit, entweder solistisch oder in anderen Projekten. Wie wird aus Euch, die Ihr so verschieden seid, ein so organisches Quartett?

Wir spielen schon viele Jahre zusammen. Es gibt in der Band ja einen roten Faden, der bis ins Jahr 1988 zurückgeht. Damals startete das Trio Veslefrekk mit dreien von uns als Mitglieder. Wir arbeiten nun seit fast 20 Jahren zusammen, und das schlägt sich in der Musik nieder. Wir inspirieren uns gegenseitig und haben großen Respekt voreinander. Ohne Supersilent wären wir nicht die Musiker geworden, die wir heute sind.

Letzte Frage: Wer bestimmt eigentlich die Farben Eurer Platten? Ist das Kim Hiorthøy allein?

Kim ... und Helge.

Und die allerletzte: Warum um alles in der Welt ist »SUPERSILENT 8« rosa?

Hast du's nicht mitbekommen? 2007 ist die hippeste Farbe für Platten-Cover rosa!

© 2007 Sebastian Pantel, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Oliver Heisch (1), Alf Solbakken (1), Jan bang (1), Arve Henriksen (1), Rune Mæhre (1), Rune Grammofon



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