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Baedy Belle: Ich kann mich in ein Wort verlieben

Ein Interview von Petra von Schenck

Eine höchst lebendige Beate S. Lech über die Liebe zur Musik,
Stevie Wonder und die Freude, auf Tour zu sein.

Beady Belle

Du hast eine neue CD herausgebracht – die zuerst in Norwegen herauskam, nicht wahr?

Ja, sie erschien hier am 18. März – am Frauentag.

Das passt ... war das geplant?

Beady Belle

Überraschung zum Frauentag

(lacht) Nein, das war eine schöne Überraschung.

Wie hast Du begonnen, an Deinem Album »Closer« zu arbeiten?

Wie ich damit angefangen habe? Ja – was soll ich sagen? Ich schreibe eigentlich die ganze Zeit – einen Text hier und eine Melodie dort –, und plötzlich kommt hier und da etwas.

Aber wenn es genau darum geht, wann wir uns auf das Produzieren der Platte konzentriert haben: Das war im Sommer 2004. Von da ab haben wir ein paar Tourneen gemacht und kamen dann nach Hause, und das war doch der einzige Tag ganz weg bis Weihnachten.

Hier in Deutschland müssen wir ein wenig warten, aber bald werden wir auch eine Möglichkeit bekommen, Dich zu hören. Du wirst auf eine Tour kommen, nicht?

Ja, es dauert nicht mehr lange, dann kommen wir auch nach Deutschland. Das wird sehr gut. Wir sind sehr froh, in Deutschland zu spielen. Wie haben ziemlich oft in Deutschland gespielt, deswegen haben wir angefangen, dort ein ganz gutes Publikum zu haben – es ist tatsächlich ein sehr gutes Publikum in Deutschland. Wir freuen uns sehr darauf.

Du hast Deutschland schon viele, viele Male besucht – gibt es eigentlich einen großen Unterschied zwischen diesen und den Zuhörern in anderen Ländern?

Ja, genau! (lacht) Es gibt einen großen Unterschied zwischen den Ländern, in denen man auftritt. Man hat doch etwas gemeinsam; man kennt einander und die Kommunikation zwischen der Bühne und dem Saal. Das erleben wir – wir haben darüber in der Band tatsächlich viele Male gesprochen.

Das ist tatsächlich sehr typisch in Deutschland. Wir fühlen, dass wir gut mit dem Publikum im Saal kommunizieren können, und das gibt ein wirklich gutes Gefühl.

Ihr seid an sehr interessanten und unterschiedlichen Orten wie Zagreb und Österreich gewesen – oder in der Türkei, in die ihr noch reisen werdet. Ihr seid auch in Kanada gewesen. Werdet Ihr demnächst auch dort wieder auftreten?

Beady Belle

»Oh, amazing ...«

Ja, wir waren viele Male in Kanada, aber ich weiß nicht, ob wir es geregelt bekommen, dort hin zu reisen. Aber wir werden im Sommer ein wenig dort hingehen, weil es auch ein ziemlich großes Publikum gibt. Es war notwendig für uns, zu reisen, um auf vielen Festivals zu spielen – weil es im Sommer viele dieser Festivals dort gibt. So ist das klasse.

Hast Du den Eindruck, dass es dort ein anderes Publikum gibt? Fühlst Du da einen Unterschied, wenn Du für deutsches – also europäisches – Publikum spielst oder vor kanadischen oder japanischen Zuhörern?

Ja absolut – da gibt es große Unterschiede! Japaner sind doch sehr höflich, aber natürlich sind sie auch ein sehr feines Publikum – aber auf eine ganz andere Weise. Ich möchte jetzt nichts Schlechtes sagen, aber Du merkst eine ganz andere Art von Atmosphäre.

In Kanada machen sie vielleicht mehr Geräusche wie: (jubelt kurz zur Verdeutlichung) – so mehr amerikanisch: »Oh, amazing!« (lacht herzlich). Ein wenig mehr so. Wie ich schon gesagt habe, ist es in Deutschland ganz speziell, weil wir fühlen, dass die Leute so sind, wie sie reagieren wollen (lacht).

Es ist leichter, an einem Ort zu leben, der so ist, wie Du ihn haben willst, oder?

(lacht sehr) Ja, das ist merkwürdig. Wir kommen von Norwegen, reisen nach Deutschland, und da gibt es mehr richtige Zustimmung als in Norwegen. Das ist seltsam, aber so ist es. Es ist gut.

Erstaunlich! Aber Du warst doch auch sehr erfolgreich mit Folk og Røvere, nicht wahr?

Ja, ja, ja.

Pflegst Du eigentlich noch weiterhin Kontakt?

Ja, doch. Ich habe ein wenig auf den letzten Platten gesungen. Aber ich bin 1999 umgezogen, da bin ich bei Folk og Røvere ausgeschieden. Aber Ulf – das ist der andere bei Folk og Røvere – hat mich bei allen folgenden Platten gefragt, ob ich ein wenig singen würde. Ich habe einen Song oder so auf den meisten Alben gesungen, und so haben wir einen sehr guten Kontakt.

Mit der Liebe zur Musik geboren

Beady Belle

Übern und zur Arbeit

Du hast zusammen mit Marius (Reksjø) auf der Universität Musik studiert. Wie hast Du eigentlich mit der Musik angefangen, oder wurdest Du mit der Liebe dazu geboren?

Ich bin eigentlich mit der Liebe geboren worden. Meine Eltern sind Musiker. Ich bin damit aufgewachsen, zu Tourneen und Konzerten zu reisen. Ich sass backstage und wartete auf meine Mutter. Mein Vater war ein Jazz-Violonist und meine Mutter Jazz-Sängerin. Es war nicht so, dass sie viele Alben herausgegeben hätten, aber sie sind viel in Norwegen unterwegs gewesen. Mein Vater ist aus Polen – er kam als herumreisender Musiker nach Norwegen. Ja, er hatte eine Tournee in Norwegen, Schweden und Finnland, und so traf er meine Mutter ... und dann kam ich (lacht).

Ich begann wohl, als ich sehr jung war und Violine spielte – ich war damals sechs Jahre alt. So habe ich viele Jahre Violine gespielt, sang auch im Chor und tanzte Ballett. Ich war ein sehr aktives Kind. Ich war bei allem dabei. Nach und nach – vielleicht weil ich den Chor mochte – bekam ich einige Soli in diesem Chor, und da entdeckte ich, dass ich ganz gut im Singen war. Und so wollte ich lieber das machen und war weg von der Violine.

Ich hatte eigentlich nie gedacht, dass ich Musik studieren würde, als ich klein war. Meine Eltern arbeiteten mit Musik, und so hatte ich eine Vorstellung, das es auch so sein würde, wenn ich erwachsen bin. Wenn man zur Arbeit geht, dann muss man doch üben!

Spielst Du weiterhin Violine?

Nein! Es ist nicht so schön, da länger zuzuhören. Mein Fokus liegt auf dem Gesang, der Komposition und auf dem Studio. Violine ist ein Instrument, dass man jeden Tag üben muss, und das mache ich nicht mehr. Ich habe meine Violine noch, aber sie ist eine Dekoration.

Was hast Du in der Universität genau studiert?

Als ich in der Universität begann, studierte ich zuerst Musikwissenschaft – also Musikgeschichte, -soziologie, Musiktherapie – eben alle Wissenschaften rund um die Musik. Einfach um am meisten rund um die Musik und das ganze Musikfach zu lernen. Und so begann ich auf der Musikhochschule in Oslo: Dort lernte ich Gesang und Komposition, Produktion und ging mehr in das Praktische über. Da ging ich dann fünf Jahre lang zur Universität. Ich studierte vor allem Jazz.

Du bist auch vom Jazz inspiriert, aber spielst ihn jetzt nicht. Hattest Du auch einmal den Wunsch, mit Deinen Eltern zusammen Jazz zu spielen?

Beady Belle

Zwischen Ella und Stevie

Meine beiden Eltern wendeten sich dem Jazz zu: Mein Vater spielte in einer Art »Hot Club« Gitarre oder Violinen-Musik im Stil von Sør Assmussen, und meine Mutter sang im Stil von Ella Fitzgerald. Auf diese Weise bekam ich durch sie den Jazz mit. Irgendwie fühle ich, dass Jazz die Musik meiner Eltern ist. Er ist mir sehr nah, aber ich bin Mitte der Siebziger geboren – mit Stevie Wonder und seinen »SONGS FROM THE CURE LIFE«.

Einer ahnte das vielleicht, meine Eltern diese Platte, und somit war das sicher ein starker Einfluss in unserem Haus. Aus diesem Grund habe ich einen ganz besonderen Bezug zu Stevie Wonder. Es ist MEINE Musik – nicht Mamas Musik! Für mich ist ist Soul und Funk genauso wichtig wie Jazz.

So entsteht ein Mix aus der eigenen und der Musik der Eltern?

Das war eigentlich richtig schade, weil ich vor meiner Ausbildung im Großen und Ganzen afro-amerikanische Musik mit schwarzen Musikern hörte. Ich glaube, das war eigentlich sehr uninteressant für mich weißen Typen. Aber als ich zu studieren anfing, hatte ich unter anderem Sidsel Endresen – die auch auf Jazzland ist – als Gesangslehrerin. Ich glaube, sie ist sehr tüchtig. Sie zeigte mir auch viele andere Künstler, die einen Samen legten und ein neues Buch für mich öffneten.

So erlebte ich Björk, Portishead und Massive Attack und eine Art Musik, die mehr elektronisch ... vielleicht mehr maschinell und kälter war. Davon habe ich auch viel mitbekommen – und bin dankbar dafür. Jetzt kommt es mir während des Komponierens so vor, als ob ich ein wenig die Inspirationen mische, die ich sowohl von der schwarzen wie auch von der weißen Musik erhalte.

Man kann doch immer arbeiten

Den ersten Teil Eurer ersten CD »HOME« habt Ihr größtenteils zu Hause aufgenommen. Wie bist Du bei »CLOSER NOW« vorgegangen? Du warst auch im Studio von Bugge Wesseltoft?

Ja, also unserer Beady Belle-Studio liegt im selben Haus und auf der selben Etage wie Bugge Wesseltofts Studio: Das ist der Grund. Wir haben nur einen kleinen Raum, und es war nur ungefähr vier Minuten zu laufen von dort, wo ich wohne. Die Situation ist eigentlich nicht so verschieden von der, wie ich »HOME« gemacht habe, weil es nur ein anderer Raum ist. Aber ich fand heraus: Nach »HOME« gehen wir doch nicht mehr länger nach Hause. Wenn man die ganze Zeit seine Arbeit in zwei Meter Entfernung hat, kann man zum Schluss ein wenig verrückt werden. Man bekommt immer ein schlechtes Gewissen, weil man nicht arbeitet. Man kann frühstücken und dann arbeiten gehen, man kann die ganze Nacht arbeiten ... man kann doch immer arbeiten.

So war es sehr schön, mit meiner Arbeit in einen anderen Raum umzuziehen. Da konnte ich hingehen und dort arbeiten, dann die Türe schliessen und nach Hause gehen. Auf diese Weise war es einfacher, einen Rahmen darum zu ziehen. Ich wollte es einfach zu Hause auslagern. Das war eigentlich der erste Grund, aber abgesehen davon ist der Unterschied nicht so groß. Das Studio von Bugge habe ich eigentlich bei allen Platten genutzt. Wir konnten die Violine einspielen, weil in meinem Zuhause nicht so viel Platz war, oder es war etwas schwierig.

Wann hast Du eigentlich begonnen, Dir zu Hause ein Studio einzurichten? Hattest Du schon zu Zeiten Deines Studiums damit begonnen?

Beady Belle

Zu viel Töne in den Maschinen

Also: Ich nahm auf der Musikhochschule an einem Fach teil, das »Moderne Musikproduktion« hieß. Dort lernte ich eine Menge über Computer, über alle möglichen Effekte und Maschinen, die man beherrschen muss, wenn man heutzutage eine Platte macht. Da kam ich auf den Gedanken, dass ich diese Ausstattung selbst haben möchte, so dass ich die Musik selbst machen und produzieren kann. Ich habe immer komponiert, seitdem ich etwa acht oder neun Jahre alt war. Damals habe ich zu Hause auf dem Piano meiner Mutter komponiert.

Wie reagierte Deine Mutter, wenn Du an Ihrem Piano gesessen bist und sie nicht mehr üben konnte?

(lacht) Das war ganz in Ordnung. Ich war sehr weit, weil ich sehr viel Zeit bekam und Raum, um zu spielen – und das war wichtig. Faktisch bei allen Platten mit Beady Belle bin ich nach Hause zu meiner Mutter gefahren, war da für eine Woche und habe dort ein paar der Gesänge erzeugt, die auf den Alben zu finden sind. So kam ich mit dem alten Piano auf ganz andere Ideen, als mit den modernen Maschinen, die ich hier habe.

Welche sind das? Wie gehst Du da vor?

Eigentlich sind es die ersten Ideen. Eine Sache ist es, zu komponieren: Du muss die Melodie machen und Akkorde fabrizieren – das ist das Erste. Das ist die Grundlage von allem. Dann kommt die Produktion. Die Komposition zuerst und dann die Produktion: Da bestimmt man das Tempo. Man bestimmt, welche Instrumente dabei sein sollen. Dann legt man die Gesänge fest. Es gibt ein wenig mehr Auswahl, nachdem man komponiert hat – und das mag ich. Das kann ich in Oslo an meinen Computern machen, weil ich da verschiedene Dinge auschecken kann.

Aber genau das erste – das Kind, das geboren werden soll, die erste Idee: Da denke ich, ist es schön, nicht so viel Ausstattung zu haben. Nicht die Töne in all den Maschinen. Ich reise nur nach Hause, in das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, sitze an dem alten Piano und dann kommt da etwas, das nah und echt ist.

So beginnst Du also mit dem Piano als Kern Deiner Musik?

Beady Belle

Zwischen Tränen lachen

Ja. Oft mache ich das. Ich mag es, auf viele verschiedene Arten zu komponieren, weil es so leichter für mich ist, nicht in einem Ausdruck zu erstarren. Wenn etwas fehlt, schreibe ich manchmal den Text zuerst – mehrere Texte – und lasse mich von der Atmosphäre inspirieren, die im Text ist, und schreibe die Musik danach. Da fühle ich, dass ich ganz andere Ideen bekomme. Es kann schön sein, einen zum Beispiel sehr tristen Text zu schreiben. Wenn ich dann die Musik dazu schreibe, kann ich daran wie einen Film oder einen Soundtrack denken. Und dann kann ich Musik machen, die diese Atmosphäre ausfüllt.

Aber tatsächlich finde ich es interessanter, es umgekehrt anzugehen und Musik zu machen, die im Kontrast zum Text steht. Da passiert etwas Besonderes, meine ich. Wenn man den tristen Text hat und eine sehr fröhliche Musik dazu schreibt, dann entsteht da eine Art von Ironie. Das, glaube ich, ist sehr interessant. Wenn ich selbst in einen Film gehe, sind meine intensivsten Erfahrungen genau jene, bei denen ich zwischen den Tränen lache und gleichzeitig lachen und weinen kann. Da entstehen für mich die intensivsten Gefühle. Ich finde, es ist interessant, das weiterzuführen, wenn ich komponiere und meine Musik in Kontrasten zu schreiben.

Dachpfannen oder: inspiriert durch Englisch

Beady Belle

Norwegisch zum Überleben

Was hat Dich zum Beispiel zur Textzeile »Beauty is only skin deep« inspiriert?

Der Text ist auf eine Weise ein Kontrast in sich selbst. Es liegt eine Art von Ironie in dem ganzen Text. Man strebt nach dem Naiven oder dem Oberflächlichen. Oder es gibt vielleicht etwas darunter, dass man vermissen wird: Selbst wenn ich es als Gold ansehe, bin ich nicht sicher, ob es Gold ist. Ich versuche, diesen Text auf viele unterschiedliche Arten zu sehen.

Es gab auch einen anderen Text, der zu sehr vielen Lebenssituationen passt: »When god closes a door he opens a window«. Wie kamst Du auf darauf? Bist Du auch religiös oder dachtest Du einfach, dass das gut zur Musik passt?

Ja, davon werde ich wirklich oft inspiriert. Wenn ich Texte schreibe, inspirieren mich zum Beispiel Filme. Ich lese englische Literatur.

So erhalte ich Inspirationen durch einen englischen Ausdruck oder von einem amerikanischen. Etwas, das vielleicht nicht im Wörterbuch steht, was nur im Sprachgebrauch benutzt wird oder was ich in einem Film höre. (spricht mit hoher, schneller, begeisterter Stimme:) »Oh, das war sehr schön gesagt, oh! – Das muss ich probieren!«

Ich habe immer ein Notizbuch neben mir, und wenn ich eine schöne Zeile im Film sehe, schreibe ich sie nieder. Und so spiele ich in den Ferien damit herum: Was kann das bedeuten? Wie lange kann ich es strecken? Ich finde, das ist interessant, weil es mein eigenes Verstehen ausweitet – auch das meiner eigenen Sprache, weil ich doch keine Engländerin bin. Ich denke nicht auf Englisch. Wenn ich träume, dann nicht auf Englisch.

Deshalb finde ich es schön, in einer Sprache schreiben zu können, die nicht meine eigene ist, weil ich dann eine Distanz dazu habe ... oder ich kann mich gerade von Sätzen oder einem Wort faszinieren lassen. Ich kann mich in ein Wort verlieben. (ganz begeistert:) »Oh, das schöne Wort! Dieser Prozess funktioniert nicht auf norwegisch, weil ich diese nur zum »Überleben« brauche.

Verliebst Du Dich dann in den Laut oder auch in die Bedeutung?

Beady Belle

Nähe ...

In beides. Es gibt zum Beispiel auf »HOME« einen Song, der »Pantile« heisst: Das war ein Wort, in das ich mich sehr verliebt hatte. Aber es bedeutet »Dachpfanne«, und ich habe doch eigentlich nicht wirklich Lust, über Dachpfannen zu schreiben. (lacht)

Aber weil ich in den Laut dieses Worts verliebt war, musste ich einen Link finden. Ich musste also rund um das Wort Dachpfanne philosophieren, damit ich das schöne Wort »Pantile« benutzen konnte. Es ist also verschieden: Manchmal bin ich in die Bedeutung verliebt, und manchmal verliebe ich mich in den Laut.

Ich bin auch ein wenig polnisch

Das geht mir mit Norwegisch genauso. Man hat auch ein anderes Gefühl, wenn man die Muttersprache der anderen Person verstehen kann. Einerseits hat man einen Abstand, wie Du es auch über Englisch gesagt hast, und auf der anderen Seite ist es sehr nah.

Ja. Man lernt doch die Kultur sicher besser kennen, wenn man die Sprache kennt. Wenn wir Englisch gesprochen hätten, nimmt man mit einem Mal eine Art Maske an, oder man möchte sich ein wenig von sich selbst distanzieren, und so lernt man nicht die echte Person kennen. So bin ich weg.

Das ist auch der Grund, warum ich gefragt habe, ob ich das Interview auch auf Norwegisch machen kann. Man ist den Menschen näher. Geht es Dir auch mit Polen so?

Beady Belle

... und Distanz

Nein, leider nicht. Das ist dumm, weil mein Vater ... er ... Ich hätte mir gewünscht, dass mein Vater mit mir polnisch geredet hätte. Dann wäre es einfacher gewesen, die Sprache zu lernen. Ich kann nur ein paar Worte. Ich brauche ihn als Dolmetscher, wenn ich meine Familie besuche. Das ist alles.

Das ist dumm, das ist dumm. Ich kann nicht alleine reisen – da muss ich englisch sprechen. Jetzt ist es leichter, aber vor ein paar Jahren lernten sie kein Englisch in der Schule: so konnte keiner Englisch. Es war schwierig, ohne meinen Vater zu reisen.

Warst Du mehrere Male da?

Ich war ein paar Mal da als ich klein war, in den Ferien. Seitdem ich erwachsen bin, war ich vor allem als »Beady Belle« dort. Das ist schön, da bin ich auf eigene Faust unterwegs, aber dann muss ich englisch sprechen. Aber da war ich dort, um zu spielen. Aber ich fühle, dass es ein Teil von mir ist – ich bin auch ein wenig polnisch.

Du konntest Dich somit gut darauf einstimmen, in andere Länder und Kulturen zu gehen?

Ja, weil ich einen polnischen Vater in Norwegen hatte – es gibt eine sehr unterschiedliche Kultur in Polen und in Norwegen –, glaube ich, dass es lehrreich war. Sie haben eine andere Kultur, die sie in sich aufnehmen.

Ein anderer Elternteil kann selbstverständlich auch ab und zu frust-rierend sein, weil man nicht ... man ist nicht so, ist wie die beide Eltern. (lacht) Aber dafür bin ich eigentlich dankbar, denn es ist leichter zu verstehen, dass man anders ist, dass die Kultur anders ist und nicht alle so denken wie die Norweger. (lacht)

Beady Belle

Marius macht Pause ...

So ist man einerseits anders als die anderen, und andererseits bekommt man leichter Kontakt zu Menschen mit anderer Kultur, nicht wahr?

Das ist das, was ich hoffe. Ich hoffe, dass ich geschickt darin bin.

Die unterschiedlichen Einträge in Deinem Gästebuch aus Los Angeles , Kanada und Japan scheinen das zu bestätigen. Wirst Du auch nach Amerika gehen?

Es gab Pläne dazu – ich weiß nicht. Ich habe noch nichts Konkretes bekommen. Wir werden sehen. Ich war noch nie in Amerika, deswegen weiß ich nicht, wie es da ist. Wir waren oft in Kanada, aber ich weiß nicht, ob es sehr unterschiedlich ist.

Auf Tour gehen ist das Beste von allem

Nimmst Du auch alle Deine Kollegen mit auf Tournee?

Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis wir rausgehen und reisen, und da freue ich mich SEHR darauf. Das ist der Grund, warum ich Platten herausgebe: weil ich auf Tour gehen kann. Das ist das Beste von allem. Auf der Bühne stehen und geben zu können – dem Publikum geben zu können. Das ist der Grund, warum ich Musik mache.

Es gibt Musiker, die anders denken und es am meisten mögen, Platten zu machen. Aber für mich selbst trifft das nicht zu. Ich liebe es, herum zu reisen und Leute kennen zu lernen.

Beady Belle

Kein Autopilot

... und spontan zu sein ...

Wir machen das bei Beady Belle so: Wir haben die Gesänge geöffnet, so dass es viel Raum für Improvisation gibt. Das bedeutet, dass wir darauf eingehen können, wie das Publikum im Saal rea-giert. Für mich ist es sehr wichtig in der Kommunikation. Also wenn man einen Song auf einem Konzert spielt und dann in die nächste Stadt reist, kann derselbe Song in einer Stadt drei Minuten und in der anderen Stadt fünfzehn Minuten lang sein. Einfach deswegen, weil es sich richtig anfühlt, und das kann dann sehr energisch und sehr laut sein. Oder es kann sehr still und vorsichtig am nächsten Ort sein.

Ich finde, es ist herrlich, diese Wahl treffen zu können und musikalisch gegenwärtig zu sein und leben zu können. Da fühle ich, dass ich da bin.

So bekommst Du auch viele Möglichkeiten, Dinge zu verändern und mit den Möglichkeiten zu spielen.

Ja, recht und schlecht. Gerade um nah sein zu können, um ehrlich und echt zu sein im Ausdruck. Wenn alles im Vorfeld verplant ist, wird man doch mehr wie eine Art Maschine, geht auf Autopilot und - zack – ist man fertig. Wenn man auf die Bühne geht und es offen ist, dann weiss man nicht ganz, welchen Weg man gehen möchte; dann muss man gegenwärtig sein. Man muss die Situation ergreifen, und da tauchen dann interessante Dinge auf, finde ich.

Und dass ist dann sicher auch interessant für Dich als Künstler, wenn Du wirklich in diesem Moment bist ...

Ja. Man ist nicht nur Künstler, wenn man Platten macht. Man ist auch Künstler auf der Bühne vor dem Publikum. So MACHT man Musik, und das zu machen, ist etwas Fantastisches, finde ich.

Man muss hier und jetzt zur Stelle sein

Wirst Du auch von Bugge inspiriert? Warst Du auf Tournee mit ihm?

Beady Belle

Mit 15 zum Talentwettbewerb

Er improvisiert viel auf der Bühne. Ein Element des Jazz ist, dass man nicht alles im Vorfeld vereinbaren kann. Dass ist vielleicht das stärkste Jazz-Element in meiner Musik. Meine Musik möchte ich nicht Jazz nennen, weil es viele Pop- und Soul-Elemente hat. Aber genau das öffnet es auch für die Wahl.

Wie hast Du Bugge eigentlich kennen gelernt? Die Musikszene ist ja recht klein, und als ich las, dass er Dich gefragt hatte, eine Platte bei »Jazzland« aufzunehmen, vermutete ich, dass es da auch schon vorher einen Kontakt gab.

Ja, den hatten wir. Das war faktisch 1992 oder 1991 ... ich weiss es nicht ... ich glaube, es war 1992. Ich war bei einem Gesangswettbewerb dabei. Ich war fünfzehn Jahre alt oder so, und da war so eine Art Talentwettbewerb im norwegischen Fernsehen. Ich gewann dort.

Die Prämie war etwas Geld, und ich sollte mit einer großen Band auf dem Molde Jazz-Festival das Eröffnungskonzert singen. Bugge Wesseltoft spielte in dieser großen Band – so haben wir uns ge-troffen. Das ist so lange her. Da war ich nur eine kleine Jugendliche. Ich war fast auf keinem Jazz-Festival gewesen und ich wusste nicht, wer diese großen Musiker waren. So war er einfach mit mir zusammen und sagte mir: »Oh, das ist ein sehr guter Musiker, und der und der ...« Das war sehr schön, und so haben wir uns kennen gelernt.

Und dann musste ich in die Stadt zurückreisen, aus der ich herkomme, und die Schule beenden – und dann zog ich ein paar Jahre später nach Oslo, um zu studieren. Da hatten wir immer noch Kontakt. Dann rief er mich plötzlich an und wollte eine Platte mit mir herausbringen. Ja, da war ich sehr froh. Es war ein sehr schöner Tag, als er anrief.

Solche Dinge machen das Leben so froh und besonders, nicht? (beide lachen)

Ja, ja, genau! Ich sollte sagen, dass es die Pointe im Leben sein muss, dass man ... lebt!

... und auch in dem Moment, in dem es geschieht?

Ja, ich finde, den sollte man nutzen. Ich glaube, nicht alles sollte kalkuliert und geplant werden und eine Pflicht sein im Lauf, aber man muss hier und jetzt zur Stelle sein.


Beady Belle


Von Insertcoin zu Bugge's Rom
Eine Biografie

Beate Slettevoll Lech erblickte in Volda das Licht der Welt. Durch ihre Eltern – ein polnischer Jazz-Gitarrist und -Violinist und eine norwegische Jazz-Sängerin – kam sie sehr früh mit Musik in Kontakt. Sie lernte selbst Violine und Klavier und engagierte sich in einem Chor.

Beady Belle

Mit der Zeit entdeckte sie ihre Vorliebe für den Gesang und konzentrierte sich darauf. 1992 gewann sie einen Talentwettbewerb des norwegischen Fernsehens und sang daraufhin während der Eröffnungszeremonie des Molde Musikfestivals. Hier lernte sie auch Bugge Wesseltoft kennen.

Nach Abschluss ihrer Schulausbildung zog Beate S. Lech nach Oslo und schrieb sich an der Universität Oslo ein, um Musikwissenschaften zu studieren. Gemeinsam mit dem Bassisten Marius Reksjø – der aus Horten stammt –, belegte sie dort ein Musik-Zwischenfach. Sie wechselte später zur Norwegischen Musikhochschule und studierte dort fünf Jahre Gesang, Komposition und Produktion.

Die beiden Musikbegeisterten spielten häufig miteinander – unter anderem in der Band Insertcoin und auch bei der sehr erfolgreichen Live-Band Folk og Røvere. Bei letzterer wirkte sie zwischen 1995 und 1999 als Frontfrau mit und sang auch danach bei der ein oder anderen Produktion mit.

Beady Belle

Im Jahr ihres Ausscheidens erhielt sie eine Anfrage von Bugge Wesseltoft, ob sie für sein neues Label Jazzland Records ein Album aufnehmen möchte. Zum großen Teil zu Hause und mit Unterstützung von Marius Reksjø erstellt, erschien »HOME« erstmals im Februar 2001 in Norwegen. Als gemeinsamen Namen sowohl für die Künstlerin Beate als auch als Projektnamen für das Duo wählten sie Beady Belle – das soviel wie perlenartige/glänzende Schönheit bedeutet. Die Produktion erntete große Aufmerksamkeit und so erschien sie bei Universal International im Laufe des Sommers in ganz Europa, Japan, Korea und Kanada, sowie später in Australien. Konzerte und Tourneen folgten.

Im Jahr 2003 erschien das Folge-Album »CEWBEAGAPPIC«, bei dem Beate und Marius verstärkt Unterstützung durch andere Musiker und Beady Belles Live-Band erhielten. Da sich die Musik des Projektes nicht mit einem herkömmlichen Wort beschreiben liess, wurde kurzerhand ein neues Wort aus den Anfangsbuchstaben von gegensätzlichen Eigenschaften kreiert und als Album-Titel eingesetzt.

Auch nach dieser Veröffentlichung folgten verschiedene ausgedehnte Konzerttourneen in Europa, Türkei, Kanada und Japan. Das dritte Album »CLOSER« entstand vorrangig im Aufnahmestudio »Bugge's Rom« von Bugge Wesseltoft und kam im Frühjahr 2005 auf den Markt.

© 2005 Petra von Schenck, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Universal / Marte Garmann Johnsen


Discografie

2005 Closer
2003

Cewbeagappic

2001 Home


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