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Boomhauer: Mississippi ist wie Mynämäki

Ein Interview von Eva-Maria Vochazer

Boomhauer, das Garagenrock-Trio aus Turku, ist eine Live-Band, deren Kauzigkeit und Kantigkeit sich auf Platte nur ansatzweise wiedergeben lässt.

Von den teils ruhigeren, Countrypop-inspirierten Songs des neuen Albums »ME THINK OK!» will Sänger und Mastermind Saku Krappala auf der jüngsten Deutschlandtour zum leisen Spott von Basser Marko Hongisto und Schlagzeuger Mikko Lappalainen nichts wissen.

Im Gespräch mit Eva-Maria Vochazer vor dem Konzert im hessischen Provinzstädtchen Babenhausen pflegen die drei Meister des schmutzigen, atemlosen Drei-Minuten-Songs die finnische Kunst des Understatements und enthüllen Schreckliches über ihren Musikunterricht.

Boomhauer

Mississippi liegt laut Saku bei Mynämäki

Keine soften Songs

Boomhauer

Saku – kein Diktator


Der Koch, der Lehrer und der Ingenieur. Auf den ersten Blick sind das drei nette, unauffällige junge Männer, die sich in einer Ecke des Pfadfinderheim-Musikclubs der überschaubaren Menge anpassen.

Durchaus schwiegersohntaugliches Material. Auf der Bühne jedoch geht nach den ersten Akkorden ein Energiestoß durch die drei Boomhauers, und plötzlich verwandeln sich die Kleinstadtjungs aus Turku in schweißtriefende, leidenschaftliche aufspielende Rock'n'Roll Animals, die auf den Tischen rocken. Allen voran der begnadete Entertainer, Erfinder eigenwilliger englischer Wortschöpfungen, schüchterne Provinzdandy und naturhippelige Saku Krappala.

Ihr seid in diesem Jahr schon in Japan, Großbritannien, Russland und der Schweiz aufgetreten. Ist 2005 ein Jahr des Durchbruchs für Euch?

Schlagzeuger Mikko winkt ab.

Mikko: Nein, nicht so richtig. Das Publikum ist bei unseren Gigs nicht besonders zahlreich vertreten. Das haben wir jetzt schon ein paar Jahren so gemacht. Wenn jemand uns fragt, ob wir irgendwo spielen wollen, dann tun wir das normalerweise.

So viel Bescheidenheit fordert zu Widerworten heraus. Klar, vielleicht sind Boomhauer in den letzten Jahren ein wenig bekannter geworden, lässt sich Mikko erweichen. Saku und Marko üben sich in der Kunst des gepflegten Schweigens.

Boomhauer

Bassist Marko – arbeitsloser Ingenieur

Euer neues Album »ME THINK OK!« unterscheidet sich sehr vom Vorgänger »WILD HUMAN CONDITION«: Die Songs durchbrechen die Zwei-Minuten-Grenze und zeigen eure weichere, country-angehauchte Seite. Ist irgendwie etwas Besonderes passiert?

Saku, sehr erfolglos gegen einen Lachanfall ankämpfend und auf englisch ungefähr so radebrechend wie Roberto Benigni in Jim Jarmuschs Kultfilm »Down By Law«:

Saku: Wir haben diese weicheren Songs schon zu unseren Anfangszeiten gespielt. Aber normalerweise – wenn wir spielen – gibt es keine soften Songs. Auch heute abend nicht.

Wirklich nicht? Bitte!

Saku, völlig ernst: Nein, ich glaube nicht.

Saku lässt sich nicht erweichen. Was sich im späteren Verlauf des Abends auch bewahrheiten wird. Mikko springt der Interviewerin galant zur Seite.

Wir sind keine demokratische Band


Mikko: Weißt Du, hinter den Kulissen sind wir uns darüber auch nicht einig. Ich denke, dass wir ein paar der ruhigeren Lieder spielen sollten.

Marko, meldet sich auf Nachfrage endlich zu Wort: Ja, stimmt. Wir sollten mehr davon spielen.

Mikko, verschmitzt: Du siehst also, dass Boomhauer keine demokratische Band ist.

Boomhauer

Wie in Texas

Und wer ist der Diktator?

Mikko, recht beleibt und hochgewachsen, zeigt auf den kleinen, zierlichen Saku. Der da!

Saku, sich zierend: Ich fühle mich aber nicht wie ein Diktator mit diesen Jungs!

Jetzt aber mal ernsthaft! Saku, Du hattest doch sicher Inspirationsquellen, als du die langsameren Songs geschrieben hast. Kannst Du einige nennen?

Saku, seufzend. Ich höre vor allem langsamere Songs wie die von Sparklehorse oder Lambchop und viele Singer-Songwriter.

Viele finnische Bands scheinen derzeit eine gewisse Affinität zur US-Countrymusik zu haben – so in etwa mit dem Cowboyhut auf dem treuen Gaul in den Sonnenuntergang zu reiten. Zum Beispiel die Latebirds oder Ben's Diapers. Wie seht ihr das?

Mikko: Ich weiß nicht genau. Vielleicht liegt das an der Melancholie vieler Countrysongs. Das interessiert mich.

Saku, sehr albern: Ich wurde in einem kleinen Ort in der Nähe von Mynämäki geboren. Das kannst du mit Mississippi vergleichen. Da sind viele Kühe und viele Pferde neben unserem Haus – das ist fast wie in Texas.

Mikko: Für mich geht es dabei vor allem um die Idee von Amerika. Um die Idee amerikanischer Musik und Kultur. Das hat sehr wenig mit eigener Erfahrung zu tun. Ich war bisher ein Mal in den USA. Als wir in Los Angeles Plattenaufnahmen mit meiner anderen Band, Ben's Diapers, gemacht haben. Das ist nicht das Amerika, das ich mit Country verbinde.

Als Tourist würde ich eher nach Texas und in die Südstaaten gehen. Der Country-Einfluss auf unsere Musik ist also eher indirekt. Ich mag amerikanische Musik mehr als britische, obwohl es natürlich auch in England jede Menge großartige Bands gibt. Ich ziehe aber die Tradition der amerikanischen Musik vor.

Wir sind nur eine Band unter vielen

Boomhauer

Unbedingt schwiegersohntauglich

Ihr seid seit Ende der 90er Jahre aktiv. Seht ihr Euch eigentlich als eine der Bands, die zu den Paten des finnischen Garagenrocks gehören?

Heftiger Protest von allen drei Boomhauers.

Aber es gibt Bands, die in eine ähnliche Musikrichtung wie Ihr gehen – wie Sweatmaster, die auch aus Turku kommen, oder die Tigerbombs ...

Mikko: Sweatmaster sind schon mindestens ebenso lange wie wir aktiv. Und es gibt bei uns jede Menge Leute, die diese Art Musik machen – und das bereits lange vor uns.

Marko: Die tauchen vielleicht nicht alle in den Medien auf. Aber wir kennen sie.

Mikko, sich in der finnischen Nationaltugend Bescheidenheit übend: Bei uns in Turku gibt es Bands wie Disgrace, die seit fast 20 Jahren existieren. Oder eine Band wie Troublebound Gospel, die gerade ein neues Album herausgebracht haben. Die sind seit mindestens zehn Jahren aktiv.

Dieser Typ hier - deutet auf Saku - hat einfach Ende der 90er eine Band gegründet und alles, was davor lief, hatte natürlich einen Einfluss auf uns. Wir haben schon mit Sweatmaster gespielt und sind mit Disgrace getourt. Für mich sind immer die Leute, die diese Musik länger machen wie wir, die Paten des finnischen Garagenpunks.

Sind vielleicht jüngere Bands wie die Tigerbombs von euch beeinflusst worden?

Mikko lacht herzlich: Das glaube ich kaum. Und außerdem gibt es die Tigerbombs auch schon eine ganze Weile.

Saku: Wir kennen die Jungs von den Tigerbombs sehr gut, die sind wirklich klasse und eine tolle Band, wir haben schon in Tokio mit ihnen gespielt.

In verschiedenen Bands aktiv

Boomhauer

Saku – gehasst vom Musiklehrer

Ihr spielt alle drei noch in anderen Bands: Mikko, Du bei Bens's Diapers. Saku, Du bist solo unter dem Namen Pocket Knife unterwegs und hast früher auch bei Bridget gespielt..

Saku: Bridget haben eine ganze Weile nichts mehr gemacht ...

Und Marko spielt noch bei A Spokane. Wobei ich nicht genau weiß, in welche Musikrichtung das geht.

Marko: Ich auch nicht!

Großes Gelächter.

Marko: A Spokane ist von deutschen Bands aus den 70ern beeinflusst, wie Can. Ich weiß, dass diese Bands in Deutschland nicht so superpopulär sind ...
(was nicht simmt, Anm. der Red.)

Mikko: Stimmt, mit Ben's Diapers spiele ich schon länger als mit diesen Jungs hier...

Saku, hast Du schon irgendwelche Veröffentlichungspläne bei Deinen Soloaktivitäten als Pocket Knife?

Saku, zur Abwechslung mal ernst: Nein. Ich trete einfach nur ab und zu auf, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt. Ich habe schon Songs aufgenommen, bei uns im Übungsraum. Ich habe keine Pläne. Nur die Songs spielen. So oft, wie ich kann.

Wie würdest Du Deine Solo-Songs beschreiben?

Softer. Sehr langsam. Ich spiele nur Akkustik-Gitarre.

Boomhauer

Melancholische Cowboys

Du kannst Dich nicht als Arschloch aufführen

Die Turkuer Bandszene ist sehr eng miteinander verbunden. Fängt man mit Band A an, dann stellt sich heraus, dass der Basser auch in Band B spielt und so weiter. Die Musiker scheinen sich gegenseitig sehr gut zu kennen ...

Mikko: Turku ist eine kleine Stadt. Du kannst dich dort nicht wie ein Arschloch aufführen. Alle Bands müssen auf die eine oder andere Art zusammenhalten, zusammen spielen, damit wir überhaupt in der Stadt Gigs und Musik haben können.

Was auffällt: Zur Zeit kommen ungewöhnlich viele talentierte Bands aus Turku wie zum Beispiel Wojciech. Was steckt hinter dieser Entwicklung?

Boomhauer

Drummer Mikko und Bassist Marko

Mikko: Das sehe ich genauso.

Saku: Es gibt da sogar eine Verbindung zu uns. Der Sänger von Wojciech singt auch bei Bridget ...

Mikko: Wir haben natürlich auch schon mit Wojciech gespielt. .. das sind Freunde von uns ...

Keine Erklärung für das Turku-Phänomen?

Mikko: Nicht so richtig. Wenn du Teenager bist, brauchst du ein Hobby. Manche spielen Eishockey oder Fussball, andere schnappen sich eine Gitarre und wieder andere fangen an, Drogen zu nehmen und rauben Großmütter auf offener Straße aus. Es gibt in Finnland nur diese drei Optionen.

Mikko, Du spielst nicht nur in zwei Bands, Du bist auch noch der Mann hinter dem Plattenlabel Rhythm Barrel. Du hast vor einigen Jahren die Compilation-CD »MEET THE SCENE« herausgebracht, auf der 18 finnische Indiepop-Bands vertreten sind. Einige davon wie Sister Flo oder Flannelmouth sind inzwischen in Finnland sehr erfolgreich geworden. Planst Du eine weitere Compilation, weil es derzeit viele talentierte Newcomer gibt?

Mikko: Es ist tatsächlich so, dass ich eine zweite Compilation im Kopf habe. Alles Bands, die auf der ersten nicht vertreten waren. Ich habe so eine vage Vorstellung von 20, 30, 40 Bands. Das Problem ist nur, dass ich keine Zeit dafür habe.

Können Bands wie Ihr in Finnland eigentlich von der Musik leben? Wenn man also nicht Ville Valo heißt und ein glamouröses Rockstarleben führen kannt?

Der Koch, der Lehrer und der Ingenieur

Boomhauer

Die Fans in Fürth


Alle drei Boomhauers winken heftig ab. Von einem regelmäßigen Einkommen über die Musik kann keine Rede sein. Alle drei sind in der Ausbildung oder arbeiten.

Saku, sehr schüchtern: Ich studiere zurzeit. Ernährung. Essen und Trinken.

Du stehst in der Küche????

Mikko, grinsend: Er ist Koch!
Und ich unterrichte übrigens Englisch an der Abendschule.

Marko: Ich habe gerade meinen Studienabschluss als Ingenieur gemacht und bin arbeitslos. Es ist schwierig, als Musiker in Finnland zu arbeiten. Es ist ein kleines Land. Es gibt nur wenige gute Clubs. Und noch weniger Leute, die in die guten Clubs gehen.

Obwohl ihr in Turku einen sehr guten Club habt, das Dynamo ...

Allgemeine bescheidene Zustimmung.

Finnland wird sich im Januar 2006 auf der größten internationalen Musikmesse MIDEM in Cannes als aufstrebende junge Musiknation präsentieren. Habt Ihr Euch als Band beworben, um am prestigeträchtigen Eröffnungsabend vor den einflussreichsten Vertretern des Business spielen zu können?

Mikko: Nein. Übrigens bewerben sich dort nicht die Bands, sondern die Labels, die ihre Bands anbieten. Außerdem musst du dafür bezahlen. Erst dann wird man ausgewählt. Ich weiß eine ganze Menge über diese Prozedur, aber das ist nicht unbedingt sehr nett, was da abgeht.

Aber zumindest steht Finnland in Cannes im Fokus ...

Mikko: Das ist wahrscheinlich schon ganz gut. Aber als Band dort spielen zu dürfen – das ist ziemlich kompliziert. Die Bands haben in dem Zusammenhang nicht sehr viel zu melden.

Boomhauer

Saku – nachdenkend über das Menü?

Finnische Musik ist aber in den letzten Jahren tatsächlich im Ausland sehr erfolgreich gewesen. Irgendeine Erklärung?

Mikko: Das zahlende Publikum denkt wahrscheinlich, dass diese finnischen Bands gut sind. Nur so kann man Platten verkaufen. Das Ganze hat eine Menge mit Marketing und den Aktivitäten der Labels zu tun.

Und die Finnen haben sich in dem Bereich inzwischen ein bisschen mehr Wissen angeeignet. Aber es gilt nach wie vor die Grundregel: Das Produkt muss gut sein, damit es sich verkauft. Die finnische Musikproduktion ist in den letzten Jahren besser geworden.

Saku lacht leicht zynisch auf.

Horrorszenario Musikunterricht

Und welche Rolle spielt das finnische Schulsystem in diesem Zusammenhang? Wird die musikalische Entwicklung gefördert? Die Chefin von Music Export Finland sagt das zumindest ...

Allgemeines Hohngelächter.

Mikko: Ich glaube eher, dass die finnische Musikerziehung ein Problem ist, gerade im Gegensatz zu Schweden. In Schweden wird dies sehr gezielt gefördert. In Finnland kann der Musikunterricht den Kindern Angst einjagen .. Wir hatten Vorsinge-Tests und solche Sachen ...

Ihr musstet Euch also alleine vor die Klasse hinstellen und singen?

Alle drei Boomhauers nicken und schütteln sich vor Entsetzen.

Mikko: ... und das tötet jeglichen Spass an der Musik ab. Und das ist ein wichtiger Grund dafür, dass die Schweden besser sind als wir.

Saku: Wir haben darüber schon diskutiert. Alle Bands in Turku, die Du erwähnt hast und die wir mögen – und wir alle drei – hatten keine formelle Musikerziehung. Alle, die heute Musik machen und in Bands spielen, sind einfach Musikfans und haben auf eigene Faust angefangen, zu spielen, weil sie Musik so sehr mögen.

Mein Musiklehrer hasst mich

Boomhauer

Sanfte Töne von Saku

Also keine Hilfestellung von Lehrern?

Saku, wieder gegen einen Lachanfall kämpfend: Mein Musiklehrer hat mich wahrscheinlich gehasst. Ich habe in der Klasse immer gestört.

Rück raus damit: Was hast Du angestellt?

Saku, grinsend. Keine Ahnung. Ich wollte wahrscheinlich bei den Mädchen Eindruck schinden. Also im Grunde genau dasselbe, was ich heute mache ...

Und hat es funktioniert?

Saku: Nein!!

© 2005 Eva-Maria Vochazer, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Gabriele Hoffmann, Nauska, Boomhauer





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