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The Crash: Beherzte Exhibitionisten vor dem Herrn

Ein Interview von Liska Cersowsky

Neulich noch musikalischer Geheimtipp, heute schon der Hit aus der Ebay-Fernsehwerbung. The Crash wollten immer von ihrem Disco-Rock leben können und stehen mit ihrem dritten Album im schillerndsten Rampenlicht.

The Crash

Von Whisky zu Jägermeister

Samuli

Tomi

Erkki
Teemu

Ein teuflisches Grinsen formt sein Gesicht, die Hand greift fast willenlos nach der kleinen Flasche Jägermeister auf dem Tisch. »Oh Gott, ich weiß, warum das da steht«, lacht Bassist Samuli Haatajali. »Als wir vor zwei Jahren mit Eskobar zusammen durch Europa tourten, tranken wir jede Nacht mindestens eine Familienflasche davon. Als uns das dann zuviel wurde, stiegen wir auf Brandy und Whiskey um. Wir haben wirklich übertrieben.«

Gleich wie der Tage, als Finnlands Radiosender Mafia ihren Song »Sugared« zu ihrem ersten nationalen Pop-Hit machte und sich die vier jungen Männer bewusst wurden, dass ihr Weg zu Ruhm und musikalischer Ehre nur über die Stolpersteine einer eigenen Identität führen kann. Und die trägt Sänger Teemu Brunilla als Aushängeschild der Band, als Entertainer und Pressegesicht vorrangig zur Schau, selbst dann, wenn sich die Band als Ganzes versteht.

»Zum Glück hat nur Teemu das Problem, dass alle Mädchen auf ihn stehen. Wir anderen können ganz ungetrost durch Helsinki laufen.« Nur in ihrem Heimatort erkennt man sie alle, aber »da sind wir ja auch die Lokalhelden«, die sich ein halbes Jahrzehnt damit beschäftigt haben ihre Band ständig neu zu besetzen und eine Vielzahl an Demos aufzunehmen, »die heute keiner mehr hören möchte. Die Labels damals übrigens auch nicht«, lacht Haatajali.

Polizisten und Lassie

Schließlich waren es Warner, die auf »Sugared« aufmerksam wurden, die Jungs 1999 für ihr erstes Album »COMFORT DELUXE« unter Vertrag nahmen und sie langsam aber sicher zum vornehmlich nationalen Erfolg führten. Zwar stieß zum damaligen Zeitpunkt auch schon die internationale Presse auf jenes britisch klingende Popalbum, doch war es erst ihre »WILDLIFE«-Tour mit den Großpoppern von Eskobar, die ihnen den Status des Geheimtipps einbrachte. Denn obwohl The Crash nur als Vorband fungierten, spielten sie den Hauptact locker gegen die Wand – was sie sich nur damit erklären können, dass sie Finnlands charmanteste Exhibitionisten vor dem Herrn sind.

»Das muss man einfach sein, sonst braucht man nicht auf die Bühne zu gehen«, erklärt Erkki. »Man fühlt sich aber trotzdem unglaublich nackt hinter seinen Instrumenten. Irgendwie ist man dem Publikum ausgeliefert. Ich habe zum Beispiel immer Angst zu stolpern«, sagt er und fügt hinzu: »Wie sähe das denn aus?«

Ansonsten kümmern The Crash sich nicht darum, was andere denken. Sie schämen sich nicht, musikalisch dick aufzutrumpfen, indem sie große Streicherarrangements und Rockgitarren, Harfen und Pianoklänge, Vocoderstimmen und Synthesizer in ihre Stücke stopfen. Und sie schämen sich auch nicht, in ihren Videoclips tanzende Polizisten zu mimen, sich Wasserschlachten zu liefern oder Serienhund Lassie als Hauptdarsteller zu wählen.

Leider haben es ihre Videos bisher nur auf MTV Nordic in die Rotation geschafft – sind sie doch eine kleine, aber bemerkenswerte Besonderheit der Band. Teemu, der zum Zeitpunkt des Interviews krank in Finnland weilt, »hat ein schauspielerisches Talent. Sollte es mit der Musikerkarriere nicht klappen, kann wenigstens er noch einen anderen Berufsweg einschlagen«, grinst Erkki.

Eine Mission

Mit ihrem aktuellen Album folgen sie dem Weg, den ihre beiden Vorgängerwerke eingeschlagen haben. »Es gibt heutzutage nicht mehr sehr viele Bands, die noch etwas zu erzählen wollen«, erklärt Haatajali. Und so versteht sich »MELODRAMA« als ein mit Disco und Soul ausgefülltes Album als Anti-Reaktion auf die modern modernde Gesellschaft, in der Musikvideos und Interpreten auf sexuelle Plattitüden und Oberflächlichkeiten ausgerichtet sind.

»Im Gegensatz dazu haben wir eben eine Mission«, die sich anhört, wie sich ein Märchenbuch liest. »Schon der Prolog soll dem Hörer unsere Absicht zeigen. Und entweder er möchte es hören, oder er soll verdammt noch mal sofort die CD aus dem Player nehmen«, begründet Haatajali mit Nachdruck.

The Crash

Das Wechselspiel zwischen Liebe und Hass hat sich das Quartett dabei zum zentralen Thema gemacht. Mal gewürzt und mal gezuckert mit Teemu Brunillas hingebungsvollen Gesang, der bewusst noch weiter an die erreichbare Schmerzgrenze der Süßlichkeit schmachtet. Eine Stimme, die polarisiert und dennoch nur als Mittel zum Zweck dient. »Wir möchten, dass die Menschen auf uns reagieren. Sei es, dass wir in positiver, oder durch unsere Übertreibungen, in negativer Erinnerung bleiben. In jedem Fall ist es uns wichtig, dass man sich überhaupt an uns erinnert«, erklärt Schlagzeuger Erkki Kaila.

»Wir bereuen nichts«

Mit dem Beitrag ihres Songs »Star« zum aktuellen Ebay-Spot dürften sie ihrem Ziel erneut näher gekommen sein. Zwar ist das Stück schon auf ihrem letzten Album »WILDLIFE« zu hören, doch haben es The Crash auch marketingstrategisch nicht verschlafen, ihn erneut zu veröffentlichen. Denn »Great Entertainment« im Sinne Haatajalis ist mit all seiner nackten Peinlichkeit aus Herz und Seele auch mit ihren früheren Hits verbunden.

Des Quartetts Humor sei Dank können sie »über manchen alten Song heute nur noch lachen, aber wir bereuen nichts und würden es jederzeit wieder tun. Denn noch befinden wir uns auf der Suche nach unserer eigenen Musikalität«, grinst Schlagzeuger Errki und weist daraufhin, dass schon kräftig am Songmaterial für das nächste Album gearbeitet wird. »Schon möglich, dass es Glam-Rock sein wird.« Und vielleicht tragen sie dann auch Kostüme und Make-Up, »man weiß ja nie«.

Line-Up:
Teemu Brunila – Gesang, Gitarre
Samuli Haataja – Bass, Gesang
Erkki Kaila – Schlagzeug
Tomi Mäkilä – Keyboards

© 2004 Liska Cersowsky
Photos: Aki Roukala

Discografie

1999 Comfort Deluxe
2001 Wildlife
2003 Melodrama


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