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Finntroll: »Warum seht Ihr auf der Bühne nicht aus wie Trolle?«

Ein Interview von Nathalie Martin

Warum bei den Finntroll-Konzerten keine Trolle über die Bühne hüpfen, dafür eine höchst kuriose Vorband die Show eröffnet, wieso Bandmitglieder Stagediven oder sich unerkannt unters Publikum mischen und vieles mehr offenbart Gitarrist Mikael aka Routa beim Interview vor dem Tourstart in Helsinki.

Finntroll

Mysteriöse Vorbands, Bühnenoutfit, Trollhammeren

Ich habe Eure Show am 24. März im Nosturi gesehen. Könnt ihr euch den Support-Act aussuchen? Ich meine, was zur Hölle war Roctum???

Finntroll

Interviewpartner Mikael:
Als »Routa« im Gästebuch

Manchmal können wir Einfluss nehmen auf unsere Vorbands. Die zweite Vorband beim Nosturi-Gig, Norther, haben wir angerufen und gefragt. Und Roctum? (lacht) … die waren eine Überraschung. Unsere Wunschbegleitung für die aktuelle Tour wären Ajattara, aber die können leider nicht. Wenn wir jemand überhaupt nicht dabei haben wollen, können wir auch ablehnen.

Ihr hattet im Nosturi gar kein Bühnenoutfit …

…doch, ich trage zum Beispiel immer dieses schwarze Lederhemd.

Aber wenn ich das mit Eurem Trollhammaren-Video vergleiche …

Ach, das war nur fürs Video – und diese Kostüme waren in drei Tagen fertig. In dieser Montur könnten wir gar nicht auftreten, das ist viel zu unbequem. Außerdem wollen wir nicht als »Theatergruppe« auf der Bühne stehen. Die Musik ist das wichtigste, nicht das Aussehen! (grinst) Das Aussehen ist höchstens die Würze.

Trollhammaren ist bisher euer einziges Video?

Ja, aber wenn es ein neues Album gibt, drehen wir auch ein neues Video dazu.

Und wann gibt's das neue Album?

…wissen wir noch nicht. Wir arbeiten an neuen Songs, aber ohne Eile. Natürlich arbeiten wir intensiver, wenn der Studiotermin näher rückt, aber wir wollen das Entstehen neuer Stücke nicht erzwingen. Für meinen Teil kann ich sagen: Ich schreibe immer was.

Skrymers Stagediving

Finntroll

Skrymer, Gitarrist und Stagediver

Lieber Studio oder Tour?

Hm, ich persönlich toure lieber. Studioarbeit ist natürlich auch schön, da kannst du experimentieren. Auf der Bühne kannst du dir keine großen Fehler erlauben.

Gab's denn große Fehler auf Tour?

Dass man sich mal verspielt, klar, (grinst) oder vergisst, wo man im Stück gerade ist: »Wie oft habe ich das Riff jetzt gespielt«, dann schaut man kurz rüber zu den anderen – okei. Oder es gibt Probleme mit der PA, dem Sound. (Pause) Aber den schlimmsten Gig an den ich mich erinnere, war in Aalen. Das war unsere letzte Show der Tour – wir waren alle betrunken. Unser anderer Gitarrist Skrymer, und ich haben nur in Unterwäsche gespielt, und dann sprang Skrymer von der Bühne! Stagediving, während wir spielten ...

... und wie hat das Publikum reagiert?

Oh, das stand den ganzen Abend hinter uns, hat wunderbar mitgezogen, (schmunzelt) – wenn ich mich richtig erinnere. Jedenfalls werden sie diesen Gig so schnell nicht vergessen.

Lieber Clubshow oder Festival?

(Schwärmerisch) Ich liebe Summerbreeze; das Publikum ist immer super, die Bühne, die Technik, die Crew, alles genial. Die Clubgigs sind dafür intensiver, aber dafür ist der Bühnensound oft viel schlechter, manchmal hörst du da oben nicht mehr was du spielst.

Apropos Clubshow: Im Nosturi hattet Ihr einen anderen Keyboarder dabei?

Ja, Trollhorn will nicht mehr soviel touren, deswegen haben wir für die kommende Tour einen neuen Keyboarder, Aleksi Virta, der sonst bei Imperanon spielt. Der Nosturi-Gig war sein erster, aber er macht seine Sache großartig – und ich hoffe, die Fans auf Tour nehmen ihn gut an.

Skandinavische Mythologie und Heidentum

Finntroll

Trollhorn filtert die neuen Songs

Okei. Zurück zu den Wurzeln: Wie kamst Du zur Band, Du bist ja kein Gründungsmitglied?

Oh, ich kenne die Jungs von klein auf (deutet mit der Hand in die Größe eines Dreikäsehochs an). Ich habe oft mit ihnen gejamt und bin schon früher gelegentlich für Teemu »Somnium« bei Gigs eingesprungen, wenn er verhindert war. Wir waren die ganze Zeit befreundet, und als sich die Band nach seinem Tod entschied, weiter zu machen, ersetzte ich ihn.

Die Gründungsmitglieder Sänger Katla und Somnium fehlen nun beide bei Finntroll, wer schreibt die Songs?

Für das erste Album hat sie tatsächlich alle Teemu geschrieben; jetzt machen wir alles zusammen. Ich habe für »NATTFÖDD« etliche Riffs und mehr gemacht, die anderen steuern ihren Teil bei (grinst) – und dann läuft alles durch den »Trollhorn-Filter«.

Eure schwedischen Texte ...

... haben zwei Gründe. Erstens gehört Katla, der die Texte schrieb, zur Minderheit schwedischsprachiger Finnen, und zweitens waren damals jede Menge norwegischer Blackmetal-Bands um uns rum, die alle norwegisch sangen (grinst). Es war eine Art Witz für uns, zu sagen »Okei, singen wir auf schwedisch«. Aber der Hauptgrund war, dass es Katlas Muttersprache ist.

Und wie läuft das jetzt? Wilska spricht finnisch ...

Er schreibt die Texte und lässt sie dann von einem Kumpel in Stockholm übersetzen.

Dafür macht ihr Euer Cover-Artwork und Eure T-Shirt selbst?

Ja, die entwirft unser zweiter Gitarrist »Skrymer«.

Hat er eine Ausbildung oder Studium in dieser Richtung hinter sich?

Nein, er ist ein Naturtalent. (Lacht) Wir sind damit ganz schön einfach für unsere Plattenfirma, die muss sich um nix kümmern.

»Wo ist denn der Rest der Band?«

Finntroll

Hoher Wiedererkennungswert:
Bassist Tundra

Bleibt noch die Frage nach Eurem Bandnamen ...

Zum einen gibt es das Gerücht, dass die ersten Menschen, die Finnland erobern wollten, weg rannten und als Grund angaben: »Da waren Finntrolle«. Gleichzeitig sind Trolle natürlich ein wichtiger Bestandteil skandinavischer Mythologie.

Aber einen tieferen Sinn gibt es nicht. (lacht) Dafür kommen ständig Leute zu uns und fragen: »Warum seht ihr auf der Bühne nicht aus wie Trolle?«

Und spielen die Trolle eine Rolle in euren Texten?

Die Trolle in den Texten haben auch keine tiefere Bedeutung. Klar gibt es Passagen wie »Trolle schlagen Christen nieder« oder so; das heißt aber nicht, dass wir Satanisten sind! Das Heidentum war immer ein Teil unserer Kultur. Die Texte kann man auch so verstehen, dass die Art, wie das Christentum verbreitet wurde, nämlich mit Gewalt, »really sucks«.

Spielt Ihr noch in anderen Bands?

Wir haben noch ein paar kleine Nebenprojekte, größtenteils Demo-Bands. Unser Schlagzeuger Beast D. spielt in Rapture und Share Of Despair, wo auch unser Basser Tundra dabei ist.

Wieso habt Ihr eigentlich so seltsame Künstlernamen?

(Lacht) Ach, das war ein Witz, wir brauchten fürs erste Album coole Namen; ich habe mal was unter »Routa« ins Gästebuch geschrieben, danach war ich auch in der Band Routa.

Apropos Website: Ihr habt übers Forum Kontakt zu euren Fans?

Finntroll

Seit »Visor Om Slutet« dabei:
Sänger Wilska

Wir lesen das Forum und antworten auch manchmal, wenn wir Zeit haben – und was Kluges drin steht (lacht). Und dann kriegen wir natürlich jede Menge Post an unsere »persönlichen« Adressen. Ich denke es ist wichtig, mit den Fans in Kontakt zu stehen.

Und wie sind die Kontakte »live«?

Die Backstagebereiche sind oft nicht so toll, deswegen mischen Tundra, Dominator und ich uns meistens vor den Shows unter die Fans – mal hören was sie so über Finntroll sagen (lacht).

Das Beste passierte in Portugal: Wir stehen vor der Show zwischen den Fans, da kommt ein Typ zu Tundra – den erkennen die meisten – und fragt ihn nach einem Autogramm. Er schreibt's und der Kerl fragt: »Wo ist denn der Rest der Band?« Tundra zeigt auf uns und meint: »hier«. Der Typ schaut uns kopfschüttelnd an, meint »nein« und geht wieder. Manche erkennen uns, manche nicht. Ein Freund von uns hat das Merchandising auf Tour gemacht, und da sind wir immer mal wieder hin und haben uns mit ihm unterhalten, da hat uns nie einer erkannt.

»Die Jungs spielen gut – ja ja«

Woher kommen Eure Fans?

Wir bekommen gerade ein großes Feedback aus Frankreich, Südamerika, Kanada und den USA. Wir haben auch schon Gigs in Russland gespielt – die Fans dort sind verrückt. Ich denke, die sind einfach glücklich, dass mal Bands aus dem Ausland spielen und drehen deswegen völlig ab.

Registriert Ihr Unterschiede zwischen den Fans aus den verschiedenen Ländern?

Finntroll

Dominator erzeugt kuriose Laute

In Finnland ist das Publikum immer hart: Die stehen unbeweglich da, so (Routa posiert mit verschränkten Armen und nickt mit dem Kopf) :»Die Jungs spielen gut, ja ja« – die finnische Art ein Konzert zu sehen. Wenn die Leute sich nicht rühren, dann geht auch die Band nicht ab. Ich find's komisch, zu headbangen, wenn die Leute nur regungslos dastehen.

Glücklicherweise sind die Leute nicht überall so. Thema »Stagediving« ...

Manchmal fragen uns die Organisatoren, ob's erlaubt ist: Wir haben absolut nix dagegen – solange uns die Leute nicht aufs Equipment steigen.

... oder ihren nackten Hintern präsentieren, wie im Nosturi.

Ja, (grinst) das war der Gitarrist von Ensiferum, ich sah's aus dem Augenwinkel, als ich gespielt habe und ... (dreht den Kopf schüttelnd weg, schließt die Augen).

Anmerkung der Redaktion: Und zum Abschluss sprangen auch noch Roctum auf die Bühne.

Finnische Sitten – Gibt es einen typischen finnischen Sound?

Schwer zu sagen ... (Pause) ... das einzige, das ich feststellen kann, ist die Originalität, Klänge zu mischen, Neues zu kreieren.

So wie Eure aus der Art geschlagene Akustik-Scheibe »VISOR OM SLUTET«?

Die war ein Spaßprojekt. Die Jungs wollten mal was anderes machen, aber ich kann dazu nicht soviel sagen, ich war damals noch nicht fest dabei. Ich weiß aber, dass manche Songs erst während den Aufnahmen zum Ergebnis auf CD gereift sind.

Hast du zum Schluss noch ein paar Band-Tipps für die Leserschaft?

Okei, die sind allerdings aus Norwegen:
Arcturus, da ist jedes Album anders, da musst du alle hören
Ved Buens Ende – ein Muss!!!
Virus' Album »CARHEART«
Ulver, die alten Sachen

Kiitoksia Routalle – für Interview und Tipps.

Kaizers Orchestra


»So hat sich das tatsächlich zugetragen ...«
Eine Biografie

... behauptet Gitarrist Routa: Eines Nachts im März 1997 schlafen zwei Männer, alias Somnium und Katla, in einem Proberaum in Helsinki vermutlich ihren Rausch aus. Der eine wacht auf und fängt an, auf dem Keyboard eine Folkmelodie zu spielen. Davon erwacht der andere. Die Melodie gefällt ihm, und er bittet den anderen Kerl, das Riff auf die traditionelle finnische »Humppa«-Art zu spielen. Das klingt sehr abgefahren, doch noch nicht abgefahren genug: Sofort fügen sie Gitarren und brutalen Gesang dazu. Finntroll sind geboren.

Finntroll

Nichts für Vegetarier

Ein Jahr später nehmen Finntroll ihr Debüt-Demo »RIFVADER«. Bald stoßen weitere Musiker dazu: Schlagzeuger B. Dominator (Barathrum, Rapture), Gitarrist Skrymer, Keyboarder Trollhorn (Moonsorrow) und Tundra am Bass. Spikefarm interessiert sich für die Band, und da Finntroll jetzt eine vollständige, schlagkräftige Gruppe bildet, bekommen sie einen Plattenvertrag. Das offensive Debüt »MIDNATTENS WIDUNDER« enthält neun trollische Metalsongs, und Finntroll begeben sich auf ihren trolligen Kreuzzug.

Ungefähr ein Jahr später entern die Trolle die Walltone-Studios erneut und nehmen »JAKTENS TID« auf. Mit diesem Album finden sie ihren Klang, erhalten überall gute Kritiken. In Finnland erreichen sie Platz 20 der Album-Charts, überraschen damit die Plattenfirma – und sich selbst. Century Media wird auf die Finnen aufmerksam und vertreibt ihr Album weltweit. Die Combo spielt etliche Festivals in ihrer Heimat und im Ausland; den besten Auftritt liefern sie beim Wacken-Open Air ab: Die Organisatoren sind so begeistert, dass sie Finntroll bitten, ebenfalls am nächsten Tag zu spielen. Leider ist Trollhorn schon zurück in Finnland und sie müssen ablehnen.

Vom Pech verfolgt

Finntroll

Noch eine Runde »Rot'n'Troll«


Im Herbst soll ihre erste Europatour starten; diese müssen sie aber annullieren, da Sänger Katla wegen eines Tumors seine Stimme verliert. Etliche Operationen folgen, doch vergeblich. Er gibt seinen Job am Mikro auf und überlässt einem Freund der Band, Tapio Wilska, seinen Platz. Dieser singt das dritte, experimentelle Akustik-Album »VISOR OM SLUTET« ein.

Doch damit ist die Pechsträhne noch nicht zu Ende: Sänger Teemu »Somnium« stürzt von einer Brücke und stirbt am 16. März 2003, mit erst 25 Jahren.

Die Band steht kurz vor dem Aus, entschließt sich jedoch zuletzt im Gedenken Teemus und auf Wunsch seiner Familie, weiter zu machen. Der Erfolg auf ihrer ersten Tour als Katatonias Vorband gibt ihnen Recht. Den Platz Somniums übernimmt Mikael Karlbom, aka »Routa«, der bereits vorher gelegentlich als Gitarrist einsprang.

Erneut schließen sie sich in den Walltone-Studios ein, um das vierte Werk »NATTFÖDD« aufzunehmen. Sie veröffentlichen es im Frühjahr 2004, gemeinsam mit der »TROLLHAMMEREN«-EP, die neben dem Titelsong vier weitere Non-Album-Stücke enthält.

Nach der EP starten sie ihre erste Headliner-Tour, im Gepäck ihre Landsmänner Ensiferum sowie The Wake. Sie drehen ihr erstes Musikvideo »Trollhammeren«, das die Musikkanäle in ganz Europa ausstrahlen und die Zuschauer überall begeistert. Danach konzentriert sich Finntroll auf Tourneen durch Europa – aber stehen bereit andere Kontinente zu erobern.

Laut Website erscheint ihr nächstes Album irgendwann zwischen 2005 und 2105.
Bis dahin: Rot'n'Troll!

© 2005 Nathalie Martin, exklusiv für Nordische Musik
Fotos: Spinefarm / Veli-Veikko Elomaa


Discografie

2004 Nattfödd
2004 Trollhammaren - MCD
2003 Visor om Slutet - MCD
2001 Jaktens Tid
1999 Midnattens Widunder


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