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Die Finnvox-Studios – von Apocalyptica bis Värttina

Ein Interview von Nathalie Martin

Bomfunk MCs tun es, Tiamat und Moonspell auch, HIM sowieso. Egal welche CD der geneigte Hörer in Finnland zwischen den Fingern hält: Auf fast jeder taucht irgendwo »recorded«, »mastered« oder »mixed at Finnvox-Studios, Helsinki« auf.

Warum das so ist, besprach Nathalie Martin im Juli 2004 mit Risto Hemmi, seines Zeichens Ingenieur und Finnvox-Studiomanager.

Finnvox Studio

Gut versteckt ...

Finnvox Studios

Finnvox-Gebäude: Keine Schönheit ...

Wer nicht weiß wonach er sucht, könnte an dem klassischen, zeitlosen, weißen Kalksandsteinbau glatt vorbeifahren: Die grünen Kletterpflanzen machen selbst vor dem Finnvox-Schriftzug nicht Halt. Die Künstler finden die Studios am Stadtrand Helsinkis trotzdem – über Unterbeschäftigung kann die Finnvox-Crew wirklich nicht klagen.

Auf fast jeder CD taucht der Name Finnvox auf. Wieso? Ist es das älteste, größte ... oder beste Studio?

Finnvox ist das Älteste und Größte. Soweit ich weiß, das Größte in ganz Skandinavien, mit vier Studios. Natürlich gibt es Größere, beispielsweise in London mit zehn Studios, aber ... (grübelt) ... nein, auch in Schweden fällt mir kein Größeres ein.

Welche Musikrichtungen treffen sich bei Finnvox?

Alle. Wir machen alles: Rock, Pop, Metal, Jazz, auch DVDs und Film-Musik. Unsere einzelnen Ingenieure haben aber natürlich ihre Schwerpunkte, Bereiche in denen sie besonders gut sind. (Pause) Viele Bands nehmen woanders auf, oder haben ein eigenes Homestudio, kommen nur zum mischen und/oder mastern her. Gerade die Bands aus dem Ausland.

... und doch kein Geheimtipp

Finnvox Studios

... oder klassisch und zeitlos?

Woher außerhalb Finnlands stammen diese Musiker ?

Aus Norwegen, Dänemark, Schweden, Deutschland, sogar aus Italien, Spanien und Griechenland. Jetzt kommen außerdem viele aus den baltischen Staaten, nur aus Russland kommen wenige: Den Bands fehlt das Geld.

Wie erfahren die ausländischen Bands von Finnvox?

Als finnische Künstler im Ausland Erfolg hatten, wurden natürlich auch die Bands dort auf uns aufmerksam, kamen hierher. Sie waren zufrieden – und kommen immer wieder (lacht). That's the way it goes. Viel Mundpropaganda unter den Bands.

Kannst Du Dich noch an die erste Gruppe aus dem Ausland erinnern?

Oje (denkt nach) ... also Kleinere, Unbekanntere hatten wir schon immer. Ich kann mich dran erinnern, dass ich selbst in den 80ern Bands aus Japan hier hatte. Gerade haben Edguy ihr Album hier gemischt, wie übrigens all ihre Alben.

Finnvox Studios

Risto Hemmi, Finnvox-Chef

Kann jeder Eure Studios nutzen?

Klar. Wie haben hier vier hauptberufliche (Ton)Ingenieure und mehrere Freie. Die Bands arbeiten aber normalerweise über mehrere Jahre hinweg mit dem gleichen Ingenieur zusammen. (Pause) Im Moment machen wir viele DVDs mit Surround 5.1, wie gerade für Nightwish.

Gibt es eigentlich »Studio-Ferien«; ist hier zeitweise komplett geschlossen?

Nein. (Grinst) Gerade jetzt sind zwar einige Ingenieure im Urlaub, aber im Prinzip ist es immer offen.

Mit welchen Wartezeiten muss man bei euch rechnen?

Fürs Mischen haben wir drei Studios, da ist fast immer was frei. Aber unser großes Aufnahmestudio (Studio B) ist manchmal für Monate ausgebucht.

»Mädchen für alles«

Finnvox Studios

Studio B – wo die Geschichte beginnt

Finnvox Studios

Ein paar Worte zur Studiogeschichte ...

Finnvox wurde anno 1965 gegründet. Der Initiator starb zwar vor etwa 15 Jahren, aber Finnvox ist immer noch im Familienbesitz der Gründerfamilie (grinst) ... auch wenn diese nichts mit dem Studio am Hut hat.

Und deine Geschichte?

1979 habe ich hier angefangen, bin also seit 25 Jahren dabei. Ich arbeite selbst noch als Ingenieur in den Studios, bin der Finnvox-Manager/Direktor; (lacht) also, ich mache alles ...

... außer Urlaub?

(schmunzelnd) Doch, mache ich schon. Aber immer nur kurz, ... ich hatte gerade zwei Wochen.

Womit beschäftigt sich Finnvox augenblicklich?

Da ist zum einen das Nightwish Album. Im August mischen wir für Sinergy, dann machen wir noch Filmmusik, und die 69 Eyes fangen in zwei Wochen hier zu mischen an. Und dann machen wir noch eine 5.1 Version von HIM-Videos auf DVD, die dann in einigen Ländern erscheinen wird.

Wie lange belegen die Bands eure Studios?

Normalerweise brauchen die Bands beispielsweise eine Woche für Gesang oder zwei Wochen fürs Mischen. Aber es gibt auch andere Extreme, wie Nightwish: Die machen schon mal zwei Wochen Gesang, plus zwei Wochen Background und mischen einen Monat (lacht), die haben halt 200 »Tracks« und nicht nur zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug. Viele Bands haben eigene kleine Studios, wo sie schon einiges vorab aufnehmen oder woanders, Nightwish waren in London.

Reicht euch der Platz noch aus – oder müsst ihr bald anbauen?

Wir haben 2000 Quadratmeter, also pro Stock circa 1000. Das reicht erst mal (lacht). Ein bisschen Platz zum Expandieren haben wir noch im Gebäude ... es gibt da ein paar ungenutzte Ecken.

Finnvox Studio


Die Studioführung

... und die »genutzten« Ecken schauen wir uns jetzt an:

Hier ist unser Studio B. (schmunzelnd) Das »historische« Studio, wo alles begann: Die Finnvox-Geschichte – und die Geschichte jeder einzelnen CD, wenn sie hier aufgenommen wird. Anno '67 gebaut ist es das älteste (erhaltene) und größte Aufnahmestudio. Das Älteste Studio aus der Gründerzeit (1965) existiert nicht mehr.

Finnvox Studio

»Das Mischpult in Studio B – äh, könnte hier mal einer aufräumen ...«

Studio B befindet sich noch fast im Original-Zustand: beispielsweise der Boden und die verstellbaren Wände. Das hier war der erste Aufnahmeraum Finnlands mit »Floating Floor«.

Finnvox Studios

HIM und Bomfunk MCs Hitschmiede

Die einzige bauliche Neuerung sind zwei isolierte Kabinen, die zur Zeit für Aufnahmen von Klavier und Akustik-Bass genutzt werden. (Pause) Wir können hier analog und digital aufnehmen, aber die meisten Bands bevorzugen digital.

Und du?

Früher klang gerade das Schlagzeug analog besser und die Bands benutzten es. Aber seit wir die neuen digitalen Geräte haben, klingt digital genauso gut. Früher hab ich analog aufgenommen, aber mittlerweile nehme ich – und fast alle Bands – nur noch digital auf. (Pause) Wir können beides gleichzeitig aufnehmen (lacht) ... wenn die Musiker das dann im direkten Vergleich hören, entscheiden sie sich für digital.

Weiter geht's zu Studio G

Das Studio von Pauli Saastamoinen. Ein Mastering Raum, in dem z.B. HIMs »Razorblade Romance« oder Bomfunk MCs »In Stereo« gemastert wurden. Auch hier können wir sowohl digital wie analog arbeiten, wir verfügen über 5.1. Surround Sound.

Finnvox Studios

Studio A: Mischen und Overdubs

Risto öffnet die nächste Tür ...

In Studio C mischen wir gerade Nightwish als Surround 5.1.

... und die nächste

Studio A nutzen wir zum Mischen und für Overdubs. Es hat auch einen kleinen Aufnahmeraum.

Birken und Totenschädel

Und schon stehen wir im einzigen Studio mit »finnischer Aussicht«: Der Blick fällt auf ein paar Birken.

Studio F hat einen kleinen Aufnahmeraum, aber wir verwenden ihn überwiegend zum Mischen; er hat auch Surround 5.1. (Pause) Ein sehr schönes Studio mit Aussicht (grinst): So kannst du beim Arbeiten sehen, welche Tages- oder Jahreszeit gerade ist.

Finnvox Studios

Studio F – F wie »finnische Aussicht«

Überhaupt besitzen alle Studios sehr viel Charme, dank des Holz-dominierten Interieurs. Wir nähern uns der Baustelle, besser bekannt als ...

... Mika Jussilas Studio D, ebenso mit Surround 5.1. Gerade hat er Urlaub, deswegen bauen wir um. Mika verfügt über 20 Jahre Erfahrung (etwa 400 Alben), überwiegend im Metalbereich.

... unschwer zu erkennen: Auf dem Mischpult thront ein Totenschädel.
Über den hausinternen »Walk Of Fame«, sprich den mit Gold- und Platinalben überhäuften Flur, nähern wir uns dem Herz Finnvox', der Cafeteria.
Nanu, wo steht denn eure legendäre Kaffeemaschine?

(Risto schüttelt grinsend den Kopf) Die haben wir nicht mehr.

Finnvox Studios

Voxcola ... funktioniert selbst mit Euro

(Anmerkung der Red: Diese stammte aus Gründerzeiten, hatte einen eigenen Willen ... und wurde der Crew auf Dauer wohl zu anstrengend).

Dafür ist der »Voxcola«-Automat daneben authentisch. Wir fürchteten schon die Umstellung von Finnmark auf Euro, aber sie hat funktioniert: Er ist noch in Gebrauch.

Wir widmen uns dem Inhalt der neuen Kaffeemaschine und lassen die Führung entspannt ausklingen:
Kiitoksia Ristolle – ja kiitoksia kahvista! ;=)

© 2005 Nathalie Martin
Foto-Credits: Nathalie Martin, Finnvox: (1)

Finnvox Studio

Finnvox im Lauf der Zeit

1965

Erster Teil des Gebäudes. Studio A (vier Tracks),
Schallplatten-Mutter-Schnitt und Stempel-Produktion

1966

Vinyl-Presse im Einsatz

1967

Erweiterung des Gebäudes: Studios B und C

1969

8-Track-Tape-Maschinen, Dolby A Geräuschreduzierung

1974

Cassette mastering und Vervielfältigung

1975

16-Track-Maschinen, neue Custom-Konsolen

1980

Bau des neues Studios C

1982

24-Track-Maschinen

1984

Computer-gesteuerte Mixdown-Automatisierung

1987

CD-Mastering, Dolby SR-Geräuschreduzierung

1988

Neues Vinyl-Schneide- & Cassetten-Mastering-Studio.
Die erste SSL-Konsole wird installiert (Studio C). Studio D wird gebaut

1990

Studio A auf Vordermann gebracht. Studio B Kontrollraum renoviert.
SSL-Konsolen in den Studios A und B installiert

1992

Studio B auf Vordermann gebracht

1993

Erste Sonic Solution CD Mastering-System. Studio E wird gebaut

1994

Zweites Sonic Solution-System

1995

ProTools III digitale Aufnahmesysteme werden in den Studios A, B und C installiert

1997

Das ehemalige Vinyl-Presse wird in Studio F verwandelt.
Vierte SSL-Konsole, vierte ProTools-Workstation

1998

Alle Workstations (4) nachgerüstet mit ProTools 24

1999

Neues Mastering-Studio G ist fertig

2002

Alle Workstations (4) nachgerüstet mit ProTools HD. Neues Mastering-Studio H ergänzt.
Drittes »Sonic Solutions High Density Mastering«-System



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