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Janne Laurila: Einen Fuß in die Tür kriegen

Ein Interview von Eva-Maria Vochazer

Nach dem Aus seiner langjährigen Band Office Building ist der finnische Indiepop-Musiker Janne Laurila jetzt mit seiner neuen Formation Laurila neu am den Start. Mitte 2006 hat er mit »Endless Summer« auf der selbstbetitelten Debüt-EP einen unwiderstehlich verträumten Pop-Sommertrack vorgelegt.

Janne hat sich Verstärkung von Musikern aus dem live-Umfeld der Tigerbombs geholt und mit »BOYHOOD«jetzt den ersten Longplayer herausgebracht. Im letzten Herbst war der junge Musiker solo mit Martti von Mäkkelä´s Trash Lounge auf Deutschland-Tour und hat zwischen Kiel und Basel neue Freunde gewonnen.

Janne Laurila


Janne Laurila widerlegt jedes Klischee, das über finnische Männer in Umlauf ist. Zum Beispiel, dass sie den Mund nicht aufkriegen, niemals auch nur eine Miene verziehen und miesepetrig in die Landschaft schauen. Janne ist das genaue Gegenteil: Er versprüht eine unbändige Energie, ist präsent und hellwach, redet gerne, bringt Leute zum Lachen und lacht selbst am meisten. Spielte er eine Rolle in einem Kaurismäki-Vorstadt-Epos, man würde sich im falschen Film wähnen. Finnen erzählen doch nicht nonstop!

Janne Laurila

Gradliniger, treibender Sound

Mit seinen 27 Jahren ist Janne bereits ein Veteran der finnischen Indie-Szene, der häufig auch solo auftritt und dabei seine Leidenschaft für Country-Musik auslebt. Für Laurila als Band ist es schwierig, über den begrenzten finnischen Markt hinaus bekannt zu werden. Jannes Bestandsaufnahme der Arbeitsbedingungen junger Bands in Finnland fällt sehr desillusioniert aus. Was ihn aber nicht davon abhält, weiter kräftig in der Szene mitzumischen: Neuerdings ist er für das Booking eines Clubs in Tampere zuständig.

Janne ist die zudem gelebte Realität aller Theorien zur Bedeutung des Networking. Er kennt in Finnland alle – und alle kennen Janne. Seine guten Beziehungen zu Clubs, Musikern und DJs dienen inzwischen auch dem Ausbau der finnisch-hessischen Freundschaft: Auf seiner Tour mit Herrn Mäkkela hat er sich jüngst mit der Darmstädter Lo-fi-Popband Woog Riots angefreundet und für diese gerade eine erfolgreiche Finnland-Tour organisiert. Der deutsch-finnische Kulturaustausch funktioniert hoffentlich auch bald in der Gegenrichtung!

Janne, Du warst unlängst mit Mäkkelä´s Trash Lounge auf Deuttschland-Tour. 3.700 km in anderthalb Wochen! Wie lief es für Dich?

Janne, lebhaft: Oh, es war aufregend! Es lief sehr gut! Naja, in einigen Orten hatten die Leute noch nie im Leben etwas von mir gehört ...

Welche Städte denn, zum Beispiel?

(breit grinsend) Na, zum Beispiel in Filderstadt.

Janne Laurila

Nicht der Phil Collins von Finnland

Puuh, das ist ja schwäbische Provinz, wie sie im Buche steht!

Ja, wir sind in Filderstadt in einer Kneipe aufgetreten. Es war sehr nett, aber Du kannst Dir ja vorstellen, wie Kneipen eben so sind. Wir haben eine Menge Cover gespielt, vor allem von Country-Songs.

Ich habe auch einen Song von Juice Leskinen untergejubelt, dem legendären finnischen Schlager- und Rockstar (grinst noch ein bisschen breiter). (Anmerkung der Redaktion: Juice Leskinen ist im Spätherbst 2006 im Alter von 56 Jahren verstorben.)

Ein einfacher, geradliniger Sound

Du bis heute mit Deiner neuen Band Laurila aktiv. Was ist eigentlich mit Deiner ehemaligen Band Office Building passiert, mit der Du in Finnland vier Platten eingespielt hast?

Das war eine Frage der Motivation. Es wurde immer schwieriger, Office Building als Band zusammenzuhalten. Mit sechs unterschiedlichen Leute. Die einzelnen Musiker haben ihr Studium abgeschlossen. Haben geheiratet, Kinder bekommen, all diese langweiligen Dinge. (lacht).

Und außerdem wollte ich mich musikalisch in Richtung eines einfacheren, gradlinigeren Sounds entwickeln. Und die Band, diese Musiker, die waren nicht die richtige Besetzung dafür. Das Ende von Office Building hat sich irgendwie ganz natürlich entwickelt. Es macht nicht viel Sinn, ein totes Pferd mit der Peitsche zu traktieren, so wie die Sex Pistols. (grinst).

Du hast im vergangenen Sommer eine selbst betitelte EP veröffentlicht. Zu deiner neuen Band gehören Musiker aus dem Umfeld der Tigerbombs. Das Album klingt definitiv anders als die Veröffentlichungen von Office Building. »Number Down« zum Beispiel ist eine wunderbar treibende Rocknummer. Wie hat sich das alles zusammengefügt?

Janne Laurila

Punkrock als die erste Liebe

Ich hatte diese Solo-Tour mit Tapes, dem Singer-Songwriter Jukka Salminen, der gleichzeitig der Tour-Keyboarder der Tiger Bombs ist. Und Jukka ist jetzt mein ... (lacht und korrigiert sich) Laurilas Gitarrist.

Wir waren also unterwegs, und ich erzählte Jukka, dass ich ein Solo-Album aufnehmen will. Und dass ich schon einige Songs geschrieben hatte. Ich hatte ursprünglich gedacht, dass ich nur einige Freunde zusammentrommle, die meine Songs mit mir aufnehmen, aber dann hat es sich einfach anders entwickelt. Wenn du ein Mensch bist, der Bands mag, dann fügt sich das fast automatisch, dass du eine Band gründest. (grinst und hat dieses freche Glitzern in den Augen).

Lobbyarbeit für Laurila


Jukka hat ziemlich Lobbyarbeit betrieben. Er hat sozusagen »mind-fucking« an mir verübt, um diese Jungs in die Band zu kriegen. Das hat aber alles wunderbar funktioniert. Irgendwie ist es sehr lustig, weil ich die Band Laurila genannt habe, also meinen Nachnamen, weil ... (ringt nach Worten) ... weißt Du, bei Office Building war das so, dass die Songs hauptsächlich von mir stammten, und die Band war eigentlich eher mein Back-Up. Mit Laurila ist das eine ganz andere Sache. Innerhalb von zwei Wochen waren wir eine enge Gemeinschaft. Sehr viel mehr eine Band als alles andere, was ich jemals zuvor gemacht hatte.

Laurila als Band klingen rockiger, schneller, dynamischer. Du scheinst diese Richtung ziemlich zu genießen ...

Jaaaa!! Das geht eindeutig in Richtung Indie-Rock und Punkrock. Das war sowieso meine erste Liebe. Was ich ganz, ganz früher gemacht habe, als ich noch in Oulu lebte und ein Teenager war ...

Das klingt ja so, als sei es 20 Jahre her ... :-)

(lachend) Naja, es sind eher nur zehn Jahre ... .damals war ich schon in einer Band. Wir spielten im Stil von Sonic Youth und Radio Puhelimet. Also sehr rau, sehr treibend. Aber unsere erste EP mit Office Building vor sieben Jahren, die hatte aber schon diese starken Guided-By-Voices-Unterströmung: Also sehr einfache Popsongs ... aber dann ist irgendwie alles wieder in meinen Händen explodiert, und daraus sind diese zum Teil sehr ausufernden Songs entstanden. Ich wollte Office Building dann lieber verlassen, bevor ich der Phil Collins von Finnland werde. (grinst verschmitzt).

Janne Laurila

»BOYHOOD« als erster
Laurila-Longplayer

Das möchte ich noch erleben! Aber Spass beseite, es ist auffällig, dass bei deinem neuen Projekt Laurila der Country-Aspekt, der Office Building stark geprägt hat, so gut wie verschwunden ist ...

Da stimmt, aber dieser Aspekt ist bei meinen Solo-Auftritten immer noch sehr präsent. Ich liebe Country-Musik. Es gibt diesen wunderbaren Film über Townes Van Zandt und andere Musiker ... Country ist die perfekte Musik für Singer-Songwriter. Townes hatte immer so wunderbare Witze auf Lager ...

Musikalische Einflüsse bei Laurila?

Natürlich Guided By Voices, für mich eine der besten Bands aller Zeiten. Außerdem habe ich eine Menge Queens Of The Stone Age gehört. Und dann noch ein bisschen frühe ZZ Top (grinst), also aus den Anfangs-70ern.

Aber zurück in die Gegenwart. Du und Deine Band habt Euer erstes reguläres Album aufgenommen...

(begeistert) Ja! Ville Särmä spielt übrigens auch bei der finnischen Band Kevin und hat unser Album produziert. Und er ist auch noch der große Bruder unseres Drummers ... Sie haben es gemeinsam mit Nick Triani abgemischt. (Anmerkung der Redaktion: Der Brite Nick Triani lebt seit Jahren in Finnland und hat als Produzent mit Musikern von Apulanta bis Sister Flo gearbeitet).

Kommt das Album auch in Deutschland heraus?

(leicht seufzend) Nein, nur in Finnland. Martti hat bestimmt noch etwas dazu zu sagen, was Deutschland betrifft ...

Herr Mäkkelä mischt sich kurz ein: Durchaus vorstellbar. Kommt auf die Qualität an. (grinst). Kann sein, dass ein Song auf einer Compilation mit rauskommt.

Janne: So langsam, langsam versuchen wir, einen Fuss in die Tür zu kriegen.

Janne Laurila

Versuchen, einen Fuß
in die Tür zu kriegen

Bands wie Laurila, die auf keinem großen Label veröffentlichen, sind außerhalb Finnlands so gut wie unbekannt. Obwohl sie gut sind. Man hat das letztes Jahr auf der Berliner Popkomm gut verfolgen können: Music Export Finland hatte einen riesigen Stand, bei dem auch die großen Labels dabei waren. Kleinere Labels wie Kinkt Records, bei denen ihr herauskommt, waren nicht vertreten ...

Music Export Finland ist klar eine gute Sache. Aber man muss einen ziemlich hohen Mitgliedsbeitrag zahlen. Bands, die noch nicht so bekannt sind, können diese Summe unmöglich aufbringen. Es geht hier um einige tausend Euro. (zuckt mit den Schultern). Und es gibt keine Garantie, ob dies eine Band wirklich weiter bringt ... puuh, ich sollte jetzt wahrscheinlich besser den Mund halten ...

Kleine Labels können Bands nicht vermarkten

Es ist für finnische Bands sehr schwierig, außerhalb des Landes bekannt zu werden, oder?

Stimmt genau. Es ist sehr, sehr schwierig. Man müsste im Prinzip einen Vertrieb finden. Aber das ist so gut wie unmöglich, wenn man in Finnland bei einem kleinen Label veröffentlicht. Die kleinen Labels verfügen überhaupt nicht über das Budget, eine Band zu vermarkten und die entscheidenden Kontakte zu pflegen. Es fühlt sich deshalb eher so an, als ob man im Dunkeln vor sich hinstolpert.

Das klingt nicht so, als ob Bands wie Laurila in Finnland von ihrer Musik leben können?

Stimmt. Es ist etwas einfacher, wenn eine Band ihre Songs auf englisch singt. Für Bands, die finnisch singen, sieht die Sache noch einmal anders aus. Die kriegen wenig Airplay. Oft nur in kleineren Städten. Dort kommen die englischen Songs finnischer Bands nicht so supertoll an. Ja klar, aber die meisten Musiker wie wir halten sich mit irgendwelchen Jobs über Wasser.

Was machst Du zum Beispiel?

Ich arbeite als DJ und in einer Bar. Oder ich unterrichte. Alle möglichen Geschichten. (lächelt ziemlich angestrengt).

Ich hatte einen mittleren Lachanfall, als ich Boomhauer vor einiger Zeit für NORDISCHE MUSIK interviewt habe. Saku Krappala, der Sänge, Gitarrist und Songschreibe von Boomhauer, erzählte, dass er gerade eine Ausbildung zum Koch macht ...

(begeistert) Saku kocht tatsächlich phantastisch! Ich war unlängst in Turku, als ich in der Stadt einen Solo-Auftritt hatte. Und als ich Saku besuchte, hat er uns diese unglaublich leckeren Dinge aufgetischt! (die Augen leuchten).

Janne Laurila

Im Dunkeln vor sich hinstolpern

In Finnland sind die Auftrittsmöglichkeiten für Indie-Bands wie Laurila ziemlich begrenzt ...

(angestrengt überlegend) Es gibt im ganzen Land höchstens 20 bis 23 Clubs, die sich überhaupt für Auftritte eignen. Diese Clubs verteilen sich auf zehn Städte. Man müsste als finnische Band mehr im Ausland spielen, aber das ist wie gesagt schwierig.

In Deutschland treten außer den international bekannten Gruppen tatsächlich wenige kleinere finnische Pop-Bands auf. Was mich immer etwas nachdenklich stimmt: Schwedische Bands dagegen sind hierzulande sehr viel häufiger auf Tour, obwohl sie sich in Sachen Qualität und Niveau in keiner Weise von den finnischen Gruppen unterscheiden ...

(lebhaft) Das stimmt genau! Für mich ist sehr frustrierend. In Schweden erhalten Bands mehr Unterstützung vom Staat, wenn es beispielsweise um Übungsräume geht. Musik ist in Schweden ein bedeutendes Exportgut. In Finnland ist das nicht der Fall. Man bekommt keinerlei Unterstüzung.

Hat sich die offizielle Einstellung nach dem Triumph von Lordi beim European Song Contest nicht ein wenig verändert?

(bitter auflachend) Ach, das hieß es doch schon damals, als Bomfunk MC im Jahr 2000 ihre ersten internationalen Erfolge hatten. Nichts hat sich verändert. Und wenn Du es genau wissen willst: Demnächst wird das Gebäude in Tampere abgerissen, in dem wir unseren Proberaum haben.

Finnland ist noch nicht das neue Island


Und was mir immer etwas bitter aufstößt: Wir hören in Finnland sehr viel Musik aus den anderen skandinavischen Ländern. Dagegen habe ich den Eindruck, dass die Schweden, Norweger und Dänen seltener finnische Bands hören. Es ist für finnische Bands so gut wie unmöglich, Auftritte in Schweden zu organisieren. Die Schweden haben diesen gewissen Überwertigkeitskomplex gegenüber Finnland. Dass es sich nicht lohnt, finnische Bands zu hören ... (die Augen glitzern gefährlich). Ach, ehrlich gesagt, ich warte immer noch: Vor ein paar Jahren hieß es, Finnland sei musikalisch das neue Island. Du weißt schon ... (grinst).

Janne Laurila

Wir halten uns mit Jobs über Wasser

Dann warte ich aber auch noch darauf, dass Janne Laurila vom Cover der einschlägigen Musikmagazine lächelt ...

Au ja! Klar, wenn es endlich so weit ist, dass finnische Indie-Musik weltweit ihren Durchbruch hat.

Herr Mäkkelä mischt sich erneut ein: Dann möchte ich Janne aber unbedingt auf dem Cover des Playboy sehen!

Großes Gelächter ...

Bevor wir jetzt gänzlich abheben – wie sieht es denn in der Indie-Szene von Tampere aus? Ist die ähnlich engmaschig gestrickt wie zum Beispiel die Turku-Szene?

Schon. Wir kennen uns alle. Man hilft sich gegenseitig aus. Unser Drummer etwa mischt bei den Live-Auftritten von I Was A Teenage Satan Worshipper mit. Wir bewegen uns in sehr kleinen Kreisen. Viele verschiedene Blumen blühen in den gleichen Bars – zum Beispiel Regina, die machen Elektropop, etwas ganz anderes als wir.

Ganz zum Schluss: Jetzt haben wir lang und breit über finnische Indiebands gesprochen – werden wir mal konkret: Welche sind denn Deine persönlichen Lieblingsbands?

(angestrengt nachdenkend) Oh, die beste Liveband aller Zeiten ist Radio Puhelimet. Die kommen aus meiner Heimatstadt Oulu. Die Band exisitiert seit 20 Jahren, sie singen in Finnisch. Oder Uusi Fantasia. Und Rättö Ja Lehtisalo, also Mika Rättö von Kuusumun Profeeta und Jusi Lehtisalo von Circle. Das ist deren Elektro-Projekt. Und natürlich die Tigerbombs. Und ganz aktuell. Risto, die haben mit »AURINKO AURINKO PLA PLA« eine großartige Platte gemacht.

Vielen Dank für das Gespräch ... und vielleicht schaffen es Laurila, mit der neuen Platte im Gepäck auf Deutschland-Tour zu gehen!

Wir arbeiten dran!

Janne Laurila

Ich schlage mich als DJ durch

Discographie:

Laurila, BOYHOOD, 2007
Laurila, LAURILA, 2006
Office Building: VIOLENT HEART, 2004
Office Building, THE SUN HIT THE WATER, 2003
Office Building, ACROSS THE SLEEPING SEAS, 2001
Office Building, TO SEE ONLY SHADOWS, 2000

Janne Laurila hat häufig als Gastmusiker bei befreundeten Bands mitgewirkt, etwa bei Black Audio, The Rollstons oder den Tigerbombs. Im Sommer wird er erstmals als Gastsänger bei Jazzern aus Tampere mitwirken. In Finnland ist Janne auch häufig als Solokünstler unterwegs.

© 2006 Eva-Maria Vochazer, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Riita Kantinkoski



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