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Janove Ottesen: Die Beatles findet man ja überall

Ein Interview von Peter Bickel

Mit Interviews per Email ist das so eine Sache. »Email-Interviews sind unpersönlich und modern«, sagte Nicolai Dunger einmal.

Es kann prima funktionieren, aber es birgt auch zahlreiche Risiken: Der interviewte Musiker kann einen zu engen Zeitplan aufgebrummt bekommen, und beim Email-Interview kann die Firma eher Zeit abknapsen als beim persönlichen Gespräch. Oder der Interviewte hat keine Lust oder schreibt ungern. Oder alles auf einmal.

Janove Ottesen

In die Mülltonne?

Janove Ottesen

Francis ist fiktiv


Was nun genau der Grund dafür war, warum das Email-Interview mit Janove Ottesen in Teilen unbefriedigend verlief, wird wohl im Dunklen bleiben. Fest steht, dass es sich aus Termingründen so ergab, dass das Interview per Mail geführt werden musste. Janoves Antworten fielen kurz und manchmal lieblos aus; manche Fragen beantwortete er gar nicht. »Aus Zeitmangel« lautet der offizielle Grund, was stimmen mag. Aber warum bietet man uns ein Interview an, wenn es dann an der Zeit mangelt? Und ist es nur ein Zufall, dass Ottesen zum Beispiel genau für die Fragen keine Zeit hatte, die den vor kurzem vollzogenen Wechsel der Kaizers vom Ein-Mann-Label zum Mammut-Major berührten?

Der Interviewer hat in so einem Fall drei Möglichkeiten: Er täuscht heile Welt und ein perfektes Interview vor, er kickt das Ganze in die Mülltonne, oder er versucht das Beste daraus zu machen und die Umstände des verunglückten Interviews zu dokumentieren: Denn die sind ja auch eine Art Aussage des Künstlers. Ich wählte letzteren Weg; so kann sich jeder selbst eiun Urteil bilden.

Fakten

Janove Ottesen

Ein Jahr Kaizers-Pause


Janove Ottesen ist der Sänger von Kaizers Orchestra. Obwohl (oder weil?) die Band sperrigen Vaudeville-Rock spielte, nur auf norwegisch sang, auf einem Winzlings-Label veröffentlichte und ihre CDs nur über einen Indie-Vertrieb bei uns erhältlich waren, konnten die Kaizers überraschende Erfolge einfahren. Nach zwei in den Himmel gelobten Alben kehrten Kaizers Orchestra dem Label Broiler Farm den Rücken und unterzeichneten einen Vertrag bei Universal Deutschland, einer der weltweit größten Plattenfirmen.

Kurz darauf überraschte Janove Ottesen mit einem Solo-Debüt, das so gar nichts mit der Musik der Kaierzs zu tun hatte: »FRANCIS' LONELY NIGHTS« wendet sich dem Pop und Folk zu; es sucht und findet seine Vorbilder eher bei den Beatles, Paul Simon und Crosby, Stills, Nash und Young als bei Tom Waits und Nick Cave. Was jedoch kaum einer wusste: Ottesen plante seine Solo-Karriere schon, bevor sich der Erfolg der Kaizers einstellte. Warum aber veröffentlichte er sein Solo-Album gerade jetzt? »Das hat einfach nur praktische Gründe«, schrieb er. »Die Kaizers haben gerade ein Jahr Pause – deshalb ist das die perfekte Gelegenheit, das Solo-Album jetzt zu veröffentlichen.«

Aber warum war der Alleingang so wichtig? Hätten die neuen Lieder – auch wenn sie musikalisch andere Felder berühren – nicht auch mit den Kaizers aufgenommen werden können? »Der Grund ist, dass das einfach nichts mit den Kaizers zu tun hat. Es sind andere Songs in einer anderen Sprache, und bei meinem Soloprojekt wollte ich auch einfach mal mit anderen Leuten arbeiten.«

Die einsamen Nächte von Francis

Janove Ottesen

Lieber englisch


Wer ist Francis? Ist er die Person, die all die Lieder des Albums singt und erzählt? Hat er Gemeinsamkeiten mit Janove Ottesen? »Francis ist eine fiktive Person. Ich hab ihn nie getroffen. Da es Francis nicht gibt, hab ich auch nichts mit ihm gemeinsam.« Aha.

Gut - anderer Ansatz: Janove, warum singst Du nicht mehr norwegisch, sondern – wie alle anderen – englisch? Die norwegische Sprache war immerhin ein Charakteristikum der Kaizers-Musik und vermutlich ein wichtiger Mitgrund für den Erfolg. »Der gleiche Grund wie schon oben genannt. ich will mit meinem Soloprojekt einfach was anderes machen. Sowohl textlich wie sprachlich.«

Die Musik des Solo-Albums wirkt weit gewöhnlicher als der Kaputnik-Rock der Orchestra-Müllmänner. Das ist nicht wertend gemeint – »FRANCIS' LONELY NIGHTS« enthält sogar einige wunderbare Momente –, sondern ein Definitionsversuch. Beeinflusst der Wechsel von der norwegischen zur englischen Sprache auch die Musik oder gar das Thema der Texte? Die Kaizers-Texte zumindest sind recht morbide und dekadent, während die englischen Texte des Solo-Albums »nur« melancholische Themen haben. »In meinem Fall beeinflusst die Musik mehr die Texte als die Sprache. Die melancholische Art, Geschichten zu erzählen, passt zu meinen Solo-Songs einfach besser. Die dekadenten Texte passen wiederum besser zu Kaizers.«

Dein Solo-Album erinnert an manchmal an die Solo-CD des Madrugada-Sängers Sivert Høyem, der dort auch etwas komplett anderes tat als mit seiner Band. Siehst Du Ähnlichkeiten mit ihm? »Ich habe Sivert leider nie getroffen. Deshalb ist es schwer zu sagen, ob wir viel gemeinsam haben. Auf jeden Fall sind wir beide Songwriter, und wir sind beide Sänger in einer Band. Ich finde, dass Sivert immer noch näher an Madrugada ist mit seinem Soloalbum als ich an den Kaizers.«

Janove Ottesen

Die Quellen


Lass uns über Inspirationsquellen und Vorbilder Deiner Musik sprechen. Zunächst fällt auf, dass Du meist eine Gitarre mit einem recht charakteristischen, »schrammeligen« Sound benutzt. Diese alte halbakustische Gitarren mit den F-Löchern klingt etwas »ausgeleiert« und unbeholfen – eine Grundstimmung, die auch manchmal von den anderen Instrumenten wie Drums oder Mundharmonika aufgenommen wird. Beeinflusste diese Gitarre Dein Songwriting? »Es ist inspirierend, Songs mit einem guten Instrument zu schreiben. Deshalb vermute ich schon, dass das auch das Songwriting insgesamt beeinflusst hat.«

Janove Ottesen

Kannst Du einige Deiner Einflüsse benennen? Man hört die Beatles heraus, aber auch Neil Young oder Crosby, Stills, Nash & Young. Janove Ottesen: »Ryan Adams, Ben Harper, Beck, Oasis, aber auch Gillian Welch. Die von Dir genannten Bands habe ich ehrlich gesagt nie viel gehört ... und die Beatles kann man ja irgendwie überall wiederfinden.« Stimmt, zugegeben. Und skandinavische Lieblingsbands? Welche fallen Dir da ein? »Madrugada. Turbonegro. Kings Of Convenience

Das Schweigen


Die Musikszene wunderte sich über den Wechsel vom Einmann-Label zum Medien-Giganten Universal – umso mehr, als sich der Erfolg doch auch so eingestellt hatte. Kaizers Orchestra, die Vorzeige-Indie-Band, auf »Manistream-Kurs«? Wart Ihr nicht mehr zufrieden mit Broiler Farm?

(Die Frage blieb unbeantwortet.)

Der große Erfolg einer Band auf einem solch kleinen Label überraschte viel Leute. Doch diese Tatsache war ein Beweis dafür, dass es möglich ist, dass sich Qualität auch ohne Marktmacht durchsetzen kann. Einige Fans könnten nun verärgert sein und denken, dass Ihr die Independet-Musikszene »verraten« habt. Was denkst Du darüber?

(Die Frage blieb unbeantwortet.)

Wie kam es zum Deal mit Universal? Und warum gerade mit der deutschen Abteilung von Universal?

Janove Ottesen

»Ich erkenne Platten aus Bergen«

(Die Frage blieb unbeantwortet.)

Und warum veröffentlichst Du Deine Solo-CD nicht bei Universal, sondern bei einer anderen Firma, nämlich Virgin? Hier endlich steigt Ottesen wieder ein: »In Norwegen sind viele Bands, die ich sehr mag, bei Virgin. Auch den Boss von Virgin Norwegen schätze ich sehr. Er sieht die Künstler immer als Langzeitprojekt, und man läuft nicht Gefahr, dass man – wenn's beim ersten mal nicht gleich der Durchbruch wird – heftigen Druck bekommt oder sogar abgeschrieben wird.«

Nachdem Du von Virgin Norwegen sprichst: Wie würdest Du den Unterschied zwischen der norwegischen und deutschen Musik- und Medienszene beschreiben? »Die Medienlandschaft in Norwegen ist sehr speziell – man nennt das auch »biggest interest media« der Welt. In Norwegen gibt's Musikseiten in jeder Tageszeitung und auch tägliche Formate für Musik im Fernsehen. In Norwegen gibt es einfach eine sehr positive Spirale zwischen Medien, Presse, TV und Handel. Indie-Firmen explodierten vor einigen Jahren und brachten viel gute Musik aus dem Untergrund an die Oberfläche..«

Broiler Farm zum Beispiel. Bist Du der Meinung, dass es einen spezifischen nordischen oder gar norwegischen »Sound« in der Pop- und Rockmusik gibt? »Ich weiss nicht ... aber ich würde definitiv nach dem ersten Hören erkennen, wenn eine Platte in Bergen gemacht wurde. Ich erkenne die Arbeitsweise der Produzenten. ...
Black Metal ist wohl der bekannteste Musikstil aus dem Norden.«

Enjoy music

Janove Ottesen

Das Landei


Bist Du auf dem Land oder in der Stadt aufgewachsen? Und daran anschließend die Frage: Denkst Du, dass Deine Musik durch dasLeben in Norwegen beeinflusst wird – sei es nun Natur, Musikszene oder Gesellschaft? Mit anderen Worten: Würdest Du die selbe Musik spielen, wenn Du in Amerika oder England geboren wärst? »Also ich wuchs auf dem Land auf. Du musst einfach von deinem Umfeld beeinflusst sein, das lässt sich gar nicht vermeiden ... also würde ich sagen "ja, klar". Ich würde höchstwahrscheinlich nicht die gleiche Art von Musik machen, wäre ich in Amerika geboren.«

Du hast Dich jetzt schon festgelegt, dass Du vier Solo-Alben veröffentlichen wirst. Wieso weißt Du, dass es vier Alben sein werden? Vielleicht ändern sich die Dinge, und es werden viel mehr? »Nun, das ist ziemlich einfach – es ist ein Vertrag über vier Alben. Und wir haben einen Drei-Alben-Deal bei den Kaizers. Das heißt: Auf jeden Fall sieben Alben werden kommen. ich würde sagen, das ist eine Menge.«

Weitere Pläne für die Zukunft? »Die sieben Alben zu machen.« Hm. Letzte Frage: Gibt es eine Botschaft, die Du der Welt sagen willst?

»Enjoy music!«

© 2005 Peter Bickel, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Paal Audestad



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