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Kaizers Orchestra: Religion, Ehre und Krieg

Ein Interview von Markus Wiludda

Kaizers Orchestra machen es vor: Man kann auch mit norwegischen Texten außerhalb Norwegens erfolgreich sein. Dass es in den für viele unverständlichen Texten im Grunde nur um die alten Mafia-Themen geht, verrät Frontmann Janove »The Jackal« Kaizer im Interview.

Kaizers Orchestra

Ölfässer und Radfelgen

Kaizers Orchestra

Euer erstes Album »OMPA TIL DU DØR« ist in Eurer Heimat schon 2001 auf den Markt gekommen. Ist es schwer, über ein Album zu reden, das schon so alt ist? Habt ihr Euch nicht seitdem schon weiterentwickelt?

Nee, das ist eigentlich ganz ok. Wenn wir unsere Liveshow machen, dann kombinieren wir ja auch unsere zwei Alben.

Wir suchen unsere derzeitigen Lieblingsstücke aus allem heraus, was wir jemals gemacht haben. Da merken schon gar nicht mehr den Unterschied, weil wir spielen, was wir wollen. Die eine Hälfte ist halt vom »OMPA TIL DU DØR«-Album, die andere Hälfte von »EVIG PINT«.

Es gibt unzählige Arten, Eure Musik zu beschreiben – wie lautet Deine Version?

Es ist Rock'n'Roll. Aber es ist eigentlich mehr als das. Sie hat mehr Entertainment-Charakter, ein wirrer Mix. Um eine interessante Band zu sein, musst du mehr als nur deinen Song spielen; Du musst ihn auf deine ganz eigene spezielle Art performen. Das hat viel mit Energie zu tun und mit dem Herzen, mit dem du dabei bist.

Kaizers Orchestra

He watched the video ...

Die Leute vergleichen halt immer mit den unterschiedlichsten Bands. Aber es klingt alles nicht wirklich nach Kaizers Orchestra. Den Mix, den wir spielen, gibt es nirgendwo sonst – den hat nur Kaizers Orchestra.

Waren diese ungewöhnlichen Percussion-Elemente wie Ölfässer und Radfelgen von Anfang Bestandteil Euer Musik?

Wir machen jetzt seit ungefähr fünf oder sechs Jahren Musik zusammen, und wir haben das Konzept mit den Percussion-Elementen eigentlich von Anfang an gehabt.

Einige Musikzeitschriften in Deutschland sprechen Eurer Musik eine »kindische Unbekümmertheit« zu. Stören Euch solche Aussagen?

Nicht, wenn wir über diese pure Energie der Musik sprechen, dieses Unmittelbare und Unvoreingenommene. Wir sind ja auch noch nicht wirklich alt und stehen erst am Anfang unserer Karriere. Wenn sie das also so meinen, dann stimme ich dem zu.

Kaizers Orchestra

Kuhwinkel

Norwegen ist bekannt für seine Ölproduktion – Ihr benutzt Öl-Fässer. Norwegen hat eine lange Küste – Ihr singt Seemannslieder. Wollt ihr mit Eurer Musik also die norwegische Lebensart, die norwegische Kultur widerspiegeln?

Das hat eigentlich nichts damit zu tun. Das ist viel zu kompliziert gedacht, es ist einfacher. Wir wollen einfach nur gute Musik machen, da stecken keine Überlegungen dahinter, was wir in diese Richtung ausdrücken wollen. Einfach Entertainment und »catchy« Songs.

Nach Eurer Musik zu urteilen, müsste es in euren Texten um Liebe, Depression und Tod gehen. Ich verstehe aber leider kein Norwegisch; was sind demnach die zentralen Themen in Euren Liedern?

Es geht größtenteils um Themen, die in Mafia-Familien beheimatet sind: Religion, Ehre und Krieg. Ein wenig Surrealistisches steckt auch drin. Das macht es einerseits lustig, ist gleichzeitig aber auch sehr düster und ernsthaft. In unseren Texten sterben zahllose Leute – aber eben auf lustige, skurrile Art und Weise. Eher auf die »South-Park«-Art.

Anfänge und Preise

Kaizers Orchestra

I Got Erection

Kehren wir noch einmal an den Anfang Eurer Geschichte zurück, zu der Zeit, als iIr noch keinerlei Plattenverträge hattet?

Manchmal war es schon recht frustrierend, aber wir haben immer an uns geglaubt. Wir spielten und tourten ungefähr schon zwei Jahre, bevor wir dann eine Plattenfirma gefunden haben. Und dann war es auch noch die kleinste der Welt – eine Ein-Mann-Firma namens Broiler Farm.

Mit dem haben wir daraufhin das Album produziert und auch schon ein zweites fertiggestellt. Das hat uns gut getan. Für die Major-Labels waren wir anfangs zu alternativ, jetzt würden sie uns natürlich nehmen ...

Hat Euch Eure Plattenfirma in Hinblick auf internationale Veröffentlichungen gedrängt, von Eurer Platte eine Version in Englisch aufzunehmen, um damit erfolgreicher zu sein?

Nein, und das ist gut so. Außerdem ist unser Label ja nur ein Mann – so kann er gar nicht alles für und über uns entscheiden. Schließlich sind wird mit sechs eine deutliche Übermacht ...

Deswegen entscheiden wir das meiste und definitiv alles, was irgendwie unsere Musik betrifft. So sind wir die einzige Band auf der Welt, die in Europa tourt und norwegisch singt, was unsere Einzigartigkeit bewahrt. Wenn wir nun in englisch singen würden, wären wir nur eine Band unter Millionen.

Aber am erfolgreichsten seid Ihr ja immer noch in Norwegen. Ihr habt den Spellemann-Preis für eurer Album und den Alarm Award für die beste Performance gewonnen.

Kaizers Orchestra

Willkommen im Dschungel

Der Spellemann-Preis ist der »alteingesessene« Preis in Norwegen, vergleichbar mit einem Grammy. Wenn du den kriegst, ist das ein Indiz dafür, dass du eine Menge Platten in Norwegen verkauft hast. Wichtig ist er aber eher für die älteren Leute und das TV-Publikum.

Der Alarm Preis ist die Untergrundvariante. Wir verkaufen ne Menge Platten und sind irgendwie doch noch Untergrund – zusammen ist das eine wirklich beneidenswert gute Kombination.

Dass der Alarm-Award zurecht an Euch vergeben wurde, weiß jeder, der schon einmal Eurer Show beigewohnt hat. Schließlich scheint Ihr jeden Auftritt mit der Motivation zu spielen, dass sei Euer letzter...

Besonders, wenn wir jetzt das erste Konzert hier in Köln spielen, musst du die 500 Leute überzeugen. Die sollen uns schließlich mögen, die Platte kaufen und am besten beim nächsten Mal wiederkommen.

Das ist aber nicht so einfach, es gibt so viele gute Bands da draußen. Du musst dafür richtig arbeiten, um das Publikum jede Nacht zu gewinnen, wenn du erfolgreich sein willst und weiterhin touren willst. Das reicht als Motivation.

Gasmasken und Alarmsirenen

Kaizers Orchestra

Geysir-Kaizer

Eure Liveshow hat ja ziemlich viel mit Militär zu tun – Gasmasken, Synchron-Bewegungen und sogar eine Alarmsirene. Ist das auf einer ironischen Ebene zu sehen?

Das ist einfach Überzeugung. Wir schätzen den Mix aus unterschiedlichen Elementen, dafür gab es keinen Masterplan. Es sieht doch eigentlich ganz cool aus, und es wirkt. Erklärungsansätze gibt es nicht; es ist wie es ist.

Aber sicher ist, dass es bei uns eine ausgeprägte visuelle Seite der Show gibt. Das ist uns wichtig. Aber wir sind keinerlei Militärband und wollen das auch nicht propagieren.

Wer ist eigentlich Mr. Kaizer? Ist der Euer Logo, das Zeichen. Der Mann im Hintergrund?

Es gibt nur einen Mann, der diese Frage beantworten kann. Aber der ist nicht hier ...

Skandinavische Musik liegt in Deutschland absolut im Trend, und das Potential an individuellen Bands scheint immer noch nicht ausgeschöpft. Woher kommt diese besondere Qualität der skandinavischen Musikszene?

Das kann ich auch nicht genau erklären. Sicher, es gibt viele gute Bands bei uns, aber die gibt es auch woanders. Sicherlich ist es aber auch eine Art von Überzeugung das zu glauben; schließlich wird diese Welle in den Medien auch ein wenig hochgespielt. Wir in Norwegen haben keinen generellen Plan, mit unserer Musik die Welt zu erobern.

Letzte Frage: Woher kommen Eigentlich die Spannungen zwischen Norwegern und Schweden?

Kaizers Orchestra

Tied Up

Weil die Schweden die Norwegen nicht leiden können! Allerdings bedingt es sich auch gegenseitig. Wie aber alles angefangen hat, weiß ich gar nicht. Das liegt auch ein bisschen an der Tradition. Die Schweden sind natürlich keine Feinde, und wir sind sogar mit einigen Schweden befreundet, aber das Verhältnis ist dennoch schwierig.

Wir spielen z.B. in ganz Europa mit viel Erfolg, ernten viele gute Reviews für das Album und unsere Shows, aber als wir das erste Mal in Schweden waren, stand in den Zeitungen, dass wir die schlechteste Liveshow abgeliefert hatten, die sie je gesehen haben. Da siehst du das wieder! So eine Reaktion ist einfach blöd. Und schlicht falsch! Kaizers Orchestra ist nicht die schlechteste Liveband der Welt. Das ist einfach Fakt!

Line-Up:
Rune »Mink« Kaizer (1976: Drums
Jan Ove »The Jackal« Kaizer (1975): Gesang, gelegentlich Gitarre und Tonne
Terje »Killmaster« Kaizer (1977): Firebird original, erste Tonne
Øyvind »Thunder« Kaizer (1974): Kontrabass
Geir »Hellraizer« Kaizer (1975): Gesang, Gitarre, zweite Tonne
Helge »Omen« Kaizer (?): Harmonium, Tonne

Kaizers Orchestra


Kontrolle über den Kontinent
Eine Biografie

Das Kaizers Orchestra gründete sich 1998 in der norwegischen Musikmetropole Bergen, nachdem Frontmann Jan Ove und Geir Zahl unlängst in der Formation »Gnom« zusammen musiziert hatten. Die Ausrichtung an den musikalischen Veränderungen durch den Einsatz von Ölfässern und Autofelgen bedingte dabei den neuen Bandnamen Kaizers Orchestra und die Aufnahme von weiteren Musikern.

Kaizers Orchestra

El Barrello

Es folgen einige Demoaufnahmen und eine EP, bestehend aus dem »Gnom« -Song »Bastard« und drei neuen Songs, u.a. »Bøn Fra Hælvete« und »Dekk bord«, die bald auf ihrem Debutalbum ihren Platz finden sollten.

Im Sommer 2000 wurde mit Terje Vinterstøder der sechste Mann in die Band aufgenommen, um die energetische Bühnenshow mit einem erweiterten Percussion-Part zu verstärken.

Nach zahlreichen Konzerten wurden daraufhin mit dem kleinen Label Broiler Farm noch im selben Jahr innerhalb von sechs Tagen 16 Songs eingespielt und davon zwölf auf »Ompa Til Du Dør« verewigt, welches mit 100.000 verkauften Einheiten die erfolgreichste Veröffentlichung in norwegischer Sprache aller Zeiten werden sollte. Die weitere Etablierung der Band erfolgte durch viele Preise und Auszeichnungen, zu einem Großteil aber durch ihr unermüdliches Touren.

2003 wurde der Erstling des obskuren Sextetts über PIAS auch hier in Deutschland veröffentlich, wo sich die Band bei zahlreichen Auftritten eine überschaubare, aber begeisterte Fanbase erspielte.

Nur wenig später, im März 2004 erschien mit einem Jahr Verspätung zur norwegischen Veröffentlichung hierzulande der Nachfolger »Evig Pint«, welcher trotz eine morbideren Grundstimmung Kritiker wie Fans überzeugen konnte.

Nach der überraschenden Trennung vom Label Broiler Farm wird nun verstärkt auf das größte Ziel der Band hingearbeitet: Die Kontrollübernahme über den gesamten Kontinent!

© 2003 Markus Wiludda / eldoradio*
Foto-Credits: Shirin Kasraeian (www.kaizers-orchestra.de),
Aufmacher: www.kaizers.no


Discografie

2001 / 03 Ompa Til Du Dør
2002 Død Mans Tango (EP)
2002

Mann Mot Mann (EP)

2003 / 04 Evig Pint


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