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Kari Bremnes: Ein Raum, so offen wie die Lofoten

Ein Interview von Peter Bickel

Sie sei kein einfacher Interviewpartner, heißt es. In der Tat: Kari Bremnes, die selbstbewusste, starke, mit ihren 50 Jahren noch immer unglaublich attraktive Frau von den Lofoten, wirkt zunächst freundlich, aber distanziert.

Man spürt: Eine falsche Frage kann Wände errichten, die richtigen das Eis schmelzen lassen. Die richtigen sind die, mit denen man den Kern Ihres Wesens ergründet. Sie wirkt wie ein Geheimnis, das sich freut, wenn es ein Stück weit enträtselt wird.

Kari Bremnes

Winter in Hamburg

Kari Bremnes

Ich mag den Winter ...


Schneegestöber in Hamburg. Kari Bremnes empfängt in der Suite ihres Hotels zum Interview. Suite – das lässt an Glanz und Luxus denken, doch das Zimmer ist klein und eher karg-elegant möbliert. Es hat ja auch einen ganz bestimmten Zweck: Journalisten zu empfangen anlässlich ihres 14ten Albums »OVER EN BY«. Während ich mein Aufnahmegerät aufstelle, stelle ich meine erste Frage.

Weißt Du, dass Deine Alben in der Hifi-Szene sehr beliebt sind?

Ja, ich habe davon gehört. Sie müssten enttäuscht über die letzte Platte (»YOU'D HAVE TO BE HERE«) gewesen sein, denn die habe ich nicht im Rainbow Studio aufgenommen. Jan-Erik Kongshaug macht einfach wirklich gute Aufnahmen. Aber eigentlich ist diese Hifi-Schiene nicht wirklich interessant für mich.

Ich war vor einigen Jahren dort, um Jan-Erik zu interviewen und sah dort das gemalte Bild von Deinem Kind dort hängen.

Ja, das war mein Sohn – (lacht) es hängt da immer noch. Doch das Studio ist umgezogen inzwischen. Es ist sehr nett geworden.
(Baugeräusche dringen von draußen herein. Kari Bremnes steht auf, um das Fenster zu schließen und blickt dabei auf das Schneetreiben.)

Magst Du den Winter?

Kari Bremnes

... aber ich mag nicht rausgehen

Ja! Sehr! Ich mag den »Look« des Winters. Aber ich mag nicht rausgehen. (Lacht) Ich mag die Ästhetik des Winters, aber ich friere nicht gern.

Offene Himmel

Du wurdest in Svolvaer auf den Lofoten geboren, bist dann aber nach Oslo gezogen?

Ja, als ich 20 war. Seither lebe ich in Oslo. Ich mag Oslo, aber ich bin auch oft im Norden. Ich habe ein Haus da. Ich fahre mehrere Male pro Jahr hin und her. Ich schreibe und komponiere dort, und meine Familie lebt da. So wechsle ich zwischen dem städtischen Leben und der Einsamkeit und dem offenen Meer und dem Himmel und den Bergen.

Ich finde, man hört diese zwei Extreme in Deiner Musik: das raue Leben und die wilde Natur des Nordens und die Eleganz des urbanen Lebens.

Ja, absolut. Es gibt diese beiden Elemente in mir. Ich fühle mich regelrecht »markiert« von den Leuten und der Natur im Norden.

Der Norden ist gut zum Komponieren und zum Entspannen, Südnorwegen dagegen zum Arbeiten und Aufnehmen?

(Lacht) Ja, das kann man wirklich so sagen. Beide Lokalitäten sind gut für Beobachtungen.

Du meinst das Beobachten von Leuten?

Ja. Leute und sich selbst und das Zusammentreffen von Leuten und Situationen. Ich denke, es ist sehr gut, zwischen diesen beiden Plätzen hin und her zu wechseln.

Die Leute, über die Du schreibst – gibt es dafür reale Vorbilder oder sind sie erfunden?

Kari Bremnes

Markiert vom Norden

Alles hat einen realen Bezug, aber es ist nicht so, dass ich über eine Person schreibe, die einen Namen und eine Adresse hat und die so im Fokus des Songs steht. Es ist eher so, dass ich bestimmte Seiten dieser Person herauspicke. Ich erschaffe eine Person.

Aber um noch mal auf diesen Punkt von vorhin mit der Natur und den Städten zurückzukommen: Wir wollten auf der neuen Platte einen offenen Raum schaffen, so offen wie die Landschaft, aus der ich komme. Sie ist sehr offen, obwohl es diese hohen Berge gibt, die aus dem Meer aufsteigen. Doch wir haben das offene Meer und wir haben einen sehr offenen Himmel. Und ich denke, das spiegelt sich in der Musik wieder. Ich kann nicht sagen, wo und wie, aber ich denke, das muss so sein, denn dieser Aspekt ist ein wichtiger Teil von mir. Andererseits denke ich, dass Du das städtische, das »sophisticated« Leben dort erkennen kannst, wenn es um das Zusammentreffen von Menschen geht.

Das am meisten offene Lied ist für mich der Titelsong, der ja am Ende der CD steht. Ob es nun im Text um einen Vogel geht oder um die Seele eines Menschen, die über die Stadt Oslo fliegt und hinunterschaut – auch die Musik ist sehr offen. Und ich halte das für den idealen Schlusspunkt eines Albums.

Das ist interessant, dass Du das sagst, denn wir fanden sofort, dass dieses Lied am Ende kommen muss. Wir wussten es von Anfang an. (Lacht.)

Kari Bremnes

Kari liebt das Beobachten

Ich hatte sogar im Kopf, dass dieses Lied nicht nur die CD beschließen würde, sondern ein Motiv davon die kommende CD wieder eröffnen könnte: so wie etwas, das wegfliegt und dann wiederkommt ...

Sehr interessant. Ich werde das im Kopf behalten. Danke.

Familie Bremnes

Du arbeitest oft mit Deinen Brüdern Lars und Ola zusammen. Klappt das gut?

Ja, absolut. Zusammen bringen wir das Beste aus uns heraus. Wir sind sehr frei, wenn wir uns gegenseitig sagen, was wir denken. Es ist sehr inspirierend, mit Leuten zu arbeiten, wenn man gegenseitig genau versteht, was man meint.

Normalerweise hat man während des Schaffensprozesses nicht so viele Leute, die man fragen kann, und ich will auch nicht viel fragen, wenn ich mittendrin bin. Es kann sein, dass man das Lied dann weggibt und nicht mehr wiederbekommt. Man kann dadurch den Schwung verlieren, um es zu vollenden.

Zwischen uns herrscht großes Vertrauen: Es ist leicht für mich, mit Lars und Ola zu arbeiten. Für das aktuelle Album hat Lars wieder zwei Melodien geschrieben und Ola eine. Wir haben eine Platte zusammen gemacht, »SOLØYE«, sie liegt ... äh ... etwa sechs Jahre zurück.

Es gibt da ja dieses Foto auf der Rückseite, wo Du mit Ola und Lars am Strand lang läufst, und vielleicht war dieses Foto – und die Tatsache, dass Lars acht Jahre jünger ist als Du – der Grund dafür, dass die Hifi-Zeitschrift STEREO damals schrieb, Du hättest eine Platte mir Deinem Ehemann und Deinem Sohn gemacht ...

(Lacht herzlich.) Das wusste ich nicht. Das ist wirklich lustig.

Kari Bremnes

Nicht sexy mit Brüdern

Tja. Vielleicht liegt es auch daran, dass man zunächst nicht auf die Idee kommt, jemand könnte eine Platte mit seinen Brüdern machen.

Ja, so etwas wird wohl nicht für sonderlich »sexy« gehalten. (Lacht wieder.)

Mit dem Hörer »on the road«

Am Anfang Deiner Karriere hast Du nur die Texte geschrieben und noch nicht komponiert. Das kam erst nach und nach. Warum nicht schon früher?

Es kam mir nie in den Sinn, dass ich das könnte. Jetzt kommt mir das sehr seltsam vor, aber ich dachte wohl nicht, dass ich das könnte. Es hatte wohl einfach mit fehlendem Selbstvertrauen zu tun.

Ich war ganz erstaunt, als mir mal jemand vorschlug, auch zu komponieren. Natürlich hatte ich immer geschrieben und hatte eine Menge Textmaterial. Und dann setzte ich mich hin und dachte: »Gut, ich versuche es.« Das war dann sehr herausfordernd, und es hat Spaß gemacht.

Und nach einer Weile fühlte es sich ganz natürlich an, denn wenn ich Text schreibe, habe ich oft schon die Musik im Ohr. Die Musik »klettert« sozusagen über die Worte, denn die Worte haben ja schon einen Rhythmus.

Zum Schreibprozess: Beginnst Du mit dem Schreiben kurz vor den Aufnahmen oder ist das eher eine lange Zeitspanne, in der Du Songs sammelst.

Es ist eine lange Zeitspanne von üblicherweise zwei Jahren. Da sammle ich das Material. Vieles davon kann ich nicht verwenden. Ich mag es und brauche es auch, mir dafür Zeit zu lassen.

Oft beschreibst Du sehr kleine Details in der Beziehung zweier Menschen. Doch wenn man genau hinhört, erkennt man darin ein ganzes Leben mit all seinen Schicksalsschlägen. Wie schaffst Du das?

Kari Bremnes

Keine amerikanischen Filme

Wenn ich anderen Sängern zuhöre, mag ich es nicht, wenn etwas zu »offensichtlich« erzählt wird. In vielen amerikanischen Filmen zum Beispiel wird die Geschichte in so kleinen Schritten erzählt, als ob man mit dem Löffel gefüttert wird. So dass man es auch ja nicht verpasst, was am Ende gesagt werden soll – es soll wohl absolut jedem klar werden. Und manchmal werde ich so traurig deswegen. Denn es ist schön, am Prozess teilzuhaben und schrittweise Dinge zu verstehen, wenn also etwas nicht in fetten Großbuchstaben erzählt wird.

Ich versuche beim Schreiben Vertrauen in den Zuhörer zu haben, denn ich glaube, der Zuhörer versteht eine Menge. Der Zuhörer hat ein Leben, hat sein eigenes Leben und kann das in Beziehung zu dem setzen, was ich sehe. Der Zuhörer und ich – wir sind zusammen »on the road« und erleben die Geschichte gemeinsam. Und ich denke, dass kleine Dinge viel verändern können. Ich mag es, kleine Dinge zu beobachten, die plötzlich alles in einem anderen Blickwinkel erscheinen lassen.

Also magst Du die europäischen Filme mehr als die amerikanischen ...

Ja! Hundertprozentig. (Lacht.)

Deine Texte sind oft melancholisch oder gar traurig, aber man fühlt auch eine Menge Mut und Lebenslust in ihnen. Ist das auch Charaktermerkmal von Dir selbst?

Ja, absolut! Du hast es erfasst (Kari lacht – so, als würde sie sich freuen, dass man sie ein wenig enträtselt hat.) Das ist wirklich charakteristisch für mich. Ich habe soviel Freude in mir und sehe viele Dinge von der humorvollen Seite. Es gibt soviel, über das man lachen kann.

Aber ich habe auch diese melancholische Seite an mir, die ich nicht verleugnen kann. (Die von Kari benutzte Wendung »I have a kind of blue« lässt sich nur unzureichend übersetzen, die Red.) Aber jetzt auf dem Album schreibe ich viel über Veränderungen. Viele Leute haben eine melancholische Einstellung zu Veränderungen, aber ich finde sie oft faszinierend. Und wir verändern uns ständig und werden verändert – ob wir wollen oder nicht. Es ist wie ein Fluss: Wir können nicht zweimal an der gleichen Stelle in einen Fluss steigen. Wir bewegen uns die ganze Zeit. Ich denke gern über so etwas nach.

Kari Bremnes

Ich will nicht »alles«

Wenn Du über Männer singst, sind es oft Männer, denen man nicht vertrauen kann. Männer, die weggehen und nicht mehr zurückkommen. Wurdest Du oft enttäuscht von Männern?

Nein, niemals. Ich habe viele wunderbare Männer getroffen. Auch einige Dummköpfe natürlich, aber das passiert einem bei Frauen ja auch. (Lacht.) Nein, wirklich nicht.

Willst Du noch Kaffee? Er ist nicht gut, aber es ist Kaffee ... (Lacht wieder.)

Kari Bremnes

Mit Risiko ins Studio

Ja, gern. Danke.
Magst Du die Arbeit im Studio mehr oder das Live-Spielen?

Ich mag beides. Die Arbeit im Studio erfordert eine andere Art von Konzentration. Du musst Dich wirklich auf die Songs konzentrieren und in sie hineingehen. Auf der Bühne sind es andere Dinge, auf die man sich konzentrieren muss.

Im Studio arbeite ich recht riskant: Wir haben keine ausgearbeiteten Arrangements. Ich habe nur eine Idee von dem, was ich haben will. Ich habe die Texte, die Melodie, die Harmonien. Aber die können sich noch verändern im Studio. Meistens haben die Musiker den Song vorher noch nicht gespielt. Bengt, mein Hauptproduzent, hat sie natürlich schon vorher gespielt, aber die anderen nicht. Es ist eine ziemliche Herausforderung mit Anspannung bis in die Fingerspitzen.

Aber ich liebe das, dass dann so viele Dinge passieren können. Manchmal merken wir, dass etwas nicht funktioniert, und dann fangen wir noch mal von vorn an. Aber im Rainbow Studio können wir das kaum machen, denn es ist so teuer. (Lacht.) Es ist dort nicht der rechte Platz, etwas auszuprobieren und zu scheitern. Man sollte die Richtung schon kennen.

Auch Erik Hillestad von Deinem Label Kirkelig Kulturverksted sagte mir mal, dass er nicht immer im Rainbow Studio aufnehmen kann, weil es so teuer sei ...
Du hast ja wieder mal viele tolle Charaktermusiker dabei, die spontan reagieren können: Helge Norrbakken, Knut Reiersrud, Arve Henriksen.

Kari Bremnes

Liebt Musiker mit starkem Willen

Ja, das stimmt. Sie haben eine eigene Handschrift in ihrem Spiel und einen starken Willen. Dennoch sind sie offen. Wenn ich Musiker auswähle, will ich ihre Handschrift. Ich will keine Sessionmusiker, die alles spielen können. Ich will nicht »alles«. Ich will, was Helge spielt, zum Beispiel.

Knut und Bjørn Kjellemyr oder Helge sind auf einem so professionellen Level, dass Du das immer sagen kannst, wenn Dir etwas nicht gefällt. »Kein Problem« ist ihre Antwort, »dann probiere ich jetzt etwas anderes«.

Du hast Bengt und Helge als Deine Live-Begleiter für die letzten Jahre gewählt, und auch auf den letzten Aufnahmen spielten sie eine zentrale Rolle. Warum diese beiden?

Bengt und ich arbeiten einfach gut zusammen, auch beim Harmonisieren der Musik. Ich schätze die Art seines Spielens und seine Meinung. Als Produzent achtet er darauf, dass der Gesang immer genug Raum hat. Und er weiß genau, dass mein Gesang diesen Raum braucht.

Und Helge hat diesen sehr speziellen Stil; er spielt auch kein normales Drumset. Und er hat eine Menge Energie, besonders auf der Bühne.

Aber ein Trio ist ja eine kleine Besetzung, besonders wenn die Sängerin kein Instrument spielt. Hast Du diese Besetzung gewählt, um Deiner Stimme Raum zu geben oder vielleicht auch aus finanziellen Gründen?

Kari Bremnes

Spielraum für Dynamik

Ich mag das Trio. Es bietet Spielraum für sehr viel Dynamik. Wir können uns ganz zurücknehmen und können auch sehr laut werden.

In Norwegen habe ich ja noch eine weitere Band: Helge und Bengt sind in der Band, aber dann gibt es noch Sondre Meisfjord am Bass und Hallgrim Bratberg. Ein sehr »norwegischer« Name, ... (grinst) ... Hallgrim Bratberg, sprich mir nach ...

... oh, lieber nicht ...

... und dann gibt's Asle Karstad als Sound-Engineer.

Auf Deiner neuen Platte spielt Arve Henriksen Trompete, auf der letzten war es Nils Petter Molvaer. Beide haben einen sehr eigenen Sound. Diesmal dachtest Du, es wäre besser, Arve zu fragen?

Ich konnte seinen lyrischen, poetischen Sound in meinem »inneren Ohr« hören. Also wollte ich ihn. Wir haben demnächst auch ein Konzert in London zusammen, mit Arve und Ståle Storløkken.

In Deutschland wird Deine CD ein halbes Jahr später veröffentlicht als in Norwegen. Warum?

Ich glaube, Deutsche nehmen sich gern viel Zeit. (lacht aus vollem Hals) Ich habe keine andere Erklärung.

Englisch, oder: Ich will verstanden werden

Kari Bremnes

Lieblings-Arrangeur: Bengt Hansen

Vielleicht wurdest Du das schon öfter gefragt, aber es ist eine sehr naheliegende Frage: Du hast zuletzt einige Alben in Englisch besungen speziell für den deutschen Markt. Nun bist Du wieder zum Norwegischen zurückgekehrt – was viele Fans hier in Deutschland begrüßen, ich auch. Denn der Sprachklang des Norwegischen passt meines Erachtens besser zu Deiner Musik als das Englische.

Diesmal dachte ich, die gesungen Wörter klingen so organisch zur Musik, mehr als jemals zuvor. Text und Musik sind so dicht zusammen; ich wollte sie nicht auseinander brechen. Aber natürlich ist es eine riskante Entscheidung, denn ich möchte ja, dass die Leute verstehen, was ich singe. Ich will nicht nur eine exotische nordische Person sein, die über unverständliche Dinge singt.

Aber ich habe wenigstens die deutschen Texte mit ins Booklet gepackt, so dass die Leute verstehen können, worüber ich singe. Möglicherweise ...

Aber Deutsche würden Musik trotzdem akzeptieren, auch wenn sie die Texte nicht verstehen. Siehe Kaizers Orchestra.

Ja, aber ich weiß nicht, ob diese Band soviel Wert auf die Texte legt wie ich. Texte sind mir sehr wichtig. Ich möchte, dass sie verstanden werden.

Wenn Du außerhalb von Norwegen auftrittst, singst Du dann lieber auf norwegisch oder englisch – vorausgesetzt es gibt englische Übersetzungen?

Ich singe immer noch gern einige in Englisch. Weil ich das Gefühl mag, als Sängerin die die Songs hinein zu treten und zu kommunizieren. Ich habe da keine prinzipielle Meinung, aber ich erzähle Geschichten, und ich mag es, wenn die Leute den Geschichten folgen können.

Kari Bremnes

Charakter-Drummer: Helge Norrbakken

Ich weiß, was Du meinst. Aber ich glaube, dass die meisten Deutschen nicht so gut englisch können wie die Norweger.

Hm, verstehe. Du bevorzugst also norwegisch? (Nachdenklich.) Ja, viele Leute sind Deiner Meinung.

Was ist Dein wichtigstes Land – neben Norwegen?

Deutschland auf jeden Fall. Ich war auf dem Jazzfestival in Frankreich, dann in Belgien, in Österreich und Italien. Aber sie sind längst nicht so wichtig wie Deutschland.

Erik Hillestad – mehr als ein Produzent

Da arbeitest seit vielen Jahren mit Kirkelig Kulturverksted zusammen. Warum hast Du Dich für dieses Label entschieden?

Ich habe dort viel Freiheit. Ich darf dort tun, was ich tun will und mit den Musikern, die die ich will. Das ist Grund genug. Und ich arbeite gern mit dem Chef Erik Hillestad als Produzent; er wurde ein richtiger Freund. Eine Person, mit der ich Musik, Meinungen und Richtungen diskutieren kann. Ich kann mich immer auf ihn veranlassen. Manchmal wäre es allerdings schön, wenn sie mehr Geld hätten und mehr Angestellte.

Aber Deine Platten sind trotzdem die erfolgreichsten für dieses Label, oder?

Ja, absolut.

Kari Bremnes

Helges Drumset mit Autofelgen

Du hast auch bei dem sehr interessanten Projekt »LULLABIES FROM THE AXIS OF EVIL« mitgemacht, wo Du im Duett mit Rima Banna gesungen hast. Kannst Du die Arbeit mit ihr beschreiben?

Es war fantastisch, sie zu treffen. Rim Banna ist Palästinenserin und lebt in Nazareth. Erik Hillestad hatte die Idee zu diesem Projekt, und ich denke, es war eine brillante Idee – die bestmögliche Antwort auf Präsident Bush, der meint, einige Teile der Welt seine teuflisch. Das erinnert mich an Frank Zappa, der mal sagte: »Was sind die übelsten Teile Deiner Körpers? Die Antwort: Manche sagen, Deine Nase, andere sagen, Deine Zehen, aber ich denke, es ist Dein Verstand.« (Lacht.)

Erik wollte also Wiegenlieder aufnehmen, traf Rim, kam zurück und sagte mir, ich müsse sie treffen. Also reiste ich zu ihrem Haus und traf sie. Der Song entstand aber hinterher, ohne dass wir zusammen saßen. Erik nahm ihren Teil in ihrem Schlafzimmer auf, meinen in Oslo, Knut (Reiersrud, die Red.) machte die Musik dazu.

Der Veröffentlichungstag in Deutschland war der Tag der amerikanischen Präsidentschaftswahl – eine perfektes Timing, oder?

(Mit listig funkelnden Augen) Ja, ein absolut perfektes Timing.

Kommentierte Discografie

Kari Bremnes

»Ich will kommunizieren«

Meine letzte Frage: Ich habe einige CDs von Dir mitgebracht, und vielleicht könntest Du mir etwas über sie erzählen – was sie Dir heute noch bedeuten, ob sie Meilensteine für Dich waren. Lass uns mit dieser sehr frühen »FOLK I HUSAN« anfangen, die nicht mal in der Discografie Deiner Website erwähnt wird. Vielleicht bist Du nicht mehr sonderlich stolz auf diese CD?

Das ist keine Platte, die ich gemacht habe. Sie wurde zusammengestellt aus mehreren Platten.

Aber es ist die einzige erhältliche Aufnahme aus dieser frühen Phase, oder?

(Denkt lange nach ...). Ja, ich glaube. Zumindest die einzige CD.

Dann kam Dein erstes Solo-Album, »MITT VILLE HJERTE« (mein wildes Herz) ...

Das bedeutete mir viel. Ich fühlte mich, als ob ich plötzlich atmen konnte. Es war sehr wichtig. Danach kam »BLÅ KRUKKE« (Der blaue Krug) – das erste Album, wo ich meine eigenen Texte schrieb.

Und auf »SPOR« hatte ich dann meinen ersten komplett selbst geschriebenen Song: »Københavnerkneipe«.

Von diesem Album spielt Du live noch immer viele Lieder ...

Ja! Danach folgte »LØSRIVELSE«, wo Ketil Bjørnstad die Musik schrieb. Kennst Du ihn?

Ja! Diese CD nimmt einen sehr mit, vor allem wegen der unglaublich berührenden Texte. Einige – zum Beispiel der über das sterbende Mädchen, das so gern leben möchte – sind so traurig, dass man richtig weinen muss.

Ja, mir geht es auch so. Ich muss mich richtig zusammen nehmen, wenn ich dieses Lied live singe.

Dann kam »GÅTE VED GÅTE«, was mehr oder weniger meinen Durchbruch in Norwegen brachte. Dieses Album hat sich besser verkauft als jedes andere.

Kari Bremnes

Abschied vom Publikum, Hamburg

Ok, danach folgte »ERINDRING«, ein Best-Of-Album.

Ja, aber interessanter ist das Konzept-Album »SVARTA BJØRN« über diese legendäre Frau, die für Eisenbahnarbeiter kochte an der Strecke Kiruna – Narvik. Sie lebte dort unter extrem harten Bedingungen und wurde deshalb zur Legende. Sie ist eigentlich ein Mythos geworden, weil niemand genau wusste, wer sie war (blickt lange in Leere).

Ich dachte eigentlich, dass ich keinen dieser Songs danach singen würde, weil sie so mit ihrer Person verbunden sind. Aber jetzt spiele ich oft »Fyret Ved Torneham« in meinen Konzerten. Er ist recht populär geworden und so kraftvoll durch den Gesang von Helge und Bengt.

Dann kommen wir zu »NORWEGIAN MOODS«, Deiner ersten englischen Platte. Ich finde sie interessant, weil Du die alten Songs nicht nur mit englischen Texten, sondern auch mit neuen Arrangements aufgenommen hast.

Ja, ich mag sie auch. Sie wurde auch in Norwegen veröffentlicht.

Und danach nahm ich die Platte mit Rikard Wolf auf. Er ist Schauspieler und spielte vor einigen Jahren in diesem sehr außergewöhnlichen Film »Änglagård« mit. Und er ist auch Kabarett-Künstler. Ich komponierte zwei neue Songs für diese Platte: »Finn Veien Engel« und »Desemberbarn«.

War es Deine eigene Idee, mit ihm zu arbeiten? Denn oft scheint Erik Hillestad diese Visionen zu haben, bestimmte Musiker aus verschiedenen Kulturkreisen zusammenzubringen.

Ja, Erik schlug das vor. Ich wäre nie auf die Idee gekommen. Aber als er es vorschlug, sagte ich: »Klar, gern.«

Es klopft. Die Zeit ist um – der nächste Interviewer steht vor der Tür. Die zwei letzten CDs müssen unkommentiert bleiben.
Danke für das Interview.

© 2006 Peter Bickel
Foto-Credits: Oeyvind Toft (10), Rainer Brela (6), Burkhard Krumkühler (1)



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