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Story, zwei Interviews und Biografie
von Peter Bickel, Frank Keil und Rainer Brela


In ihrer Heimat Norwegen ist sie schon lange ein Star, nun erreicht sie auch unsere Gefilde: die Sängerin Kari Bremnes. Ihren Lieder schreibt man eine poetische Kraft zu, sie selbst gilt als eher unterkühlt und wenig zugänglich.

Eine Einstimmung, ein Gespräch mit ihr - kurz vor einem Auftritt in Hamburg - und eine Biografie.


»Norwegian Moods«
Ein Intro von Peter Bickel

Erstens:
Kari Bremnes, das Lofoten-Mädel: geboren in Svolvaer, einem Ort mit 5000 Einwohnern. Für die Südnorweger sind diese Nordländer nur zerlumpt-kauzige und ungehobelte Fischer, die nach Kabeljau und Salzwasser stinken, dreckige Witze erzählen und viel zu laut lachen. Ein Vorurteil, sicher, aber Kari Bremnes liebt die nördlichen, vom Nabel der Welt abgeschotteten Gemeinschaften schon allein deswegen, weil sie dazu auffordern, ausbrechen zu wollen. Aber da ist noch mehr: »Ich kehre immer wieder in den Norden zurück. Da ist eine Kraft, die immer bei mir sein wird.«

Kari Bremnes

Zwischen Fischerdorf und Großstadt

Zweitens:
Kari Bremnes, die weltgewandte Kosmopolitin: Obwohl ihre Musik äußerst natürlich und naturverbunden wirkt, scheint Kari Bremnes als Person eher in den Großstädten zu Hause zu sein. Nach Paris, New York oder Berlin passt sie - so elegant, unnahbar und urban schwarz gekleidet, wie sie sich meist präsentiert. Nur ihr schielender Blick wirkt als irritierender Moment in dieser ansonsten betörenden Anmut: »Sie schaut mich mit einem Auge nach dem anderen an«, schrieb einmal ein norwegischer Journalist.

Doch diese körperliche Auffälligkeit wirkt nur scheinbar als Missklang, denn letztlich symbolisiert sie wunderbar die Ambivalenz der Kari Bremnes, die auch in ihrer Musik immer wieder zutage tritt. Faszinierend tönen ihre Lieder - schön und auch realistisch grausam, von den nordischen Naturgewalten erzählend und von den Menschen, die sich damit herumschlagen müsen, und dann auch wieder genussvoll in der Melancholie der Großstädte badend, als gebe es nichts anderes auf der Welt als Neonlichter, Asphalt und Bahnhof-Cafés.

Zwischen Mainstream und Kultur-Elite

Kari Bremnes

Urbane Eleganz

Kari Bremnes gelingt außerdem das Kunststück, im Mainstream ebenso aufmerksame Hörer zu finden wie bei der kulturellen Elite. Dass sie sich hierzulande noch nicht so durchgesetzt hat wie in Norwegen - 350.000 Alben hat sie dort verkauft - liegt weniger am Potential ihrer Musik als vielmehr an der traurigen Tatsache, dass ihre deutschen Vertriebskanäle noch nicht so gut sind, wie sie sein sollten.

So rangiert sie hierzulande weiterhin als gehegter und gepflegter Geheimtipp, doch das könnte sich im Lauf der Zeit ändern: Kari Bremnes ist ein Mensch der »kleinen Schritte«, die vor allem musikalische Integrität bewahren will. Mit der Entscheidung, ihre norwegischen Texte für die Album »NORWEGIAN MOODS« und »11 UBESVARTE ANROP«, bzw. »YOU'D HAVE TO BE HERE« ins Englische zu übersetzen (bzw. übersetzen zu lassen), hat sie deshalb hart gerungen: »Ich hatte anfangs einige Vorbehalte, meine Texte übersetzen zu lassen. Ich habe befürchtet, dass sie "das gewisse Etwas" verlieren, ihre poetische Note, die ich hart erarbeitet hatte.«

Doch Kari Bremnes hatte Glück: Sie fand mit dem amerikanischen Songwriter Tom Russell und dem Iren Declan Sinnott geistesverwandte Projekt-Partner, die ihre Texte einfühlsam ins Englische konvertierten. Überhaupt sieht die auf den Lofoten geborene Sängerin eine große Ähnlichkeit zwischen Irland und Norwegen: »Den Iren ist es sehr wichtig, ihre kulturelle Identität gegenüber England zu bewahren. Da Norwegen zeitweise von Dänemark und Schweden regiert wurde, sehe ich bei uns ein ähnliches Bedürfnis, die kulturellen Wurzeln zu erhalten.« Daran arbeitet die Norwegerin nun seit Mitte der Achtziger, mit zunehmend eigener Handschrift und wachsender Anerkennung.

Ob ihre mit englischen Texten neu eingespielten Alben jedoch wesentlich zum kommerziellen Erfolg beitragen, sei dahingestellt: Kari Bremnes' Musik wirkt schließlich nicht auch zuletzt durch die Sprachgewalt und den Klang der norwegischen Sprache. Die wahren Musik-Gourmets kaufen daher eher ihre norwegischen Original-Alben als die englischen Adaptionen - oder am besten beide ...

© Peter Bickel



»Wir blicken mit einem zärtlichen Gefühl auf dieses kurze Leben«
Ein Interview von Frank Keil (2003)

Wie gut, dass sie nicht auf Konzerttournee ist! Die Stimme ist noch ein wenig rau, fast heiser. So sitzt Kari Bremnes entspannt in ihrem Hotelzimmer, lutscht Halspastillen und beantwortet Fragen zu ihrer neuen CD, der 13ten, die da heißt: »YOU'D HAVE TO BE HERE«.

Kari Bremnes

Nicht in einer einzigen Stimmung

Wir haben uns vor drei Jahren getroffen (siehe Interview von 2000 weiter unten); was ist in der Zwischenzeit passiert?

In den letzten drei Jahren? Oh, ich mag nicht so gern zurück blicken, mir gefällt es mehr, voraus zu schauen; im Hier und Jetzt zu sein. Na ja: Vor drei Jahren machte ich eine Platte mit zwei meiner Brüder, »Norwegian Mood«.

Und danach folgte eine Platte namens »Desemberbarn«, die ich mit einem schwedischen Schauspieler einspielte, mit Rikard Wolff. Wir sammelten ein paar Songs, von denen wir dachten, dass sie gut zum Winter passen könnten und natürlich zu Weihnachten. Die Platte enthält einige neue Lieder von mir, aber die meisten entspringen traditionellen Volksliedern. Wir teilten uns die Arbeit: Er sang einige Songs und ich einige andere. Ich weiß nicht, ob die CD hier in Deutschland veröffentlicht wurde. Später ergaben sich daraus einige wenige Konzerte.

Ihre neue Platte haben Sie in Oslo produziert?

In einem Studio mitten in Oslo. Einige der Gesangspassagen haben wir dazu in einem kleineren Studio aufgenommen, ebenfalls in Oslo. Ich habe das Studio gewechselt: Früher machte ich meine Aufnahmen bei RAINBOW, also bei Jan-Erik Kongshaug. Erik kreiert wirklich einen klasse Sound - sehr klar und rein, schnörkellos und direkt. Aber wir wollten es mal etwas anders haben.

In welcher Stimmung waren Sie, als Sie die Songs schrieben?

Stimmung? Ah ... wenn ich Songs schreibe, bin ich nicht in einer einzigen, einzelnen Stimmung. Vieles beschäftigt mich, treibt mich an. Die Songs schreibe ich nicht in einem Rutsch runter; sie formen sich über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren.

Kari Bremnes

Merkwürdigkeiten beim Älterwerden

Trotzdem: Sie stellen nicht einfach ein paar Songs zusammen, sondern Ihre Alben haben eine Struktur, eine Dramaturgie, einen Anfang und ein Ende.

Das haben mir schon einige Leute so gesagt. Ehrlich gesagt denke ich nicht in dieser Weise, wenn ich die Stücke schreibe. Im Nachhinein erkenne ich es auch, dass die Songs zueinander passen, dass sie zusammen gehören und sich aufeinander beziehen.

Es geht mir bei meinem aktuellen Album um die harten Fakten, die das Leben mit sich bringt, kombiniert mit einem zärtlichen Gefühl unserem Dasein gegenüber. Also: Wenn du etwas im Leben erlebst, jemanden triffst und merkst: Das ist jetzt definitiv. Das steht jetzt fest, und daran ist nicht mehr zu rütteln.

Es geht auch um die Merkwürdigkeiten beim Älterwerden. Ich habe heute ein so starkes Gefühl, dass wir in diesem Leben nicht allzu viel kontrollieren können. Früher, als ich jünger war, dachte ich das Gegenteil: Ich dachte, dass ich die Dinge unter Kontrolle habe und sie bestimme.

Von dieser Stimmung oder Atmosphäre sind die Songs stark gefärbt - denke ich. Sie sind dabei nicht wirklich traurig oder gar verzweifelt. Eher: Es ist so wie es ist. So wie im ersten Song »You'd have to be here«, dem Titelsong: Es geht einerseits darum, dass unser Leben sehr sehr kurz ist - wie wir wissen. Und andererseits freuen wir uns über dieses kurzes Leben, möchten es genießen, möchten es mit jemanden teilen. So blicken wir stets mit einem zärtlichen Gefühl auf dieses kurze, knappe Leben.

Sie haben wieder ein klasse Team zusammen gestellt, exquisite Musiker dazu.

Ja, wirklich. Phantastische Musiker. So entstand wie von selbst eine neue Band um mich herum. Mit einigen arbeite ich schon länger zusammen - mit Bengt Hansen am Keyboard, er ist auch der Produzent. Und mit Gjermund Silset habe ich vorher schon gespielt. Neu ist unser Drummer: Arnfinn Bergrabb.

Kari Bremnes

»Ich bin interessiert an uns Menschen«

Und dann wäre da Nils Petter Molvaer ...

Ja, natürlich. Ich kannte ihn, also rief ich ihn einfach an, und er war zufällig für zwei Stunden in Norwegen.

Für zwei Stunden?

Er machte sich gerade auf den Weg nach Deutschland, für irgendeine Konzerttournee, und danach sollte es gleich nach New York gehen. Aber er hatte vorher noch zwei Stunden Zeit und kam und spielte seine Parts.

In zwei Stunden?

Ja, er kam einfach vorbei und spielte. Es war wunderbar. Ich mag Musiker, die improvisieren. Er wollte keine Noten sehen oder irgendetwas erklärt bekommen: Er wollte einfach nur hören, um was es gehen sollte. Und er hörte ein bisschen zu, dann stieg er ein; intuitiv und aus dem Bauch heraus.

Und wieder folgt bei Ihnen auf ein schnelles Stück, ein langsames; dann wieder ein schnelleres, ein langsames ...
st das Ihr Prinzip?

Ist es so? Ist mir noch nie aufgefallen. Muss ich mir mal merken.

In vielen Ihrer Lieder geht es darum, einen Platz zu finden - erst allein, später vielleicht zu zweit.

(denkt länger nach) Möglicherweise. Ich habe es jedenfalls noch nie so gesehen. Einen Platz finden ... Ich bin interessiert an uns Menschen; wie wir so sind, wie wir reagieren. Und mich fasziniert immer wieder, wie unterschiedlich wir am Ende sind.

Da gibt es diese Frau, die in ihrem Zimmer sitzt und immer auf etwas wartet - es ist der dritte Song, »Can It Really Be Years«. Das ist vielleicht etwas überspitzt, aber sie will immer irgendetwas machen, nimmt es aber nie in Angriff. Sie ist nicht in der Lage aus sich heraus zu kommen. Spannend.

Viele der Songs handeln von Begegnungen, von Menschen, die ich mal traf. Und so finde ich natürlich manches auch bei mir wieder, erinnere ich mich an manches.

Kari Bremnes

Stärker als die Einsicht

Viele Männer haben sich bei mir für den Song »A Fantastic Time Already« bedankt. Der Song enthält wirklich ein Lob für sie. Denn in vielen Beziehungen sind es doch die Frauen, die immer alles planen wollen: Was machen wir heute? Was machen wir morgen? Was machen wir bloß nächstes Jahr? Aber man kann auch so eine gute Zeit haben, ohne all diese Pläne. (lacht) Ihr Deutschen seid ziemlich gut im Plänemachen, oder?

Ja, allerdings. Es gibt da eine Liedzeile, die mich beschäftigt hat: »Oh, but the most shocking realisation I've ever had is that the grown-ups are left and there is no protection.«

Ich hatte dazu zwei Gedanken: Du wächst am Anfang sehr beschützt auf - vorausgesetzt, es ist alles in Ordnung mit deiner Familie und dem Ort, an dem du lebst. Du fühlst dich einfach sicher; alles stimmt.

Und dann merkst Du, dass es auch all die anderen Sachen gibt; dass es beides gibt: Liebe und Hass, Anerkennung und Ablehnung. Diese starken Emotionen, die man nicht so recht in den Griff bekommt. Wie auch das Wetter. Ich bin ja in Nordnorwegen auf den Lofoten aufgewachsen, wo das Wetter wirklich ziemlich heftig wechselt. Die Natur ist so gewaltig, dass sich die Leute eher klein vorkommen. Sie vergessen nicht, was um sie herum passiert. Und das es eben Dinge gibt, die mehr Kraft haben, als man selbst für sich denkt.

Und dann denkst Du: Dein fester Wille schützt dich - dass Du etwas willst und etwas anderes nicht. Doch dem ist nur begrenzt so. Ganz extrem findet man das etwa bei Drogenabhängigen: Du findest kluge, intelligente Leute unter ihnen, und sie wissen genau, dass sie damit aufhören müssen, aber ... aber es gibt etwas, das ist stärker als die Einsicht und der Wille ihr zu folgen.

Sie haben selbst Kinder ?

Ja, zwei ...

Ich sehe das bei meinem Sohn, wie das Leben außerhalb der Familie immer bestimmender wird.

Ganz genau: Das Kind kommt aus der Schule und man hat es nicht zu einer Geburtstagsparty eingeladen. Andere Kinder ja, selbstverständlich; aber Deines nicht. Das ist brutal. Das ist fürchterlich. Und man selber handelt auch so.

Zu seinem letzten Geburtstag wollte er die halbe Klasse einladen.

Ja, so versucht man am Anfang die Probleme fernzuhalten. Aber das geht nicht ewig.

Zurück zu Ihrem Album: Warum endet es mit dem Sandy Denny-Titel »Who knows where the time goes«?

Dieser Song gehört schon seit Jahren zu meinem Repertoire. Ich schätze diesen Song einfach. Und er passte gut. Ich habe früher viel Fairport Convention gehört, die heute in Norwegen völlig out sind. Ich habe den Song erst einmal für mich ins Norwegische übersetzt.

Kari Bremnes

Wiegenlieder von der Achse des Bösen

Womit ich bei der Frage wäre, warum Sie nicht wieder auf Norwegisch singen?

Ich möchte gerne mit vielen Menschen kommunizieren, und da eignet sich Englisch einfach besser. Aber ich weiß, dass es da andere Meinungen gibt.

Was sind Ihre nächsten Pläne?

Ich arbeite gerade eng mit einer palästinensischen Sängerin zusammen, mit Rim Banna. Sie lebt in Nazareth, und wir wollen jetzt zusammen im September Syrien, Jordanien und auch Israel bereisen.

Wir haben eine Platte mit Lullabys, mit Wiegenliedern eingespielt, eine EP - eine Antwort auf Bushs Formel der »Achse des Bösen« und so heißt sie »FIVE LULLABIES FROM THE AXIS OF EVIL«. Sie enthält Songs aus dem Irak, dem Iran und Palästina. Demnächst soll ein komplettes Album entstehen, dass dazu Lieder aus Afghanistan und Nordkorea enthält. Zunächst aber wollen wir einige Konzerte geben. Es wird mehr eine Mischung aus Lesung, Vortrag und eben Musik werden.

Die Lage im Nahen Osten ist gerade nicht sehr entspannt. Haben Sie keine Angst, dort hin zu reisen?

Oh, doch. Ich habe zwei Kinder. Aber wir betrachten sehr aufmerksam die Lage und beobachten, was sich tut. Und so werden wir schon erfahren, was möglich ist und was nicht.

© Frank Keil


»Irgendwie blau«
Noch ein Interview von Frank Keil (2000)

Sie sind auf den Lofoten aufgewachsen. Wie ergeht es einem da?

Kari Bremnes

Dynamik und Kontraste

Ich lebte in Svolvaer, bis ich 19 war. Für andere mögen die Lofoten exotisch sein, für uns nicht. Wir merken erst, was für ein merkwürdiger Ort das ist, wenn wir länger woanders leben und zurück kommen.

Das Licht ist das Auffälligste, das Besondere. Im Sommer scheint die Sonne durchgängig. Im Winter haben wir einen Monat lang vielleicht für zwei Stunden etwas Sonne. Es wird nicht richtig hell, eher dämmrig. Aber das ist sehr poetisch. Das Licht, die Luft - es ist dann irgendwie ... blau.

Hat das Ihre Musik beeinflusst?

Ich glaube schon. Die Lofoten nehmen die Menschen sehr gefangen. Es ist ein kompromissloses Leben; man wird sehr hart mit der Natur, mit dem Wetter konfrontiert. Und alles ist irgend sehr ... dramatisch! In meiner Musik versuche ich das Dynamische und die Kontraste zu nutzen.

Wann fingen Sie an, Musik zu machen?

Ich sang zwar als Kind und spielte einige Instrumente, aber so richtig Musik machte ich erst nach meinem zweiten Album. Da hatte ich das Gefühl, jetzt geht es los. Für das zweite Album schrieb ich die Texte. Beim dritten kam meine Musik dazu. Es brauchte eben seine Zeit.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Konzert?

Uuuh - ich hatte Angst; Angst und Lampenfieber. Ich war total durchgeschüttelt, aber es war eine schöne Sache. Es war in Tromsø, ich hatte gerade mein Kind geboren und war mit ihm unterwegs. Das war natürlich etwas chaotisch und auch anstrengend ...

Jazz oder Folk? Wie würden Sie Ihre Musik beschreiben?

Beides. Ich höre auch beides. Aber wir hier in Norwegen haben nicht mehr diese harten Unterscheidungen. Jazz und Folk, das geht immer mehr zusammen. Früher war Jazz eben Jazz, und Folk war eben Folk. Und die »Jazz-Polizei« bestimmte, was dazu gehört und was nicht. Ich spiele oft auf Jazzfestivals, aber ich würde auch nicht behaupten, dass ich ganz typischen Jazz mache.

Eine Frau unter Männern

Kari Bremnes

Jazz oder Folk?

Sie haben ein Konzeptalbum gemacht ...

Ja, »SVARTA BJØRN«. Es handelt von einer Frau, die Eisenbahnbauer bekochte, im Grenzgebiet zwischen Schweden und Norwegen, gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Es war eine harte Arbeit, und diese Frau wurde eine Art Legende. Sie wurde von Männern beschrieben, es waren ja nur Männer da.

Ich wollte wissen: Wie lebte eine Frau damals unter solchen schwierigen Bedingungen? Ich las alles, was ich über sie fand, schrieb ihr einige Monologe zu und wollte dazu die Worte und die Töne unserer Zeit benutzen. Ich wollte nicht die damalige Musik und die damalige Sprache kopieren. So strengte ich den Verstand und die Gefühle einer Frau von heute an, um vielleicht zu ergründen, wie sie damals gefühlt haben könnte. Es gibt oben in den Bergen ein Grab und manche sagen, sie liegt dort begraben. Aber wer weiß es schon?

Sie arbeiten mit Ihren Brüdern zusammen. Gibt das nicht zuweilen Probleme?

Im Gegenteil: Es ist sehr einfach. Wir sind sehr glücklich darüber, dass wir uns mögen. Ich weiß, das ist nicht selbstverständlich in Familien, und oft gibt es damit Probleme. Wir haben einfach Glück mit uns. Wir verstehen uns auf eine selbstverständliche, kaum fassbare Weise sehr, sehr gut.

Wir sind durchaus verschieden, aber wir können sehr offen miteinander sprechen, auch uns kritisieren. Wir haben allerdings jeder unsere eine eigene Karriere - und so müssen wir nicht unbedingt zusammenarbeiten. Aber wir können, wenn wir wollen!

Typisch skandinavisch?

Kari Bremnes

Jedes Wort ist wichtig

Ihre letzte CD haben Sie auf Englisch gesungen. Man erzählt sich, dass Ihnen das nicht so gut gefällt ...

So, erzählt man sich das? Es ist so eine Sache mit der Sprache. Für mich bedeutet jedes einzelne Wort sehr viel. Es gibt viele Dinge über eine fremde Sprache, die man nicht weiß, nicht versteht, selbst wenn man sie gut sprechen kann.

Ich mag Englisch sehr gerne, es eignet sich gut zum Singen und vor allem verstehen es viele Leute - und das ist ja nicht unwichtig. Zwar kann man auch einiges verstehen, wenn man nicht Wort für Wort mitkommt, aber mir kommt es auf Geschichten an, die ich erzählen möchte.

Sind Sie eine typisch skandinavische Sängerin?

Ich weiß nicht; ich habe da keinen Überblick. Wohl eher nicht. Mich hat die Musik aus den Staaten und auch aus Europa beeinflusst, übrigens auch sehr der Chanson. Ok, ich benutze Bilder von der Küste und forme daraus Geschichte, die möglichst allgemein gültig sein sollten. Typisch skandinavisch? Vielleicht. Sicherlich können das andere besser beurteilen.

© Frank Keil


Von Mozart zum Spellemanspris
Eine Biografie von Rainer Brela


Geboren wurde Kari Bremnes 1956 in Svolvær auf den Lofoten, dem vermeintlich am Ende der Welt gelegenen Archipel im Nordatlantik. Hier wuchs Kari mit zwei Schwestern und zwei Brüdern auf.

Kari Bremnes

Von Mozart zu Bremnesan

Schon mit zwölf Jahren begann sie zu singen - zunächst noch Werke von Mozart, doch bald kreierte Sie Ihren eigenen Musikstil - eine Mischung aus Folk, Jazz und Chanson. Dazu sang sie Texte, die einem Poesie-Album entsprungen sein könnten, tiefsinnig und bleischwer. Mit einer packenden Stimme, die bestens harmoniert mit der frostigen Landschaft des Nordens.

Nach dem Studium der Sprach- und Theaterwissenschaften in Tromsø arbeitete Kari als Kulturjournalisten für »Aftenposten«. Gemeinsam mit ihrem Bruder Ola jobbte sie in in ihrer eigentlichen »Berufung«: Ola schrieb die Songs, die Kari dann sang.

Eine wichtige Station des künstlerischen Schaffens war das Quartett Bremnesan. Mit dem jüngeren Bruder Lars, ihrem Vater und Ola tourte das Quartett durch das ganze Land. 1981 ging Kari ihren eigenen Weg: gemeinsam mit der Gruppe Stiftelsen veröffentlichte sie ihre erste Platte »STIFTELSENS FRISTELSER«, mit Texten von Olav H. Hauge, Tove Ditlevsen, Edvard Munch und Leonard Cohen.

1987 erschien ihr erstes eigenes Soloalbum »MITT VILLE HJERTE«, zu dem die dänische Dichterin Tove Ditlevsen die Texte lieferte. Mit diesem Debüt avancierte Kari bereits zu den Gewinnern des Spellemannsprisen, einer Art »norwegischer Grammy«.

Ihr ersten eigenen Texte veröffentlichte sie dann 1989 in dem Album »BLÅ KRUKKE«. Nach »SALMER PÅ VEJEN HJEM« - einer gemeinsamen Arbeit (1991) mit Mari Boine und Ole Paus - publizierte Kari noch im selben Jahr das Album »SPOR«, tatkräftig unterstützt durch die Brüder Ola und Lars, Text und Musik. Eine Zusammenarbeit, die Früchte trug und abermals mit dem norwegischen Grammy belohnt wurde.

Gegen den Widerstand des »Familienrates« produzierte Kari 1992 mit ihren Brüdern ihre ganz »eigene« CD »ORD FRA EN FJORD«, wobei wiederum Ola für die Musik verantwortlich zeichnete. Dieses Projekt war alles andere als kommerziell ausgelegt, erzielte jedoch einen enormen Effekt in den Medien und führte zu diversen Auftritten im norwegischen Fernsehen. Nicht zuletzt der Song »Auf Wiedersehen» - die Geschichte eines Mädchens, das sich während der Kriegswirren in einen deutschen Soldaten verliebte - sorgte für viel Aufsehen.

Kari Bremnes

Das 1993 erschienene Album »LØSRIVELSE«, mit Texten von Edvard Munchs und der Musik von Ketil Bjørnstad sind eine Sammlung lyrischer Rockballaden. Musik durchzogen von Angst und Melancholie. Noch im gleichen Jahr sang Kari mit anderen norwegischen Musikerin auf dem Alben "COHEN PÅ NORSK« - eine nette CD, die allerdings wenig Beachtung gefunden hat.

Ihr nächstes Album enthielt wieder eigene Texten, über Herrlichkeit, Glück und Tod. Mit »GÅTE VED GÅTE« (1994) erreichte sie erstmals ein breites Konzert-Publikum. »ERINDRING« - ihr erster Sampler und ein Rückblick auf die bisherige Karriere kam 1995 auf den Markt. Nach dem Album »MÅNESTEIN« von 1997 erzählte Kari in dem 1998 erschienenem Album »SVARTA BJØRN« die Geschichte einer legendären Köchin, die um die Jahrundertwende unter Bahnarbeitern lebte und von einem eifersüchtigen Rivalen ermordet wurde. (In einer anderen Versionen dieser Geschichte heißt es dagegen, dass sie mit 22 Jahren an einer Lungenentzündung im Krankenhaus starb.)

Das erste englischsprachige Werk »NORWEGIAN MOODS« erschien 2000; es liefert wiederum einen Rückblick auf das bisherige Schaffen. Die Texte und Übersetzungen stammen ausnahmslos von ihr selbst und dem amerikanischen Songwriter Tom Russel. Schon im Jahr darauf kam »SOLØYE«, eine Gemeinschaftsproduktion mit Lars und Ola, in den Handel: eine Sammlung norwegischer Chansons voller Poesie und atemberaubender Gesangspassagen.

© Rainer Brela

Foto-Credits: Herdis Maria Siegert (1, 6), Morten Krogvold (2, 5, 7) und Liv Andrea Mostøl (3,4)

Discografie

1987 Mitt Ville Hjerte (Mein wildes Herz), ausgezeichnet mit dem Sepellemannsprisen
1989 Blå Krukke (Blauer Krug)
1991

Salmer på vejen hjem (Psalme auf dem Weg nach Hause), mit Mari Boine und Ole Paus

1991 Spor (Spur), ausgezeichnet mit dem Sepellemannsprisen
1992 Ord Fra En Fjord, mit Lars und Ola Bremnes (Wort von einem Fjord)
1993 Løsrivelse (Trennung)
1993 Cohen På Norsk ein Sampler
1994 Gåte Ved Gåte (Rätsel neben Rätsel)
1995 Erindring (Erinnerung)
1997 Månestein (Mondstein)
1998 Svarta Bjørn (Schwarzer Bär)
2000 Norwegian Moods (Norwegische Stimmung), englischsprachiges Album
2001 Soløye, mit Lars und Ola Bremnes (Sonnenauge)
2001 Desemberbarn (Dezemberkind)
2003 11 Ubesvarte Anrop / You'd Have To Be Here
(11 unbeantwortete Anrufe / Du solltest hier sein)
das Album ist mit norwegischen oder mit englischen Texten erhältlich
2006 Over En By


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