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Solveig Sletthjell: Jeder Takt ein Gemälde

Ein Interview von Tim Jonathan Kleinecke

Passau, 8. Oktober 2005, draußen auf der Terrasse des Café Museum, direkt an der Donau. Samstag nachmittag, 20°C, herrlicher Sonnenschein.

Das Café Museum ist »werktags« eben das Café des Museums für Moderne Kunst (wechselnde Ausstellungen, zum Zeitpunkt dieses Konzerts Yoko Ono) in der Bräugasse in Passau – es gibt dort übrigens vorzüglichen selbstgemachten Kuchen. Immer öfter wandelt sich das kleine, gemütliche Café in einen Jazzclub. Paul Zauner, selbst Musiker, macht ein ambitioniertes Nischenprogramm, das immer mehr Menschen anspricht.

Während Håkon Høgemo, Gjermund Silset und Helge Norbakken ihre Instrumente auspacken, schlürfen Karl Seglem und ich leckeren Cappuccino.

Karl Seglem

Karge Landschaften und rauer Wind

Karl Seglem

Karl Seglem, vielen Dank, dass Du Zeit für »Nordische Musik« hast. Deine CD »FEMSTEIN« fanden wir so gut, dass wir sie zur CD des Monats Februar gewählt haben.

Ja, ich habe das gesehen und gelesen, und ich habe mich sehr darüber gefreut.

Die Melodien Deiner Stücke, insbesondere auf »FEMSTEIN«, wirken wie Rufe aus einer archaischen Vergangenheit, sind einerseits mystisch und mysteriös und andererseits erdig und voller Energie. Woher kommen diese Melodien?

Nun, ich habe sehr viel mit norwegischer Volksmusik gearbeitet; sie dient als Basis und als Quelle für meine Musik. Wobei ich sowohl die vokale Volksmusik meine wie auch die Hardanger Fiddle-Musik. Gerade letztere ist natürlich sehr wichtig für dieses Quartett, mit dem ich seit eineinhalb Jahren arbeite. Wir arbeiten sehr viel mit Tradition, aber wir möchten etwas Neues errichten auf dieser Tradition, mit Improvisation und anderen Dingen, mit moderner Elektronik.

Ich suche immer nach etwas Speziellem – nennen wir es Tiefe in der Musik. Und die Melodien, die kommen durch Nachdenken, durch Spielen, durch Improvisieren und durch das Spielen mit anderen Musikern, insbesondere diesem Quartett. Diese Musik kommt also auf verschiedenen Wegen zu mir.

Karl Seglem

Live in Passau

Eine Freundin, der ich Eure Musik vorspielte, meinte, dieser Mann macht viele einsame Wanderungen durch karge Landschaften mit wenigen Bäumen, wo ein rauer Wind bläst, und da fallen ihm dann die Melodien ein. Das ist wahrscheinlich etwas idealistisch ...

Ja, schon (lacht). Aber andererseits auch nicht. Die Natur ist sehr wichtig für mich. Es stimmt schon, ich mache viele Wanderungen in den Bergen, auch allein, und ich bin gerne in der Natur, zu jeder Jahreszeit.

Nächste Woche habe ich keine Termine, und da werde ich auch nicht viel in Oslo sein, wo ich wohne, sondern aufs Land in meine Heimat in Westnorwegen fahren und sicher viel wandern.

Dann kannst Du ja auch gleich hier bleiben, der Bayerische Wald ist die schönste Gegend Deutschlands ...

(Blickt über die Donau auf die imposante Kulisse der Oberen Veste in Passau) Ja, ich bin hier schon mal durchgefahren während einer anderen Tour, und auch Passau ist eine sehr schöne, alte Stadt. Ich sollte wirklich mal hier Urlaub machen.

Das Quartett, also Håkon Høgemo (Hardanger-Fiddle), Gjermund Silset am Kontrabass und der Percussionisten Helge Norbakken, klingt sehr gut eingespielt – da scheint ja fast blindes Verständnis zu herrschen!

Ja, es ist ein Traum, mit diesen Musikern zu spielen!

Wieviel der Musik ist improvisiert, oder anders herum: wie viel ist komponiert und ausgeschrieben?

Karl Seglem

Um Musik lebendig zu machen, muss immer Improvisation dabei sein! Und Håkon, Gjermund und Helge sind genau die richtigen Musiker dafür, jeder ist in der Lage, auf den anderen zu reagieren. Wir haben natürlich in den Stücken einen Rahmen, die Grundmelodie, den Grundrhythmus, aber innerhalb dieses Rahmens kann sich einiges verändern.

Viel Obertöne

Ihr spielt heute Euer letztes Konzert der Tour durch Deutschland und Österreich. Reagieren eigentlich wir Mitteleuropäer anders auf Eure Musik als die Menschen in Eurer Heimat?

Oh, ich muss sagen, es war eine fantastische Tour! Wir hatten großartiges Publikum überall, wo wir auftraten, wir sind sehr dankbar für die Resonanz.

Und was den Unterschied betrifft: Die Menschen in Deutschland sind sehr aufmerksam, sehr offen für unsere Musik. In Norwegen wird Musik mit Hardanger-Fiddle manchmal als altmodisch abgetan, aber auch dort wird es immer besser, und wir hatten auch schon überall in Skandinavien tolle Konzerte.

Karl Seglem

Improvisation immer dabei

Gestern habt Ihr in der ausverkauften Unterfahrt in München gespielt, auf einer großen Bühne mit PA. Heute seid Ihr im Café Museum in Passau, das ist viel kleiner, so gemütlich wie ein Wohnzimmer. Macht das einen Unterschied?

Oh ja, das ist wirklich unterschiedlich! Aber das macht auch einen großen Reiz aus, die vielen unterschiedlichen Orte und Bedingungen, wo man spielt. Und hier ist es wirklich schön. Wir spielen hier auf einer Höhe mit dem Publikum, und wir spielen heute völlig unverstärkt, sogar Gjermund mit dem Bass. Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu laut werde mit dem Tenorsaxophon.

Wir hatten natürlich schon öfter unverstärkt gespielt; das ist also kein wirklich großes Problem, aber es ist eine Herausforderung, leise und doch mit Power zu spielen. Die Hardanger-Fiddle ist ja auch kein allzu lautes Instrument.

Gerade auch die Kombination Tenorsax / Fiddle ist sehr reizvoll, und insbesondere die Ziegenhörner ...

Ja, das sind alles Instrumente mit einem hohen Oberton-Anteil, darum klingen sie auch so gut zusammen. Und wir haben auch lange daran gearbeitet.

Machst Du die Ziegenhörner selbst?

Nein, nein. Aber sie werden aus echten Ziegenhörnern hergestellt. Es gibt in Norwegen einen einzigen Mann, der diese Hörner macht, und jedes Horn ist ein absolutes Einzelstück, jedes klingt anders. Ich habe auf dieser Tour zwei dabei, und wenn eines abhanden käme oder kaputt ginge, das wäre fürchterlich.

Wie ist die Stimmung dieser Hörner? Der Tonumfang ist wohl nicht so groß wie beim Tenorsax.

Karl Seglem

Stimmt, aber auch das ist bei den beiden Hörnern unterschiedlich. Sieben, acht reine Töne, aber mit den Obertönen entsteht eben dieser einzigartige Klang.

Electronics

»REIK«, Deine neue Platte klingt ziemlich anders als davor »FEMSTEIN«. Ich finde sie ruhiger, reduzierter.

Vielleicht ist es eine andere Seite von mir, von meiner Arbeit. Natürlich gibt es auch Ähnlichkeiten zu »FEMSTEIN«. Reidar Skår hat sehr viel beigetragen mit Electronics. Ich bearbeite auch den Klang meiner Ziegenhörner elektronisch. Aber es ist eine Musik voller Energie; die entstand aus der Inspiration der Arbeit mit dem Quartett letztes Jahr.

Und wie sehen die Pläne für die Zukunft aus?

Wir möchten nächsten Herbst noch eine Quartett-CD veröffentlichen und dann auch wieder in Deutschland und Europa touren. Außerdem haben wir Teile dieser Tour gefilmt und möchten im Frühjahr eine DVD herausbringen.

Warum nicht noch mehr Electronics und Dancefloor-Grooves?

(Lacht) Warum nicht, mal sehen.

Karl Seglem

Helge Norbakken

Karl Seglem, vielen Dank, und wir freuen uns auf ein sicherlich großartiges Konzert heute abend.

Danke gleichfalls. Wir tun unser Bestes!

Zwei Stunden später hat sich das Café Museum gut gefüllt, sogar auf dem Sofa, auf dem Håkon Høgemo sitzt, hat Barbara, die Chefin des Café Museum, Platz genommen. Programmgestalter Paul Zauner sitzt auf der Treppe. Publikum und Musiker sind also überhaupt nicht von einander getrennt. So entsteht eine sehr intime, angenehme Atmosphäre, die auch den Musikern sichtlich behagt.

Das Konzert hält, was »Femstein« verspricht. Ein glänzend eingespieltes Quartett mit einem bestens aufgelegten Karl Seglem, der sämtliche klanglichen Möglichkeiten seiner Hörner und des Tenorsax ausschöpft. Håkon Høgemo hört, schaut, reagiert auf Seglems Tenorsax.

Helge Norbakken ist ein Traum von Perkussionist mit enormer dynamischer und auch klanglicher Bandbreite. Und durch das alles war immer noch Gjermund Silsets Kontrabass zu hören; auch dieser war Aufmerksamkeit wert. Alles in allem: große Musik, wie schon die CD »FEMSTEIN« eben.

© Tim Jonathan Kleinecke, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Oddleif Apneseth, Ketil Jacobsen (2), Bernd Klein, Tim Jonathan Kleinecke (3)



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