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Kashmir: Die Suche nach dem Gesamt-Kunstwerk

Ein Interview von Eva-Maria Vochazer

Austausch und Auseinandersetzung suchen – Kashmir, in ihrer Heimat Dänemark längst Superstars, haben sich die Lust am Ausprobieren bewahrt.

Kunst und Literatur, das heimatliche Kopenhagen und das hippe New York, die feste Verankerung in der dänischen Musikszene und die jüngste Zusammenarbeit mit Rockgrößen wie David Bowie und Lou Reed – bei Kashmir sind die Antennen auf Weltempfang eingestellt.

Kashmir

An einem grauen Wintertagnachmittag vor dem Konzert in der Frankfurter Batschkapp sind Sänger Kasper Eistrup und Bassist Mads Tunebjerg leicht übernächtigt, was sie aber nicht davon abhält, lebhaft über die aktuelle politische Lage zu diskutieren.

Zum Zeitpunkt des Interviews brennen dänische Botschaften in der arabischen Welt – der Streit um die Mohammed-Karikturen ist auf dem Höhepunkt. Besonders Mads ereifert sich über Gedankenfreiheit und Überreaktionen, die in keinem Verhältnis mit dem ursprünglichen Auslöser stehen. Bei starkem Kaffee, in einen engen Backstage-Raum auf abgeschabten Sesseln kauernd, Schal um den Hals geschlungen, kommen wir zum Thema.

Kashmir

»Jetzt sind wir voller Energie«

Ihr steht am Anfang einer ziemlich anstrengenden Tour mit 19 Konzerten in 22 Tagen in ganz Europa. Wie lässt es sich bisher an?

Kasper Eistrup: Bisher läuft es sehr gut!

Mads Tunebjerg: Ja, unbedingt!

Kasper, lächelnd: Wir hatten gerade einen kleine Pause zwischendurch – ich habe zwei Wochen auf einer Insel in der Karibik verbracht, was natürlich wunderbar war! Henrik war in Spanien, Asger in Marokko und Mads in Berlin. Wir waren also eine Zeitlang nicht zusammen, und jetzt sind wir voller Energie. Wir freuen uns, hier in Deutschland zu sein. Wir haben bereits in Berlin und auf dem Haldern-Winterfestival gespielt.

Haldern ist in Deutschland sehr bekannt, wie habt Ihr das Festival erlebt?

Kasper: Ich fand es großartig - obwohl wir unseren Auftritt erst gegen halb ein Uhr nachts hatten.

Mads, grinsend: Das war schon ein bisschen spät ...

Kasper: ... aber zu unserem Gig waren jede Menge Leute da, die von ziemlich weit her kamen, das fanden wir großartig. Und auch das Konzert im Berliner Postbahnhof lief fantastisch.

Mads: Wir waren dort bereits im Herbst letzten Jahres im Rahmen der Popkomm in Berlin gespielt und waren von der Atmosphäre ziemlich begeistert.

Wir sind immer noch neugierig

Ihr habt kürzlich Euer neues Album »NO BALANCE PALACE« veröffentlicht. Wenn ein Album für einen Lebensabschnitt stünde – welche Phase habt ihr damit erreicht?

Kasper; verblüfft schmunzelnd. Puuh. Im Grunde einfach ein weiterer Schritt beim Ausprobieren ...

Kashmir

Auf der Suche nach etwas Kosmischen

Mads: Wir sind immer noch ziemlich neugierig ... wir empfinden das im Moment so, dass unser Sound ein bisschen weiter zusammenwächst. Auf den letzten drei Alben, inklusive der neuen Veröffentlichung, sind wir dabei einen Ton zu entwickeln, der immer mehr nach uns selbst klingt. Es ist der fünfte Schritt in Richtung ...

Kasper, wirft ein: ... Perfektion!

Mads, lachend: Klar, irgendwie ...

Kasper: ... Nirwana. Ich weiß nicht.

Oder vielleicht einfach erwachsen werden?

Kasper, lächelnd: Bestimmt. Ich finde, es ist ein sehr gutes Album geworden, wir sind sehr glücklich damit. Es ist für mich immer noch extrem schwierig, objektiv über das Album zu urteilen. Da müssen wir noch ein bisschen warten ...

So ähnlich wie alle Eltern glauben, dass ihr Baby das hübscheste auf der Welt ist?

Kasper, schmunzelt. Natürlich! Wir empfinden das so, dass wir immer noch eine Band sind, die sich entwickelt. Und ich denke, dass unsere neueste Veröffentlichung der beste Beweis für diese These ist. Mit unserem vierten Album »ZITILITES« haben wir in ganz neuen Kreisen Aufmerksamkeit gewinnen können. Es wurde in Australien, Japan und England veröffentlicht, insgesamt in über 20 Ländern.

Ich mochte den Entwicklungsprozess von »NO BALANCE PALACE» besonders gerne. Wir bewegen uns nicht wirklich in Richtung eines breiteren Publikums. Ich denke, wir könnten das tun, aber nicht in der bewussten Absicht, eine GROSSE Band werden zu wollen. Das ist es nicht, was uns interessiert. Es ist ein Job. Wir touren gerne. Wir verkaufen gerne Platten.

Wir schaffen ein Kunstwerk

Kashmir

Ikonographische Qualität


Aber ich denke immer noch, dass es wir ein Kunstwerk schaffen. Das sollte es jedes Mal sein. Es ist wichtig für uns, dass wir nicht versuchen, Plattenfirmen oder Radiosender zufrieden zu stellen – und ich denke, das tun wir auch nicht (lacht). Es ist immer sehr schwierig für uns gewesen, von kommerziellen Radiosendern gespielt zu werden. Und deshalb ist es sehr positiv zu sehen, dass viele Menschen zu unseren Konzerten kommen – auch ohne die Unterstützung großer Radiosender.

Ihr versucht, mit euren Alben eine Art Gesamtkunstwerk zu schaffen – mit der Musik, den Videos, der Gestaltung des Album-Covers ...

Kasper: Oh ja! Klar!

Mads: Ich verstehe, was du meinst ...

Ihr habt zum Beispiel dieses Gemälde des konstruktivistischen Malers El Lissitzky als Cover für »NO BALANCE PALACE gewählt, wie kam es dazu?

Mads. Wir hatten damit begonnen, mit einigen Leuten wegen der Covergestaltung zusammenzuarbeiten. Diese sollten uns dabei helfen, unsere grafische Ideen für das Album zu entwickeln. Aber irgendwann waren wir leicht verzweifelt. Als wir in New York waren (um das Album abzumischen, die Redaktion), fragten Kasper und ich uns : »Was sollen wir jetzt machen?« Wir suchten ein Bild mit einer gewissen ikonographischen Qualität – so in der Art wie das Andy-Warhol-Bananen-Cover von Velvet Underground ...

Kasper, wirft ein ... oder wie bei »STICKY FINGERS« von den Rolling Stones ...

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Cover der CD und Single

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Mads: Genau!. Und gleichzeitig hatten wir den Traum, dass wir ein Kunstwerk finden würden, das gleichzeitig eine völlige Gegenbewegung zu bisher darstellen würde ...

Kasper: ... etwas, das wir noch nie gezeigt hatten.

Mads: ... und damit etwas, was einfach kosmisch wäre. Und dann ist Kasper in diese Buchhandlung in New York spaziert, einen Riesenladen am Broadway ...

Kasper: Diese Buchhandlung hatte jede Menge Kunstbücher.

Das muss für Dich ja wie im Himmel gewesen sein ...

Kasper; grinst: Ja, ein phantastischer Ort! Und ich streifte ziemlich überwältigt durch die Regale und schaute mal hier, mal dort – und dann stieß ich auf ein Buch, und auf der ersten Seite war dann dieses Gemälde von El Lissitzky abgebildet, es heißt »The Abstract Cabinet« aus dem Jahr 1927.

Zunächst habe ich die beiden Dinge nicht verbunden – unsere Suche nach einem Cover – ich schaute nur das Bild an und dachte »das ist ja wundervoll!« – und müde, wie ich an diesem Morgen war, habe ich das Buch zugeschlagen, es zurück ins Regal gestellt, und ich bin ins Studio gegangen und habe mich mit Mads unterhalten – Mads und ich arbeiten immer sehr eng bei der künstlerischen Gestaltung des Albumcovers zusammen ...

Mads nickt und lächelt.

Kasper: ... und ich erzählte Mads von den wunderbaren Bild und sagte zu ihm: »Ich weiß nicht mehr den Namen des Künstlers, und ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie das Buch heißt!« (lacht) ... ich hatte nur noch so ungefähr im Kopf, wo ich es hingestellt habe – und am nächsten Tag bin ich in den Laden zurück, hatte Glück und fand das Buch, kaufte es und zeigte es den anderen aus der Band, und die mochten es auch, und so hatten wir unser Album-Cover!

Kashmir

Wir wollen eine Synthese erreichen

Also geht konzeptionell bei euch alles Hand – die grafische Gestaltung, die Musik, die Videos?

Mads: Ja, wir wollen eine Synthese erreichen ... wir versuchen immer, eine Form der grafischen Identität zu finden, die zur Musik und den Songs passt. Und wir bemühen uns, ein Konzept darum herum zu bauen – und dann hatten wir endlich dieses wunderschöne Kunstwerk von El Lissitzky gefunden! Dann mussten wir mit den Besitzern des Gemäldes sprechen ...

... dem Sprengel Museum in Hannover.

Mads: Genau. Hast Du eigentlich zuvor schon mal etwas von El Lissitzky gehört?

Ja, ich bin bei Museumsbesuchen schon mal auf ihn gestoßen, weil er in Darmstadt, wo ich wohne, früher einmal gelebt hat ... er gehört doch zu dieser Kunstrichtung ...

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Keine Kompromisse machen

Mads: Zum Bauhaus, klar!

Kasper: Oder zum Konstruktivismus. Klar, wir geben mit diesem Cover auch ein Statement ab ... es ist für uns nicht wichtig, ein hübsches Foto von der Band auf dem Plattenover zu haben, wo alle richtig sexy und schön aussehen ... (grinst)

Mads: (der zum Interview eine gänzlich unerotische ausgeleierte graue Wolljacke trägt!): Sehe ich genau so ...

Kasper: Es ist uns wichtig, den Konsumenten, der sich dafür interessiert, ein Produkt in die Hand zu geben, ein Kunstwerk, das auf irgendeine Weise vollständig ist. Wir glauben nicht, dass es das heute sehr häufig gibt: Es ist ein ständiger Kompromiss, jemanden zufriedenzustellen, also ein Kompromiss, den viele Künstler im Moment eingehen ... es geht häufig nicht mehr um Kunst an sich ... und wir bemühen uns immer noch darum, an diesem Ideal festzuhalten.

Mads, grinsend: Wir verkaufen keinen Lifestyle. Den sollen sich die Leute selber suchen.

Und wie würdet ihr die vorherrschende Stimmung auf NO »BALANCE PALACE« beschreiben – im Gegensatz zum Vorgängeralbum »ZITILITES«?

Kasper: Verzweifelt? Ziemlich düster ... aber spielerisch! »NO BALANCE PALACE« ist nicht auf die Art melancholisch wie »ZITILITES« ...

... aber »ZITILITES« hatte diese irgendwie angenehme Melancholie.

Kasper: JA! Wir waren sehr glücklich mit diesem Album. Aber wir hatten Lust dazu, auf dem neuen Album etwas weniger »folkig« zu klingen. Wir sind mehr in Richtung E-Gitarren gegangen...

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Sehr viel mehr Verzweiflung

Und das ist auch mit ein Grund, warum das neue Album wütender klingt?

Kasper: Ich glaube, dass es nicht Wut ist, es ist sehr viel mehr Verzweiflung. Ich weiß nicht, woher das kommt ... hmm ... ich sehe uns nicht als wütende oder verzweifelte Menschen. Es war einfach so, dass die Musik die Kontrolle übernommen hat, als wir an diesem Album gearbeitet haben, denn ursprünglich hatte ich einen ganz anderen Plan, ein ganz anderes Bild von diesem Album im Kopf. Und bevor wir anfingen, dass wir etwas sehr viel »Romantischeres», etwas »Schöneres« machen würden.

Kann man »NO BALANCE PALACE« als Stellungnahme oder Meditation des derzeitigen Zustands der modernen westlichen Kultur hören?

Kasper: Ja, völlig richtig.

Mads: Ich denke, das es genau darum geht.

Wir verschwenden unsere Zeit


Kasper: Wir haben uns auf dem Album thematisch darauf konzentriert, wie die Menschen heute ihr Leben verbringen. Welche Prioritäten sie setzen. Welche Schwerpunkte wir in unserem Alltagsleben setzen. Und wie wir unsere Zeit verschwenden. Wir glauben, dass sehr viele Menschen ihre Zeit vertun ... mit gleichgültigen Gesprächen. Mit Konsumieren. Mit Alkohol und Drogen. Viele versuchen, der Realität zu entfliehen.

Mads: Viele Menschen bemühen sich heute, ihrer eigenen inneren Unruhe zu entkommen. Sie haben verlernt, über sich selbst nachzudenken. Sie verspüren ein Unbehagen, eine Panik vor der Stille.

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Die Menschen sind einsam

Sie haben wohl einfach Angst davor?

Mads: Ja, und es ist heute so einfach, sich ablenken zu lassen, und das ist hier eines der Hauptthemen. Ich erlebe dieses Gefühl durch die Musik, durch die Lyrics ... dass sich die Menschen ganz stark von einer unruhigen Energie bestimmen lassen – wir natürlich auch in einem hohen Maß! Du schaffst es nicht mehr, dich einfach in Ruhe hinzusetzen, ohne den Rechner anzuwerfen und deine Mails abzurufen – du kommunizierst ständig auf allen Ebenen – und lenkst dich dabei nur von dir selbst ab...

Kasper: ... und stresst dich dabei völlig ...

Mads: Die Menschen fühlen sich irgendwie einsam, aber sie umgeben sich mit so vielen ...

Kasper: ... Kommunikationsmitteln. Aber sie sind im Grunde sehr, sehr einsam.

Mads: Du kommunizierst dabei nicht mit ganzem Herzen. Du sitzt nur zuhause und lenkst dich von dir selbst ab.

Kasper, augenzwinkernd: Und wenn du dich entspannen willst, dann fliegst du in die Karibik...

... und lässt dich nett bräunen ...

Kasper, der eine sommerliche Bräune aufweist: Klar ...
(allgemeines Gelächter)

Mads: Irgendwie ist das so surreal ...

Kasper: Du musst dir deine eigenen Träume schaffen ...

Du bist hier der Dichter im Raum, Kasper ...

Kashmir

»Eine Panik vor der Stille«

Mads: grinst spöttisch.

Du vielleicht ja auch?

Mads, laut lachend: Ich weiß nicht so recht ... Kasper schreibt die Lyrics ...

Kasper, was ist zuerst da: Die Musik oder die Wörter? Oder ist das bei dir ein organischer Prozess?

Kasper, nachdenklich: Das ist von Song zu Song unterschiedlich. Meistens ist die Musik zuerst da.

Das sagen die meisten Musiker, die ich bislang dazu befragt habe ...

Kasper: Ich schreibe aber auch ein wenig Prosa hier und da, Dinge, die ich einfach gerne in Worte fassen will ... und manchmal entsteht ein ganzer Song aus einer Zeile, das hat manchmal diesen Einfluss, diese Tiefe ...

Wir wollen den Moment einfangen


Mads: Wir können in diesem Zusammenhang sehr spontan sein.

Kasper: JA! Ich bin mehr daran interessiert, den Moment einzufangen, eine Art Explosion, die im Augenblick entsteht. Du weißt, englisch ist nicht meine Muttersprache. Ich bin Däne. Aber ich habe schon immer englisch gesprochen ... für mich war es nie eine Frage, ob ich dänisch oder englisch singen soll. Es war immer englisch.

Kashmir

Englisch passt zu unserer Musik

Aber andere dänische Bands, wie zum Beispiel Under Byen, die singen dänisch ...

Mads: Oh ja, das ist auch sehr gut für sie. Es ist sehr nützlich für die Art Musik, die Under Byen machen, so in Richtung Sigur Ros ... das passt perfekt zu ihrer Musik.

Kasper: Wir haben das nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Und dabei geht es auch nicht darum, dass wir Millionen Platten verkaufen und per Sprache mit der ganzen Welt kommunizieren wollen. Englisch passt zu unserer Musik. Es ist für uns ganz natürlich.

Gibt es Dichter, die Du bewunderst?

Kasper: Jaaa. Aber ich interessiere mich nicht zu sehr für Dichtung als Form, sondern mehr für Schriftsteller und Autoren. Ich lese gerade diesen japanischen Autoren, Haruki Murakami, den ich sehr inspirierend finde ...

... wir sind gerade dabei, uns zu verplaudern, und dabei habe ich laut eurer Plattenfirma Sony BMG exakt nur eine halbe Stunde Zeit für das Interview ...

Kasper: Mach dir keine Sorgen darüber. Wir haben Zeit.

Mads: Überhaupt kein Thema.

Und ich habe noch jede Menge Fragen ...

Mads: Mach einfach weiter, es ist cool.

Verschiedene ziemlich große Namen aus der Rockgeschichte wirken bei eurem neuen Album mit: David Bowie singt einen Vers im Song »The Cynic« und Lou Reed rezitiert das Gedicht »The Black Room«, und produziert hat der legendäre Tony Visconti. Wie lief die Zusammenarbeit mit Visconti?

Kasper: Ach ja, Tony ... Tony war großartig.

Tonys Schwertübungen

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Interessiert an Bowies Berlin-Zeit

Wie kam diese gemeinsame Arbeit überhaupt zustande?

Mads: Kasper und ich sind sehr an der Zeit interessiert, in der Bowie in Berlin war, und an der Musik, die er in dieser Ära geschrieben hat (Anmerkung der Redaktion: Ende der 70er Jahre hat Tony Visconti hat die Bowie-Alben aus den Berliner Jahren produziert, also »HEROES« und »LOW«).

Ach, wie wunderbar, »HEROES« zum Beispiel ...

Mads, begeistert: Genau! Und wir lieben auch Brian Eno und seinen Beitrag zu diesen Alben. Bowie hat von 1976 bis 1979 in Berlin gelebt. Und wenn jemand und vorher gesagt hätte, dass wir einmal mit diesen überlebensgroßen Typen zusammenarbeiten würden ...

Und ihr habt Tony Visconti einfach gefragt, ob er mit Euch zusammenarbeiten will?

Kasper: Ja! Und er hat sofort zugesagt!

Mads: Das war sehr gut!

Kasper: Ich schickte ihm unser letztes Album. Er sagte, dass er nach genau so einer Band wie unserer gesucht hatte ... was die Produktion, die künstlerische Gestaltung und die Songs betrifft, aber auch unsere Autonomie als Musiker ... wir hatten großes Glück.

Tony Visconti müsste heute schon über 60 sein.

Kasper: Ja, das stimmt, er ist 61.

Und er ist noch ziemlich lebendig als Mensch?

Kasper: Oh ja! Er ist körperlich besser drauf als wir es jemals sein werden! (schmunzelt).

Mads bricht in Gelächter aus ...

Kashmir

Tony Visconti

Kasper: Tony hat immer mit diesem Schwert geübt ...

Mads: ... zwischen den Aufnahmen ist er oft nach unten gegangen und hat diese Schwerttricks praktiziert, damit war er zwei Stunden am Tag zugange ...

Kasper: Und natürlich hat Tony diese beiden Typen mit ins Spiel gebracht – Mr. Bowie und Mr. Reed ...

Und waren diese beiden Herren Eure Jugendhelden?

Kasper: Ja!

Mads: Unbedingt!

Kasper: Bowie hat mich beindruckt, so lange ich mich zurückerinnern kann ...

Mads: Und natürlich waren wir sehr glücklich, dass diese beiden auf unserem Album mitwirken wollten. Die Idee ist schon vor einem Jahr entstanden, als Kasper damals Tony in New York besuchte ... und in diesem Zusammenhang ist er Bowie über den Weg gelaufen ... aber Kasper, das möchtest du wahrscheinlich selbst erzählen.

Kasper: Bowie und ich hatten ein langes und interessantes Gespräch – was natürlich völlig unglaublich war. Aber gleichzeitig ist Bowie ein sehr freundlicher, zugänglicher Mensch. Er ist nach wie vor sehr an Kunst und Design, an Theater und Architektur interessiert ...

Mads: ... und das hält ihn jung und lebendig!

Kasper: Und außerdem hat Bowie einen ziemlich guten Sinn für Humor. Und dann stellte sich im Laufe des Gesprächs auch noch heraus, dass er unsere Musik kannte, dass er unsere beiden letzten Alben besitzt ...

David Bowie scheint sich also nach wie vor sehr dafür zu interessieren, was in der heutigen Musikszene passiert.

Kasper: Oh ja! Ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der sich so gut auskannte!

Mads: Auch mit Kunst ganz allgemein ...

Und wie kam die Zusammenarbeit mit Lou Reed zustande?

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»Dieses lange Stück Lärm«

Kasper: Das ist nochmal eine andere Geschichte! Sehr nett und interessant ...

Mads: ... und das alles ist ziemlich spontan entstanden...

Lou Reed zitiert Kaspers Gedicht


Kasper: Wir hatten dieses lange »Stück Lärm«, das als Ende eines Songs entstanden war – und wir dachten: »Das ist doch irgendwie schön! Können wir es nicht nutzen, es als Basis verwenden in einem Track?« Und Tony hat dann vorgeschlagen, dass wir Lou Reed fragen, ob er nicht vorbeikommen und aus seinen Gedichten lesen will.

Lou hat auch zugestimmt, aber gleichzeitig gesagt, dass er im Moment nichts hat, mit dem wir arbeiten könnten, und ob wir nicht selbst etwas beisteuern könnten? Ich hatte genau zwölf Stunden Zeit, um nach Hause zu gehen und mir etwas auszudenken ... was natürlich nervenaufreibend war (grinst).

Und da fand ich dieses Gedicht »The Black Building«, das ich in New York geschrieben hatte ... ein Gebäude, an dem ich jeden Morgen vorbeiging, ein schwarzes Haus, und ich fing an, mir vorzustellen, was darin wohl passieren würde, welche Menschen darin leben könnten – und habe ein Gedicht darüber geschrieben ... und Lou Reed hat dieses Gedicht dann zu unserem »Stück Lärm« rezitiert, und es passte hervorragend zusammen.

Ihr habt offenkundig sehr gerne mit diesen Rocklegenden zusammengearbeitet – würdet Ihr diese Erfahrung auf Eurem nächsten Album gerne wiederholen wollen?

Mads: Ich denke, im Grunde nicht, weil ...

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»Es hat einfach alles gepasst«

Kasper: ... unter Umständen ...

Mads: Aber das müsste sich dann spontan ergeben, so wie es sich dieses Mal ergeben hat ... das machen wir normalerweise als Band nicht, diese großen alten Rock'n'Roll-Legenden einzuladen und Chuck Berry mit uns spielen zu lassen.

Kasper: bricht in Gelächter aus.

Mads: ... es hat einfach alles gepasst auf diesem Album, wir hatten die Möglichkeit, mit diesen Menschen zu arbeiten ... und sicherlich nicht aus dem Grund, weil wir in Ehrfurcht vor diesen Stars erstarrt sind, sondern weil es sich auf ganz natürliche Weise so ergeben hat, auch in der Zusammenarbeit mit Tony. Und weil David sich für unsere Musik interessiert hat.

Kasper: Natürlich waren wir ziemlich aufgeregt und haben gedacht »WOW!« ... und »was machst du bloß, wenn du David Bowie triffst?« Aber es hat sich eben zufällig so ergeben.

Wenden wir uns noch einem ganz anderen Thema zu. Ihr seid als Band in Dänemark schon seit mehr als zehn Jahren aktiv. Wie würdet Ihr Euch selbst innerhalb der dänischen Musikszene einordnen?

Mads: Das ist ganz schön schwierig. Wir haben in Dänemark tatsächlich ein großes Publikum ... und zwar aus einem sehr vielfältigen Spektrum, also aus völlig unterschiedlichen Leuten, auch vom Alter her.

Kasper: Wir sind keine Band, die nur Jungs oder Mädchen als Fans hat. Ein buntes Sammelsurium von Leuten taucht bei unseren Konzerten auf.

Immer mehr kleine Labels


Mads: Aber die wissen alle, was wir tun, was uns beschäftigt. Und einige der jüngeren dänischen Gruppen denken sicher: »Oh, dass sind diese älteren Typen.« Wir sind inzwischen für einige Leute eine Art Institution geworden. (lacht).

Ich habe vor einiger Zeit mit der jungen dänischen Band Under Byen gesprochen, und die meinten, dass es in Dänemark keine sehr große Tradition der Rock- und Popmusik gibt. Wie seht ihr das?

Kashmir

Kreative Explosion der dänischen Szene

Kasper: Überhaupt nicht so. Das hört sich so an, als wolltest du die Leute glauben machen, dass du die einzige Band in Dänemark bist. Es gibt in Dänemark eine lange Tradition, was aber außerhalb des Landes weniger bekannt ist – vielleicht meinten Under Byen das in diesem Sinn.

Wir hatten hier keine Band wie ABBA oder A-ha. Es gab einige wichtige Bands, die auf dänisch singen. Wir waren wahrscheinlich damals aber bereits die dritte Generation dänischer Bands, die mit einigem Erfolg englisch gesungen haben. Uns gibt es ja schon seit Beginn der 90er Jahre.

Aber im Moment gibt es tatsächlich eine Explosion in der Szene! So viel Musik, und so viele richtig gute Bands! Früher war das so: Wenn du in Dänemark als Band ein Album hattest, bist du fast automatisch im Radio gespielt worden.

Das hat sich heute ziemlich verändert, und ich denke, dass dies eine sehr positive Tendenz ist. Du musst RICHTIG gut sein und etwas zu sagen haben. Es reicht heute nicht mehr, einfach nur hip und cool zu sein. Und die dänische Szene wird heute von Bands und Künstlern dominiert, die über eine hohe Integrität verfügen.

Mads: Völlig richtig!

Könnt Ihr einige der jungen Bands nennen, die Ihr besonders schätzt?

Kasper: Zum Beispiel die Figurines oder Kitty Wu ...

Mads: Ja, Kitty Wu ist eine gute Band ...

Kasper: Oder I Am Bones ...

Mads: ... die sind beim Label Morningside Records unter Vertrag. Es gibt immer mehr kleine, unabhängige Labels in Dänemark, das ist wirklich eine gute Sache.

Kasper: Und dann noch eine Band namens Spleen United, die sind ein wenig »meine Band«, die sind sehr originell. Und dann diese ganze Hip-Hop-Szene, die ich aber nicht sehr ernst nehme. Ich sehe das eher als Witz. Aber das ist meine persönliche Meinung, viele Leute in Dänemark mögen das sehr ... ich finde, die tun so, als kämen sie von der US-Westküste, dabei sind sie aus Dänemark.

Kashmir

Nicht den
Massengeschmack befriedigen

Was steckt Deiner Meinung nach hinter dieser derzeitigen kreativen Explosion in Dänemark?

Mads: Es ist heute einfacher geworden, ein Album zu produzieren. Die Leute können heute zu Hause sitzen und ihre Musik zu machen. Und es ist auch einfacher geworden, ein eigenes Label zu gründen. Das fördert natürlich die Kreativität. Die Musiker wissen heute, dass es nicht mehr übermenschlich schwierig ist, ein Album zu produzieren.

Zudem ist dieser ganze Prozess billiger geworden, und man muss nicht mehr vornehmlich daran denken, wie man ein breites Publikum zufriedenstellen kann. Das ist cool, das ist gut für die Musik, dass du nicht unbedingt nur für den kommerziellen Radiomarkt arbeiten musst.

Ich nehme mal an, dass der Zustand der dänischen Radiosender in der Mehrzahl so fürchterlich ist wie hier in Deutschland?

Mads (schüttelt sich): Ja, absolut!

Kasper: Es ist grauenvoll. Und besonders schrecklich ist, dass der Staatsrundfunk dabei eine tragende Rolle spielt ...

Und was hört ihr denn im Moment denn im Tourbus?

Kasper: Oh! Du musst wissen, wir haben alle unsere iPods., da kriegen wir nicht so genau mit, was die anderen hören ...

Mads: Wir lieben natürlich Daniel Johnston. Wir haben eine Art Revival-Band gegründet.

Kasper: Daniel Johnston ist dieser völlig verrückte Mensch ... er war schizophren ...

Mads: ... aber ein Genie. Ein Dichter ... er ist sehr seelenvoll. Er ist Amerikaner. Er kommt aus dem Mittleren Westen ... er ist bereits gestorben.

Kasper: Und war auch bildender Künstler. Er hat all diese Zeichnungen gemacht.

Comics über Superhelden

Kashmir

Die Welt retten

Fast ein wenig wie ihr? Ihr hattet Ausstellungen in Kopenhagen und Berlin über die Cover-Kunst von »NO BALANCE PALACE«?

Kasper: Ja, stimmt! (lacht). Aber Daniel Johnston hat uns mit seiner Kunst sehr inspiriert, so wie die Comic-Zeichnungen vom den Superhelden, die die Welt retten wollen. Er ist großartig!

Und außerdem hören wir derzeit sehr viel unterschiedliche Musik- von altem Jazz bis hin zu moderner elektronischer Musik, natürlich auch klassische Musik. Und Bands wie Sonic Youth und Pixies oder die Magnetic Fields. Deren Album »69 LOVE SONGS« ist ein Meisterwerk.

Und im Moment höre ich eine Band namens Animal Collective, die ich sehr interessant finde – die kommen aus New York und machen moderne psychedelische Musik. Die Band macht eine sehr merkwürdige, aber sehr schöne Musik, fast ein wenig christlich, so wie die Heilige Messe. (lacht)

Vielen Dank für das anregende und angenehme Gespräch! Und viel Erfolg noch auf Eurer Tour!

Kasper UND Mads: Danke!

Mads: Von mir aus können wir gerne noch weitermachen! (grinst).

© 2006 Eva-Maria Vochazer, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Søren Solkær Starbird, Bjørn Bertheussen, Marinus de Goerden, Sony/BMG



Discografie

2005 No Balance Palace
2003 Zitilites
1999 The Good Life
1996 Cruzential
1994 Travelogue


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