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Kioski oder Klein-Finnland in Fürth

Was hat Fürth mit Finnland zu tun? Papua-Neuguinea mit Mäkkelä's Trash Lounge? Lakritzlikör mit bayerischen Bierspezialitäten? TUG Records mit 9PM Records und Humppa Records?

Um alle diese Fragen zu beantworten, haben sich Eva-Maria Vochazer (Text, rechts) und Nathalie Martin (Fotos. links) in die fränkische Metropole und Geburtsstadt Ludwig Erhards aufgemacht, um mit Martti Trillitzsch (Mitte) und Christian Pliefke zu sprechen.

Zum »einzigen finnischen Plattenladen südlich der Ostsee«(Eigenwerbung), dem neuen Kioski-Ladenlokal in der Nürnberger Straße am Rande von Downtown Fürth.

Nathalie, Martti, Eva-Maria

Am Eröffnungswochenende des neuen Kioski ist von provinzieller Beschaulichkeit wenig zu spüren: Freunde und Weggefährten machen sich zuhauf in das neue »Kultiplex« auf – im selben Gebäude wie der finnische Plattenshop befinden sich das Babylon-Kino, ein angenehmes Szene-Bistro und in Keller mit den Raum 4 ein überaus cooler, kleiner und feiner Bar- und Veranstaltungsraum. Der Fürther Oberbürgermeister gibt warme Worte von sich, und wer mag, trinkt in guter fränkischer Tradition schon zur Mittagszeit ein kleines Helles. Abends kann man an diesem Wochenende bei Kaurismäki-Filmen abhängen.

Verzweigtes Kioski-Imperium

Martti Trillitzsch
Martti Trillitzsch
Martti Trillitzsch

Martti Trillitzsch


Martti Trillitzsch und Christan Pliefke, die beiden Köpfe hinter dem verzweigten Kioski-Imperium, befinden sich am Samstag in einem Stadium der Erschöpfung, in dem man nur noch leicht und fröhlich ist. Mehrere Wochen lang haben sie mit viel Eigenarbeit einen ehemaligen Kinosaal in einen schnuckeligen, in blau-weißen Tönen gehaltenen Plattenladen mit integriertem Büro verwandelt. Martti hat ohne jegliche Kenntnisse der Heizungstechnik eifrig bei der Installation des Systems mitgeholfen. Finnlands legendärer Kalter-Kriegs-Präsident Kekkonen lächelt dazu streng von der Wand.

Nach ausgiebigen Feiern und dem Genuss einer Flasche Hochprozentigem, die in den frühen Morgenstunden des Sonntag auf unerklärliche Weise leer ist, schwächeln manche Eröffnungsfeiergäste. Ein Virus hat den freundlichen Christian niedergestreckt. Martti hat zwar Augenringe in der Farbe von Ville Valos Lieblingskajalstift, aber ist nur zu gerne bereit, die ersten Kapitel aus der Kioski-Saga zu erzählen.

Das Unternehmen Kioski ist ursprünglich Ende der 90er Jahre aus einem Online-Versand entstanden. Den Kioski als Laden gibt es in Fürth schon seit 2002 – in einem sehr kleinen Laden in der Schwabacher Straße, »zwar charmant, aber nicht unbedingt die Top-Adresse von der Lage her«, wie Martti es grinsend ausdrückt. Das Label TUG Records ist auf der historischen Zeitachse sogar noch ein bisschen älter.

Teils sehr merkwürdige Kundschaft


Und das Erstaunliche geschieht: Kioski wächst und gedeiht, sogar stärker als erwartet: Der Laden wird den beiden Machern schon bald zu klein. Dass das ambitionierte Unterfangen so angenommen wird, obwohl der Kioski nur an zwei Tagen in der Woche geöffnet ist, erstaunt die Betreiber. Woran liegt's? »Vielleicht weil wir die einzigen sind, die so etwas machen«, meint Martti und berichtet lächelnd von der teils sehr merkwürdigen Kundschaft: Zum Beispiel dem Handelsvertreter aus Dortmund, der abends um acht unversehens vor der Tür steht und auf dem Weg nach München extra einen Umweg fährt und unbedingt noch bedient werden will. Die Fans finnischer Musik nehmen zum Teil Wege von mehr als 200 Kilometer auf sich, um gezielt im Sortiment zuschlagen zu können. Neben den Platten gibt es übrigens auch kulinarische Abstrusitäten wie finnischen Lakritzlikör á la Eläkeläiset.

»Die Idee ist einfach durchgeknallt genug, dass sich die Leute sagen: Das will ich unbedingt mal gesehen haben«, übt sich Martti in Erklärungsfindung. Und als Kür gibt es im Kioski die schöne Tradition kultureller Aktivitäten, wie die Fotoausstellung von Jari Mikkola von Desert Planet oder das unplugged-Konzert der Screaming Stukas, »was ein absolutes Highlight war«, wie sich Martti nostalgisch erinnert.

Kioski im Fürther Kultiplex

Kioski

Devotionalien ...


Im vergangenen Jahr ergibt sich dann für die beiden Kioski-Masterminds die Möglichkeit, in einen der kleinen Säle des Fürther Programmkinos Babylon einzuziehen, »übrigens eine der besten Adressen zum Abhängen in Fürth«, wie Martti als bester Kenner der örtlichen Szene hinzufügt. Die Kinobetreiber sehen den finnischen Plattenladen plus Progarmm als ideale Ergänzung zu Filmkultur, Bistro und Veranstaltungsraum und kommen großzügig mit der Miete entgegen.

Ein echtes »Kultiplex« soll hier entstehen. Nach kurzem Überlegen entschließen sich Martti und Christian, die Herausforderung anzunehmen.Nach drei Monaten »Hardcore-Einsatz« ist aus dem kleinen Ex-Kinosaal die neue Geschäftsadresse des Kioski geworden. Mit erweiterten Öffnungszeiten von vier Tagen in der Woche.

Reich geworden sind die beiden Kioskis mit ihrem gewagten Unterfangen bislang noch nicht. Christian hat einen Fulltime-Job als Hauptbroterwerb, und Martti existiert tatsächlich davon, allerdings nicht ausschließlich vom Plattenladen, »Das ist dann eine Mischung aus Label, Laden, den eigenen Konzerten als Mäkkeläs's Trash Lounge und Booking für andere Bands – eine sehr fragile Existenz«, wie Martti berichtet.

Der neue Kioski-Shop

Der Rest von Skandinavien mit im Boot


Vom Umzug versprechen sich die beiden einen neuen Schub an Interessenten – und setzen darauf, dass sie in den neuen Räumlichkeiten mehr Platz haben, um das eigene Programm aufstocken können: Neben Finnland können die beiden jetzt noch »mehr Rest-Skandinavien mit hinein nehmen, wo wir wirklich ein bisschen dünn waren«, wie Martti zugibt. Auch die Jazz-Abteilung soll deutlich vergrößert werden, denn gerade hier besteht ein großer Bedarf, sagt Martti. In diesem Jahr haben die Kioskis zudem ihren Online-Shop generalüberholt und die Benutzerfreundlichkeit erhöht.

Dr. Thomas Jung
Mari
Katarina

Hoher Besuch: der Fürther Oberbürgermeister Dr. Thomas Jung sowie Mari und Katarina von der DFG

Die eigenen Labels werden auch in den neuen Kioski-Räumlichkeiten weiter vorangetrieben. Was TUG Records, 9pm Records und Humppa Records miteinander zu tun haben? Martti entwirrt die Fäden. »Im Prinzip steckt die gleiche Firma dahinter«, lautet die simple Antwort. Gerade bei TUG Records, dem Ur-Label, aber tauchte irgendwann das Problem auf, dass es kein richtiges Profil gab – weil einfach alle Veröffentlichungen dort herauskamen.

Deshalb wurde Humppa Records aussschließlich für die finnische Musik gegründet, so Marttis Erkärung. 9pm Records ist die Heimbasis für etwas schrägere oder eigenwilligere Popveröffentlichungen, auch völlig unabhängig von der Herkunft. »Wenn ich eine 9pm Records-Platte kaufe, dann kann ich davon ausgehen, dass das einfach interessante Popmusik ist. Wenn ich eine Humppa-Records-Platte kaufe, dann kann ich davon ausgehen, dass es höchst eigenartige finnische Musik ist, etwa Eläkeläiset oder La Sega Del Canto«, bringt Martti die Dinge auf den Punkt.

Tug Records steht für rauen Gitarrenrock


Und wie war das mit TUG Records? »Das war das Label, mit dem wir angefangen haben, das wir schon 1988 gegründet haben«, blickt Martti zurück. Auf diesem Teil der Kioski-Weltkarte ist der rauere Gitarrenrock zuhause. Anfangs hatte hier die Punkrock-Abteilung ihr Zuhause. Kapellen wie Boomhauer oder die Jolly Jumpers sind typische Exemplare von TUG-Bands.

Um den Blick nach vorne nicht zu vergessen. Martti und Christian haben sich für 2007 außer dem Mega-Umzug noch andere Projekte vorgenommen: So bringen sie im März »das phantastische neue Album SENTIMANTAL HOSPITAL« der finnischen Nightingales heraus – mit der absoluten Hit-Nummer »Happy Alcoholics«, wie Martti treuhzerzig verspricht.

Dann gibt es in diesem Jahr einen neuen Kioski-Sampler – hier ist unter anderem Marttis Tourgefährte vom letzten Jahr, der quirlige Janne Laurila mit einem Song vertreten, denn dieser Sampler wird gitarrenpoplastig. Außerdem mit dabei: Black Audio, TV-Resistori und Risto – alles hierzulande noch recht unbeschriebene Blätter. Dann kommt im April ein neues Album von La Sega Del Canto ,,, und im Herbst ein Eläleläiset-Live-Album. Zum Jahreswechsel soll ein neues Desert-Planet-Album erscheinen.

Martti und Christian beim Anschneiden der Torte

Mikael H. & Some Siberians auf Tour


Kioski

Noch mehr Devotionalien ...

An Tourneen stehen in diesem März die wunderbare Folkpop-Band Mikael H. & Some Siberians an (deren Album »BACK FROM SERBIA« übrigens CD des Monats Januar 2007 bei Nordische Musik war). Desert Planet kommen im Mai für einige Konzerte nach Deutschland. Zu den längerfristigen Lieblingsprojekten der beiden Kioskis gehört eine Ausstellung von Asko Keränen von 22 Pistepirkko, der Grafiken und Zeichnungen macht, aber ein genauer Termin steht noch nicht fest. Asko kann bisweilen ein bisschen schwierig sein, drückt Martti es vorsichtig aus.

Und Martti alias sein Musikprojekt Mäkkelä's Trash Lounge selbst? »Ich will eigentlich in diesem Jahr noch ein neues Album herausbringen, aber wahrscheinliche wird es Januar/Februar 2008«, gibt Martti die grobe Marschrichtung vor.

Bleibt nur noch die Frage mit Papua-Neuguinea offen. Ganz einfach: Martti mit deutschem Vater und finnischer Mutter hat über seine beruflich reiselustigen Eltern einen besonders exotischen Geburtsort zu vermelden: Papua-Neuguinea. Liegt ja gleich um die Ecke von Finnland und Fürth.

Weiterführende Links:
www.kioski.de
www.9pm-records.de
www.tug-rec.de
www.wantokmusic.de

© 2005 Eva-Maria Vochazer, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Nathalie Martin, Gabriele Hofmann (4)



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