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Kristofer Åström: Keine Klagelieder mehr

Ein Interview von Liska Cersowsky

Im Interview vor dem Konzert in der Berliner Pfefferbank gab der Künstler erste Antworten zum neuen Album, zu seinem Selbstvertrauen
und natürlich zur Liebe.

Kristofer Åström

Zu viel akustische Gitarre

Kristofer Åström

Ich wollte mehr rocken

»Nein, nein, ich muss hier abbrechen.«

Kristofer Åström steht auf der Bühne der Pfefferbank in Berlin, singt beherzt ins Mikro und schaut seinem Publikum mit wachsamen Augen ins Gesicht. Der Schweiß läuft ihm über die Stirn, manchmal feixt er mit einem hübschen Mädchen hier und einem anderen Mädchen dort.

Und wenn er von den Opfern seiner charmanten Begierde das gewünschte Lächeln bekommt, zucken seine Augenbrauen schon mal unruhig, dann blickt er verlegen zu Boden und verliert die Konzentration. Schließlich muss er sogar den Song »The Wild« abbrechen, weil ihm just in einem solchen Augenblick der Text entfallen ist. Lag das nun an der schönen Gestalt unter den Zuhörern oder daran, dass Kristofer Åström die Songs seines neuen Albums »SO MUCH FOR STAYING ALIVE« noch nicht im Schlafe spielen kann?

Nach zwei Jahren Abstinenz touren Kristofer Åström & Hidden Truck endlich wieder. Auftakt war in diesem Januar ein Konzert bei P3 Popstad in Stockholm. Wie fühlt es sich an, wieder zusammen auf der Bühne zu stehen?

Ehrlich gesagt war es unglaublich lustig. Es war wieder aufregend und vor allem sehr anders. Ich spielte zum ersten Mal nur E-Gitarre und keine akustische Gitarre.

Welches Feedback habt Ihr vom Publikum bekommen?

Das war nur ein Brunch-Konzert für Leute aus der Musikbranche. Plattenbosse, Musikverleger, Presseleute und so. Leider waren diese Menschen mehr am Büffet und an Unterhaltungen mit ihren Tischnachbarn interessiert als an unserem Konzert. Die wenigen, die vor zur Bühne kamen, fanden es gut. Einige suchten uns sogar nach dem Gig auf und rühmten uns, aber ich bin mir nicht sicher, wie viele von denen auch wirklich zugehört hatten. (lacht)

Es gibt auch auf Deinem neuen Album keine Akustikgitarren mehr, dabei ist es doch Dein Markenzeichen?

Kristofer Åström

Vom Weinen zum Lachen

Nach meinem Album »LOUPITA« war ich viel auf Solo-Tour und spielte allein unzählige Konzerte nur mit akustischer Gitarre. Ich hing mir irgendwann einfach selbst zum Hals raus und wollte etwas anderes machen. Das Album ist praktisch eine Reaktion auf zuviel Akustikgitarre. Und ich wollte vor allem Neues mit Hidden Truck probieren, damit unsere Konzerte nicht mehr so ruhig sind, wie zuvor. Ich wollte, dass wir mehr rocken.

Mitunter peinlich

Wie viel Einfluss haben die Bandmitglieder in Hidden Truck? Geht es diktatorisch zu, bist Du der Chef oder seid Ihr gleichberechtigt?

Nein, Hidden Truck hat mindestens soviel Anteil am Album wie ich. Wir setzen die Stücke miteinander zusammen und arrangieren sie auch gemeinsam. Ich spiele ihnen im Prinzip nur das Grundgerüst vor, und die anderen fügen dann hinzu, was sie selbst möchten. Das, was dabei rauskommt, ist eben das, womit wir leben müssen. Wenn ich es mir recht überlege, habe ich nur einen ganz kleinen Anteil an den Songs, selbst wenn ich die Songs schreibe.

Deine Songs sind aber sehr persönlich?

Das stimmt, die Songtexte sind sehr persönlich, meine Karriere ist sehr persönlich, und selbst Hidden Truck ist mir persönlich. Aber wenn es ans Song-Arrangement geht, dann hört es auf, persönlich zu sein. Dann bringen wir alle unsere Ideen ein.

Wie persönlich kannst Du mit deinen Songs werden? Sitzt Du nicht ab und zu auf der Bühne, singst und denkst: »Verdammt, jetzt erzähle ich zu viel von mir?«

(Lacht): Ja, doch, das passiert tatsächlich manchmal. Aber es ist eigentlich kein Problem für mich, sehr persönlich zu werden. Meist passiert das nur, wenn man da steht und Stücke singt, die man vor sechs, sieben Jahren geschrieben hat. Man singt diese Songs also, die eigentlich keine Bedeutung mehr haben.

Im Grunde bedeuten Texte für mich auch nur in dem Moment etwas, in dem ich sie geschrieben habe und eine gewisse Zeit danach. Es ist also manchmal schwer, sich wieder in diese Situation zu versetzen und es fühlt sich mitunter sogar banal an, peinlich. (lacht)

Glaubst du Dein Publikum merkt, wenn es für Dich peinlich wird?

Doch, ich glaube sie merken es. Wir werden ja nachher sehen, ob es mir gelingt, die Maske aufrecht zu erhalten. (lacht) Als wir jetzt mit Fireside auf Tour waren, spielten wir alte Songs, und da gelang es mir zum Beispiel nicht. Wir haben ein Stück gespielt, das »Left Rustle« heißt (auf dem Album „Do Not Tailgate“ von 1995 – Anm. d. Autorin) und sehr gefühlsbetont ist. Früher hätte ich immer dabei weinen können, wenn ich es sang, aber jetzt konnte ich mich vor Lachen kaum halten. Das merkt natürlich auch das Publikum. (lacht)

Du sagst über Dich selbst, Du seist ein lausiger Sänger und Gitarrist. Wovon ist Dein Selbstvertrauen abhängig? Auf dem neuen Album klingst du viel stärker als je zuvor.

Ich glaube ich bin jetzt selbstbewusster, weil ich mit Fireside und als Solo-Act so viel auf Tour war. Ich habe in meinem Musikspiel mehr Selbstvertrauen aufgebaut. Ich denke zwar immer noch, dass ich nur ein halbguter Gitarrist und Sänger bin, nicht besonders fleißig eben. Aber ich habe dennoch mehr Sicherheit für das gewonnen, was ich zur Zeit tue. Ich grüble nicht länger darüber nach, dass ich besser sein muss, als ich bin.

»Es ging mir nicht so gut«

Kristofer Åström

Beim Fotoshooting von »GET SHOT«

Dein Privatleben hat also nicht so großen Einfluss auf dein Selbstvertrauen?

Oh doch, natürlich. Wenn ich mich gut fühle, dann habe ich automatisch mehr Sicherheit in meinem Musikspiel. Aber es gab auch Zeiten, in denen es mir schlecht ging und in denen ich auf der Bühne saß und mich beim Publikum dafür entschuldigt habe. Ich sagte tatsächlich: »Entschuldigt, dass ich hier sitze und so schlecht spiele; entschuldigt, aber es geht mir nicht so gut.« Das ist natürlich nicht cool. Es macht keinen Spaß, auf ein Konzert zu gehen und jemanden beim Klagen zuzugucken.

Wie lange ist da her?

Das war vor einem, nein, zwei Jahren. Seitdem habe ich aber kontinuierlich an Selbstvertrauen aufgebaut. Aber das wechselt eigentlich immer. Manchmal ist man ganz oben und manchmal fällt man ziemlich tief. Im Moment geht es mir sehr gut.

Das kann man auch an den Songs auf dem neuen Album sehen. Es gibt da ein Stück mit dem Titel »Gilded«. Kann man sagen, dass Dein goldenes Zeitalter angebrochen ist?

Im Grunde ja. Ich bin schon vorm Einspielen des Albums von Stockholm in einen Göteborger Vorort gezogen. Dort fühle ich mich sehr sicher, kann Zeit mit mir allein verbringen, ohne das Großstadtgehetze um mich zu haben. Aber das, was mich am stärksten macht, ist meine derzeitige Freundin. Ich habe sie vor circa zwei Jahren getroffen, wir wohnen jetzt zusammen und mit ihr fühlt sich alles sehr schön an.

»Gilded« ist ja auch eine direkte Liebeserklärung. Hast Du den Song extra für Sie geschrieben?

Ja, tatsächlich. Sie weiß auch, dass ich das Stück für sie komponiert habe. Sie sagt, es fühlt sich seltsam an, wenn es da in der Welt jemanden gibt, der ihr einen Song widmet. Aber es gefällt ihr dennoch.

Kristofer Åström

Ihr habt das Album diesmal ohne Produzent eingespielt?

Ja, ich habe eine Anti-Produzenten-Einstellung entwickelt. Zuletzt haben wir »GET SHOT« von Fireside mit einem Produzenten eingespielt. Das ging zwar gut, aber es ist eben kein hundertprozentiges Fireside-Album geworden.

Kristofer Åström

Live in Hultsfred 2003

Deshalb haben wir uns diesmal dafür entschieden, nur unsere Ideen und Sichtweisen in unsere Musik einzubringen. Wenn jemand von außen dazu kommt, der uns nicht kennt und sich dennoch einmischen will, dann ist es besser, wenn wir alles selbst ausdiskutieren und fertig stellen. Ich glaube, dieses Album wäre nie so geworden, wenn wir mit einem Produzenten zusammen gearbeitet hätten.

Der Song »The Burn« fällt dabei aber sehr aus dem Rahmen. Das Stück hätte ebenso gut auf dem Album »NORTHERN BLUES« sein können.

Ja, tatsächlich. Es ist eines der ältesten Stücke auf der Platte. Ich habe es schon 1996 geschrieben. Wenn man es also so betrachtet, dann haben die Aufnahmen zu dem Album ganze acht Jahre gedauert. (lacht)

Nein, ernsthaft, wir haben das Album sehr schnell eingespielt. Es gab erst eine kurze Probe, dann gingen wir für die eigentlichen Aufnahmen eine Woche ins Studio, machten dann eine ganze Weile Pause und mischten dann alles in vier Tagen ab, inklusive Mastering.

Frankfurt Blues

Kristofer Åström

Åström (links) mit Fireside

Als Deutsche muss ich Dich fragen, was es mit dem Song »Frankfurt Blues« auf sich hat?

(Lacht): Leider steckt da keine Liebesgeschichte dahinter, obwohl es das auch sein könnte. Aber eigentlich saß ich nur in Frankfurt in meinem Hotelzimmer und war gelangweilt. Also hab ich mir die Gitarre geschnappt, schrieb den Song und spielte ihn auf Minidisc ein. Ich braucht einen guten Songtitel und dachte mir, dass »Frankfurt Blues« sehr passend ist. Ich glaube, das war, als ich vor zwei Jahren als Toursupport mit Lambshop unterwegs war.

Lass uns über das Cover sprechen, das ja sehr von dem abweicht, wofür Kristofer Åström steht? Es vermischen sich hier sehr stark die Grenzen zwischen Fireside und Hidden Truck; das geht sogar bis ins Musikalische.

Ja das stimmt, und das ist ehrlich gesagt auch Absicht. Wir wollen mit dem Cover und der Musik Verwirrung stiften. Das, was das Publikum jetzt von uns serviert bekommt, ist nicht der typische Hidden Truck-Sound und nicht die typische Aufmachung, die sie gewohnt sind. Die Leute sind hoffentlich verwundert, wenn sie das Album das erste Mal in den Händen halten und anhören. Wir wollen ihnen eine komplett neue Seite von uns zeigen.

Kristofer Åström

Tourneealltag, in Umeå

Euer Album ist sehr rockig geworden, aber ist auch weich. Die Stücke sind sehr verschieden und experimentell. Es wechseln Uptempo-Songs mit Balladen. Warum aber entlässt das letzte Stück »Telling Lies« den Hörer in ein musikalisches Chaos?

Ich finde das persönlich eigentlich ganz gut. Der Song ist sehr offen und soll den Hörer in Verwunderung zurücklassen. Ich hoffe eigentlich nur, dass die Leute, die sich das Album kaufen, so verwirrt sind, dass sie gleich noch mal auf Play drücken. (lacht)

Die abschließende Frage: Was ist dran an dem Gerücht, dass sich Fireside aufgelöst haben?

Jo, Fireside gibt es noch. Wir waren eben erst auf zweiwöchiger Tournee durch Schweden und haben noch einige Gigs vor uns. Ich weiß auch nicht, woher das Gerücht kommt. Es gab eigentlich schon seit Bandgründung Leute, die das immer wieder behaupten. Sobald Fireside eine kleine Pause machen, heißt es, wir hätten uns getrennt. Vielleicht wollen die Leute ja auch, dass wir endlich aufhören. Aber da denken wir nicht dran. (lacht)

© 2005 Liska Cersowsky
Foto-Credits: Åström/Fireside, Angelica Gunnar (1)



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