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M.A. Numminen - Ich war ein sehr strenger Elitist

Ein Interview von Frank Keil

M.A. Numminen war mal wieder in unserer Stadt. Zwei Auftritte standen ihm bevor, die unterschiedlicher nicht sein konnten.

Zum einen sollte er tags drauf auf dem Rathausmarkt vor nüchternen bis betrunkenen Deutschen, Finnen, Deutsch-Finnen und Finn-Deutschen seine lustigen Tango-Weisen präsentieren.

Heute dagegen würde es ins kommunale Kino gehen, wo eine Nacht mit avantgardistischen finnischen Filmen angesetzt war, darunter Kurzfilme von M.A. Numminen. Besucht von ernsten jungen Leuten in schwarzer Kleidung zu eckigen, schwarzen Brillen und nach hinten gekämmten schwarzen bis schwarzgefärbten Haaren.

(Mit Rücksicht auf M.A. Numminens charmantes Deutsch wurde das Interview nur behutsam redigiert. Dieses Interview ist das zweite aus einer geplanten Reihe von 99 Numminen-Interviews.)

M.A. Numminen

Die »Zentraleinheit«

Aber noch war es nicht so weit. Es war Mittag, wir saßen in der Hotellounge, Fische dümpelten in Aquarien herum, synthetische Musik plätscherte aus Deckenlautsprechern, und hin und wieder kam die Hotelbedienung lautlos herangeflogen und brachte Selters, frischen Kaffee, dazu Milch, Zucker und Tassen und Löffel, natürlich.

Ich reiche ihm die CD »ARKTINEN HYSTERIA«: ein Sampler mit elektronisch-konkreter Musik finnischer Avantgardisten der sechziger Jahre. Er schaut sie schmunzelnd an.


M.A. Numminen: Diese Musik ist eine solche Sache, die mich auch heutzutage sehr viel interessiert. Und wenn ich zum Beispiel mit meiner neuen Scratch-Band Musik mache, mache ich einen Teil meiner neuen CD mit elektronischen und konkreten Klängen. Wir haben einen DJ, der diese maschinelle Musik macht und mit ihm mache ich ein bisschen dieserlei Musik.

Ich mache Musik, obgleich diese CD zuerst in Finnland heraus kommt, singe ich ein bisschen auf Deutsch auch. Also ich mische finnisch und deutsch. Es gibt da eine sehr eigentümliche Version von »Ich hab noch einen Koffer in Berlin«. Der deutsche Verleger war sehr erfreut und hat mir sehr gerne die Erlaubnis gegeben, es zu spielen.

Es ist ein bisschen wie Ambientmusik, und ich singe gar nicht die ursprüngliche Melodie, sondern etwas ganz anderes. Und dann kommt ein Trompeter a la Miles Davis, Jukka Eskola, sehr gut! Man kann so sagen: Es ist ein Link zwischen dieser Musik aus den Sechziger Jahren und meiner heutigen Musik.

Du hattest damals eine Band namens Elektroquartett ...

Ja, Elektroquartett. Es war das modernste System in den Sechziger Jahren. Dieses Quartett funktionierte im selben System wie heutige Computers.

Ihr wart vier Musiker?

Wir waren vier Musiker. Das war eigentlich ein Instrument. Also: Wie die Zentraleinheit des modernen Computers. Aber es gab vier verschiedene Instrumente, die in diesem System zusammen waren. Also eins für Gesang, ein Potentiometer – das war für unsere Geige.

Die elektronische Trommel mit sieben kleinen Knöpfen und dann war es ein so genannte Melodiemaschine. Es gab vier Tasten und dann acht Lichtgegenstände. Und wenn man dann diese Lichtgegenstände sollte zumachen mit einem Gummi – also der Spieler hatte acht Gummis, und gleichzeitig funktionierten diese Tasten wie in einer Trompete.

Schockierende Sachen

M.A. Numminen

Numminen in jungen Jahren

Ich wusste das gar nicht, dass Du solche Musik gemacht hattest. Ich hatte dich stets beim Jazz und beim Tango eingeordnet; und beim Crossover von Tango und Jazz , aber ...

Dies ist meine älteste Musik. Ich war zuerst ein sehr strenger Elitist. Dann – als ich Soziologie gelesen hatte, wurde ich interessiert in der populären Musik auch.

Das ist ja Musik für ein ganz kleines Publikum gewesen.

Das war für ein ganz kleines Publikum gewesen. Zum Beispiel dieses Werk »Kaukana väijyy ystäviä / In der Ferne lauern einige Freunde« - heißt dieses Lied. Und wir spielten immer das selbe Lied. Und es konnte eine halbe Stunde und es konnte erheblich länger dauern. Einmal spielten wir in einem Kunstmuseum, und das Konzert dauerte zwei Stunden, immer der selbe Song.

Diese Art von Kunst-Musik gab es ja damals auch in Deutschland, in Frankreich und in England; beeinflusst von Fluxus. Konkrete bis experimentelle Musik, die eben nicht in Klubs, sondern in Museen und Galerien gespielt wurde ...

Ja, wir hatten dann sehr eifrige Kontakte mit den schwedischen Komponisten, und wir besuchten Schweden, und besonders besuchten die Schweden Finnland, weil hier konnte man mehr machen als in Schweden: schockierende Sachen.

Du hast neben den der Band Elektroquartett noch eine Band mit einem ulkigen Namen gehabt: Der finnische Winterkrieg.

Die Gruppe kam ein bisschen später, aber es waren die selben Musiker wie im Elektroquartett, eben auch Underground-Musiker. Wir spielten gleichzeitig diese zweierlei Musik, und das war ganz neu und verursachte Skandale in Finnland, wie überhaupt unsere Happenings, sie waren zu viel für das damalige Finnland.

Aber als junger Mann wollte ich so eifrig immer provozieren. Es war für uns eine gute Idee, mit zweierlei Musik zu provozieren, und unser Underground-Rock war ganz anders, aber die Lieder waren sehr provozierend. Der finnische Rundfunk verbot alle unsere Lieder bis auf eines: »Kekkonen-Rock«. Kekkonen war unser Präsident, und er wollte ein guter Freund mit der Jugend sein, und deshalb konnte man nur dieses Lied im Rundfunk spielen.

Waren die Texte denn irgendwie obszön?

Unsere damalige Schallplatte mit dem Winterkrieg ist auch heute bei jungen Leuten sehr populär. Ich machte zusammen mit einem Produzenten im Januar eine neue Version; eine 24-Beat-Version von dieser Schallplatte, und sie ist auch heutzutage nicht Popmusik, aber populäre Musik in gewissen Kreisen. Es ist Undergroundkult.

Die Texte waren schon obszön, und ich wollte sehr gerne eine Mischung machen aus sehr einfacher und freundlicher Musik mit obszönen Texten. Es war eine gute Kombination. Man konnte sehr gut dem Rock'n'Roll zuhören, und gleichzeitig waren die Texte sehr hart und gegen alles im damaligen System gerichtet. Aber die Texte sind auf diese Weise Evergreens geworden, und sie sind auch heute populär. Es sind keine zeitgebundene Texte, sondern auch für jüngere Generationen gedacht.

M.A. Numminen

So eifrig provozieren

Wir war damals die Stimmung in Finnland, Mitte bis Ende der Sechziger?

Diese Periode ist ein bisschen zweierlei Musik. Wir machten des ersten Teiles der 60er ein bisschen andererlei Musik. Der letzte Teil war mehr politisch. Der erste mehr abstrakt und avantgardistisch im Allgemeinen.

So wie auch bei uns in Deutschland ...

Ja, genau. Ich besuchte schon im Jahre 68 Berlin und fand dort eine Undergroundszene vor. Leider habe ich nichts mehr von diesem Besuch. Denn es war so wichtig für uns.

Ich wollte nicht nur nach dem amerikanischen Modell finnischen Underground machen, sondern nach allerlei Wellen von ganzen Europa: Aus Schweden und Deutschland und England; wir haben auf ganz verschiedene Weise unsere Musik und unsere Undergroundkultur gemacht.

Das alte System irritieren

Und Erkki Kurenniemi, der ja für das Elektroquartett diese Musikmaschine entwickelt hat ...

Er ist auch ein Evergreen. Er macht nicht so viel Musik, aber er entwickelt Instrumente. Er macht mehr Proben, keine eigentlichen Kompositionen. Er macht so extreme Erfindungen, auch heutzutage. Er sagt, er will nicht mehr als zwanzig Jahre in die Zukunft sehen, aber er konnte oft mehr als das in die Zukunft schauen. Er hat allerlei auf dem Gebiet der Technik gemacht.

Eine von seinen neuesten Erfindungen ist, die Elektrizität von einem Baum zu bekommen. Nur eine Leitung zum Baum, und davon kommt die Elektrizität. Er ist sehr populär, besonders seine Lesungen. Er ist so gut und so energisch. Er hat zusammen mit einigen anderen Leuten eine Zentrale für die zukünftigen Sachen gegründet. Diese Zentrale ist schon zehn Jahre alt. Immer wenn man etwas ganz Exzeptionelles wollte, dann war Kurenniemi da.

Er wird langsam in Deutschland entdeckt, im Kunstkontext. Zuletzt auf der Art Berlin.

Ich habe davon gehört. Ja, er ist ein wichtiger Mann.

Und dann gab es den Jugendmusikkongress 1968 in Bukarest ...

In Sofia. Und unser Elektroquartett war ein großer Skandal, dort. Als wir nur vielleicht fünfzig Minuten gespielt hatten, kam der Leiter des Kongresses und hat uns den Strom abgestellt.

M.A. Numminen

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Aber Skandale fördern die Karriere.

Skandale waren viele. Heutzutage wollte ich nicht ähnlich Skandale machen, sondern etwas anderes. Aber als junger Mann wollte ich gerne das alte System etwas irritieren.

Aber man wird älter und die Skandale ...

Ja – hhhmmm – nicht weniger, weil ich so viel zu tun habe, aber Skandale sind ein wenig andererlei. Es irritiert die Leute in der finnischen Hochkultur sehr viel, dass ich auf klassische Weise komponiere, jetzt. Das ist mein Skandal heutzutage. Und wenn ich gut komponiere, das ist ein besserer Skandal.

Hast Du noch Kontakt zu den Musikern von damals?

Ja, also sie sind meine alten Freunde, aber wir haben im November im Jahre 2002, da spielten wir ein Minikonzert. Das war ein Fest für Erkki. Er fragte, ob ich noch einmal mit dem Quartett spielen könnte; ja, warum nicht. Die jungen Leute waren sehr überrascht, und es war ein großer Erfolg.

Wie lange ging diese elektronische Phase?

Das war etwa drei Jahre. So wie meine Underground-Periode auch. Ich lebte dann so effektiv, dass ich nur diese Avantgarde und diese Undergroundmusik machte. Es saugte den ganzen Saft weg, und ich wollte dann etwas anderes machen.

Konnte man denn damit Geld verdienen?

Nein! Nein, nein. Ich brauche auch heutzutage Deutschland ein bisschen. Meine Miete bezahlt habe ich als Hase und eben die Musik, die ich morgen auf dem Rathausmarkt spiele. Ach, ich mache so vieles.

Heutzutage kann ich als Solist eines Symphonieorchesters sein. Das ist ganz normal. Das alles ist nicht weg. Einige Leute wollen auch heutzutage das Risiko nehmen und mich bestellen, und das Publikum jubelt, wenn ich als Solist bei einem Symphonieorchester singe.

© 2005 - Frank Keil,
Fotos: M.A.N.



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