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Maria Solheim: »Ich weiß, dass ich verletzlich bin«

Ein Interview von Frank Keil

Abends würde sie auftreten, sparsam begleitet von einem Bassisten und einem Keyboarder und sie selbst an der Gitarre: die norwegische Songwriterin Maria Solheim. Doch vorher gab es ein Gespräch mit ihr in einer Hamburger Bar - über ihren bisherigen Werdegang und über einige Details links und rechts dieses Weges.


Maria Solheim

Ein ganz normales Mädchen

Ich kenne da diese wunderbare CD »BAREFOOT«, aber ich weiß nichts über die Person, die dafür verantwortlich ist ...

Erstmal: Ich bin ein normales Mädchen.

Oh!

Also - ich glaube, ich wusste sehr früh, dass ich genau in diese Richtung gehen wollte. Ich war nie enttäuscht, dass es nicht schnell genug ging, denn ich wusste, ich werde meinen Weg Schritt für Schritt gehen.
Als ich so elf oder zwölf war, stellte ich mir so einige Fragen. Ich sah in den Spiegel und fragte: »Was willst du mit deinem Leben anfangen? Meine ich das, was ich meine? Sage ich das, was ich sagen will?«
Und ich fing an zu schreiben. Eine Menge Gedichte, Reflektionen und Gedanken über alles mögliche.

Als ich vierzehn war, fing eine Freundin von mir an, Gitarre zu spielen. Mich hat das anfangs überhaupt nicht interessiert, denn ich hatte einen ganz klassischen Gitarrenkurs besucht, aber das hatte nichts gebracht, und ich mochte es auch überhaupt nicht. Aber dann fragte sie mich, ob ich nicht die Texte für ihre Songs schreiben könnte. Ich tat das, und ich dachte: Wenn sie Songs machen kann, kann ich auch Songs machen.

Und ich fing an Gitarre zu spielen und war bald völlig besessen davon. Ich spielte jeden Tag. Ich war damals fünfzehn und fragte sogar meine Lehrer, ob sie mir nicht einen Raum zum Üben aufschließen könnten, während die anderen zu Mittag aßen.

Gitarren und das Komponieren

Maria Solheim

Maria Solheim im Interview

Maria Solheim

Du wurdest ein Gitarren-Maniac?

In etwa. Ich war beeindruckt, dass so viele Melodien machbar sind. Ich dachte sie mir nicht vorher aus. Sie kamen beim Spielen und beim Singen. Das war meine Art mir das Gitarrespielen beizubringen. In dieser Zeit - ganz generell - passiert so einiges im Leben eines Mädchens. Du bist eben noch ein Kind und nun bist du ein Teenager. Das verändert deine Beziehungen zu allen anderen Menschen. Das verändert dein Verhältnis zu der Gesellschaft um dich herum.

Als ich sechzehn war, saß ich eines Tages mit meinen Freunden zusammen, und wir tranken Tee. Und plötzlich dachte ich: »Wenn ich meine Tasse hoch hebe, hebe ich meine Tasse hoch (sie hebt eine imaginäre Tasse an). Und wenn ich sie absetze, setze ich sie ab. Und wenn ich sie jetzt einfach fallen lassen, knallt sie auf den Boden und geht kaputt.«

So verstand ich: Alles, was ich mache, hat Folgen. Ich verstand: Ich kann Dinge ändern. Und ich bin ein Teil dieses Ganzen. Und die Schule, auf die ich damals ging, war auch ein Teil dieses Lebens, dass Menschen sich ausgedacht haben. Das war für mich ein neuer Gedanke: Vorher bin ich zur Schule gegangen, weil man eben zur Schule geht. Jeder geht schließlich zur Schule.

Und ich fing an meine Gedanken nieder zu schreiben. Fing auch an Geschichten und Überlegungen aufzuschreiben, über meine Gefühle, die ich zu all dem hatte. Denn meistens reagieren Menschen so wie sie eben fühlen. Ich aber wollte meine Gedanken als ein Teil meiner Gefühle verstanden wissen. Und ich konnte schließlich meine Songtexte als ein Teil meiner Gefühle lesen.

Bis heute ist es so, dass meine Gedanken meine Gefühle beeinflussen und nicht meine Gefühle meine Gedanken. Ich war damals sehr sehr kritisch. Wollte allem auf den Grund gehen. Warum tat ich, was ich tat? Warum glaubte ich, was ich glaubte? Musik ist für mich eine Möglichkeit, Distanz zu all diesen Fragen aufzubauen. Deshalb singe ich auch auf Englisch.

Maria Solheim

Gedanken ordnen und Distanz schaffen

Das war auch eine Frage auf meinem Zettel ...

Es schafft Distanz. Ich sehe meine Gedanken und Geschichten nicht in meiner Muttersprache. Heute bin ich froh, dass ich Englisch singe, denn ich komme in andere Länder und man versteht mich dort. Aber daran dachte ich nicht anfangs. Es ist einfach einfacher zu sagen »I love you« als (in Deutsch) »Ich liebe dich«. Auf »BAREFOOT« habe ich viele dieser Gedanken verarbeitet. Nun habe ich sie - sie sind da.

So, als hättest du deine Gedanken in einen Raum gestellt?

In etwa. Aber nicht, um sie dann da zu lassen. Sondern um sie fassbar zu haben; auch um sie mitnehmen zu können. Ein Beispiel: Wenn du reist, fotografierst du viel. Und du hast später deine Kommode voll mit diesen Fotos. Alles liegt völlig durcheinander. Wenn du anfängst, sie zu ordnen - drauf zu schreiben, was wann fotografiert wurde - und wenn du sie dann wieder zurück legst, gewinnen auch die Fotos selbst eine eigene Struktur. So ist das mit der Musik für mich.

Denn ich bin ein völlig unstrukturierter Mensch. Du solltest mal meine Wohnung sehen! (Sie lacht.) Das heißt aber nicht, dass alle meine Songs autobiografisch sind. Sie erzählen Geschichten, die etwas erzählen. Wie bei einer Malerei: Der Maler nimmt bestimmte Farben, die ihn eben ansprechen. Er malt nicht sein eigenes Haus in einer Landschaft. Aber es ist trotzdem sein Bild, das er da malt.

Schreiben ...

Maria Solheim

Live im Osloer »Smuget«

Schreibst du nur Songtexte?

Ich schreibe eine Menge. Ich habe jüngst einige Gedichte in einem Buch veröffentlicht - in einer Anthologie, die einer der bekanntesten norwegischen Schriftsteller betreut hat. Er hat gerade den Literaturpreis des nordischen Rates bekommen ...

Lars Saabye Christensen?

Du kennst ihn? Er hat wie ich ganz im Norden Norwegens gelebt. Er hat eine Menge junger Leute gefördert. Ich war eine von ihnen. Er hat mir viel geholfen; mich inspiriert.

Maria Solheim

Record-Release-Party 2. Mai 2002

Er hat eine Rockband.

Eine Rockband?

Der Bandname ist irgendwas mit »Norwegens Notausgang« oder so ...

Ja, ich habe gehört, dass er einige seiner Gedichte vertont hat ...

Du bist also ganz im Norden aufgewachsen?

Ganz im Norden. Das Städtchen, in dem ich wohnte, hat vielleicht knapp 3.000 Einwohner. Jeder bekommt also mit, was jeder so macht. Sehr früh musste ich herausfinden, was ich vertreten und für was ich stehen will. Das hat mir eine Menge gelehrt.

Mit fünfzehn bin ich von zu Hause ausgezogen, um auf ein weiterführendes Internat zu gehen. Ich wechselte auf ein Musikinternat, aber ich nutzte das Angebot nicht. Ich wollte nicht diese klassischen Sachen lernen.

Haben dich deine Eltern auf deinem Weg unterstützt?

Ja, sicher. Ich bin nur ausgezogen, um aufs Internat gehen zu können. Zu meinen Eltern habe ich ein ausgezeichnetes Verhältnis. Mein Vater ist Maler und meine Mutter Lehrerin. Besonders mit meinem Vater habe ich immer und immer wieder über all das geredet, was mich beschäftigt hat. Ich habe viele Brüder und Schwester, sieben an der Zahl - eine große Familie mit großartigen Menschen.

Für uns Deutsche ist jeder Norweger ein Fischer oder ein Bauer oder beides ...

Mein Vater war Fischer und Bauer! Anfangs. Und das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, lebt in der Tat vom Fischfang - von nichts anderem.

Maria Solheim über Suzanne Vega

Maria Solheim

Mit 17 einen Plattenvertrag

Gibt es einen Song, der dir besonders viel bedeutet?

Ja: »The last waltz«. Er beschreibt sehr genau, was ich tue und warum ich es tue. Musik ist nicht alles, aber es bedeutet mir ungeheuer viel.

Ich meine damit: Es ist wichtig für mich zu wissen, dass - falls ich etwa einen Arm verliere oder es meine Stimme es nicht mehr macht - ich trotzdem ein gutes Leben leben und glücklich sein kann.

Mit siebzehn hattest du einen Plattenvertrag ...

Ich lernte meinen ersten Produzenten kennen, da war ich fünfzehn. Wir arbeiteten zwei Jahre zusammen. Im letzten Jahr machte ich meine erste Platte. Es ist ein sehr langsamer, aber beharrlicher Weg gewesen.

Am Anfang hatte ich vier Jobs und spielte nebenher. Und irgendwann wusste ich, dass ich mich ganz aufs Spielen konzentrieren muss. Ich quittierte die Jobs. Ich war sogar an der Uni, studierte Philosophie, um allein zu sein (lacht). Nun bin ich in der Lage, nur und ausschließlich Musik zu machen.

Du hörst dich manchmal ein wenig nach Suzanne Vega an ...

Ich habe sie neulich in Oslo gesehen; ein tolles Konzert. Ich habe keine einzige CD von ihr, also kann ich sie kaum kopieren ...

Oh, das meinte ich nicht ...

Aber es stimmt: Viele Leute haben es mir auch gesagt, dass es da wohl eine Verbindung zwischen uns gibt. Ich sehe es als Kompliment an!

Norwegischer Trend zum Leisen

Maria Solheim

»Lene Marlin war wichtig für uns«

Deine Musik ist nicht typisch norwegisch. O.k. - das sind jetzt Klischees: Ich denke an Cross-Over-Sachen zwischen Folk und Jazz, an Karin Krog oder Kirsten Brathen Berg ... Und dann gibt es da noch diesen brutalen norwegischen Heavy Metal, den besonders wir Deutschen so schätzen ...

Ich habe ehrlich gesagt mir nicht überlegt, in welche Richtung ich gehen will. Ich habe mich von den Melodien der Gitarre tragen lassen. Sehr simpel - ich und meine Gitarre. »BAREFOOT« ist schon eine aufwendige Produktion. Beim nächsten Mal wird es wieder mehr akustisch: sparsamer, zurückhaltender.

In Norwegen gibt es überhaupt einen neuen Trend hin zum Leisen, Akustischen. Ich denke da an St. Thomas, an William Hut, an Midnight Choir ...

Es gibt eine Menge interessanter Newcomer. Oft sehr jung, so wie ich. Und sie machen verdammt gute Musik! Lene Marlin etwa war wichtig für uns. Auch wenn sie etwas ganz anderes macht: Sie war die erste der ganz jungen Generation, die ihr eigenes Ding und ihre eigene Musik machte. Sie hat sich nicht umgeschaut und sich angepasst, sondern ganz sich vertraut. Das hat eine Menge Leute beeindruckt und beeinflusst.

Es hilft noch heute. Die Medien, die Presse - sie sind jetzt bereit, auch unbekannte Musiker wahrzunehmen, über sie zu berichten und sie so auch bekannt zu machen. Aber diese Art von Musik hat ein großes Problem: Die Songformate passen nicht in die Radiostationen. In Norwegen selbst geht es noch. Aber außerhalb - wenn du da nicht diesen Bum-Bum-Bum-Rhythmus hast, wirst du kaum oder nicht gespielt. So gesehen ist auch mein Album eher was für Studenten - für Leute, die gelassen und eher nachdenklich orientiert sind.

Pläne nach »Barefoot«

Maria Solheim

Musik vom Herzen zum Herzen

Die nächsten Pläne?

Ich arbeite an einem neuen Album, aber es ist noch nicht richtig spruchreif. Wichtig ist: Ich mache nicht Musik, um ein Album zu füllen. Ich mache Alben, weil ich Musik mache.

Ich will keine Aufmerksamkeit, ich will nicht berühmt werden. Ich möchte mich mit Menschen unterhalten. Unsere Welt ist so voller Stimmen und Geräusche. Jeder versucht lauter und lauter zu schreien ...

So wie jetzt ... (im Hintergrund dröhnt recht öder Hip Hop)

Ja, genau. Um gehört zu werden. Für mich ist es wichtig, dass Menschen entscheiden können, ob sie etwas hören wollen oder nicht. Musik ist für mich einfach der Weg, vom Herzen zum Herzen zu sprechen - und nicht ständig mit dem Mund zu schreien.

Eine Frage noch: »BAREFOOT« - Slogan, Symbol oder ...

Es ist eher symbolisch gemeint. Als ich die CD veröffentlichte, wusste kein Mensch wer das ist: Maria Solheim. Und ich dachte: Nichts kann passieren - einiges kann passieren.

Ich fühlte mich wirklich so, als würde ich etwas von mir weggeben. Und es war wirklich so, wie wenn man barfuß irgendwo lang geht und nicht weiß, auf was man treten wird. »BAREFFOOT« im Sinne von verletzlich. Ich weiß, dass ich das bin.

© Frank Keil,
exklusiv veröffentlicht auf www.nordische-musik.de, 2002
Foto-Credits: Kjentfolk AS (Lars-Kåre Lande) und John Dee

1)
Von Lars Saabye Christensen gibt es zwei wunderbare Romane, die dem Musikfreund ans Herz gelegt werden müssen:
»Yesterday« - eine flirrige Hommage an die Beatles und an eine Jugend in den Siebzigern in Norwegen.
Und: »Der Alleinunterhalter« - ein junger ambitionierter, aber gescheiterter Konzertpianist muss in einem entlegenen Hotel in Nordnorwegen die Gäste mit Barmusik bei Laune halten. Ins Deutsche übersetzt sind sie als preiswerte Taschenbücher bei BTB - München erschienen.

2)
Die Band heißt »Norsk Utflukt« und bietet echten Rock mit Bluesanleihen. Dazu sehr textlastig, weshalb für den Genuss Norwegisch-Kenntnisse erforderlich sind. Mit dabei sind Baard Slagsvold von Motorpsycho und der Jazzer Bugge Wesseltoft. Zuletzt erschienen:
»Diger og gul« (Columbia/Sony-Norwegen).



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