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Marja Mattlar: Von Paris nach Vuorenkylä

Ein Interview von Marco Puetz

Marja Mattlar ist ein umtriebiger Mensch. Sie ist in ihrer Heimat nicht nur für ihren nachdenklichen und virtuosen Folk bekannt, sondern auch für ihr Engagement als Dorfaktivistin. Gemeinsam mit ihrem Mann Tapio, der 1992 den alternativen Nobelpreis entgegennahm, setzt sie sich für die Wiederbelebung ländlicher Gegenden in Finnland ein. In unterschiedlichen Projekten fördert sie das kulturelle Leben. Und so erstaunt es wenig, dass ihr Musikerdasein tief verwurzelt ist in ihrer Liebe zur Natur.

Sie hat gelernt, für ihre Sache zu kämpfen, den Blick auf das Wesentliche zu richten. Nachdem sie zunächst vergebens ein Label gesucht hat, das ihre Platten vertreibt, beschloss sie 1989, ihre eigene Firma zu gründen. Schnell erkannte sie, dass dies beinahe unbegrenzte künstlerische Möglichkeiten bedeutete. Auch heute noch macht sie von ihrer Freiheit Gebrauch, indem sie immer wieder nach neuen musikalischen Herausforderungen sucht.

Marja Mattlaar

Du hast schon mit verschiedenen Produzenten aus Frankreich und Skandinavien zusammengearbeitet – unter anderem mit Gabriel Yacoub und Patrice Clementin aus Paris oder mit dem finnischen Rockmusiker Yari. Wie kam es bei Deinem aktuellen Album »POLKU« zu der Zusammenarbeit mit Ilmari Issakainen und Tyko Saarikko von Tenhi?

Ilmari und Tyko habe ich auf dieselbe Weise gefunden wie meine bisherigen Partner: Indem ich viel Musik höre und mich auf meine Intuition verlasse. Wenn ich jemanden für ein Projekt suche, dann muss mich dessen Musik berühren. Sie muss etwas Einzigartiges haben, etwas, was noch niemand zuvor gemacht hat, etwas, was sich außerhalb der musikalischen Standards bewegt.

Marja Mattlar

Eine Menge Folk

Tenhis Musik hat mich immer schon fasziniert. Als es Zeit wurde, nach einem neuen Produzenten zu suchen, schrieb ich Ilmari einen Brief. Ein Brief ist immer der erste Schritt; auf diese Weise habe ich zu all meinen bisherigen Partnern Kontakt aufgenommen. Persönlich kennengelernt habe ich sie immer erst dann, wenn wir mit den Aufnahmen begonnen haben. Ilmaris Antwort war sehr freundlich, und er meinte, dass sie mit der Arbeit im Januar 2006 anfangen könnten.

Inwiefern haben die beiden Deine Musik geprägt? Und hast Du bei der Arbeit mit Ilmari und Tyko Unterschiede feststellen können gegenüber früheren Projekten?

Es überraschte mich, dass Ilmari und Tyko vor allem das Einfache an meinem Gesang und meinem Gitarrenspiel schätzten. Ich hatte den Eindruck, als wären es nicht meine musikalischen Fertigkeiten, die sie überzeugten, sondern die Atmosphäre in meinen Liedern. Als ich aufwuchs, hörte ich eine Menge Folk, und während unserer gemeinsamen Arbeit an »POLKU« habe ich mich oftmals an diese Zeiten erinnert.

All meine Projekte unterschieden sich voneinander: Unterschiedliche Partner. Unterschiedliche Tonstudios in unterschiedlichen Städten. Und das alles in unterschiedlichen Ländern. Tyko und Ilmari arbeiten mit einem mobilen Aufnahmesystem, sodass wir beispielsweise die Aufnahmen für »POLKU« in einem gewöhnlichen Wohnzimmer in Helsinki abschlossen. Sie sind die jüngsten Produzenten, mit denen ich jemals zusammengearbeitet habe. Aber an diesen Umstand habe ich selten denken müssen.

Tyko gestaltete das Cover für »POLKU«. Während der Arbeit an meinem Album sprachen wir häufig über die Musik und die verschiedenen Blickwinkel. Das fand ich sehr inspirierend. Nachdem die CD veröffentlicht wurde, bat ich Tyko darum, Bilder für das Booklet zu entwerfen. Ich hatte eine kleine Ausstellung im Sinn. Diese Ausstellung »Varjot, Polku« (Schatten, Pfad) kann nun an verschiedenen Orten unweit meines Zuhauses besucht werden.

Widersprüche im Leben zulassen

Marja Mattlar

Leben zwischen Wäldern und Seen

In Tenhis musikalischem Schaffen ist eine starke Naturverbundenheit zu erkennen. Auch bei Dir ist dies der Fall. Dass Du mit Deiner Familie auf dem Land lebst, ist gewiss kein Zufall. Auf welche Weise spiegelt sich die räumliche Zurückgezogenheit in Deiner Musik?

Da ich die Hälfte meines Lebens zwischen Wäldern und Seen verbracht habe, steckt die Natur in jedem meiner Atemzüge. Oft sitze ich draußen, blicke in den Himmel und lass meinen Gedanken freien Lauf. Obwohl ich in Helsinki geboren wurde und dort viele Jahre gelebt habe, hat sich mein Kopf, mein gesamter Organismus dem Leben am Herzschlag der Natur angepasst.

Inwiefern sich die räumliche Zurückgezogenheit in meinen Gedanken widerspiegelt, ist schwer zu sagen. Jemand von »außerhalb« sieht vielleicht etwas klarer. Möglicherweise hat die Zurückgezogenheit aus mir eine unabhängige Musikerin gemacht mit einer klaren Sicht auf die persönlichen Ziele.

In musikalischer Hinsicht gibst Du Dich sehr offen, beugst künstlerischer Stagnation vor, indem Du regelmäßig neue Musiker und Produzenten an Bord holst. Wie passen Deine musikalische Rastlosigkeit und das beschauliche Leben in Vuorenkylä zusammen? Erkennst Du darin gar einen Widerspruch?

Ich habe drei Kinder, und nach der Geburt eines jeden Kindes fühlte ich mich stark verändert – als wäre ich wiedergeboren. Ich denke, dass meine Alben ebenfalls wie Kinder sind und dass jede Veröffentlichung eine riesige persönliche Veränderung bedeutet. Deshalb ist es mir ein großes Bedürfnis, immer wieder mit neuen Produzenten und Musikern zusammenzuarbeiten.

Ich finde es sehr inspirierend, widersprüchliche Dinge im Leben zuzulassen. Sich gedanklich in verschiedenste Richtungen zu bewegen, bedeutet, zu neuen Erkenntnissen zu kommen und seinen Geist wach zu halten.

Marja Mattlar

Ganz ohne Mikrofon

»POLKU« hat eine nachdenkliche Grundstimmung. Du deutest vieles an, sprichst Dinge aber selten aus. Häufig verwendest Du Metaphern, um eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen. Was genau möchtest Du Deinen Hörern mitteilen?

Ich möchte weniger zu meinem Publikum sprechen, sondern vielmehr mit ihm kommunizieren. Interaktion ist sehr wichtig in meinem Leben und in meiner Musik. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn ich auf der Bühne stehe. Deshalb ziehe ich auch kleinere Veranstaltungssorte größeren vor. Am liebsten mag ich es, ganz ohne Mikrofon aufzutreten.

In meinem Kopf habe ich häufig das Bild von der finnischen Sängerin Kreeta Haapasalo, die im 19. Jahrhundert lebte. Sie reiste von Haus zu Haus, von Wohnstube zu Wohnstube. Sie spielte Kantele und sang einfache Lieder. Sie war mittendrin, im Alltag ihrer Zuhörer, sozusagen an der Wurzel, für alle fassbar. Ihre Stücke handelten von den Sorgen und Freuden der Menschen, von der Natur, von Geburt und Tod.

Herausforderungen forcieren Kreativität

Obwohl die erfolgreichen Skandinavien-Exporte vornehmlich im Rock- und Metalsektor anzusiedeln sind, ist die skandinavische Musikszene ausgesprochen heterogen. Worauf führst Du dies zurück? Woher stammt das hohe Maß an Kreativität bei skandinavischen Künstlern und Bands?

Das Leben im Norden ist – klimabedingt – oftmals eine Herausforderung. Früher natürlich mehr als heute. Die Menschen haben gelernt, nichts als selbstverständlich anzusehen. Wer im Sommer keine Essensvorräte angelegen konnte, verhungerte im Winter. Vielleicht spielt das irgendwie eine Rolle. Dass in den nordischen Ländern vergleichsweise wenig Menschen leben, ist gewiss auch ein Grund. Einsamkeit ist der Nährboden für Kreativität.

Marja Mattlaar

Anders als die meisten Skandinavien-Acts trägst Du Deine Lieder in Deiner Heimatsprache vor. Insbesondere im Ausland sprichst Du damit eher ein Nischenpublikum an. Könntest Du Dir vorstellen, Deine Texte auch auf Englisch zu verfassen? Oder ist die Poesie Deiner Musik zu sehr verwoben mit der finnischen Sprache?

Marja Mattlar

Leben im Norden – eine Herausforderung

Ich lebe in der finnischen Sprache, in einzelnen Worten – auch dann, wenn sie für die Texte manchmal zu lang und umständlich sind. Bilder, Assoziationen kann ich unmöglich in einer fremden Sprache ausdrücken. Trotzdem versuche ich die Sprachbarriere möglichst klein zu halten, indem ich Übersetzungen meiner Songs in die Booklets stelle.

Tyko meinte mal zu mir, dass Finnland für ihn unerschöpfliche Inspirationsquelle sei. Welchen Einfluss hat Finnland auf Dich und Dein künstlerisches Schaffen?

Am meisten inspiriert mich das Leben an sich. Beziehungen zwischen Menschen, wichtige Augenblicke im Leben. Da mich die finnische Natur tagtäglich umgibt, wirkt sie sich natürlich auch auf mein Schaffen aus.

Was steht in den nächsten Monaten an? Arbeitest Du bereits an einem neuen Album oder an einem außermusikalischen Projekt?

Momentan arbeite ich an der vorhin erwähnten Ausstellung. Im Sommer veranstalteten wir auf unserem Hof zwei Konzerte mit der Kantele-Spielerin Eveliina Kontio. Tyko und Ilmari nahmen die Konzerte auf, weshalb für Anfang nächsten Jahres eine Live-CD geplant ist. Die Stücke stammen hauptsächlich von den Alben »VESI« und »TULI«.

Was ist mit einer Tour in Deutschland?

Ich würde sehr gerne nach Deutschland kommen. Da ich allerdings – wie gesagt – kleine Orte bevorzuge, ist das finanziell schwierig umzusetzen. Gerne würde ich in einem Kulturzentrum namens Laine-Art in Berlin / Wedding auftreten, der von zwei Finnen betrieben wird. Ich las davon in einer finnischen Tageszeitung. Dies scheint genau der richtige Ort für mich zu sein.

© 2008 Marco Puetz, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Marja Mattlar


Discografie

2007

Polku

2003

Tuli

2002

Lintu – Vuodet 1991 – 2001 (Best of)

2000

Vesi

1998

Marja Mattlar Belgiassa (Live)

1996 Lumi
1993 Pariisi - Vuorenkylä


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