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Nils Landgren: ABBA bitte mit Funk

Ein Interview von Peter Bickel

10 Jahre lang gastiert Nils Landgrens Funk Unit nun ohne Unterbrechung auf der JazzBaltica. Wohl deswegen spricht der Schwede mittlerweile so gut unsere Sprache, dass er schon seine Interviews auf deutsch führen kann.

Nils Landgren

JazzBaltica mit Stau

Nils Landgren

Salzau ist mittlerweile zum Eldorado für Freunde des skandinavischen Jazz geworden. Jedes Jahr findet dort, auf einem wunderschön inmitten der schleswig-holsteinischen Natur gelegenen Schloss, die »JazzBaltica« statt, wo sich die viel versprechendsten Jazzer aus Nordeuropa quasi die Klinke in die Hand geben.

Fast untrennbar mit der Emanzipation des JazzBaltica-Festivals verwoben ist die musikalische Karriere von Nils Landgren: Vor zehn Jahren spielte er das erste Mal mit seiner Funk Unit auf Salzau und seither kontinuierlich jedes Jahr.

Sogar noch davor und immer wieder dazwischen trat der Mann mit der roten Posaune dort noch zusätzlich mit anderen Formationen auf – mit seinem Balladenrepertoire, im Duo mit Esbjörn Svensson oder mit seinem Gesangs-Schützling Rigmor Gustafsson.

Nils Landgren

Immer locker-lässig: »Mr. Red Horn«

Dies alles geht mir durch den Kopf und noch viel mehr, als ich im Stau stecke während der Anfahrt nach Salzau. Mein Gesprächstermin mit Landgren droht zu platzen; mit nicht ganz ordnungsgemäßer Fahrweise schaffe ich es jedoch, nur zehn Minuten zu spät zu kommen. Doch Nils Landgren ist nicht mehr am vereinbarten Treffpunkt.

Zusammen mit Rainer Haarmann, dem künstlerischen Leiter der JazzBaltica, gehe ich auf die Suche, vergeblich. Noch 40 Minuten bis zum ersten Auftritt von Nils Landgren heute abend mit dem JazzBaltica Ensemble und Sängerin Cæcilie Norby. »Wenn wir ihn jetzt noch finden sollten, verbiete ich Nils, noch ein Interview zu machen«, meint Haarmann. »Irgendwann muss er sich ja auch auf seinen Auftritt konzentrieren«.

Resigniert schlendere ich über das Schloss-Gelände; aus jeder Ecke dringt unterschiedliche Jazzmusik. Da läuft mir Nils über den Weg, im grauen Anzug gewandet, den Posaunenkoffer geschultert. »Hi«, begrüßen wir uns und beschließen, das Interview direkt hier im Freien, an der Hauswand der Konzertscheune zu machen. Wenn's doch nur immer so locker wäre!

Am Anfang eher peinlich

Nils Landgren

Bunter Hund: Nils liebt Overalls

»Salzau war ganz wichtig für mich«, bestätigt Nils Landgren gleich. »Schon mein erster Auftritt brachte mir viel Publicty, und ich komme immer wieder gern hierher«. Bekannt ist er hier anscheinend wie ein bunter Hund; ständig begrüßt von vorbeilaufenden Passanten.

Präsentieren wird er heute abend seine neue ABBA-Platte: allseits bekannte Pop-Hits der vier Schweden im verschwitzten Funk-Gewand. Einer der Gründe für dieses Projekt war sicher, dass Nils Landgren vor 25 Jahren als Posaunist auf dem ABBA-Song »Voulez-Vous« ins Horn stieß und ihn seither eine Freudnschaft mit Benny Andersson verbindet, dem zweiten »B« in ABBA.

Wie war das damals mit ABBA? »Super! Ganz am Anfang war das ja eher peinlich für einen existenzialistischen Jazzer wie mich, mit ABBA zu spielen. Aber 1987 war das schon ganz ok, und ich war sehr begeistert, dass ich die Chance bekam, auf einer ABBA-Platte zu spielen. Die waren auch wahnsinnig nett, die Typen. Es war so locker und einfach, und der Benny ist auch heutzutage noch genauso nett.«

Nils Landgren

Gruppenbild mit Dame (v.l.): Landgren, Viktoria Tolstoy, Benny Andersson

Was dazu führte, dass Andersson wiederum auf einem Track von »FUNKY ABBA« als Pianist mitwirkte. Also war Andersson zufrieden mit dem Ergebnis? »Zuerst war er skeptisch und fragte: "Ist das denn möglich? Das geht doch nicht". Ich habe gesagt: "Das geht." Und er: "OK, dann versuch mal." Und er hat es richtig gut gefunden.«

ABBA ist ja nun wieder in aller Munde, und Agnetha hat sogar eine neue Platte gemacht: »Ja, ich habe einige Nummern gehört. Es ist eine komische Mischung, weil auch so altes Zeug aus den Sechzigern dabei ist. Ich verstehe nicht, warum sie das gemacht hat. Ich bin der Meinung, dass eine so gute Komponistin selbst schreiben sollte. Aber ich habe großen Respekt vor der Frau; ich bin nur überrascht, dass sie diese "Song-Auswahl" gemacht hat.«

Workaholic und Tausendsassa

Nils Landgren

Immer in Bewegung

Neben der neuen ABBA-Platte mit der Funk Unit und seinem Volksmusik-Duo mit Svensson organisierte Mr. Redhorn auch das Berliner Jazzfestival oder produziert – so etwa jüngst die hoch gelobten CDs von Rigmor Gustavsson und Viktoria Tolstoy. Und als Musiker hat er auf über 500 Platten mitgespielt. Welche waren die wichigsten?

»Nun, eine Platte wie zum Beispiel "PAINT IT BLUE" von der Funk Unit war schon sehr wichtig für mich. Da war der Trommler von Aretha Franklin dabei, Bernhard Purdie heißt er. Zusammen mit dem brasilianischen Schlagzeuger Airto Moreira, der schon Miles Davis gespielt hat, zum Beispiel. Wen solche Sachen passieren, ist das etwas ganz Besonderes. Aber Du darfst nicht vergessen, dass es früher eine große Nachfrage nach Bläsern in den Studios gab. Man konnte damals drei Session-Jobs pro Tag machen. Das bedeutet: Wir haben auf drei Platten pro Tag mitgespielt. Schlager und Pop, alle Richtungen.«

Was kaum einer weiß: Landgren hat sogar zeitweise als Schauspieler gearbeitet. Obwohl ja auch eine Bühnen-Performace gewisse schauspielerische Leistungen erfordert, traut man das dem stoppelbärtigen Hünen nicht zu. »Gelernt hab ich das ja auch nicht«, gesteht Landgren. »Ein Fernsehregisseur hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, in einem Krimi mitzuspielen als böser Typ. In Schweden nennt man das "torped". Ein Typ, der die Leute zusammenschlägt und alles kaputtmacht.

Nils Landgren

So habe ich angefangen. Das war vielleicht, weil ich so aussah, wie man aussehen sollte. Danach kamen noch mehrere Fernsehsachen, Musicals und so mit tanzen. Aber das ist ja nun lange her; Ende der Achtziger war das. Ich bin sehr froh, dass ich das probiert habe, aber die Musik ist besser für mich. Ich habe das gern den Schauspielern und Schauspielerinnen übergeben, die das nun machen.«

Und das produzieren? Wie kamst Du dazu? »Ich hatte früher nur meine eignen Platten produziert. Das ist aber nicht so einfach, weil man keinen Abstand hat. Ich wollte schon immer mal produzieren. Und dann hat Siggi Loch, der Chef meiner Plattefirma, Rigmor Gustafsson auf dem Jazzfest in Berlin gehört, und er war schwer begeistert. Ich wollte sie gern produzieren, und Siggi meinte "sehr gern".

Und danach haben wir die ABBA-Platte gemacht und direkt danach Viktorias Platte »SHINING ON YOU« (die aber vor der ABBA-Platte erschienen ist). Und jetzt in drei Wochen produzieren wir Rigmors nächste Platte; wir fahren nach Frankreich dazu.« (Diese Platte ist inzwischen fertiggestellt: Auf der zusammen mit dem Jacky Terrasson Trio eingespielten CD »CLOSE TO YOU« singt Rigmor Gustafsson Lieder von Dianne Warwick.)

Nils Landgren

Spaß muss es machen

Fü einen Produzenten ist es ja oft eine Gratwanderung, wie stark er in den Musiker beeinflussen soll. Wie siehst Du die Rolle eines Produzenten? »Er soll Ratgeber sein, er soll aber auch Respekt haben vor den Künstlern, und er soll versuchen, das Beste aus allen herauszuholen. Er muss ein gutes Gefühl vermitteln, so dass alles so einfach wie möglich wird. Das ist die Aufgabe eines Produzenten. Natürlich hat er auch Verantwortung gegenüber der Plattenfirma – er muss eine gute Platte produzieren.

Aber mir schlechter Laune kommt man nicht weiter. Wenn wir gute Laune haben, dann spielen wir auch gut und haben Spaß. Und ohne Spaß kann man Musik total vergessen.«

Das »Red Horn«

Nils Landgren

Komisches Instrument in rot

Viertel vor acht. Noch 15 Minuten bis zum Auftritt. Obwohl Nils Landgren locker und gesprächsbereit wirkt, bekomme ich nun doch ein zu schlechtes Gewissen. Meine letzte Frage: Du wirst »Mr. Redhorn« genannt? Warum ist Deine Posaune rot? »Nun, ich wurde damals von Yamaha gefragt, ob ich Lust hätte, ihre Instrumente zu spielen. Ich sagte, das mache ich gern, aber dann möchte ich ein besseres Instrument haben. Yamaha meinte, ich könnte einfach ein eigenes Modell designen.

Das habe ich gemacht. Die Bohrungen sind etwas anders; es hat eine etwas andere Legierung, es ist eine kleinere Posaune, aber mit größerem Innenrohr. Es sieht also etwas kleiner aus. Es passt mehr Luft rein – mehr Ausdauer für den Spieler, aber man kann lauter und leiser spielen, man muss sich nicht so viel anstrengen. Es ist schwierig genug, dieses komische Instrument zu spielen, warum soll man es unnötig schwer machen?

Insgesamt kann man ja nicht so viel ändern an einer Posaune. Der erste Posaunenbauer hat sein Instrument 1355 gebaut, und die Instrumente sehen heute noch genauso aus.

Nils Landgren

Und ich sagte, ich will das Ding in rot haben. Denn rot ist die Farbe der Liebe und ich fand es toll, eine andere Farbe zu haben. Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass es so ein Markenzeichen werden würde. Ja, und dann habe ich angefangen, das Instrument zu spielen. Nun habe ich ein neues Modell gebaut für Yamaha, und das kann man ab nächstes Jahr auch kaufen. Rot«, und hier lacht Mr. Redhorn, »muss man aber extra bestellen.«

Sprach's und spielte mit jenem roten, mittlerweile etwas abgewetzten Horn zwei feine Konzerte. Zuerst als Begleiter für Cæcilia Norby, dann im gelben Overall mit seiner Funk Unit. Mit Gästen wie Viktoria Tolstoy, Roy Hargrove, Terri Lyne Carrington, Peter Weniger. Hitzig, verschwitzt, höllisch grrovend. Mit Stücken wie »Money, Money, Money«, »Voulez-Vous«, »Souper Trouper« und – als entspannte Rausschmeißer-Ballade – »Thank You For The Music«. »Spaß muss es machen«, sagte Landgren vorhin: »Ohne Spaß kann man Musik total vergessen.« Ein Mann, seine Band und das Publikum hatten jedenfalls jede Menge Spaß mit dieser ABBA-Neuauflage.

Nils Petter Molvær


Rot ist die Farbe der Posaune
Eine Biografie

Mit seiner fesselnd groovenden Funk Unit erlebt der Mann mit der metallic-rot lackierten Posaune seit Jahren euphorische Konzerte von Stockholm bis Montreux, im Duo mit Pianist Esbjörn Svensson (siehe Foto oben) erhebt er schwedische Folk-Melodien zu leisen Kunstwerken, und als künstlerischer Leiter beim Berliner JazzFest 2001 konzentrierte sich Nils Landgren auftragsgemäß auf skandinavischen Jazz.

Nils Landgren

Jazz und Kirchenmusik prägten seine Kindheit. Als Kornettist brachte Nils Landgrens Vater den klassischen US-Jazz ins Haus: Vom Großvater, einem Pastor, kamen die alten schwedischen Choräle und Lieder. Geboren wurde Nils Landgren 1956, mit sechs begann er, Schlagzeug zu spielen, mit 13 entdeckte er schließlich die Posaune.

Von 1972 bis 1978 studierte Nils am Musikkolleg und der Musikhochschule in Stockholm, unter anderem bei Bengt-Arne Wallin. Nach seinem Studienabschluss zog Nils 1978 endgültig nach Stockholm, um dort als professioneller Posaunist zu arbeiten. Zunächst als Jazzer; später kam der erlösende Anruf vom damals gerade erfolgreichsten schwedischen Pop-Star Blue Swede. Das Geld stimmte, die Stimmung auch, und seit jenen Tagen hat Nils Landgren meist alles gleichzeitig gemacht: Jazz und Rock, Big-Band-Sessions und nach eigener Schätzung mindestens 500 Platten, z.B. mit Stars wie ABBA, den Crusaders, Randy Crawford, Eddie Harris und Herbie Hancock. Nebenbei wurde Nils Landgren im Orchestergraben so ziemlich aller Stockholmer Theater gesichtet.

Nils Landgren

1981 holte Thad Jones den Schweden dann als Lead-Posaunisten in seine gewohnt erstklassig besetzte Bigband, in der damals auch Sahib Shihab, Dusko Goykovich, Benny Bailey und Idrees Suleiman spielten. Zwei Jahre danach erschien die Platte »PLANET ROCK«, seine Premiere als Bandleader. Zwischen 1985 und 1987 wirkte Nils in über 360 Aufführungen im schwedischen »Play of the Year«, »SKAL«, als Schauspieler, Sänger, Posaunist und Tänzer mit.

1992 kam es zum den ersten Auftritten und Aufnahmen der Nils Landgren Unit: »RED HORN« hieß die Produktion, damals schon abgemischt vom legendären Toningenieur und Produzenten Bruce Swedien. 1994 folgte dann der endgültige Durchbruch weit über Skandinavien hinaus: Beim Jazz Baltica Festival in Salzau wurde aus der »Unit« die »Funk Unit«. Das Album »LIVE IN STOCKHOLM« mit Stargast Maceo Parker entstand im gleichen Jahr und wurde der Grundstein für die Zusammenarbeit mit Siegfried Loch und seinem jungen Label ACT.

1995 begab Nils Landgren sich auf die Spuren seines Großvaters und einer Reihe von Vorfahren, die als Pastoren auf der Insel Gotland gelebt und gearbeitet hatten. »GOTLAND« hieß auch die CD, aufgenommen in zwei Kirchen in Stockholm und Hamburg gemeinsam mit dem polnischen Trompeter Tomasz Stanko und den Organisten Anders Eljas und Claus Bantzer.

Nils Landgren

Zurück zum Funk und Soul-Jazz ging es ein Jahr darauf: 1996 wurde Nils Landgren von der WDR Bigband als Solist zu den Aufnahmen von Bernard Purdies »SOUL TO JAZZ« eingeladen. Weiterer Gast war Eddie Harris, für den es seine letzten Aufnahmen werden sollten: »THE LAST CONCERT«. Ebenfalls 1996 entstand die nächste CD der Funk Unit: »PAINT IT BLUE«, eine Hommage an den von Nils verehrten Cannonball Adderley. Gäste waren diesmal neben einem sich revanchierenden Bernard Purdie die Brecker Brothers, Till Brönner und Airto Moreira.

Angeregt durch seinen Mentor Bengt-Arne Wallin entstand 1997 der Ausflug in nicht funkige Gefilde: »SWEDISH FOLK MODERN«, eine Duo-Platte mit Schwedens jungem Jazzstar, dem Pianisten Esbjörn Svensson, ist dem traditionellen schwedischen Liedgut gewidmet. Der Titel ist nicht zufällig eine Anlehnung an Wallins legendäre 62er-Aufnahme »OLD FOLKLORE IN SWEDISH MODERN«, die als Teil der Doppel-CD THE BIRTH AND RE-BIRTH OF SWEDISH FOLK JAZZ« mit dem JazzBaltica Konzertmitschnitt 1998 erschien.

Nils Landgren

Als Sänger spielte Landgren 1993 die CD »BALLADS« mit Bobo Stenson ein, die, erweitert durch Aufnahmen mit dem Esbjöm Svensson Trio, 1999 auch in Deutschland erschienen. Zwischen Mai 1998 und Juli 1999 entstanden dann die Aufnahmen zur Funk Unit-CD »5000 MILES« in Stockholm, New York, Tutzing und Montreux, mit einigen Stars der internationalen Jazz-Szene: Tim Hagans, Roy Hargrove, Till Brönner, Esbjörn Svensson, Viktoria Tolstoy, Don Alias und Fred Wesley.

© 2004 Peter Bickel
Foto-Credits: Joerg Grosse Geldermann, Siegfried Loch, Johan Bergmark, Rolf Kißling, Lutz Voigtländer, Iris Stutz, Frank Trier



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