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Von IJBiermann

September 2011. Überraschenderweise wurde es doch noch einmal ein sommerlicher Tag, wogegen der Rest der Woche verregnet war. So kann das Interview draußen stattfinden, im idyllischen Innenhofgarten eines unscheinbaren Hotels in Berlin-Mitte; der Baustellenlärm von der Straße bleibt außen vor.

Nils Petter Molvaer kommt mit etwas Verspätung vom Mittagessen zurück, doch bringt er deutlich mehr Zeit mit, als ich vorab mit seinem Promoter verabredet hatte. Und während er eine Zigarette nach der anderen raucht, versuche ich, ihn aus der Reserve zu locken, um seine handlichen Pressestatements zu umgehen.

Nils Petter Molvaer

Poesie und Paviane

Nils Petter Molvær, Foto: Per Maning, Cover: Martin Kvamme

»Maggie«
(Foto: Per Maning, Cover: Martin Kvamme)

Was ist die Geschichte hinter dem Pavian? Es ist ein sehr ungewöhnliches Cover.

Ich habe mit diesem sehr spannenden Fotografen [Per Maning] gearbeitet, einem Künstler, der Videos und Fotos macht. Wir haben eine kleine Videoinstallation mit Musik gemacht, »The Perfect Stone«. Während der Arbeit an diesem Album habe ich häufiger über Beziehungen nachgedacht, angeregt auch durch einen sehr guten dänischen Roman namens »Bavian« [Amn.: Naja Marie Aidts Novellensammlung erschien in Deutschland unter dem Titel »Süßigkeiten«]. In mancher Hinsicht ist ein Album einem Roman sehr ähnlich; kleine Geschichten, die eine größere bilden. Durch diesen Roman erinnerte ich mich an [Per Manings] Fotografien. Es gibt da eine Serie namens, wenn ich mich recht erinnere, »17 Studien«, die verschiedene kleine Veränderungen in den Gesichtsausdrücken dieses Pavians zeigen. Und weil ich immer versuche, Künstler für die Covergestaltung zu gewinnen, rief ich ihn an, und er sagte „Ja, sehr gerne.“
Und dann saß ich also eines Nachts da und dachte: »Ba-boon [engl. für Pavian]…. baboon moon…«, und weil das für mich eine Art poetische Verbindung bekam, wurde es schließlich der Titel.

Läuft das mit Titeln immer so, dass sie per Zufall entstehen?

Beim letzten Mal sah ich »Survival Man« im Fernsehen, eine Sendung über einen Typen, der irgendwo ausgesetzt wird und von irgendwas überleben muss. Er trinkt seinen Urin und isst rohe Eidechsen, um zu überleben. Er war in der Sahara und sagte: „Wenn ich jetzt weiter wandere, komme ich morgen zur Hamada. Dort ist es viel einfacher zu gehen, obwohl es noch immer Wüstengebiet ist.“ Das gefiel mir.
Sehr häufig ist es einfach eine phonetische Angelegenheit, die irgendwas Poetisches mitbringt.

Wie eine Assoziation.

Genau. Ein »Pavianmond« kann etwas total Verrücktes sein oder etwas Schönes oder etwas Bedrohliches… oder einfach etwas, das die Leute nicht verstehen. Aber das ist dann deren Problem.

Das dachte ich auch, als ich das Cover sah. Ich finde, dies ist dein bestes Cover bisher; manche haben mir nicht gefallen. Es passiert häufiger, dass ich mich bei deinem Albumcover fragte, was sie vermitteln sollen.

Ich habe mit einem Iren gesprochen, der sagte: Das erste, was mir einfällt, ist ein Pavian, der seinen Hintern zeigt. Wenn das »Mooning« gennant wird, ist das also der »Baboon Moon«. Das fand ich toll. Er war allerdings Ire. Nordire, um genau zu sein.

Gitarren

Nils Petter Molvær, Foto: Per Maning

»Maggie 5«
(Foto: Per Maning)

Da Gitarren auf all deinen Alben sehr präsent waren, zumindest seit »Khmer«, frage ich mich, warum ausgerechnet die Gitarre so stetig von Bedeutung für dich, als Teil deiner Ensembles war. Sogar jetzt, nachdem Eivind nach 15 Jahren nicht mehr dabei ist, hast du einen anderen Gitarristen gefragt und ihn sogar gebeten, das Album zu produzieren. Warum ist die Gitarre so wichtig?

[Er denkt lange nach]

Du hättest zur Abwechslung ja auch ein Ensemble in anderer Besetzung zusammenstellen können, mit Piano und Streichinstrumenten zum Beispiel.

Ich mag die Gitarre. Ganz einfach.

Andere Instrumente magst du nicht?

Nein, nein. Ich mag nur die Gitarre. Alle anderen Instrumente sind Mist. [lacht]

Wenn ich »Baboon Moon« anhöre, klingen einige der Lieder weit mehr nach einem Rockalbum als alles, was du bisher veröffentlicht hast.

Das ist gut. Das wollte ich.

Es ist fast, als ob du im Geheimen immer daran gedacht hast, dass du schon immer –

… ein Rockmusiker?…

…Frontmann einer Rockband sein wolltest.

Hm.

Nils Petter Molvær, Foto: Per Maning

»Maggie 1«
(Foto: Per Maning)

Schließlich wurdest du immer viel mehr in Verbindung gebracht mit -

Jazz?

…Elektronik, Clubmusik, Drum & Bass und so weiter. Das ist nun vollkommen anders. Wie kommt das?

Ich mochte Rockmusik schon immer. Es war meine erste wirkliche… wie soll ich sagen — meine »erste Liebe«? Meine erste Obsession, als ich sehr jung war, waren wohl Louis Armstrong und Billie Holiday. Aber da war ich vielleicht drei, vier oder fünf Jahre alt. Und dann kam die Rockmusik. Ich habe später auch in Rockbands gespielt. Ich mag aber Musik jeder Richtung — so lange sie in meinen Augen gut ist. Schon auf »Hamada« gibt es ja sehr heftige Sachen, die in Richtung »Baboon Moon« weisen. Ich wollte mehr von diesen lauten Sachen, und so habe ich es in diese Richtung gedrängt. Einfach, weil ich es mag.

Aber es geht gar nicht um Rock. Oder darum, Kopf einer Rockband zu sein. Es geht um den Klang und die Energie. Ich sehe Stian nicht als Rockgitarristen. Aber seine Bezugspunkte liegen anderswo als im Jazz. Wie meine ja auch. Und Erland ist ein Rock’n’Roll-Drummer. Er hat mit Madrugada und all diesen eindeutigen Rockbands gespielt und macht alles mögliche. Er hat ebenfalls nichts von einem Jazz-Drummer, ist sehr offen, treibt sich selbst an. Ich kann diese Jazz-Spielweisen nicht ertragen. Deshalb habe ich die beiden ausgesucht. Ich wollte ein brutaleres Klangbild, in dem ich mich dann bewegen kann.

 Foto: Morten Andersen

Sound und Stil

Nils Petter Molvær, Foto: Per Maning

»Maggie«
(Foto: Per Maning)

Dennoch ist das gesamte Klangbild des Albums keine so harsche Wende wie ich erwartet hatte, als ich hörte, dass du nun mit Stian arbeitest und er Teil deiner Band ist. Wenn man jetzt Puma oder seine Soloalben hört... Wie viel Freiheit hast du ihm gegeben, als Produzent das gesamte Klangbild zu bestimmen?

Naja, es ist kein Puma-Album. Es ist mein Album. Stian ist ein sensibler und kluger Mensch. Ein Solo-Ding geht man natürlich ganz anders an. Wir haben über meine Vorstellungen gesprochen. Ich wollte diese Klangbilder. Es ist klar, dass ich kein Stian-Westerhus-Album mit Trompete wollte. Ich wollte, dass er produziert und mitspielt. Und ich wollte seinen Sound.
Man kann sagen, dass ich ihm viele Freiheiten gelassen habe, aber wenn da etwas war, das mir nicht gefiel, sagte ich ihm einfach, dass ich das nicht wollte. Er arbeitet sehr effektiv und fokussiert — und er ist ein äußerst kreativer Typ, also habe ich ihn einfach machen lassen, und gemeinsam fanden wir Formen und Gestaltungswege. Es gibt auch ein paar Songs, die jetzt nicht auf dem Album gelandet sind.
Es ist wie Daniel Lanois Neil Young produziert. Man hört, dass Daniel Lanois dabei ist, aber es ist kein Daniel-Lanois-Album, sondern ein Neil-Young-Album.

Du hast ja einen sehr markanten Sound und Stil, sehr schnell wiedererkennbar, selbst auf dem neuen Album. Ich frage mich, ob du das im Blick behältst, wenn du aufnimmst. Denkst du darüber nach, wer die Platten kaufen soll? Fühlst du dich einer Fanbasis verpflichtet und versuchst, nicht zu radikal in einer Richtung zu werden?

Nein. Ich fühle mich da zu nichts verpflichtet. Außer meinem eigenen Ethos und meiner Moral. Es läuft vielmehr so: Was will ich jetzt machen? Ich möchte mit Stian und seiner Klangwelt arbeiten — und das mit meiner Welt verbinden, zusammen musizieren. Im Grunde denke ich nur das. Ich hoffe einfach, dass Leute es dann kaufen werden. Ich fühle mich da zu nichts verpflichtet, weil ich sonst einfach »Khmer« wieder und wieder und wieder machen könnte. Und das wäre äußerst langweilig.

Nils Petter Molvær, Foto: Morten Andersen

Aber du hättest die Leute ja auch mit einer krassen Veränderung schockieren können. Nachdem ich andere Musik, an der Stian beteiligt war, gehört hatte, und erfuhr, dass er mit dir arbeitet, fragte ich mich, wie die Platte würde, die ihr zusammen macht. Das Ergebnis ist komplett anders als ich es erwartet hatte. Es ist eher wie eine ruhigere Version von ihm und eine rauhere Version von deiner Musik. Irgendwie so.

Das ist gut.
Mit Erland in der Mitte.

Man hat dich so oft mit Miles Davis verglichen, obwohl deine Musik vollkommen anders ist…

Oh, ja, das ist wieder so ein journalistisches Ding.

…Ja, nur weil er halt Trompete spielt. Aber jedes Mal, wenn ich das irgendwo lese, frage ich mich, wie du darüber wohl denkst. Ob du du denn überhaupt irgendwelche Gemeinsamkeiten mit Miles Davis siehst.

Wir sind beide schwarz! [lacht] Nein, ich denke, er hat seinen Musikern viele Freiheiten gegeben und die Leute anhand dessen ausgewählt, was sie [vorher] gemacht hatten. Ich hab mal mit Herbie Hancock gesprochen: Wenn sie miteinander musiziert haben, legten sie einfach los — und spielten. In dem Zeug aus den Siebzigern hört man sehr gut, dass er Leuten eben die Möglichkeit gab zu spielen. Das wäre eine Gemeinsamkeit. Ich sage den Leuten nicht, dass sie dieses oder jenes spielen sollen. Ich kann nur Richtungen vorgeben, so in der Art von: »Vielleicht sollten wir hier einen offeneren Groove haben… nicht so geradlinig, vielleicht mehr Kickdrum…« Oder ich sage zu Stian: »Spiel an dieser Stelle für eine Weile nicht, und wenn du dann wieder einsteigst, wird es einen anderen Effekt haben.« Aber ich weiß nicht, was Miles gesagt oder getan hat, außer dass er seinen Musikern eine Menge Freiraum gelassen hat. Davon abgesehen gibt es nicht viele Ähnlichkeiten zwischen uns.

Einflüsse und Entstehungsprozesse

Nils Petter Molvær, Foto: Per Maning

»Maggie 7«
(Foto: Per Maning)

Vor einiger Zeit hast du über die Bedeutung früherer Einflüsse gesprochen, wie Brian Eno oder Jon Hassell. Gibt es Musiker, die du heute als Einflüsse betrachtest, auf dieses Album und diese Phase deines Schaffens?

Das wären die Leute, mit denen ich spiele. Die Leute in der Band sind die, die mich beeinflussen. Erland und Stian.

Und irgendetwas außerhalb der Musik, das einen wichtigen Einfluss hat?

Es läuft nicht so ab, dass ich einen Berg sehe und dann ein Lied drüber schreiben muss. Es ist vielmehr so, dass ich so viel wie möglich versuche, im Moment zu sein, im Fluss (»flow«). Ob du Musik machst, in einem Studio sitzst oder einem Fußballspiel zuschaust oder in den Bergen wanderst oder im Roten Meer tauchst — es geht darum, in der Gegenwart zu sein und den Moment so vollkommen wie möglich zu erfahren, ohne dass das Intellektuelle hereinbricht. Das ist inspirierend. Also im »Flow« zu sein und mit anderen Musikern zu interagieren und sich mit ihnen auf eine organische Weise zu verbinden.

Als Künstler bist du ja vollkommen frei in deiner Entscheidung, was du machst. Woran erkennst du, ob etwas gut genug ist, veröffentlicht zu werden — oder ob etwas „fertig“ ist. Klar, es geht nicht immer darum, dass deine Songs fertig sind, schließlich veränderst du sie ja immer weiter, durch Remixen und Konzerte, aber wie weißt du, ob etwas Müll ist und besser weggeworfen werden sollte? Hast du schon einmal etwas veröffentlicht, von dem du hinterher dachtest, es war nicht gut genug?

Sicher. Es gibt ein paar Sachen, die wir aufgenommen haben, die am Ende nicht aufs Album gekommen sind. Aber letztendlich geht es mehr um das große Format eines Albums. Es muss einen Fluss haben und ein größeres Ganzes ergeben. Weil es keine Popmusik ist, nicht einmal Jazz, können einzelne Stücke statisch sein. Das ist auch eine Qualität.
Ich weiß nicht, ob es irgendwelche Songs gibt, die… ja, da gab es einen, mit dem ich viel gerungen habe, vor ein paar Jahren, auf »NP3«. Heute würde ich den anders machen.

Nur ein Stück?

Hm, naja… Ich höre meine Platten nicht mehr an, wenn sie mal fertig sind. Dann üben wir sie, und wenn wir sie uns einverleibt haben, massakrieren wir sie. Wir spielen sie anders, dehnen sie, drehen sie durch den Fleischwolf, verändern die Geschwindigkeiten… So werden die Lieder vom Album zu einer Plattform, um weiter zu gehen.

Die Lieder wurden alle im Studio entwickelt?

Ja.

Warum habt ihr sie nicht erst ein halbes Jahr lang bearbeitet und dann aufgenommen und veröffentlicht, nachdem ihr all diese Dinge mit ihnen gemacht habt?

[Er lacht, weiß nicht, was er antworten soll.]

Nils Petter Molvær, Foto: Morten Andersen

Ich meine, wenn sie nur eine Plattform sind?

Es ist Album, mit Songs, die jetzt da sind. Das ist mehr wie eine eine Postkarte oder ein Tagebuch, im Sinne von: »Das steht für diesen speziellen Moment.« Das hat eine Qualität, die durch den Prozess des wieder und wieder und wieder Bearbeitens verloren gehen würde. Wie jedes andere Album ist »Baboon Moon« eine Momentaufnahme. Und dann gehen wir damit auf die Bühne und machen die »Zerstörung von ‚Baboon Moon’«.

Ich mag dieses Album. Es war eine Freiheit für mich, es Stian übernehmen zu lassen, und ich bin glücklich damit, wie es sich entwickelt und entfaltet hat. Das bedeutet auch, dass man jeden Song nicht mehr zweitausendmal anhören muss, bevor die Platte veröffentlich wird, sondern nur noch fünfhundertmal. Es tut mir auch total gut, die Musik mit frischen Ohren hören zu können. Ich bin glücklich mit dem Album, und ich bin sehr begeistert von der Band. Jetzt werden wir ein bisschen üben, um die Sachen reinzubekommen, und dann gehen wir auf Tour und werden einfach schauen, wohin auch immer uns das führt. Keine großen Pläne.

Es gibt also noch keinen Plan, ein weiteres Album mit der Band aufzunehmen?

Der einzige Plan ist jetzt, diese Interviews zu geben und dann nach Hause zu fahren und etwas Filmmusik zu machen.

Was für ein Film?

Es ist ein deutsch-englischer Film, »Comrade«, von Petter Næss [Regisseur von »Elling«], mit zwei sehr guten deutschen Schauspielern, dem jungen aus »Der Vorleser« [David Kross] und dem aus »Goodbye, Lenin!« [Florian Lukas], der sehr, sehr gut ist. Und dem Rothaarigen aus »Harry Potter« [Rupert Grint].

Es ist ein Film nach einer wahren Begebenheit, über einen Luftkrieg über der Hardangervidda [der größten Hochebene Europas, im Süden Norwegens]. Zwei Flugzeuge krachen zusammen, ein deutsches und ein englisches. Und es gibt nur eine Hütte in dieser Gegend. Die Deutschen finden sie zuerst, und dann kommen die Engländer. Es geht darum, dass man jemanden trifft, der auf politischer Ebene dein Gegner ist, aus einem anderen System; darüber, was passiert, wenn dann eben die menschliche Seite ins Spiel kommt.

Machst du die Musik alleine zu Hause?

Ja, ich glaube schon. Vielleicht verwende ich ein wenig Gitarre, frage Eivind oder Stian — oder vielleicht mache ich es auch selbst, wenn es akustisch wird. Ich überlege auch, eine Slide-Gitarre zu verwenden. Mal schauen. Aber ich muss das jetzt machen. Wenn die Interviews durch sind, gehe ich sofort an die Arbeit. Und dann die Tour im Oktober.< >br />

 Foto: Morten Andersen

Im Prozess

Dein neues Album wird in den Medien oft als »kreative Wiedergeburt« erwähnt. Wie siehst du das?

Für mich ist es eine organische Weiterführung von dem, was ich in den letzten drei, vier, fünf Jahren gemacht habe. Durch den Einstieg von Stian und die klangliche Kraft, die er mitbringt, entwickelte sich diese ästhetische Idee, die ich schon von längerer Zeit hatte.
Während ich selbst im kontinuierlichen Prozess lebe und arbeite, stellt es sich für die Leute natürlich anders dar, da sie nur ein Album hören und dann ein paar Jahre später das nächste, und vielleicht alle zwei Jahre ein Konzert besuchen. Ich stecke die ganze Zeit drin. Aber wenn es jemand als »kreative Wiedergeburt« bezeichnen will, ist das auch gut. Ich kann ja sowieso nicht kontrollieren, was die Leute schreiben.

Kannst du sagen, wonach du als Musiker, als Künstler suchst? Gibt es etwas wie ein besonderes Ziel oder so?

[Er denkt lange nach] Ich kann dir sagen, was ich versuche zu vermeiden und was mir totale Angst macht: Oberflächlich zu sein und etwas zu spielen, was nicht tief in mir verankert ist; zum Beispiel wenn man nur spielt, um jemanden zu beeindrucken. Mehr kann ich nicht anstreben.

Nils Petter Molvær, Foto: Per Maning

»Maggie 6«
(Foto: Per Maning)

Ist es leicht für dich, im Entstehungsprozess zu erkennen, wann etwas oberflächlich wird?

Ich glaube nicht, dass es mir passiert. Das habe ich eher mal gemacht, als ich jünger war. Aber das war vor vielen, vielen Jahren. Ich versuche nach wie vor, und auch mit diesem Album, so präzise wie möglich zu sein in dem, was ich spielen und ausdrücken will.

Es ist nicht so, dass… [Er denkt wieder lange nach.] Das ist eine sehr schwierige Frage.

Was ich sagen kann, ist, dass der Prozess, ein Album zu machen, so ähnlich ist wie den Rasen zu mähen: Du hast eine große Wiese, und du schaust dir dieses viele Gras an, mit dem jetzt was gemacht werden muss. Und dann fängst du einfach an zu mähen. Es ist ein Job. So verdiene ich mein Geld. Dagegen ist es eine Freude, im Konzert zu spielen. Es ist Kommunikation auf einem sehr hohen Level. Das Touren ist sehr ermüdend, das viele Reisen. Aber diese zwei Stunden, wenn du auf der Bühne spielst… wenn es gut läuft, ist es wie eine Meditation. Ich bin im Fluss und genieße, was ich tue. Wie Wandern in den Bergen: Ich gehe nur, tue nichts weiter. Also ich wandere nicht, um etwas anderes damit zu erreichen. Und genau so spiele ich einfach.

Zukunft und Vergangenheit

Nach der Fertigstellung des neuen Albums, gibt es etwas, das du schon lange mal machen wolltest? Etwas, das du noch nicht gemacht hast, aber liebend tun gerne würdest?

Es gibt etwas, das ich machen wollte — und auch getan habe: Ich hatte den Auftrag, ein Stück mit Sinfonieorchester zu schreiben. Leider hatte ich nicht die Zeit, mich allein da so vollkommen hinein zu begeben, weil ich mit dem neuen Album und einigen anderen Dingen so beschäftigt war. Also sagte ich, dass ich gern mit Rolf Wallin arbeiten würde, einem Komponisten, mit dem ich schon vieles vorher gemacht hatte. Wir trafen uns, ich gab ihm ein paar Entwürfe und sagte ihm, wie ich es gerne hätte — und dann haben wir das zusammen gemacht. Und das war ziemlich spannend, weil ich da völlig frei war, das dazu zu spielen, was ich wollte. So ein Projekt hätte ich gerne wieder einmal.

Klar gibt es auch noch andere Sachen, aber jetzt will ich mich erst mal auf das neue Album konzentrieren und es weiterentwickeln.

Dann werde ich im nächsten Jahr was im Duo oder Trio mit Trilok Gurtu machen. Was da genau rauskommen wird, weiß ich noch nicht. Und dann gibt es auch noch ein Trio mit Manu Katché. Und Theatermusik. Das mache ich immer gerne – Musik für Film und Theater schreiben. Es gibt da gerade ein paar Angebote. Ich mache gerne mehrere Dinge, aber ich will mich da nicht zu sehr ausbreiten.

Es wird da auch noch was geben, das ich mit dem Fotografen, Videokünstler und Regisseur Andreas Andersen und [dem norwegischen Autor] Jon Fosse zusammen machen werde. Wir haben gerade erst angefangen, darüber zu sprechen.

Wenn man davon spricht, dass du als Künstler tun und lassen kannst, was immer du willst, ist es dann lästig für dich, dass jedes einzelne deiner Alben nach wie vor an »Khmer« gemessen wird — oder bemerkst du das gar nicht so?

Tja, das wird wohl immer so sein, nicht? Selbst wenn ich fünfzig Alben aufnehme. »Khmer« war ein großer Erfolg, hat sich tausendfach verkauft. Es ist wahrscheinlich wie mit Radiohead, die immer an »OK Computer« gemessen werden, zum Beispiel.

Aber wie gehst du damit um?

Ich denke nicht darüber nach. Ich bin einfach froh, dass die Leute »Khmer« mögen. Die Platte war die Frucht einer langen Entwicklung für mich, einer sehr, sehr langen. Eine sehr gute Freundin, Sidsel Endresen, mit der ich in den Achtzigern zusammen war, gab mir nach einigen Jahren ein paar Kassetten mit Entwürfen zurück, die sie noch von mir hatte. Ich hörte sie mir an, und ganz vieles wurde später direkt zu »Khmer«. Das war ’88, und »Khmer« war ’96. Über die Jahre hatte ich vieles angesammelt, und weil ich endlich ein Soloalbum machen wollte, war »Khmer« ein großer Durchbruch für mich.

Fühlt sich »Baboon Moon« wie ein Durchbruch an, für dich?

Es fühlt sich an, als ob ich einen Berg bestiegen habe und in eine vollkommen andere Landschaft komme. Aber nicht wie ein Durchbruch in solchem Ausmaß. Nichts könnte noch einmal so sein.

»Baboon Moon« ist wahrscheinlich das Album, mit dem ich am glücklichsten bin, so lange ich mich zurückerinnern kann.

Nils Petter Molvær, Foto: Per Maning, Cover: Bengt Olsson

Albumcover für a-ha
(Foto: Per Maning, Cover: Bengt Olsson)

Per Maning (geb. 1943)

… ist ein norwegischer Künstler, der mit Fotografie und Video arbeitet. Mit seinen Schwarz-Weiß-Fotografien von Tieren wurde er zu einer wichtigen Stimme in der skandinavischen Kunstszene. 1995 repräsentierte er Norwegen bei der Biennale in Venedig, und seine Werke sind u.a. auch in der Sammlung des MoMA in New York City. Manings Arbeiten sprechen ein breites Publikum an, vermutlich wegen der universellen menschlichen Eigenschaften, indem das Porträt des abgebildeten Tieres den Betrachter spiegelt. (Quelle: www.abgsc.se) Auch a-ha nahmen bereits vor ein paar Jahren eines von Manings Tierporträts auf ihr Cover, siehe rechts. Mehr auf Per Manings Internetseite.

»Süßigkeiten« (»Bavian«) von Naja Marie Aidt, aus dem Dänischen übersetzt von Peter Urban-Halle: Fünfzehn lakonisch erzählte Geschichten über den modernen Menschen. Sie handeln von Männern und Frauen, die in ihren brüchigen, unsicheren Liebesbeziehungen eingesperrt sind, in denen sich permanent Risse zeigen, wo eigentlich Vertrauen herrschen sollte. Sie handeln von Untreue, von der Angst vor Anforderungen und der Jagd nach dem eigenen Vorteil. Und sie handeln davon, wie verletzlich das ganze System ist. Wie leicht kommt es zu Kratzern in der glatten Oberfläche, und ein Abgrund von Wahnsinn tut sich auf.
Quelle: perlentaucher.de







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