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Von Eva-Maria Vochazer

Schlagzeuger in zwei Hardcore-Bands der Reykjaviker Punkszene und gleichzeitig Student der Kompositionstechnik an der Musikhochschule - für den gerade einundzwanzigjährigen isländischen Musiker sind das keine Widersprüche. Als Solokünstler ist Ólafur Arnalds der Mann am Klavier, der mit seinen reduzierten und intelligenten Kompositionen eine unerwartete Brücke zwischen klassischer Musik und moderner Indie-Befindlichkeit schlägt - unterstützt von einem Streichquartett. Die Rückkehr von Romantik, Empfindsamkeit und großen Gefühlen. Gepaart mit wohl dosierten Electronics kann diese Musik den Soundtrack für das große Kino in unserem Unterbewussten bilden.

Im Gespräch erscheint Ólafur zunächst als ernsthafter, konzentrierter, zurückhaltender junger Mensch. Das Gegenteil von oberflächlich. Man könnte ihn fast als blass und mönchisch beschreiben, blitzte da nicht immer dieses ironisch-warme Lächeln auf. Der Mann weiß, was er will. Von dem werden wir noch mehr hören.

Denn auf dem Konzert zu sehr später Stunde auf dem Umsonst- und Draußen-Festival in Würzburg bringt Ólafur Arnalds das Unerwartete fertig: Dass der Großteil des Publikums ihm und seinem Ensemble konzentriert zuhört, obwohl schon reichlich Alkohol im Spiel ist und in der Ferne die Fußballfans gröhlen. Viele folgen sogar seiner Aufforderung und setzen sich auf den sandigen Boden vor der Bühne, besser lauschen zu können. Sogar gestandene fränkische Mannsbilder in langen Lederhosen!



The Bones

Das Studio von Sigur Rós ist bei mir um die Ecke

Ólafur, Du hast diesen Sommer einen sehr dichten Tourplan. Es muss sehr anstrengend sein. Hast Du trotzdem noch jeden Abend Spaß auf der Bühne?

(zurückhaltend, aber überzeugt) Ja, habe ich immer noch. Ich liebe das. Jede einzelne Nacht. Ich werde wirklich nicht nicht müde, auf der Bühne zu stehen. Wenn ich müde werde, dann eher vom Unterwegssein. Aber nicht vom Auftreten.

Olafur Arnalds

Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen

Du wirst im August als Support von Sigur Rós in Deutschland touren und Dich damit erstmals hierzulande einem größeren Publikum vorstellen können. Wie kam diese Kombination zusammen?

Das ist eine witzige Geschichte. Irgendwann mal kam dieses Gerücht auf, zum Teil über Fragen auf meiner myspace-Seite. Und dann riefen meine Freunde an: »Was, du tourst mit Sigur Rós?« Ich antwortete: »Denk ich nicht«. Ich rief meinen Booking-Agenten an und der wusste von nichts. Der rief die Promoter von Sigur Rós in Deutschland an und die hatten auch noch nichts davon gehört. Dann habe ich mich mit dem Management von Sigur Rós in Verbindung gesetzt, und die hatten schon mitgekriegt, dass es so ein Gerücht gab. Und ich fragte: »Warum machen wir das nicht einfach? Wenn das Gerücht schon die Runde macht?«

Und Du hast nie herausgefunden, wer das Gerücht in die Welt gesetzt hat?

Nein (grinst). Aber es kursierte ziemlich verbreitet im Internet. Mit genauen Tourdaten. Und witzigerweise werde ich jetzt genau an den bereits genannten Daten spielen.

Kennst Du die Musiker von Sigur Rós?

Ja, ich kenne sie, aber nur flüchtig. Wir sind keine Freunde. Wenn ich sie auf der Straße treffe, dann sagen sie hallo und ich auch. Aber wir nehmen uns schon wahr. Sigur Rós haben ihr Studio in Mosfellsbær, ziemlich in der Nähe meiner Wohnung. Gerade die Straße runter.

Olafur Arnalds

Ich soll klingen wie Múm oder Björk?

Hatte die Fußball-Europameisterschaft bislang direkte Auswirkungen auf Deinen Tourplan?

Hatte sie tatsächlich! Wir versuchten so gut wie möglich, die Länder zu vermeiden, die am Tag unseres Auftritts gerade spielten. Beim letzten Deutschland-Spiel waren wir in Holland, beim nächsten in der Schweiz.

Die Schweiz ist jetzt bereits draußen!

Ja, stimmt (lacht). Aber die Europameisterschaft hat die Planung der Tour ziemlich erschwert! Und mittendrin mussten wir unfreiwillig einen Tag aussetzen - das war beim ersten Deutschland-Spiel. Da konnten wir nirgendwo einen Auftrittsort finden. Wir wollten dann nach Italien ausweichen, aber das hat auch nicht geklappt.

Nicht alle isländische Musik klingt wie Björk

Viele Musikfans außerhalb Islands verbinden isländische Musik hauptsächlich mit Sigur Rós oder Björk. Welches sind Deiner Meinung nach die größten Stereotypen, die über Musik aus Deinem Land in Umlauf sind?

Dass alle isländische Musik so klingt wie Sigur Rós oder Björk! Ich habe sogar Rezensionen meines ersten Albums gelesen, die festgestellt haben, dass es wie Björk klingt! Wie kann das denn stimmen? Das kommt doch überhaupt nicht hin! Ich glaube ebensowenig, dass ich wie Sigur Rós klinge, aber da kann ich es zumindest nachvollziehen, wie man darauf kommen kann. Manchmal eine bestimmte Atmosphäre vielleicht. Aber dass meine Musik Ähnlichkeiten mit Björk oder Múm haben soll, dass kann ich wirklich nicht verstehen!

Ist denn ein Körnchen Wahrheit in diesen Stereotypen, dass isländische Musik etwas Besonderes hat: Elfenhaft, versponnen, eigenwillig ...

Vielleicht hat es ein bisschen damit zu tun, dass auf Island viele Menschen übernatürliche Erscheinungen für möglich halten. Zum Beispiel: 90 Prozent der Bevölkerung glauben an Geister.

Olafur Arnalds

Geister machen das Leben vergnüglicher

Und, glaubst du an Geister?

(überlegt kurz, zögert) Schon irgendwie, ja. Jeder auf Island kann dazu Geschichten erzählen. Meine Mutter und meine Großmutter haben mir Geschichten erzählt. Auch meine Freunde erzählen mir Geistergeschichten…und ich habe diese Dinge sogar schon selbst erlebt. Es ist einfach so: Wenn ich richtig darüber nachdenke, dann sag ich mir: Geister existieren wahrscheinlich nicht. Aber es ist immer noch ein Teil der isländischen Kultur. Man spricht darüber, und man glaubt schon irgendwie daran, obwohl man es doch dann nicht wirklich tut. Und dadurch wird das Leben vergnüglicher! (lacht).

Aber zurück zu den Stereotypen des Verhuschten, Merkwürdigen, Skurrillen für die isländische Musik - haben die etwas mit Dir zu tun?

Das denke ich natürlich nicht! (lacht). Aber mal ernsthaft: Ich weiß eigentlich nicht, was diese Stereoptypen überhaupt bedeuten sollen. Isländische Musik in der Außensicht, das sind eigentlich nur die Bands, die es schaffen, über Island hinaus bekannt zu werden, die berühmtesten also oder wer auch immer. Ich arbeite als Tontechniker in einem Live-Club in Island und habe häufig zehn Bands die Woche gesehen. Da gibt es nichts, was diese Bands irgendwie heraushebt. Das ist der ganz normale Indierock, den Du überall auf der Welt erleben kannst.

Ist die isländische Musikszene untereinander ziemlich vernetzt? Kennen sich die Bands alle?

Ja, das schon. Natürlich nicht alle! Ich selbst kenne natürlich viele, weil ich als Soundtechniker gearbeitet habe. Und das mache ich auch weiterhin, wenn ich nicht auf Tour bin. Ich bin im hippsten Club von Reykjavik aktiv, dem Organ. Und daher kenne ich fast alle Bands in der Stadt. (lacht verschmitzt).

Musiker kennen sich fast alle untereinander

Wie viele gibt es denn?

Zu viele! (grinst). Klar, ich mach jetzt Witze. Es gibt tatsächlich eine Menge guter Bands. Das ist ungewöhnlich. Und natürlich ist es am Ende immer so, dass alle irgendwann einmal zusammen auf einer Bühen stehen. Es gibt diese ungeschriebene Regel: Wenn Du Musiker bist und jemand anders ist auch Musiker, dann grüßt Du Dich auf der Straße, auch wenn Du mit der betreffenden Person vorher noch nie ein Wort gewechselt hast. Weil Du weißt, wer der Andere ist. Und du weißt, dass der andere weiß, wer Du bist, und so sagt man sich halt hallo! (lacht).

Olafur Arnalds

Die Branche will den »isländischen Sound«

Wäre es nicht gut, wenn im Ausland auch andere isländische Bands bekannt würden, die eben nicht Björk oder Sigur Rós heißen? Jakobínarína, die sich inzwischen leider aufgelöst haben, hatten eine zeitlang vor allem in Großbritannien ziemlichen Erfolg und kommen mit ihrem Indie-Punk aus einer ganz anderen musikalischen Ecke.

Ich mochte Jakobínarína sehr, sie sind eine meiner liebsten isländischen Bands! Und ich fände es tatsächlich positiv, wenn eine neue Entwicklung einsetzen würde und nicht nur immer Björk und Sigur Rós genannt würden, wenn es um isländische Musik geht.

Das Problem ist: Die Musikindustrie sucht genau nach solchen Bands in Island! Sie kommen nach Island weil sie diesen »isländischen Sound« wollen! Sie wollen in Island nichts finden, was sie genauso gut anderswo haben können, in Großbritannien oder Deutschland oder sonstwo. Und das ist wirklich der Kern des Problems.

Es gibt viele sehr, sehr gute Bands in Island. Aber die bekommen von der Musikindustrie nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.

Was sind denn Deine persönlichen isländischen Lieblingsbands?

Jakobínarína, wie schon erwähnt. Und die haben außerhalb Islands tatsächlich ziemlich guten Zuspruch bekommen. Und noch zwei andere: Sudden Weather Change und Kimono. Und Bands wie diese bekommen leider zu wenig Aufmerksamkeit…weil sie eben nicht wie Sigur Rós klingen! Sie haben nicht diesen »isländischen Sound«. Sie klingen wie normale Indiebands, aber sie sind großartig!

Ich komme aus der Punkszene

Kommen wir auf Deine Musik selbst zu sprechen. Dein musikalischer Hintergrund ist ein ziemlich breit: Von Punk zur Klassik, dazu elektronische Einflüsse...wie passt das alles zusammen?Oder hältst Du diese verschiedenen Genres in Deinem Kopf völlig voneinander getrennt?

Ich halte diese verschiedenen Stile tatsächlich zum großen Teil voneinander getrennt. Aber natürlich hat alles, was ich tue, einen gewissen Einfluss auf alles andere. Das lässt sich nicht verhindern. Die Tatsache, dass ich aus der Punkszene komme, hat stark dazu beigetragen, dass ich der Mensch geworden bin, der ich heute bin und welche Musik ich heute mache. Aber meine Hardcore-Band und meine eher ruhigen Soloplatten, das halte ich völlig getrennt voneinander. Viele Leute halten es für ziemlich merkwürdig, dass ich so vollständig gegensätzliche Dinge tue…

Warum soll das denn so merkwürdig sein?

Es sind unterschiedliche Arten von Gefühlen oder was auch immer du mit Deiner Musik ausdrücken willst. Und verschiedene Arten von Gefühlen können mit unterschiedlichen Formen von Musik ausgedrückt werden.

Olafur Arnalds

Kammermusik

Einer meiner Lieblingsmomente auf »EULOGY FOR EVOLUTION« ist übrigens der Zeitpunkt, in dem im letzten Track völlig unvermittelt ein heftiges, geradezu gewalttätiges Schlagzeugsolo einsetzt.

(Entschlossen) Ja, aber das hat wirklich nichts mit der Tatsache zu tun, dass ich in einer Hardcore-Band gespielt habe! Es ging um ein bestimmtes Gefühl, dass ich ausdrücken musste. Und der Schlagzeugeinsatz war die einzige Form, in der ich dies tun und glücklich damit sein konnte. Das hätte schlecht funktioniert, wenn es nicht so laut geworden wäre! (grinst).

Sehr viel ist Theorie und Technik

Was ist für Dich das Wichtigste beim Songschreiben? Geht es darum, ein Gefühl auszudrücken? Oder eine Idee?

Ich denke, es ist mehr eine Idee. Manchmal ist es eine Mischung aus beidem. Manchmal ist es reiner Zufall. Dass ich am Klavier sitze und meine Hände bewegen sich zwischen dieser und jener Note. Und dann merke ich: Oh, das klingt gut, warum sollte ich das nicht verwenden? Sehr viel ist Theorie und Technik. Die Ideen kommen manchmal erst später. Es gibt nichts, das zwingend als Erstes da sein muss. Ich will mich nicht selbst beschränken, indem ich zunächst das Konzept entwerfe dann nur diesen Rahmen habe, innerhalb dessen ich mich bewegen kann. Es macht viel mehr Spass, Musik zu schreiben und erst später darüber nachzudenken. Was es für mich bedeutet: Was kann ich von dieser Musik verwenden und anderen Leuten mitteilen?

Wie funktioniert das konkret? Sitzt Du meistens am Klavier beim Komponieren?

Sehr unterschiedlich! Oft sitze ich auch vor dem Computer, wo ich dieses Notenprogramm installiert habe. Häufig entwickele ich auch Ideen, wenn ich Musik zuhöre. Nicht unbedingt den Melodien, sondern mehr den Techniken. Harmonietechniken zum Beispiel. Die der klassischen Komponisten. Ich verwende diese Techniken und versuche, etwas Eigenes daraus zu machen.

Klassikmusik-Studium auf Eis gelegt

Du studierst ja auch klassische Komposition an der Isländischen Akademie der Künste....

Ja. (grinst). Aber im Moment habe ich das Studium zwischenzeitlich auf Eis gelegt, weil ich häufig auf Tour bin. Ich habe ein Jahr lang studiert und ungefähr die Hälfte davon versäumt! Ich möchte nicht an der Universität studieren und Geld dafür ausgeben, wenn ich mich nicht darauf konzentrieren kann. Ich möchte mit hundert Prozent dabei sein, wenn ich das tue. Also habe ich mich temporär dazu entschlossen, aufzuhören. Ich werde die Sache aber zu Ende bringen, weil ich das auch wirklich will. Aber im Moment ist es eben nicht die richtige Zeit dafür.

Arvo Pärt als wichtiger Einfluss

Olafur Arnalds

Kammermusik

Wie stark ist der Einfluss, den die klassischen Komponisten für Klaviermusik auf Dich ausgeübt haben? Man hört aus Deinen Kompositionen Anklänge an Chopin, Eric Satie und sogar Bach heraus.

Du hast definitiv Recht, allerdings nicht so stark auf meiner neuen EP. Chopin, ja, auf alle Fälle. Satie übrigens weniger. Mit dem bin ich nie so richtig warmgeworden, kenne nur wenige seiner Stücke, dachte aber: »Ja, das ist cool, vielleicht sollte ich mich später mehr damit beschäftigen«. Bach ist heute ein Einfluss, aber bei der Enstehung des ersten Albums weniger. Der größte Einfluss in dieser Zeit kam vielleicht von Arvo Pärt. Genauer in der zweiten Phase des Schaffensprozesses. Die Hälfte der Stücke auf »EULOGY« war ja bereits geschrieben, als ich erst 16 Jahre alt war. Und damals hatte ich noch nicht einmal begonnen, klassische Musik zu hören. (lacht).

Ich hing nur an meinem Klavier herum und habe herumgespielt. Und wenn ich mir das Album heute im Rückblick höre, dann wundere ich mich über mich selbst und frage mich: »Wie konnte ich damals bestimmte Dinge einfach tun, die ich noch nicht einmal in der Theorie gelernt hatte, mit der ich mich erst fünf Jahre später beschäftigt habe?« Und mich in diesen Strukturen merkwürdigerweise auch noch formal korrekt zu bewegen? Ich habe keine Ahnung, woher ich das zu dem Zeitpunkt damals überhaupt herhatte. (Dringlich, fragend). Es muss irgendetwas gewesen sein, das ich damals gehört habe. Und ich habe das aus reinem Zufall mit einfließen lassen. Als müsste es einfach so sein!

Das Unterbewusste am Werk

Vielleicht war das Unterbewusste am Werk?

Lebhaft: Ja, ja! Genau das meine ich! Mein Unterbewusstes hat mir gesagt: Das klingt gut, von diesem Akkord zu jenem Akkord…aber ich wusste wirklich nicht, warum es gut klingen würde!

Vielleicht muss man ja nicht für alle Dinge immer eine Erklärung finden?

Das denke ich auch.

Du hast bestimmt schon oft gehört, dass Deine Kompositionen sich bestens als Filmmusik eignen würde. Ich musste beim Hören Deiner ersten Platte häufig an Michael Nyman denken, der unter anderem den Soundtrack für den Jane-Campion-Film »Das Piano« geschrieben hat.

Hm, den Film kenne ich gar nicht. Oder habe höchstens Ausschnitte daraus gesehen. Aber es stimmt, dass Filme mich beeinflusst haben. Wie zum Beispiel »A Beautiful Mind«, das war vielleicht der erste Soundtrack, der mich wirklich intensiv beschäftigt hat. Dadurch wurde mein Interesse geweckt, diese Art Musik machen zu wollen. Unter anderem eben auch Musik für Filme. Das war wirklich eine Initialzündung. Andere wichtiger Soundtrack für mich waren übrigens die von »The Green Mile« und »Die Verurteilten«. Diese Filme haben mich bei meinen eigenene Kompositionen sehr beeinflusst. Im Unterbewussten.

In diesem Gespräch geht es bislang häufig um das Unterbewusste und Geister...:-)

Lacht laut). Ja, das stimmt. Aber ich glaube, dass das Unterbewusste für mich damals der einzig mögliche Weg war, um mich musikalisch in Richtung zu irgendetwas Klassischem zu bewegen…

Die Hörer sollen ihre eigene Geschichte entwickeln

Olafur Arnalds

...und damit in Richtung Deiner ersten Veröffentlichung »EULOGY FOR EVOLUTION«. Würdest Du dieses Werk als Konzeptalbum bezeichnen?

Ja, es gibt ein Konzept. Für mich gibt es eine Geschichte in diesem Album. Diese Geschichte wird übrigens auch in den Bildern des Booklets erzählt. Was ich aber von Anfang an wollte war, dass die Hörer ihr eigene Story entstehen lassen sollen. Das Album hat seine Geschichte, die Du verstehst, wenn Du zuhörst. Die Höhen und Tiefen, manchmal dramatische Entwicklungen, all diese Dinge. Manche empfinden das Stück Nummer Vier vielleicht als traurig, andere verbinden es vielleicht mit einer glücklichen Geschichte. Das will ich damit erreichen: Dass die Hörer die Songs auf jede erdenkliche Art verstehen können. So wie sie es persönlich in diesem Moment verstehen wollen.

Eine Last abwerfen

Und was hat es für Dich bedeutet?

Ich wollte gewisse Gefühle ausdrücken und eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die ich erzählen MUSSTE, ohne dass die Leute verstehen, worum es dabei geht. Eine Last, die auf deiner Brust liegt und die du abwerfen musst. Gleichzeitig willst du aber auch nicht, dass die ganze Welt davon erfährt! (lacht). Es ist in etwa so: Du hast ein Problem und willst darüber reden, aber es soll eben nicht jeder mitbekommen, um was es geht!

Warum haben Computer keine Gefühle?

Olafur Arnalds

Mit Deinem neuen Album »VARIATIONS OF STATIC« bewegst Du Dich deutlich mehr in Richtung Elektronik. Es gibt dort erstmals sogar Andeutungen von Vocals.

Es sind natürlich keine echten Vocals! Und ich wollte auch hier wieder nicht, dass die Hörer alles verstehen! Es erschließt sich also nicht, was dort denn genau »gesungen« wird. Der Text ist nichts Konkretes, man versteht nicht, worum es genau geht. Und dahinter steckt wieder das gleiche Konzept, dass die Hörer ihre eigenen Erfahrungen machen sollen. Mit der Realität, einer Computerstimme zu lauschen, die über Gefühle spricht. Das ist schwer zu verstehen.

Computer haben doch keine Gefühle! Und dann kam man sich fragen. Wo kommen Gefühle her? Und warum haben Computer keine Gefühle? Wenn man einen Computer genau wie einen Menschen konstruieren würde, was würde dann geschehen? Würde er Gefühle entwickeln? Und wenn nicht: warum? Wie entstehen Gefühle? Darüber habe ich begonnen, nachzudenken. Und so habe ich in dem Song diesen Computer über Erinnerungen an Gefühle wie Liebe und Freundschaft nachdenken lassen. Wo kommen die Erinnerungen her? Was passiert mit den Erinnerungen, wenn wir sterben?

Nachdem ein naher Verwandter von mir gestorben war und ich davon emotional ziemlich mitgenommen war, hat eine Freundin mich zu trösten versucht. Sie sagte: »Wenn man eine Glühbirne abschaltet, dann verschwindet die Energie nicht. Die Energie geht anderswo hin und wird zu etwas anderem«. Und ich habe auch beim Songschreiben intensiv darüber nachgedacht, was mit all diesen Gefühlen geschieht, wenn Menschen sterben.

Und was denkst Du, was passiert?

Darauf habe ich keine Antwort! (lächelt).

Dinge gehen nicht verloren

Olafur Arnalds

Ich auch nicht! Aber es ist doch ein tröstlicher Gedanke, dass Dinge nicht verlorengehen.

Ja,ja, natürlich! Dass nichts wirklich verschwindet, egal, was es ist. Es ist immer da. In der Luft, irgendwo. Es wird zu etwas anderem

Aber zurück zu Deinem neuen Album, mit dem Du eine neue Richtung eingeschlagen hast. Weißt Du, wohin Du heute unterwegs bist?

Ich habe bereits einige Songs für ein neues Album geschrieben, aber sie sind alle so unterschiedlich! Ich weiß nicht, ob ich sie alle auf dem gleichen Album versammeln kann…

Ein Album sollte eine Geschichte erzählen

Olafur Arnalds

Warum nicht?

Ich möchte ja gerne! Aber dann benötige ich einige Brücken, um sie zu verbinden. Ich will immer, dass ein Album eine Geschichte erzählt. Die es vorantreibt. Ich will nicht ständig zwischen völlig verschiedenen Aspekten hin- und herspringen. Ich möchte, dass es funktioniert!

Was ich im Moment gerade mache: Ich versuche einen Weg zu finden, genau dies möglich zu machen. Welche Songs ich schreiben könnte, damit es klappt. Ich möchte eine Mischung erzielen. Ich möchte die elektronischen Einflüsse von »VARIATIONS« beibehalten. Aber ich will auch ein echtes Schlagzeug dabei haben, akkustische Drums und akkustische Instrumente, als wenn ich Indie-Rock spielen würde. Ich möchte in einem Zwischenbereich meiner beiden Alben ankommen.

Ich versuche zur Zeit noch herauszubekommen, wie ich das schaffen kann. Aber wahrscheinlich wird das Ergebnis am Ende nicht so ausfallen, wie ich es am Anfang geplant hatte. Ich kann nicht von vornherein wissen, was ich mag. Ich mag das, was ich schreibe. Und das Ganze dann in eine Form bringen, die ich mag…eigentlich weiß ich im Moment nicht so genau, was ich tue…(bricht in Gelächter aus).

Auf jeden Fall klingt das nicht langweilig!

Das Einzige, was ich genau weiß ist: Ich versuche, Songs zu schreiben. Aber das klappt nicht so richtig gut im Moment.

Bei Deinem dichten Tourplan nicht verwunderlich.

Ja, dann versuche ich eben, so gut wie möglich zu touren und meine Musik in die Welt zu tragen.

Olafur Arnalds

Die Barbican Hall füllen?

Du hast bald ein ziemlich großes Konzert in London.

Ja, in der Barbican Hall. Das ist eine große Halle.

Mein erstes großes Konzert

Bist Du ein wenig nervös?

Ja. Ob ich diese Halle denn füllen kann. Es ist wirklich das erste Mal, dass ich mich an einem so großen Konzert versuche. Einer meiner Booking Manager hat mich mal gewarnt: Wenn Du einen großen Veranstaltungsort nur zur Hälfte füllen kannst, dann bekommst Du den das nächste Mal nicht nochmal. Naja, im Moment wird mir gesagt, dass zumindest die Hälfte der Tickets bereits verkauft ist. (lacht). Es besteht also noch Hoffnung. Es wäre schön, wenn tausend Leute kämen, dann wäre ich zufrieden…und kann endlich aufhören, mir Sorgen darüber zu machen!

Was kann Musik in einer idealen Welt bei Menschen bewirken? Und Deine Musik im Speziellen?

Was ich denke, was Musik mit Menschen tun sollte: Sie sollen etwas erfahren! Etwas, das sie anderswo nicht erfahren. Und dabei ist es völlig egal, ob es Tanzmusik oder Hiphop oder klassische Musik. Wenn es dich packt, etwas in dir anspricht, dich etwas erfahren lässt, dich mitnimmt und irgendwo hinführt…dann ist es meiner Meinung nach gute Musik! Und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob ich diese Musik persönlich mag oder nicht! Aber wenn Musik diese Kraft, hat, solche Gefühle bei Menschen auszulösen, dann ist es gute Musik!


© Eva-Maria Vochazer, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Jonas Val, Stuart Bailes, Aleksandra Lach, Frank Vollmer





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