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Paatos - von goldenem Staub und Nosferatu

Ein Interview von Peter Bickel

Um gleich vorweg mit drei Klischees aufzuräumen:
In Schweden ist es im Winter nicht mehrere Monate lang den ganzen Tag dunkel, noch nicht mal im Dezember.
Schweden haben nicht alle blonde Haare.
Aus Schweden kommen nicht nur Folkgruppen oder
ruppiger Gitarrenrock à la Hellacopters und Fireside.

Paatos

Von Landberk über Ägg zu Paatos

Paatos

Das in Stockholm beheimatete Quintet Paatos bewegt sich vielmehr schwerelos zwischen musikalischen Welten: Manche Passagen lassen improvisationsgeladenen Rock der Siebziger aufleben, dann wieder erinnert Sängerin Petronella Nettermalm an den nur scheinbar naiven Charme Björks. Und wenn das Mellotron satte Streicherklänge unterlegt, fühlt man sich an die hypnotische Sogwirkung mancher Led Zeppelin- Passagen erinnert – wobei Paatos statt auf Riffgewalt lieber auf tagträumerische bis schwermütige Stimmungen moderner Ausprägung setzen. Schwermütig? Ok, dieses eine gern benutzte Charaktermerkmal für schwedische Musik sei erlaubt.

Auch der Name Can darf als Leitbild übrigens ruhig fallen – meint zumindest die Band selbst, die ihren Stil als »Melancholic Postrock« definiert. Kenner der schwedischen Musikszene werden dagegen Parallelen zu Landberk feststellen, was kaum verwunderlich ist: Als im Februar 1993 die beiden Bands Landberk und Ägg zusammen in einem Rockclub auftreten, verstanden sie sich so gut, dass sie in Kontakt blieben und – zuerst als Begleitmannschaft für die Folksängerin Turid, dann unter eigener Paatos-Flagge – seither gemeinsame Sache machen.

Paatos - Petronella Nettermalm

Petronella Nettermalm

Sängerin Petronella Nettermalm, die mit ihrer verträumten Stimme neben der bereits erwähnten Björk auch Portishead und Beth Gibbons erstaunlich nahe kommt, komponiert oft gemeinsam mit Drummer und Ehemann Ricard Huxflux Nettermalm. Der ist ein wahrer Derwisch, wenn er mit virtuosem Jazzrock-Gestus über Trommeln und Becken wirbelt und die wildesten Breaks aneinander reiht. Als Sessionmusiker spielt er auf nahezu allen Hochzeiten, ob bei der Synthieband Covenant, den Drum'n'Bass Acts Baxter und Yoga, bei John Norum oder Clawfinger.

Gitarrist Peter Nylander, studierter Musiker mit Abschluss am Berklee College, hat sich in der Jazzszene einen beachtlichen Namen erspielt,. Bassist Stefan Dimle, ebenfalls sehr erfahren durch Mitarbeit bei zahlreichen Bands, betreibt nebenbei noch den Plattenladen »Mellotronen« in Stockholm. Johan Wallén schließlich als ehemaliges Mitglied der ausgeflippten Dub-Formation Pro-Seed führt uns mit Mellotron-Sounds und Fender Rhodes in die gute alte Zeit der Siebziger zurück, als Musik noch ehrlicher und handgemachter war.

Die Alben

Wo wir nun schon beim Blick zurück sind: Alles begann Ende 2001, als Paatos zu den Aufnahmen ihres Debüt-Albums »TIMELOSS« im Studio standen. Da kam der Blitzauftrag, für ein Filmfestival in Umeå die Musik zum Stummfilm »Nosferatu« zu komponieren. Die Band meisterte diese Aufgabe mit Bravour und lieferte in weniger als zwei Monaten die stark improvisierte und live dargebotene Musik zu dem 2½ Stunden-Streifen ab.

Paatos - Ricard Nettermalm

Ricard Huxflux Nettermalm

Nach diesem Zwischenstopp können die fünf Musiker endlich die Studio-Aufnahmen fortsetzen und verschaffen sich mit »TIMELOSS« Gehör, einem furios jazzrockigen Debüt mit ausgedehnten Improvisationen. Der Nachfolger »KALLOCAIN« dagegen wirkt strukturierter, geplanter, auch eingängiger. Der CD-Titel verweist übrigens auf eine Science Fiction-Erzählung der schwedischen Autorin Karin Boye, in der sie eine utopische Gesellschaft irgendwo zwischen Orwell und Huxley entwirft.

Ein Gespräch mit (fast) der gesamten Band.

Hardcore-HipHopper und studierte Jazzer

Woher kommt der Bandname Paatos? Hat er etwas mit unserem Pathos zu zun?

Johan: Patos ist der schwedische Begriff für das griechische Wort Pathos. Wir haben nur ein zweites »a« eingefügt, weil uns der »Look« gefiel.

Huxflux scheint ein vielbeschäftigter Drummer zu sein. Was hat er neben Paatos schon alles gemacht?

Johan: Er spielte auf dem letzten Album der schwedischen Synthieband Covenant, nahm mit den Drum'n'Bass-Acts Baxter und Yoga auf, spielte Schlagzeug auf dem Solo-Album von John Norum.

Dann war er an der ganzen Hardcore-HipHop-Sache mit Bands wie Infinite Mass oder Fistfunk beteiligt und auf zwei Alben von Clawfinger. Außerdem lebte er sechs Monate in New York bei einem seltsamen Artrock-Kollektiv namens »Starlet«, und natürlich »Morteculator« mit – zum Beispiel – Johan Wallén!

Ich hörte, dass er auch Drum-Techniker für Rammstein war?

Johan: Ja, bei ihrem Album Mutter.

Paatos - Johan Wallén und Peter Nylander

Johan Wallén mit Gitarrist

Peter, Du bist beliebt in der Jazzszene. Kannst Du mir etwas über Deine Werdegang erzählen?

Peter: Ich wuchs auf in Rom, wo ich begann, Gitarre bei dem berühmten italienischen Jazzgitarristen Fabio Zeppetella zu studieren. Nach dem Hochschulabschluss ging ich nach Boston, MA, USA, zum renommierten »Berklee College of Music« und bekam dort den »Bachelor of Music Degree«.

Seit 1996 lebe ich in Stockholm und arbeite als Profimusiker, hauptsächlich im Jazz und anderen Formen improvisierter Musik. Ich habe mein eigenes Quartet – das Peter Nylander Quartet – mit Musikern aus der schwedischen Jazz-Elite: Joakim Milder am Saxofon, Christian Spering am Bass, Jonas Holgersson an den Drums. Wir werden unser Debüt-Album im Juni aufnehmen. Das Repertoire besteht überwiegend aus meinen eigenen Kompositionen.

Außerdem spiele ich mit der Jazzsängerin Jeanette Lindström, einer der bekanntesten und renommiertesten schwedischen Vokalistinnen. 2002 nahmen wir eine CD auf dem Amigo-Label auf. Im Winter 2004 werden wir ein weiteres Album aufnehmen. Und ich spiele mit dem amerikanischen Saxofonisten David Wilczewski, der wiederum bekannt ist durch seine Zusammenarbeit mit Drummer Steve Smith von Vital Information. Aber das sind nur einige Beispiele, was ich so treibe.

Über die Jahre habe ich mit ziemlich vielen Musikern inner- und außerhalb von Schweden gespielt, z.B. mit Bassist Matthew Garrison, Sohnn des großen Jimmy Garrison, der etwa mit John McLaughlin und Joe Zawinul gearbeitet hat. Er spielte auch mit Saxofonist George Garzone, Posaunist Hal Crook und Pianist Steve Hamilton, derzeit ein Mitglied von Bill Bruford's Earthworks.

Wie siehst Du Dich als Gitarrist?

Paatos

Instrumentale Geschichtenerzählerin

Peter: Mein Jazzansatz ist klar vom modernen Stil inspiriert. Ich versuche, die Klangmöglichkeiten der Gitarre auszuschöpfen, indem ich mir Elemente aus dem Rock und elektrisch dominierter Musik ausborge. Jedoch versuche ich niemals den Kontakt zu den Kernelementen des Jazz zu verlieren – der Improvisation und der Kommunikation.

Durch die Synthese von Landberk und Ägg war Paatos schon eine eingespielte Formation. Petronella, wie kamst Du zur Band?

Petronella: Wie Du sagst existierte Paatos schon zuvor als Instrumental-Band, bevor ich dazukam. Doch die Jungs entschieden sich schon sehr schnell, dass sie auch Gesang haben wollten. Es war nur natürlich, dass sie mich fragten, denn wir kannten uns ja alle.

Zuerst sagte ich noch »Nein«, weil ich nicht nur deswegen einer Band beitreten wollte, weil ich mit einem der Musiker verheiratet war, aber die Jungs überredeten mich dazu, es wenigstens einmal zu versuchen. Das tat ich, und ich war vom Ergebnis gefangen. Ich konnten nicht »Nein« sagen dazu.

Wie siehst Du die Rolle des Gesangs in der Band – Geschichten erzählen, wie ein Instrument fungieren oder was auch immer?

Petronella: Ich denke, meine Funktion ist hauptsächlich instrumental. Unsere Musik erlaubt allen Instrumenten, von Zeit zu Zeit die führende Rolle zu übernehmen, und in vielen Songs führt zum Beispiel die Gitarre ebenso wie der Gesang. Wir haben aber auch einige Instrumental-Lieder gemacht, wo ich meine Stimme als Instrument benutze – nur als Klangerzeuger und ohne Texte.

Dann wiederum sind die Texte natürlich auch ein wichtiger Bestandteil der Musik, und ich setze sie ein, um die musikalische Botschaft aufzuhellen. Wahrscheinlich ist also meine Funktion beides – Geschichten erzählen und instrumental.

Nosferatu und danach

Paatos

Tief aus den Seelen

Wier würdet Ihr die Musik beschreiben, die Ihr zum Stummfilm »Nosferatu« gemacht habt?

Johan: Wir machten ja eine Pause während der Aufnahmen zu »TIMELOSS«, um die Musik zu »Nosferatu« zu schreiben. Ich denke also, man hört diese Ähnlichkeit zur ersten CD. Die Filmmusik besteht aus viel Improvisation, aber auch aus einigen Einflüssen der Musik aus den Zwanzigern.

Wollt Ihr diese Musik auch einmal aufnehmen?

Johan: Unser Ziel war vor allem, die Stimmungen in dem Film zu akzentuieren, daher »funktioniert« die Musik nicht immer ohne die Filmbilder. Doch etliche der Themen wirken auch ohne den Film, und wir haben schon darüber diskutiert, ob wir den Soundtrack veröffentlichen sollen.

Wie würdet Ihr die Unterschiede zwischen Eurem ersten Album »TIMELOSS« und dem Nachfolger »KALLOCAIN« beschreiben? Auf mich wirkt »TIMELOSS« über weite Passagen improvisiert in der Tradition des Seventies-Jazzrock, während »KALLOCAIN« mehr Songwriter-orientiert klingt und auch nicht so dominiert von instrumenteller Virtuosität.

Stefan: »TIMELOSS« war musikalisch ein Hybrid der beiden Bands Landberk und Ägg. Wir brachten verschiedene Einflüsse mit uns, als wir die Band Paatos starteten. Plötzlich wurde dann eine Platte von Universal veröffentlicht. Mir erscheint es immer noch mysteriös, wie schnell alles passierte. »KALLOCAIN« ist mehr »maßgeschneidert«. Wir haben die Songs sehr sorgfältig und auf emotionale Weise herausgemeißelt, tief unten aus unseren Seelen.

Hattet Ihr einen Produzenten für »KALLOCAIN«?

Paatos

Stefan: Wir nahmen alle Songs mit Huxflux als Toningenieur auf, und Steven Wilson von Porcupine Tree – er kam wie ein Geschenk des Himmels – fragte uns, ob wir etwas Hilfe beim Mix brauchen könnten. Das war ein Angebot, das wir nicht ablehnen konnten!

Es war phantastisch, mit ihm zu arbeiten. Er wusste genau, was wir brauchten und worauf wir hinauswollten. »KALLOCAIN« ist daher »made by Paatos« mit einer großen Portion von Steven Wilsons »goldenem Staub« über allem.

Wie entwickelt Ihr Songs? Ist die ganze Band beteiligt am Kompositionsprozess?

Stefan: Alle Mitglieder kommen mit Ideen, Skizzen und manchmal auch fertigen Songs an. Wir alle entwickeln diese Ideen dann zu fertigen Liedern.

Wie würdet Ihr die Musik von Paatos durch »Namedropping« beschreiben, also durch Namen anderer Bands?

Johan: Es ist schwer für uns, unsere Musik auf diese Weise zu beschreiben, aber wir versuchen alte und neue Einflüsse zusammenzubringen. Alle Mitglieder von Paatos haben eine breite Palette von Einflüssen, die sich zu dem derzeitigen Paatos-Sound addieren.

Musik in Schweden

Paatos

Eine Art Traurigkeit

In Deutschland gibt es derzeit ein steigendes Interesse an skandinavischer Folk- und Rockmusik. Spürt Ihr dieses Interesse auch und habt Ihr eine Erklärung dafür?

Johan (überrascht): Niemand von uns hat dieses Interesse bisher bemerkt.

Wie würdet Ihr die schwedische Musikszene im Vergleich zu anderen Ländern beschreiben?

Johan: Ich denke, man kann die Musikszene in eine kommerzielle und weniger kommerzielle unterteilen. Die kommerziellen Künstler in Schweden sind sehr gut darin, Stile aus dem Ausland zu kopieren. Das könnte den großen Erfolg des schwedischen Musikexports erklären.

Es ist schwierig zu sagen, ob es etwas gibt, das man als typisch schwedisch bezeichnen könnte. Jeder sagt immer, dass schwedische Musik eine Art Traurigkeit hat. Das könnte daher kommen, dass traditionelle schwedische Folklore diese Melancholie besitzt.

Paatos - Peter Nylander

Peter Nylander

In Schweden gibt es aus meiner Sicht vor allem eine starke Folktraditioon auf der einen Seite und eine noisige Gitarrenrock-Fraktion auf der anderen Seite, Stichwort The Hellacopters, Fireside, Tiger Lou und so weiter. Ich kenne jedoch kaum andere Bands, die wie Ihr einen Stil pflegen, den man als »Art-Rock« oder »Progressive Rock« bezeichnen könnte.

Stefan: Es gibt viele interessante Bands und Künstler aus diesem Bereich. Ich höre zum Beispiel gern Sidsel Endresen and Bugge Wesseltoft!!! Ich denke auch, dass wir eine Menge Ähnlichkeit mit ihnen haben.

Naja, das sehe ich anders ...

Stefan: Viele Parallelen kann man auch zu Anja Garbarek ziehen. José González ist auch ein gutes Beispiel für einen sehr interessanten Künstler. Fireside hast Du bereits erwähnt. So weit ich weiß, haben sie ihre Musik zu einer tieferen und mehr spirituellen Form weiter entwickelt.

Die Punk-Band Mindjive hat ihren Namen zu Pendulum geändert und klingt heutzutage ebenso gut wie damals die besten deutschen Krautrock-Bands. Opeth ist ein weiteres Beispiel für eine Band, die Schweden in die vorderste Reihe interessanter Musik bringt. Meiner Meinung nach sind sie derzeit die wichtigste Band.

Paatos

Babysitter und Rock-Babys

Ich stelle mir vor, dass es nicht leicht ist, in einer Band mit einem Mann zusammenzuspielen, der auch der Lebenspartner ist. Gibt es Probleme aus dieser Situation, auch hinsichtlich Eures noch jungen Kindes?

Petronella: Nachdem ich mit Huxflux nun seit über drei Jahren zusammenspiele, sehe ich die Zusammenarbeit mit ihm als großen Bonus. Das ist ein großartiger Weg, um die Liebe lebendig zu halten, indem man etwas Kreatives zusammen macht ohne den ganzen Alltagskram.

Paatos

Ein wenig mehr Gutes ...

Andererseits ist das Leben natürlich ein Puzzle, wenn man alles auf die Reihe bekommen muss mit Babysittern, dem Abholen der Tochter von Kindertagesstätten, und so weiter. Glücklicherweise haben wir eine sehr nette Familie, die aushilft. Und von Zeit zu Zeit nehmen wir unsere Tochter auch mit, besonders, wenn wir einige Tage unterwegs sind. Sie ist ein echtes »Rock-Baby« – sie unternahm ihre erste Reise mit uns, als sie etwa sechs Monate war.

Was sind Eure Pläne für die Zukunft?

Stefan: Unsere Musik zu entwickeln und hoffentlich eine Chance zu bekommen, die Musik weltweit zu präsentieren.

Petronella, wenn Du einen Wunsch frei hättest – was würdest Du Dir wünschen?

Petronella: Schwierige Frage. Es gäbe eine Menge zu tun in unserer Welt. Ich würde mir wohl wünschen, dass Unschuldige, und ganz besonders Kinder, nicht Opfer der Grausamkeit, Gier oder Lust nach Macht anderer Menschen werden.
Ein wenig mehr Gutes in der Welt würde nicht schaden.

© 2004, Peter Bickel, exklusiv für Nordische Musik


Discografie

2002 Timeloss
2004 Kallocain


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