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Poets Of The Fall:  ... jetzt sind wir wohl »Rockstars«

Ein Interview von Nathalie Martin, Helsinki 2005

Der Song »Late Goodbye« der finnischen Poeten, alias Rocksänger Mark, Jazzgitarrist Ollie und Industrial-Trance-Mann Captain, verbreitete sich mit dem Computerspiel »Max Payne 2« wie ein Virus. Radiostationen griffen ihn auf und spiel(t)en ihn, genauso wie die zweite Single »Lift«.
Und plötzlich wimmelt es auf ihrer Website von Besuchern aus Skandinavien, Deutschland, England und den USA. Mit ihrem Debütalbum stürmen sie die finnischen Charts – Erklärungsversuche von Sänger Mark.

Poets Of The Fall

Musik gibt uns die Perspektive

Erst mal Gratulation zu Eurem furiosen Einstieg in die finnischen Albumcharts: Platz Eins in der ersten Woche!

Danke!

Poets Of The Fall

Sänger Mark: Es gibt keine Erklärung

Ihr habt sogar Apocalyptica, Nightwish und Green Day überrundet ...

(kopfschüttelnd) ... lauter Weltstars. Das ist wirklich unglaublich. Und wir sind immer noch in der Top Ten.
(Anmerkung der Redaktion: Also seit sechs Wochen, zum Zeitpunkt des Interviews auf Platz 10)

Wie lautet Deine Erklärung für diesen Erfolg?

... es gibt keine. (lange Pause) Ich kann es mir nur so erklären: Die Leute mögen unsere Musik wirklich. Die Musik ist alles, was wir ihnen gegeben haben. (Pause) Jeder Mensch muss etwas machen, manche gehen joggen, manche trinken, andere meditieren – wir komponieren Musik. Das gibt uns die Perspektive. (Pause) Ich schreibe zuerst die Musik, spiele sie, fühle sie – dann kommen die Texte von allein.

Du bist der Hauptsongwriter?

Ja. Normalerweise ich und Ollie. Dann setzen wir uns hin und produzieren sie zusammen. Das Ergebnis stammt von uns allen. Es ist gut, dass ich die anderen beiden habe, sie ihren Input geben. (Pause) auch wenn ich mich meistens hautverantwortlich fühle.

Songs als Momentaufnahmen

Poets Of The Fall

Nicht sehr finnisch ...

Eure Musik klingt nicht sehr finnisch; sie könnte von Bands aus Großbritannien oder den USA kommen. Warum?

Wir haben nie beabsichtigt, englisch oder amerikanisch zu klingen. Wir machen unsere eigene Musik – und so wie wir sie machen, gefällt sie uns ... und scheint auch anderen Leuten zu gefallen. (grinst) Viele Leute denken, dass wir aus England oder den USA kommen. Wenn sie dann auf unserer Website »Finnland« lesen, sind die ziemlich verblüfft.

(Pause) Ich hab schon als Kind von meiner Mutter englisch gelernt, sie hat lange in England gelebt. Mit 17 bin ich als Austauschschüler für ein Jahr nach Florida und später war ich in Irland. (grübelt) ... Englisch ist eine ausdrucksstarke Sprache. Wenn ich texte, tue ich das immer auf Englisch.

Hast Du nie finnische Texte geschrieben?

Doch. Wenige. Aber die fühlten sich nicht an, als kämen die von mir. (grinst) Das mit den Dialekten ist so ne Sache, ... wenn ich mich mit 'nem Engländer unterhalte, spreche ich mit britischem Akzent, mit Amerikanern amerikanisch und mit Iren irisch. (lacht) Das Gleiche passiert mir auch hier in Finnland, egal ob ich nach Tampere oder Turku gehe; unser zweiter Gitarrist kommt aus Pori, ich passe mich ihm auch ganz schnell an.

Und Eure musikalischen Einflüsse?

Poets Of The Fall

Olli mag Jazz und Gitarrenhelden, ...

Ich bin da breit gefächert. Von Metal über U2 und Live bis zu Klassik. Ich mag auch Pearl Jam, Tori Amos, Prince (grinst) ... ich habe alle seine Alben zu Hause und kann alle Texte. Ollie bevorzugt Jazz und Gitarrenhelden: 80er Metal, Van Halen. Captain mag Pink Floyd, Depeche Mode; er ist unser Industrial-Dancemusic-Mann. (Pause) Aber unsere Songs entstehen aus »Momentaufnahmen«, nicht aufgrund unserer musikalischen Einflüsse. Ein gutes Beispiel: Ich sitze im Bus, es dämmert, fahre an einem Haus vorbei, mit Hinterhof. Das Haus, der Himmel, das Dämmerlicht – da entsteht die Idee. Ich komme heim, setze mich ans Klavier – da ist der Song, der Text, alles (fängt an zu singen). Vielleicht kommt der aufs nächste Album (feixt).

Wenn du etwas wirklich willst: Schreib es auf!

Hast du, als Du in Florida gewohnt hast, schon Musik gemacht?

Klar, schon lange! (schmunzelt) Ich fing an zu singen als ich drei war. Mein erster Auftritt ...

... unterm Weihnachtsbaum?

(lacht) … so ähnlich. Ich nahm ’nen Schraubenzieher als Mikro. Natürlich sang ich keinen Text, nur so (singt vor) »aaajaaajaa« und alle haben mich angestarrt. Das war mein erster Auftritt. Ich glaube sie fanden’s eher lustig (lacht).

Mit sieben habe ich angefangen Gitarre zu spielen, später mit Klavier und Violine. (abwehrend) Aber ich kann nicht Violine spielen, ich hab’s nur ein halbes Jahr gemacht. (grüblerisch) Violine ist ein wunderbares Instrument. Vielleicht sollte ich in einen Laden gehen, eine kaufen und Unterricht nehmen. (Pause) Die Violine kommt der Stimme am nächsten, (witzelt) okei, vielleicht trifft ein Cello meine eher.

Ist Poets Of The Fall Deine erste Band?

Poets Of The Fall

... Captain dagegen Indutrial-Dance

Nein, nein. Die Erste hatte ich mit 15, als Sänger, dann kamen noch fünf, sechs weitere.

Und dann die Poets ...

... Ja, 2002. Im Mai, am 21. oder 25.

Gutes Gedächtnis!

(grinst) Nein. Kürzlich hat mich jemand nach der Gründungszeit gefragt. Wir haben damals eine Art Zeitplan aufgestellt, was wir wann machen werden, den habe ich neulich zwischen die Finger gekriegt – und da stand das Datum drauf.

Stand da auch: Ende Januar 2005 Platz Eins der finnischen Charts?

(lacht) Nein! Eher Sachen wie »einen Plattenvertrag bekommen« und so. Aber das ist eine gute Sache, wenn du etwas wirklich willst: Schreib es auf. Dann erreichst du es auch.

... jetzt sind wir wohl Rockstars

Kennt ihr Euch alle schon lange?

Ollie und ich sind alte Freunde. Wir spielten schon Jahre vorher zusammen in einer Band. Als wir gerade »Late Goodbye« aufnahmen, stieß Captain zu uns und arbeitet mit uns. Wir mochten ihn und fragten ihn, ob er mit uns spielen will. Wir gaben ihm andere Sachen von uns mit, er hat sich’s angehört ... und es gefiel ihm. Er rief an und meinte: Okei.

Und live ...?

Poets Of The Fall

Küssende Frauen

Sind wir sechs Musiker. Wir drei sind zwar Poets Of The Fall, aber live wirken wir zusammen. Es sind unsere Freunde, fast schon eine Familie. (Pause) Es ist keine Arbeit, es ist Spaß. Du fühlst dich daheim. Für mich ist das wichtig, für uns alle ist das wichtig.

Gibt es schon ein Musikvideo von Euch?

(lacht) ... ähm. Wir arbeiten seit einem Jahr am »Late Goodbye«-Video. Das ist auch eine Kostensache, aber viele Freunde haben uns geholfen – und hoffentlich ist’s in einer Woche fertig. Wir machen uns dann gleich ans zweite, »Lift« oder »Illusion & Dream«. (grinst) Ich denke schon ans zweite Album. Ich schreibe die ganze Zeit Songs. Ich liebe die Studioarbeit, »to get the songs out«, im Studio dran zu feilen.

... aber sicher auch live aufzutreten. Wie steht’s mit Eurer Tour?

Kurz nach der Veröffentlichung, am zweiten Februar, waren wir drei Wochen unterwegs. Elf Shows in Clubs mit so 400, 500 Zuschauern. Viele waren ausverkauft, die Leute kannten alle Texte. Wir hatten viel Spaß. Inzwischen haben wir Termine bis August, auch Festivaltermine. (Pause) Wir spielten auch einen Gig in Stavanger, Norwegen. Da kannte zwar keiner unser Album, aber bei »Late Goodbye« sangen alle mit. Sie mochten uns wohl.

(Denkt nach, prustet los) Das erste Mal bemerkt, dass wir jetzt wohl »Rockstars« sind, habe ich in Oulu: Wir sitzen backstage, der Saal ist schon offen, die Leute stehen bis an die hintere Wand. Unser Gitarrist will eine rauchen, er nimmt seine Zigarette, öffnet die Tür, die Menge sieht ihn – und fängt an zu kreischen. Er ist richtig erschrocken. (lacht)

Oder in Vaasa ... Ich sitze auf der Bühne, an jedem Bein ziehen fünf Leute, drei Frauen kommen auf die Bühne und wollen mich küssen, äh ... küssen mich, und ich versuche zu singen, »Lift« … ich schlage mir das Mikro gegen die Zähne, und die Lippe fängt an zu bluten.

... ist das nicht zum Fürchten?

Ich bin keine ängstliche Person (scherzend) ... noch nicht.

Max Payne, Internet – und ein Tintenklecks-Test

Poets Of The Fall

Richtig erschrocken über Fans

Wieso habt ihr den Soundtrack für »Max Payne 2« geschrieben?

Sam (Anmerkung der Redaktion: der Scriptwriter) von Remedy ist ein alter Freund von mir und hat mich gefragt, ob ich einen Song dafür schreiben will.

So einfach ist das. Und was hat es mit dem G.A.N.G.-Award auf sich, den ihr in Kalifornien gewonnen habt?

Das ist so was wie der Oscar / Grammy der Computerspiele. Den gewannen wir im März 2004 für den »Best Original Vocal Song«. (Anmerkung der Redaktion: Die Game Audio Network Guild setzt sich hautsächlich mit der Vertonung von Videospielen auseinander und verleiht den G.A.N.G-Award für besondere Verdienste in Sound Design, Music und Synchronisation).

Sind Eure Fans duch Max Payne auf Euch aufmerksam geworden?

Am Anfang sicherlich. Doch inzwischen denke ich, dass es 50:50 steht. Natürlich zunächst von Max Payne, aber die Radiostationen spiel(t)en »Late Goodbye«, »Lift« verteilte sich übers Internet (grinsend) ganz legal. Andere hören die Musik von ihren Freunden.

Bleiben wir beim Internet. Segen oder Fluch? Viele Plattenfirmen beklagen sich über die Verluste durch Downloads, viele kleinere Bands sehen es als Chance, bekannter zu werden ...

Ich denke, die Leute, die unsere Musik mögen, kaufen sich das Album. Bei unseren Auftritten stehen viele mit »SIGNS OF LIFE« in den Händen da, halten es hoch: »Look, I bought your album!« – (schmunzelt) und außerdem haben sie so etwas, das wir signieren können. Das ist wirklich toll. (Pause)

Unseren Fans machten wir über das Netz ein Weihnachtsgeschenk: Wir haben kurz vor Weihnachten einen Song zum Runterladen online gestellt, einen Monat lang: »Maybe Tomorrow Is A Better Day«. Wenige Minuten nachdem er online stand, war er über die ganze Welt verteilt. Wirklich erstaunlich.

Apropos »SIGNS OF LIFE«: Ich habe gehört, Ihr habt über hundert Stücke geschrieben ... wie konntet Ihr daraus die passenden auswählen?

Das war wirklich hart! Natürlich hatte jeder von uns seine Favoriten; erst hatten wir 24 Songs, dann 16 in der engeren Wahl. Von denen 12 zu wählen war wirklich sehr schwer ... und diese zwölf sollten auch noch eine Einheit bilden. Wirklich schwer. Wir haben dann jeder Listen geschrieben, und irgendwann hatten wir’s geschafft.

Eine letzte Frage: Welche Bedeutung steckt hinter dem Cover?

Es gibt keine direkte Bedeutung – aber viele Diskussionen darüber. Warum ein Lutscher im Aschenbecher? Wäre Asche drin, würde sich keiner wundern. Ich habe von allen möglichen Leuten schon die unglaublichsten Einfälle und Interpretationen des Covers gehört. Das ist wie beim Tintenklecks-Test. (Anmerkung der Redaktion: Der 1921 vom Schweizer Psychologen Hermann Rohrschach entwickelte Test erfasst und deutet die Assoziationen von zehn standardisierten farbigen Tintenklecksbildern).

Dann lassen wir die Fans weiter deuten.
Paljon kiitoksia Markille!

Poets Of The Fall


Zwei Gegensätze bilden ein Ganzes
Eine Biografie


Die Geschichte der Poets Of The Fall beginnt 2002 in Helsinki, als Sänger Mark und Gitarrist Ollie, mit unterschiedlichem musikalischem Background, anfangen gemeinsam Lieder zu schrieben. »Wir haben jahrelang zusammen gejammt und merkten, dass unsere Stile gut ineinander griffen«. Später schloss sich ihnen Produzent / Musiker Captain an. Der Name Poets Of The Fall basiert auf der Idee, dass zwei Gegensätze ein Ganzes bilden; das Eine gäbe es nicht ohne das Andere. »Poets« (Dichter) stellt dabei die positive Seite und »Fall« (Herbst) die Negative dar.

2003 kam die Auftragsarbeit von Sam Lake (Remedy), »Late Goodbye« für das Computerspiel »Max Payne 2« zu schreiben, das Mark »die ganze Nacht mit seiner Gitarre auf dem Küchenfußboden« sitzend schrieb. Anfang 2004 erschien das Spiel, die »Late Goodbye«-Single im Juni. Der Song bracht den Finnen den G.A.N.G.-Award ein. Im September folgt die »Lift«-Single. Die Herbstdichter wurden in Finnland von YLE zum Newcomer des Jahre 2004 gewählt, »Lift« zum zweitbesten Song. Das am 19. Januar 2005 veröffentlichte Debüt »SIGNS OF LIFE« steigt direkt auf Platz Eins der heimischen Longplayer-Charts ein. Als nächste Single-Auskopplung steht »Illusion & Dream« an, welche die finnischen Radiostationen bereits wie wild rotieren lassen.

© Nathalie Martin, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Poets Of The Fall
Eine Übersetzung ins Englische findet man unter:
www.poetsofthefall.com/forum/viewtopic.php?t=963

Discografie

2004 Signs Of Life


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