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Ein Portrait von Peter Bickel

»Recorded at Rainbow Studio, Oslo. Engineer: Jan Erik Kongshaug.« Diese zwei knappen Anmerkungen im Booklet einer CD lassen die Herzen aller Hifi-Begeisterten höher schlagen. Bei einem Besuch in Oslo sprach Peter Bickel mit dem norwegischen Tonmeister über das Geheimnis des guten Klangs.

Jan-Erik Kongshaug bei der Arbeit

Der beste der Welt ...

Värttinä

Der unscheinbare Eingang ...

Unscheinbar sieht es aus, das kahle Ziegelgebäude in der Christiesgate. So gar nicht nach einer Residenz für eine der Top-Soundschmieden, in der innerhalb der letzen 15 Jahren viele legendäre Aufnahmen mit Jan Garbarek, Terje Rypdal oder Keith Jarrett entstanden. Auch der über die Eingangstür an die Hauswand gemalte Regenbogen erinnert viel mehr an ein Jugendzentrum der 70er Jahre als an ein perfekt ausgestattetes Digital-Studio mit einem Toningenieur, der einen legendären Ruf genießt. So legendär, daß sogar Pat Metheny von Jan Erik Kongshaug einmal behauptete, er sei der beste Toningenieur der Welt.

Rainbow Studio

Der Aufnahmeraum

Sobald man jedoch die »heiligen Rainbow-Hallen« betritt, wandelt sich der erste Eindruck völlig: Tageslicht flutet in einen relativ geräumigen und hohen Aufnahmeraum, in dessen Zentrum ein Steinway-Flügel alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Zwei separate kleine Aufnahmen-Kabinen dienen dazu, leise Intrumente von der restlichen Band getrennt aufzunehmen. Hinter einer langen Glasfront kann man den Kontroll-Raum erahnen, natürlich stimmungsvoll beleuchtet und mit dem allerfeinsten Equipment ausgerüstet.

Digital - analog

Rainbow Studio

Die Bandmaschinen

In einer gekühlten Kabine steht dort die neueste Anschaffung - der 48-Spur Digital-Recorder Sony PCM 3348 HR in der 24bit-Ausführung. »Seit 1986 arbeite ich schon mit digitalen Multitrack-Maschinen«, erklärt Jan Erik Kongshaug nicht ohne Stolz. »Ich verstehe den Einwand vieler Leute, sie würden den analogen Klang bevorzugen. Und in der Tat hatten die 16bit-Maschinen noch viele Schwachstellen. Aber allein schon wegen der Schnitt- und Editier-Möglichkeiten würde ich niemals mehr zur analogen Aufzeichnung zurückkehren. Erst recht nicht, seitdem ich die 24bit-Maschine besitze, denn das alte 16bit-Modell lieferte doch immer noch relativ viel Rauschen.«

Mitten im Kontrollraum thront das Harrison-Mischpult, dessen 104 Kanäle in mehreren Ebenen übereinanderliegen, um Raum zu sparen. Denn wären alle Kanäle wie bei einem klassischen SSL-Pult nebeneinandner angeordnet, hätte der Mixer eine Länge von 15 Metern. Dabei ist dieses imposante Regiment an Schaltern, Reglern und Displays nur die Bedien-Oberfläche - die eigentliche Elektronik des Pults befindet sich in mannshohen Schränken im Nebenraum.

Automatik

Rainbow Studio

Der Regieraum

Gern erklärt Kongshaug sein Haupt-Werkzeug: »Das Harrison ist ein digital kontrollierter Analog-Mixer. Hier über diesen Touch-Screen kann ich sämtliche Einstellungen - sogar Kompressor, Panorama, Fader - speichern und abrufen.« Er tippt einige Male auf einen Monitor neben sich, und in Sekundenschnelle springen unzählige Fader und Schalter in die richtige Position.

Darin sieht Kongshaug auch den Hauptgrund, warum viele Musiker die entspannte Arbeits-Atmosphäre des Rainbow-Studios loben: »Wenn um zehn Uhr die Musiker kommen, können wir um halb elf mit den Aufnahmen beginnen. Ich habe verschiedene Mixer-Setups wie etwa "Piano-Trio mit Bass und Schlagzeug" gespeichert, so dass ich eigentlich nur noch die Mikrophone in die richtigen Kanäle stöpseln muss. Ich sage dir: Wenn der Schlagzeuger erst drei Stunden zum Einstellen des richtigen Sounds trommeln muss, ist er schon vor der Session völlig erschöpft.« Kongshaug grinst.

Rainbow Studio

Der Foldbackmixer

Wie zum Beweis seiner These tauchen Ketil Bjørnstad und David Darling auf, die schon in einer halben Stunde mit den Aufnahmen für ihr demnächst bei ECM erscheinendes Album beginnen werden. Mit typisch norwegisch-zurückhaltender Art fährt der Mann am Mixer fort: »Das Wichtigste ist aber, dass die Musiker einen guten Klang in ihren Kopfhörer bekommen. Jeder hat einen separaten 16-Kanal-Foldback-Mixer, in dem er sich seinen individuellen Mix einstellen kann. Auf den ersten zwei Fadern liegt normalerweise mein Mix, auf dem nächsten Bass, dann Drums in stereo, Keyboards in stereo, usw. Wenn Musiker mit dem Kopfhörer-Mix nicht zufrieden sind, können sie auch kein gutes Ergebnis liefern.«

Von der Elektrotechnik zu ECM

Jan Garbarek

Jan Garbarek

Der da spricht, muss es wissen, denn Kongshaug hat fast alle Jazz-Größen der Welt auf Band gebannt. 1967 startete der ausgebildete Elektro-Techniker im Arne-Bendiksen-Studio, und 1970 nahm er dort seinen Landsmann Jan Garbarek auf: Sein Debüt AFRIC PEPPERBIRD war nicht nur Kongshaugs erste Zusammenarbeit mit dem Münchner Jazz-Label ECM, sondern auch eine deren ersten Veröffentlichungen.

ECM-Chef Manfred Eicher erkannte das Talent des norwegischen Studio-Meisters sofort, denn bis zum heutigen Tag arbeitet er am meisten mit ihm zusammen. Auch, als Kongshaug zum Talent Studio wechselte und nach dessen Ende 1978 als Freelancer hauptsächlich im New Yorker Power Station arbeitete.

Manfred Eicher

Eicher in jungen Jahren

1983 war die Zeit schließlich reif für ein eigenes Studio, denn es gab in Norwegen damals kein anderes brauchbares Studio für Akustik-Aufnahmen. In Zusammenarbeit mit ECM entwickelte sich das Rainbow Studio mittlerweile zur Top-Adresse besonders für Musik im Grenzland zwischen Jazz und Folk-Pop. »Hier bei uns ist es das teuerste, aber auch das beste Studio« urteilt auch die Kirkelig Kulturverksted, das derzeit wohl spannendste Label Norwegens.

»ECM ist nicht mein einziger, aber natürlich ein sehr spezieller Kunde«, stellt Kongshaug fest. »Eine Session für ECM dauert meist drei bis fünf Tage, und den Rest der Zeit muß ich das Studio auch ausnutzen. Ich arbeite viel für norwegische Labels - Folk, Pop und Klassik. Klassik aber nicht viel, weil die Akustik für Klassik viel zu trocken ist.«

Das ist mein Stichwort, denn gerade die ECM-Aufnahmen zeichnen sich ja bekanntlich durch natürliche Räumlichkeit und klare Transparenz der einzelnen Instrumente aus. Doch Jan Erik Kongshaug winkt lächelnd ab: »Der Raumklang meiner Aufnahmen ist alles andere als natürlich, denn gerade weil der Raum hier so trocken klingt, arbeite ich sehr viel mit Hallgeräten. Da jedes Instrument auf einer eigenen Spur isoliert ist, kann ich für jedes einen komplett eigenen Raum schaffen.

Mischpult-Detail

Mischpult-Detail

Die Mischung der Hall-Effekte macht's - bei mir kommen manchmal neun oder zehn unterschiedliche Reverbs zum Einsatz. Am liebsten benutze ich den Lexicon 480, der einfach am besten einen großen Raum oder eine Halle simuliert. Aber ich setze auch die EMT-Platte ein, einen alten mechanischen Hall.« Der begehrte Toningenieur scheint seiner Zeit dabei voraus gewesen zu sein, denn er fügt hinzu: »Viele alte ECM-Aufnahmen sind damals wegen des vielen Halls kritisiert worden. Aber wenn man sie sich heute anhört, klingen sie staubtrocken«.

Aufnahmen und Instrumente

Trotz Tüftelei am Klang stand bei Kongshaug immer die Musik im Vordergrund. Er spielt auch selbst schon lange Jahre Gitarre und Bass, doch erst vor kurzem ist sein Solo-Debüt - ein konventionelles Jazz-Album mit vielen Standards - erschienen. Und obwohl er mit Frode Thingnæs die einzige Direct-To-Disc-Aufnahme in ganz Norwegen einspielte, spricht er lieber über andere Musiker als über sich selbst.

Jan-Erik Kongshaug

Jan-Erik Kongshaug

John Coltrane hätte er schon mal gern aufgenommen, aber ansonsten hat er fast alle seine Wunsch-Musiker vor dem Mikrophon gehabt. Besonders zu Pianisten und Klavier-Aufnahmen scheint er ein inniges Verhältnis zu haben, denn Keith Jarretts 98er Live-Mitschnitt im Osloer Konserthus »Standards In Norway« zählt zu seinen Lieblinsaufnahmen - aus musikalischer wie aus klangtechnischer Sicht: »Da war auch mein eigener Studio-Klavierstimmer am Werk. Viele andere meiner Live-Aufnahmen klingen auch gut, aber da höre ich, daß der Flügel nicht perfekt gestimmt war.«

Für den Besitzer des Rainbow Studios gibt es kein klangtechnisch schwieriges Instrument, aber wenn er Probleme hatte, dann mit einem Piano: »Man findet so wenig gute Flügel. In vielen Studios klingt der Flügel nur das erste halbe Jahr gut. Dann ist er ruiniert, weil sich niemand um den Flügel kümmert. Jede Woche muss unbedingt ein Klavierstimmer das Instrument überholen. Gleichgültig, ob ich ein Neumann- oder Schoeps-Mikro verwende - wenn ich nicht meinen Stimmer habe, klingt der Steinway wie ein völlig anderes Instrument.«

Ein Portrait

Das Protrait von Karis Tochter

Das Protrait von Karis Tochter

Der von Kongshaug so nachdrücklich Gelobte hat seine Arbeit am Flügel im Aufnahmeraum nebenan beendet. Jetzt setzt sich Ketil Bjørnstad an das Instrument und macht sich mit der Tastatur vertraut - Zeit für mich, zu gehen.

Auf dem Weg zur Tür bewundere ich abermals das mit krakeliger Kinderhand gemalte Portrait Kongshaugs: Das Bild, das ein Männchen vor einem riesigen schwarzen Kasten zeigt und mit »Jan Erik« betitelt ist, hat der Sohn von Kari Bremnes gemalt. »Manfred Eicher meinte, dieses Bild würde ein gutes CD-Cover abgeben«, erzählt mir der Protraitierte zum Abschied.

Da hat er zweifellos recht.


© Peter Bickel, erstmals erschienen in Stereo 1/1999
Foto-Credits: Peter Bickel, außer Jan Garbarek und Manfred Eicher (ECM)


Im Rainbow-Studio aufgenommene Klang-Tips

Ketil Bjørnstad

Water Stories (ECM/Motor Music 519.076.2)

Anouar Brahem

Thimar (ECM/Motor Music 539.888.2)

Don Cherry

Dona Nostra (ECM/Motor Music 521.727.2)

Jack DeJohnette

Oneness (ECM/Motor Music 537.343.2)

Sidsel Endresen

Exile (ECM/Motor Music 521.721.2)

Jan Garbarek

I Took Up The Runes (ECM/Motor Music 843.850.2)

Keith Jarrett

Standards In Norway (ECM/Motor Music 521.717.2)

Terje Rypdal

If Mountains Could Sing (ECM/Motor Music 523.987.2)

Bugge Wesseltoft

It's Snowing On My Piano (ACT/Contraire 9260.2)

Arild Andersen, Frode Alnæs, Stian Carstensen

Sommerbrisen (Kirkelig Kulturverksted FXCD.198)

Kari Bremnes

Svarta Bjørn (Kirkelig Kulturverksted FXCD.200)

Lynni Treekrem

Haugtussa (Kirkelig Kulturverksted FXCD.159)

Equipment

Mischpult

-

Harrison Series Twelve Mischpult, 104 Kanäle, jeder mit 16 Auxiliary-Wegen, komplette Automation

Bandmaschinen

-

Sony PCM 3348 HR 24bit, 48-Spur Digital-Recorder

-

Mitsubishi X-850, 32-Spur Digital-Recorder, zum Kopieren

-

Lyrec 24-Spur, /2", Analog-Recorder

-

Mitsubishi X-86, 2-Spur Digital-Recorder

-

Otari MTR-10, 15/30 ips., 1/4"/1/2"

-

MCI JH-110, 15/30 ips., 1/4"

-

Tascam DA-88, Digital-Recorder mit sync-card

-

Tascam DA-60, DAT-Recorder mit Time

-

Tascam DA-30, DAT-Recorder

-

Fostex D-1 5, DAT-Recorder

-

Tascam DA-P20, DAT-Recorder

-

Tascam 112-B, Kassetten-Deck

-

Studer D-740, CD-Recorder

Hard-disc Recording

-

Pro-Tools 24 with Apogee AD-8000 converters
(24 Kanäle)

Harddisc Editing

-

Sonic Solutions Pre-Mastering-System

Monitoring

-

Dynaudio Acoustics M2

-

Dynaudio

-

Genelec mod. 1031-A

-

JBL 4341 (Studio Playback)

Endstufen

-

Electrocompaniet

Foldback-System
- EDE 16/2 Kopfhörer-System,
separater 16-Kanal-Mixer für jeden Musiker
Piano
- Steinway Grand, mod. D-274

Rack-Equipment

-

Lexicon 480 L

-

Lexicon PCM 80

-

Lexicon PCM 90

-

Klark Teknik DN 780

-

EMT 140

-

Eventide H-3000 SE

-

TC-Electronic M-5000

-

Sony Reverb D7

-

Sony Reverb MU-R 201

-

Roland SDE-330 Dimensional Space Delay

-

Roland SDE-2000, Digital Delay

-

Korg SDD-1000 Digital Delay

-

Tube-Tech LCA-2A Compressor

-

Drawmer DS-201

-

Aphex Aural Exiter 602-B

-

AMS 2-20, Tape Phase Simulator

-

Roland Dimension D

-

BBE Maximizer 822

-

Studer D-19, 8 Kanäle MIC A/D

-

Otari UFC-24 Universal Format Converter

-

Z-sys 16.16c, Digital Audio Router AES/EBU

-

Dolby A, stereo

Mikrofone

-

AKG 414EB, 451, D-12, D-112, C-535-EB, C-100OS

-

Crown PZM-30 GPB

-

Milab 10M, LC-25

-

Neuman U 149, U-87, U-47

-

Sanken CU-41

-

Schoeps CMC-5, CMC-3 stereo

-

Sennheiser MD-421

-

Shure SM-7, M-81, SM-57, 330, 98 ILP-1

-

Symfon



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