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Rebekka Bakken: Nicht nachdenken - leben!

Ein Interview von Petra von Schenck

Vor einem Auftritt bei ihrer letzten Tournee durch Deutschland und während einer kleinen Erholungspause zu Hause in Wien fand sich ein wenig Zeit, um mehr über die charismatischen Sängerin mit der vielseitigen Stimme zu erfahren.

Rebekka Bakken

Erfahrungen sammeln in New York

Rebekka Bakken

Job als Kellnerin

Wo bist Du geboren und aufgewachsen?

In einem Ort, der Lier heißt. Das liegt 40 Minuten außerhalb von Oslo.

Du hast dann in Bands in Oslo gesungen und bist von da aus nach New York gezogen. Wie lange und aus welchem Grund warst Du dort?

Ich habe acht, neun Jahre in New York gelebt. Es ist eine fantastische Stadt.

Ich hatte einfach Lust zu reisen und etwas Neues zu erleben. Das war spannend. Man beginnt mit etwas, in dem man sich nicht auskennt und an einem Ort, an dem man unbekannt ist. Ich denke, das Unbekannte ist sehr »healthy«. Wenn Du etwas tun willst, denk nicht darüber nach - tu es einfach. Egal was Du tust, Du kannst keinen Fehler machen. Es gibt keine Fehler.

Nur neue Erfahrungen ...

Genau. Und alles was neu ist, bringt etwas Neues zu Dir und bringt Dich dazu, klarer zu sehen. Am Ende musst Du keine Wahl mehr treffen, weil Du immer weißt, was Du willst. Ich wollte einfach gehen, und so ging ich. Ich wusste immer, was ich gerne mache. So muss ich nicht darüber nachdenken, was ich tun werde. Als ich dort ankam, fand ich einen Job als Kellnerin, so dass ich meine Miete bezahlen konnte. Ich verdiente etwas Geld und konnte so zu dem Leben kommen, dass ich wollte.

Klare Ziele

Rebekka Bakken

»Ich hatte immer ein klares Ziel«

Welche Ziele hattest Du Dir gesetzt?

Ich glaube, ich hatte immer ein klares Ziel. Mein einziges Ziel ist es, dass ich Dinge tue, die mir Freude bringen und dass ich stets das tue, was ich in diesem Moment tun will. Das zu wissen und zu wissen, dass ich das immer tun werde - da kann ich nicht fehl gehen.

Ich denke nicht über das Ziel für die nächsten fünf Jahre nach. Das ist mir nicht wichtig. Ich weiß, dass Musik für mich genau jetzt wichtig ist, und deswegen mache ich es. Du musst einfach herausfinden, welcher Weg für Dich der richtige ist. Wenn Du das tust, was Du wirklich gerne machst, kommen die Möglichkeiten zu Dir. Daran glaube ich einfach.

Warum ich die Dinge tue, kann ich eigentlich nicht wirklich erklären. Ich mache sie einfach, wenn ich ein Gefühl dafür habe, und dann finde ich mich zum Beispiel plötzlich in der Situation wieder, in der ich eine Schallplatte mache. Aber ich habe nicht darüber nachgedacht, als ich nach New York ging, weißt Du. Vielleicht davon träumen, aber das fand für mich in der Zukunft statt, nicht im Moment.

Wirst Du auch in die USA reisen, um zum Beispiel wieder in New York aufzutreten oder hast Du damit abgeschlossen?

Nein, das ist kein abgeschlossenes Thema. Ich reise rüber, um Konzerte zu geben, und wir werden sehen, wie die Dinge laufen. Ich weiß nicht, was im nächsten Jahr kommt, aber es wird mehr Tourneen geben.

Ruhepol in Wien

Rebekka Bakken

In Wien ist es ruhig

Du bist umgezogen und wohnst jetzt in Wien. Das ist sicher jetzt etwas ganz anderes, als in New York oder in Norwegen zu leben. Warum bist Du speziell nach Wien gezogen?

Ich weiß nicht. Letztes Jahr bin ich mit jemandem zusammen hingereist und habe eigentlich nicht viel vorher darüber nachgedacht, wo ich mit ihm wohnen werde. Ich habe genau jetzt Bedarf für diese Wohnung, weil ich nicht so viel zu Hause war die letzten zwei Jahre, und so entschied ich mich, eine Wohnung an einem anderen Ort zu suchen.

So fand ich eine schöne Wohnung in Wien. Das ist sehr anders, aber ich denke nicht so viel darüber nach. Wien ist eine sehr schöne Stadt, sehr angenehm und sehr still und ruhig, selbst wenn es gleichzeitig eine große Stadt ist. Ich fühle mich sehr wohl hier, und wir haben hier auch den Flughafen in der Nähe und solche Dinge.

So hast Du jetzt einen angenehmen Platz zum Leben gefunden mit vielleicht nicht so viel Stress wie in New York?

Ja, hier ist es ruhig. Das - so meine ich - ist gut. Jetzt geschieht so viel, und da brauche ich ein wenig Ruhe.

Bist Du auch ab und zu in Norwegen oder nur noch in Österreich?

Ich bin überall und reise den meisten Teil der Zeit. Jetzt habe ich die Wohnung in Österreich und reise dahin, wo ich arbeite. In Norwegen wohne ich nicht länger. Das habe ich nicht viele Jahre getan.

Klavier und Violine

Rebekka Bakken

Mit Pianistin Julia Hülsmann

Wann hast Du damit angefangen, ein Instrument zu spielen?

Als ich anfing, war ich vier oder fünf Jahre alt. Zuerst habe ich mit Violine angefangen und ein wenig später mit dem Klavier - einfach aus Freude, nichts »Seriöses«.

Hast Du auch Klavierunterricht gehabt?

Klavier habe ich immer schon gespielt, aber ich habe es nicht gelernt wie andere. Ich spiele für mich selbst.

Es ist doch eigentlich das Wichtigste, dass man mag, was man tut.

Ja, das ist genau das, was ich immer noch tue. Ich nehme die Dinge nicht zu ernst. Nichts nehme ich ernst. Darum mag ich so gerne, was ich tue, weil es nicht so wichtig ist. Ich mache Dinge, weil sie amüsant sind.

Ist das Dein ganz spezieller Weg, um herauszufinden, wer Du bist?

Ja. Das kann man nicht erzwingen oder herauspressen. Man muss einer Tür gestatten, sich öffnen zu lassen und sie dann aufmachen, wenn sie sich öffnen lässt. Das muss man mit Willigkeit tun - man muss willig sein. Die Willigkeit kommt, wenn man es gut hat, freundlich ist, spielt und nicht zu viel plant und kontrolliert. Wenn man Texte schreibt, kann man auch nicht viel planen und kontrollieren.

Schreiben und Fühlen

Rebekka Bakken

»Ich nehme Dinge nicht zu ernst«

Schreibst Du weiterhin Deine Texte?

Ja, das tue ich. Das ist richtig.

Brauchst Du dazu eine bestimmte Umgebung, in der Du es magst, zu schreiben, oder ist das unwichtig für Dich?

Ich schreibe in allen möglichen Umgebungen, welche mich auch immer gerade in Gang bringen. Da kommt es einfach.

Du schreibst also auf eine intuitive Weise?

Ja, das ist es. Wenn ich schreibe, kann ich nicht probieren zu schreiben. Ich setze mich einfach hin und lasse es kommen. Man sollte nicht versuchen es zu tun, man sollte es einfach tun.

Wenn Du Deine Entwürfe auf dem Blatt niedergeschrieben hast: Redigierst Du sie oder nimmst Du sie so, wie sie sind?

Ich schreibe einen Satz und esse dann vielleicht etwas. Dann schreibe ich wieder einen Satz und stoppe dann und tue etwas anderes und komme zurück, wenn die nächsten Einfälle kommen. Das ist individuell verschieden. Ein wenig Redigieren geschieht natürlich jederzeit, aber eigentlich kommt das bei mir ganz zum Schluss. Manchmal finde ich erst heraus, worum es sich handelt, wenn ich fertig bin.

Hast Du auch Melodien dabei im Kopf, wenn Du die Texte schreibst oder kommt das später dazu?

Die Melodien kommen meist später. In der Regel habe ich, wenn ich schreibe, meist kein Klavier in der Nähe. Wenn ich mich an das Klavier setze, habe ich bereits die Texte und eine Melodie, die ich spielen kann. Der Text bestimmt, wie die Melodie wird.

Singen im Augenblick

Rebekka Bakken

Mit Wolfgang Muthspiel

Du singst die einzelnen Songs auf ganz verschiedene Weisen. Zum einen klingen sie sehr warm, sanft und leicht , auf der anderen Seite klingen sie sehr stark und kraftvoll und völlig anders. Wie machst Du das?

Man muss sich einfach mehr und mehr selbst kennenlernen. Wenn man damit anfängt, entdeckt man neue Seiten und die Rollen, in die man hineinrutscht. Ich denke nicht so viel darüber nach, was ich mache - ich mache es einfach. Ich mag es, etwas zu erforschen. Ich mag es, ehrlich und nackt zu sein. Es gibt viele Seiten an mir, die mehr und mehr an die Oberfläche kommen, je mehr ich mich für mich selbst öffne.

Du singst also so, wie Du Dich in genau diesem Moment fühlst und drückt das aus, was sich in Dir abspielt. Es scheint mir fast unmöglich, auf die gleiche Art und Weise noch einmal in einem Konzert zu singen. Wie machst Du das?

Ich bin sehr abhängig vom Augenblick, und ich tue das, was dieser Augenblick sagt, was ich tun soll. Ich denke eigentlich, ich versuche die Dinge auf die gleiche Art zu tun, weil ich es nicht brauche. Ich habe diese Lieder in einem Augenblick geschrieben, und ich kann sie auch in einem Augenblick singen und spielen. Ich lausche oft nur und mache nur das, was ich fühle.

Auf dem CD-Cover wirkst Du völlig ungeschminkt. Stimmt das?

Ja, ich habe kein Make-up benutzt, nicht einmal Lippenstift. Es sind gute Fotografien.

M.A. Numminen

Tourneeleben und neue Pläne

Wirst Du wieder einmal in Deutschland auftreten?

Ja, ich hoffe, ich komme bald wieder. Ich spiele mit einem deutschen Verein, und das beginnt im Frühjahr.

Arbeitest Du auch an einer neuen CD, oder bist Du zur Zeit nur mit auftreten beschäftigt?

Ich bin mit der Tournee beschäftigt, für die ich meine Zeit brauche. Die Sachen, die ich gemacht habe, sind zumeist neu und so konzentriere ich mich auf diese. Aber ich habe doch immer neues Material. Ich schreibe die ganze Zeit viel. Ich mache eine neue CD, wenn ich das Gefühl dafür habe.

Arbeitest Du weiterhin mit Julia Hülsmann?

Nein. Ich habe meine eigene Band gegründet, mit der ich jetzt auf Tournee bin und konzentriere mich hauptsächlich darauf.

Hast Du Unterschiede beim Publikum bemerkt, wenn Du umherreist? Wo singst Du am Liebsten?

Wir Menschen sind unterschiedlich; manchmal mögen wir Spaghetti Carbonara und manchmal Spaghetti mit Olivenöl. Es gibt überall ein unterschiedliches Publikum, und ich habe dabei keine Favoriten. Ich bin sehr froh darüber, Konzerte spielen zu können und dass da Menschen kommen und zuhören. Es lief gut in der letzten Zeit.

Jazz und andere musikalische Vorlieben

Du hast früher viel R&B und Pop gesungen. Wie hast Du zum Jazz gefunden?

Das ist einfach etwas, was geschehen ist, aber ich glaube doch, ich habe nicht wirklich gewechselt. Wenn man neue Dinge erlebt, wird man einfach von Erfahrungen erfüllt und verwendet diese, für das, was man tut. Ich habe keine bestimmten musikalischen Vorlieben und lasse mich einfach von meinen Empfindungen leiten. So wird es etwas, von dem ich höre, dass ich es mag. Und das war ein Teil Jazz die letzten Jahre.

Gibt es auch ein paar Musiker, die Du gerne hörst?

Ja, Ich höre alles Mögliche von Jazz, Rock und Country und Pop. Es ist schwierig, bestimmte Künstler zu nennen, weil ich mir alles mögliche anhöre. Ich habe gerade gestern ein Konzert mit Roy Hargrove gehört. Das war ganz toll. Sie spielten auf demselben Festival wie ich, und ich hörte ihnen zu, als ich fertig war mit meinem Auftritt.


Hausmusik und kein Radio
Eine Biografie von Petra von Schenck

Rebekka Bakken wurde 1970 in Lier / Norwegen geboren und begeisterte sich schon früh für Violine und Klavier, ohne jedoch professionellen Unterricht erhalten zu haben. Sie wuchs mit selbstgemachter Hausmusik und ohne Radio oder Stereoanlage auf. Weitere musikalische Erfahrungen sammelte sie später als Teenager in der norwegischen Rhythm&Blues- , Soul- und Rock-Szene. Sie brach ihr Philosophie- und Volkswirtschaftsstudium ab, um sich auf eine Gesangskarriere zu konzentrieren.

Rebekka Bakken

»Manchmal Spaghetti Carbonara«

Mit diesem Background zog sie 1995 nach New York, wo sie zunächst als Kellnerin arbeitete. Daneben begann sie, eigene Texte zu schreiben, um sich selbst besser kennen zu lernen. Ebenso trat sie mit einer eigenen Formation auf.

1998 wurde der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel auf sie aufmerksam und beide erarbeiteten zusammen das erste Album »DAILY MIRROR«. Ein Jahr später folgte das zweite gemeinsame Werk »BELOVED«.

Während ihres New Yorker Aufenthaltes lernte Rebekka Bakken auch die 1968 in Bonn geborene Pianistin Julia Hülsmann kennen. Diese war von der Singer/Songwriterin so angetan, dass sie begann, für Rebekka Bakken Musik zu schreiben. Das gemeinsame Album »SCATTERING POEMS« erschien im Januar 2003 und kletterte hinter Norah Jones auf Platz 2 der deutschen Jazz-Charts.

Im selben Jahr veröffentlichte die attraktive Norwegerin ihr erstes Solo-Album »THE ART OF HOW TO FALL«, das ausgezeichnete Kritiken erhielt. Um ihre Songs weiterem Publikum vorzustellen, folgte Ende 2003 eine ausgedehnte Konzerttournee durch Deutschland, Österreich, Schweiz, Spanien, Italien und Frankreich.

© 2004 - Petra von Schenck, exklusiv für Nordische Musik
Fotos: Andreas H. Bitesnich (5), Jörg Grosse Geldermann (2),
Petter Stroemsted (2), Sam Ortiz (1)

Solo

2005 Is That You?
2003

The Art Of How To Fall

Mit dem Julia Hülsmann Trio

2003

Scattering Poems

Mit Wolfgang Muthspiel

2002

Beloved

2001

Daily Mirror



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