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Ein Interview von Frank Keil

Zwischendurch fiel mal der Strom aus, und der Laptop schaltete sich ab. Den beiden Jungs von Röyksopp verdarb das jedoch nicht die Spiellaune. So ist das eben mit elektronischer Popmusik: Bricht das Geflecht aus Plus und Minus zusammen, ist nichts mehr zu hören.
Ein Gespräch mit Torbjørn Brundtland und Svein Berge über ihre musikalischen Ideen und über unsere Erwartungen an eine (typisch) nordische Band.

Niemals endender Sommer ...

Die Kritiker sind begeistert: »Musik wie das Nordlicht, Klänge aus einem Sommer, der nie endet, der wechselt zu einem endlosen Winter ...«

Röyksopp

Musik wie Drogen

Torbjørn:
Musik funktioniert ein wenig wie Drogen. Sie ruft das hervor, was sie hervorrufen soll. Wir haben nie versucht, das auszureizen, dass wir aus einer sehr nördlichen Region kommen.

Svein:
Wie war das? »Niemals endender Sommer«? Hört sich hübsch an.

Torbjørn:
Noch ein Klischee? Wenn du in einer arktischen Region lebst, fühlst du dich dem Universum näher als am Äquator!

Trotzdem: Beeinflusst eure norwegische Heimat eure Musik?

Svein:
Wenn wir ein Stück austüfteln, überlegen wir nicht: Oh, jetzt machen wir einen Song über das Nordlicht. Wenn Leute nun aus unserer Musik das Nordlicht heraus hören, dann weil sie es wollen. Es liegt an ihrer Vorstellungskraft, nicht an unserer Absicht.

Torbjørn:
Wir wollen die Ohren der Leute erreichen, ihre Vorstellungskraft kitzeln. Wir haben keine Botschaft. Weder auf eine Region bezogen noch auf eine Idee.

Röyksopp

Wir haben keine Botschaft

Svein:
In Tromsø, wo wir ausgewachsen sind, haben wir einerseits den Lebensstil und das Lebensgefühl einer Stadt gehabt. Doch ist diese Stadt sehr klein, alle kennen sich; sie hat die nördlichste Universität Europas mit all ihren Einflüssen.

Und dann nimmst du dein Fahrrad und radelt ein paar Minuten in irgendeine Richtung und du siehst keinen Menschen mehr. Stadt und Landschaft liegt beides nahe beisammen und es ist eben kein Konflikt, es zerreißt uns nicht. Wir müssen uns nicht entscheiden: Oh, ich will mitten in der Stadt leben oder: Mich zieht es auf's Land. Beides ist zugleich da.

»Wir mixen ganz und gar«

Mit norwegischer Musik verbindet man schnell Natur. Ich denke da an Jazzer wie Jan Garbarek, an Terje Rypdal oder an Mari Boine ...

Svein:
Bei Mari Boine ist es ganz anders: Sie repräsentiert eine ethnische Minorität, und ihre Musik ist folglich eine Art Stammesgesang im klassischen Sinne, damit sehr nahe an Naturempfindungen angelegt.

Röyksopp

Wurzeln in den Städten

Was wir machen, ist elektronische Musik, die ihre Wurzeln in den Städten hat. Das ergibt vielleicht einen seltsamen Mix: Einerseits kommt unsere Musik aus dem Urbanen, andererseits kommen wir selbst aus der Tiefe Norwegens. Vielleicht ergibt das etwas Außerordentliches, das wir selbst gar nicht so recht erkennen können.

Torbjørn:
Wir mixen ganz und gar. Man soll nicht am Ende sagen können: Dieses Stück setzt sich aus diesem und jenem zusammen - etwa dort ein wenig Ambient, und jetzt folgt ein bisschen TripHop. Ich kann beobachten, dass Kritiker immer wieder versuchen, unsere Einflüsse zu destillieren, damit sie sagen können: »Ah, das ist so und so!«

Uns geht es um eine Synthese. Wir selber denken nicht, dass wir etwas ungeheuer Neues geschaffen haben. Wir versuchen diese kleinen Momente zu finden, wo es ganz und gar unsere eigene Musik ist, unbeeinflusst von irgendetwas.

Tradition und Technologie

Röyksopp

Hoch technisiert

Warum ist Musik aus Norwegen so populär in Deutschland?

Torbjørn:
Ich bin kein Soziologe, aber Norwegen ist schon ein ziemlich faszinierender Flecken. Eine so geringe Einwohnerzahl und eine unglaublich dynamische Musikszene; dazu die Erdöl-Industrie und die Wasserkraft, die den Reichtum schaffen.

Wir haben einen enorm hohen Lebensstandard und eine Menge Tradition auf dem Buckel. Das viel Gedankenballast wie -material. Vielleicht liegt es einfach an diesen beiden Polen: Wir sind auf eine seltsame Weise hoch technisiert sind.

Svein:
Norwegen ist eine sehr junge Nation, das darf man nicht vergessen. Norwegen fängt vielleicht erst jetzt so richtig an, an sich selbst zu glauben.

Röyksopp

Torbjørn:
Bei jungen Leuten ist das so: Sie sitzen zusammen, hören sich etwas an aus den Staaten oder aus England. Dann sagen sie sich: »Ok, lass uns versuchen, diesen Standard zu erreichen, zu halten.« Aber wenn du selbstbewusst bist, sagst du eben: »Was kümmert mich das! Ich mache mein eigenes Ding!«

Das ist in etwa die Stimmung, die unter uns jungen Musikern in Norwegen derzeit herrscht.

© Frank Keil,
erstmals erschienen in Nordis, 4/2003.
Foto-Credits Samuel Kirszenbaum



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