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Ruisrock, Turku: Heiße Küsse, Piercings, Vaginalvampire

Eine Reportage von Nathalie Martin
(10./11. 07. 2004)

Ruisrock.
Erstklassige Bands aus Finnland, Skandinavien –
und dem Rest der Welt.
Geniale Lage: Entspannt auf die Strandbühne schauen, während das Meer die Beine umspült – oder das Wasser von oben. Zur Abwechslung regnet es dieses Jahr mal wieder, und der Bus hält auch nicht wie früher kurz vorm Eingang, sondern weit entfernt.

Der kluge Festivalbesucher bringt zu Ruisrock neben Badesachen gleichwohl die Regenkombi mit. So ausstaffiert geht's im strömenden Regen aufs Gelände.

Ruisrock

Tag Eins, Samstag: »Hei Homo!«


Viikate

Viikate: Hinsetzen statt Headbangen

Was damals, anno 1970, mit einer Bühne begann, hat sich mittlerweile auf derer vier ausgedehnt. Neben dem Klassiker, der Rantalava (Strandbühne), gibt es die Puisto(=Park)lava, die »Niitty« von Ylex & Radio X3M und den Paviljonki. Direkten Zugang zum Meer gibt's zwar immer noch, doch bei diesem Wetter erfüllt die Sonnencreme nur einen Zweck: Der Regen läuft leichter ab.

Nach einer kurzen Orientierungsphase steuern wir Richtung Viikate. Die wunderbaren, melancholischen Weisen verleiten allerdings eher zum Hinsetzen als zum Headbangen. Da mehrere Bands gleichzeitig spielen, verfehlen wir Irina und Wojciech, stehen dafür vor Diablo. Ziemlich derber, finnischer Metal, der nicht wirklich aus der Masse heraus sticht. Ganz anders dagegen der Festivalveteran Timo Rautiainen mit seinem Trio Genickschuss. Gewohnt genial rocken die Ethnometaller – und sogar die Natur hat ein Einsehen: Der Regen hört auf, die Masse dreht den Kopf nach oben, brüllt »Aurinko!« (=Sonne) und reißt sich die (Regen)Klamotten vom Leib.

Die harten Jungs von Kotiteollisuus spielen ebenfalls Metal, ähnlich dem Sound Ruoskas, zwei Backgroundsänger in Mönchskutten inklusive – und sind einer gelegentlichen Showeinlage nicht ganz abgeneigt: Sänger/Gitarrist Jouni und Bassist Janne stehen sich grinsend gegenüber, knutschen sich ab und spielen ihr Solo dergestalt zu Ende. Nur wenige Sekunden später vereinigen sich zwei Jungs im Publikum direkt vor uns aus lauter Solidarität ebenfalls züngelnd. Jouni bringt diese Aktion backstage später die grinsende »Hei Homo!«-Begrüßung eines Musikerkollegen ein.

Turbonegro

Hank: »I Want Everybody To Be Naked«

Zeitgleich pilgern andere zu Sweatmaster, Kemopetrol oder Scandinavian Musicgroup. Außer Peer Günt, die »Altherrenrocker« aus dem Jahre 1976, eine Band um einiges älter als viele Besucher, geben sich die Progrocker CMX andernorts die Ehre.

Turbonegro: Rotwein und Peitsche


Als Vertreter der Minderheit rockender Frauen betritt Maija Vilkkuma die Bretter, ebenfalls ein alter Festivalhase. Heavy Klänge versprühen die finnischsprachigen Metalheads Mokoma: Meine Herren, kann der Bub aka Sänger Mark grunzen und brüllen! Ganz anders dagegen Zen Cafe, die von fast Sprechgesangtracks zu Balladen zu Rocksongs wechseln. Parallel drischt die reine Frauencombo Tiktak auf ihre Instrumente ein, während Jukka Poika & Jenkkarekka finnischen Reggae fabrizieren.

Doch dann laufen endlich die (heimlichen) Helden des Tages auf: Turbonegro. Und die Menge steht stramm: »I Got Erection«. Sänger Hank van Helvete erläutert dem Publikum von der Rantalava aus erst mal die nähere Umgebung: »Do you see these two castles over there? There are living vampires – they are not drinking your blood, but your vaginal fluid!« Danke Hank für diese tiefschürfende Erkenntnis!

Euroboys

Euroboy schwingt Gitarre statt Peitsche

Und schon sind wir alle »Ready (For Some Darkness)«, lassen uns von der Band mit Federn oder roter Farbe überschütten – die Peitsche schwingen die Norweger zum Glück nur verbal: »Whipe It Till It Bleeds« – und genießen die verwunderten Blicke der vorbeifahrende Fährpassagiere.

Frontmann Hank setzt dem Ganzen noch einen drauf: »I want everybody to be naked ... and rrrrrrun into the sea!« Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren scheint das Volk heute weniger entblößungsfreudig, »Sell Your Body (To The Night)« gibt's nur on stage. Zum Finale »Le Saboteur« erscheint der Höllensohn mit um den Hals drapierter Knoblauchkette samt Rotwein, fragt nicht gerade akzentfrei »Barrläh wu frohsäää?«, bevor er den Wein großzügig über die erste Reihe vergießt. Und viel zu früh endet das genial inszenierte Rockspektakel.

Oper, Gothic und Rotzrock


Schnell rüber zu Nightwish. Ich kann mir nicht helfen: Entweder herrschen hier extrem komische Windverhältnisse, oder der Sound ist tatsächlich so schlecht: Die Musik kommt zerfetzt an. Neben den Klassikern wie »Bless the Child« oder »Wishmaster« spielen die Opernmetaller »Nemo«, »I Wish I Had An Angel« vom Album »ONCE« sowie ein »Phantom Of The Opera«-Duell zwischen Tarja und Basser Marco Hietala.

Die englischen Spacerock-Erfinder Hawkwind begannen als Musikerkommune 1969, nahmen eine denkwürdige »Gimme Shelter«-Version mit Samantha Fox(!) auf – und stoppen mit ihrem Raumschiff in Turku.

Motörhead

Lemmy: Rotzen über Kopfhöhe

Bodenständiger geht's dagegen bei ihren Landsmännern Motörhead zur Sache. Sänger Lemmy Kilmister – übrigens 1975 von Hawkwind gefeuert – stellt das Mikro auf die gewohnten zwei Meter Höhe ein, legt den Nacken zurück und rotzt los. Aber mächtig böse! Tapfer schwenkt ein Fan eine mit Motörhead-Shirt bekleidete Gummipuppe(!), während Lemmy den Nackenbrecher »Ace Of Spades« röchelt, über den Atlantik nach Brasilien grunzt (»Going To Brazil«) und im musikalischen »Overkill« gipfelt.

Anderswo garagen-rocken die Detroiter The Von Bondies; vor der Parkbühne erstreckt sich inzwischen ein schwarzes Meer: Die Gothics fiebern den Headlinern dieser Plattform entgegen: The 69 Eyes. Als Drummer Jussi auftritt, brechen sie in ohrenbetäubendes Kreischen aus, da knüppelt er schon auf die Felle. Sänger Jyrki intoniert – stilgerecht mit Sonnenbrille – »Forever More«, widmet seinem Publikum »Gothic Girl« und verschwindet irgendwann mit seinen schwarzen Kollegen in der Nacht: »Wasting The Dawn«.

Hundert Meter entfernt zieren Haartollen und andere Utensilien der 50er Jahre die Fans der amerikanischen Stray Cats: Die Rockabillies kehren nach zwölf Jahren Pause zurück, rocken und rollen, machen ihrem größten Hit »Rock This Town« alle Ehre. Michael Monroe, finnisches Flaggschiff und Hanoi Rocks-Mastermind turnt, fegt, rast derweil über die Haupttribüne »Back To Mistery City«, und auf dem letzten verbliebenen Schauplatz geben Martti Servo & Napander ihr Heimspiel.

Ruisrock

Tag Zwei, Sonntag: Auf der Flucht ...


Negative

Negatives Jonne – noch
vollständig bekleidet

Für die ersten Acts wie Jose Gonzalez (Schweden), Moneybrother (Schweden), die einheimischen Manboy oder Soul Captain Band war es einfach zu früh. Mein zweiter Tag beginnt mit den Backyard Babies – die gehen trotz der frühen Spielzeit gewaltig ab und schlagen kräftig die Werbetrommel für ihre Scheibe »STOCKHOLM SYNDROME«. Leider kann ich die Schweden nicht bis zum Ende genießen, da sich diverse sehenswerte Bands überlagern, Doctor Kimble auf der Flucht ist nichts dagegen ...

Schnell zur nächsten Bühne gehetzt, zu Tehosekoitin. Die steigen gerade mit »Asfaltti Poltaa« ein, rasen durch ihre Hits – während ich schon eine Arena weiter bin (die Babies spielen übrigens immer noch): Negative treten auf. Überraschenderweise klingen die jungen Finnen erstaunlich hart. Sänger Jonne scheint zwar Michael Monroes Altkleidercontainer geplündert zu haben, doch der ausgezeichnete Sound stammt von heute. Das Einzige, das meine Begleitung und ich an dem Auftritt nicht verstehen: Warum sich Jonne, (endlich ...) oben ohne, die Brustwarzen lang gezogen hat. Saß das Piercing falsch?

Strategisch günstig zwischen zwei Bühnen postiert, drehen wir uns von zu Neljä Ruusua und zurück zu den Flaming Sideburns, deren Sänger Jorge Eduardo Martinez mir wie eine »Mick Jagger-Light«-Ausgabe erscheint. Hinter unserem Rücken starten Egotrippi, vor uns legen Jean S. & Paula Koivuniemi los, die mit einem ordentlichen (Bläser)Aufgebot, mit Anzügen und Turnschuhen bekleidet, beliebte Gassenhauer auf finnisch covern.

Blut, Herzschmerz, Feuerwerk


The 69 Eyes

Jyrki69, der letzte Vampir Helsinkis?

Schlagartig auf die Füße springt die Menge bei Apulanta. Mit einem »Tervetuloa Apulannan Kesäteatteriin« (=Willkommen zu Apulantas Sommertheater) des Moderators setzt die spektakuläre Bühnenshow ein: Gehilfen in blutbesudelten Kitteln schieben Särge auf die Bühne, deren Anzahl »zufällig« den Bandmitgliedern entspricht – die Musiker entsteigen ihnen und ab geht die Post: »Mitä Kuuluu« und andere Superhits zelebrieren die Metal-Grunge-Punkrocker; gleichzeitig wanken Vampire, Frankenstein, ein verwirrter Irrer in Zwangsjacke, ein Kettensägen-Mann und andere Gestalten aus diversen Horrorfilmen der 50er über die Planken.

Einstweilen stehen die ersten Headliner bereit, Eläkeläiset schunkeln in wilden Humppa-Rhythmen auf der Puistolava, Keyboard zertrümmern inbegriffen, die Crossovercombo Suburban Tribe rockt den Paviljonki. Rasmus' Lauri Ylönen als Dunkelkrähe getarnt, flattert auf Niitty, die Radiostage, und seufzt den Herzschmerz des »DEAD LETTER«-Albums ins Mikro. Bei »In The Shadows« drehen die Fans selbst in Finnland ab, von alten Zeiten der Band zeugen lediglich »Liquid« und »Heartbreaker«.

Den Schlussakkord setzt die Don Johnson Big Band. Die mit nur vier Mitgliedern wohl kleinste Big Band der Welt durchbricht Genre-Grenzen, vermengt Hiphop mit Jazz, House, Dub, Country und sogar Swing. Ob den Zuschauern dieser Mix oder Gastsängerin Emma Salokoski besser gefällt?

Das ist leider schon das Ende von RUISROCK 2004, Zeit fürs abschließende Feuerwerk. Kiitos!

Ruisrock


RUISROCK
Hintergründe

Neben Hollands Pinkpop ist RUISROCK eines der ältesten Rockfestivals weltweit – und das älteste der nordischen Länder. Bereits 1970 findet das erste Festival auf der idyllischen Insel Ruissalo statt, ungefähr sechs Kilometer vom Zentrum Turkus entfernt. Normalerweise organisiert die Stadt Turku einen (kostenpflichtigen) Bus-Shuttleverkehr vom Marktplatz zum Gelände und zurück – oder vom Ruissalo Campingplatz; eine echte Alternative, da die Unterkünfte in den günstigen Ho(s)tels schnell ausgebucht sind: Das Line-Up 2004 zieht 43.000 Besucher an.

Apulanta

Apulanta: Willkommen zur Monstershow

Gelegentlich schippern Riesenfähren an der Strandbühne vorbei – was die Beastie Boys vor etlichen Jahren während ihres Auftritts zu dem Ausruf »What A Big Ship Man!« verleitete. Wie es der Name impliziert, stehen auf RUISROCK überwiegend Rock- und Metalbands auf der Bühne, außerdem etliche Pop und HipHop-Acts. Alle großen finnischen Bands, sowie etliche internationale Stars gaben dort bereits ihr Gastspiel.

Sogar Nirvana rockten hier


Aus dem Tausendseenland rockten beispielsweise:
Hanoi Rocks, HIM, Rasmus, Apulanta, Tehosekoitin, Apocalyptica, Timo Rautiainen & Trio Niskalaukaus, 69 Eyes, Bomfunk MCs, CMX, Kotiteollisuus, Suburban Tribe, Zen Cafe, Egotrippi, Maija Vilkkumaa, Don Johnson Big Band, The Flaming Sideburns, Nightwish, Negative, Stratovarius, The Crash, Ismo Alanko, Eläkeläiset, J. Karjalainen & Electric Sauna, Paleface, Manboy, Dingo, Eppu Normaali, Pelle Miljoona, Neljä Ruusua, Turun Romantiikka, Sweatmaster, Boomhauer, Yö, Anssi Kela, Kemopetrol, Kapteeni Ä-Ni, Tuomari Nurmio, 22-Pistepirkko, Kilpi, Diablo, Disgrace, Sonata Arctica, Scandinavian Musicgroup, Amorphis, Lordi, Peer Günt, Popeda, Lemonator, Agents, Jean S., Mokoma, Wojciech, Jonna Tervomaa, Soul Captain Band, Don Huonot, ...

Flaming Sideburns

Flaming Sideburns: Rolling Stones light?

Weitere nordische Künstler:
Björk, Backyard Babies, Hellacopters, Kent, Weeping Willows, Bo Kaspers Orkester, Swan Lee, The Sounds, The Cardigans, Turbonegro, Looptroop, ...

... und internationale:
Jon Spencer Blues Explosion, Danko Jones, Flint, Manic Street Preachers, Dio, Motörhead, Stray Cats, Hawkwind, Von Bondies, Therapy, Blondie, ...

Darüber hinaus Weltstars wie:
U2, Bob Dylan, Neil Young, David Bowie, Sting, ZZ Top, Aerosmith, Bon Jovi, Red Hot Chili Peppers, Nick Cave, Pet Shop Boys, Blur, Beastie Boys, Massive Attack, Metallica, Nirvana, ...

© Nathalie Martin, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Nathalie Martin


Zur Fotogalerie über das Ruisrock-Festival


Zur Website des Ruisrock Festivals


Adresse:
VANTAAN FESTIVAALIT OY
Korsontie 12, 01450 Vantaa
Tel. +358 9 872 4446
info@ruisrock.fi
info@vantaanfestivaalit.fi




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