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Sigur Ros: Sound & Vision

Ein Interview von Rolf Jäger

Tatsächlich: Sigur Rós ist von Menschen gemacht.
Musik aus Fleisch und Blut. Zweifellos.
Einer der beiden Interviewten hat sogar einen Schnupfen.
Tempos, Schnodder, Hustensaft. Zutiefst menschlich.

Natürlich, man hat es schon geahnt.
Ausgenommen jene, denen das isländische Quartett
kaum mehr als ein Begriff ist.
Was wiederum einen Zustand darstellt,
der es wert ist, geändert zu werden.
Denn diese Musik ist schon ein Ereignis.

Sigur Rós

Kubilai Khan

Sigur Rós

Groß. Auch im Sinne von raumfüllend, und das in scheinbar beliebiger Dimension. Orte mit Alt- oder Neuehrwürdigkeitspotenzial wie die Frankfurter Dreikönigskirche bzw. der Hamburger Kampnagel, dann wieder kleinere Hallen, 800-Köpfe-Clubs, die sich proportional zu den schweren, tief und weit ausholenden, langsam anschwellenden Klängen auszudehnen scheinen: ein Blick nach oben, ist das Dach noch drauf?!

Sinn macht auch der Vergleich mit dem kanadischen Bandkollektiv Godspeed You Black Emperor, mit denen Sigur Rós schon gemeinsam auf Tour gingen. Eine Verwandtschaft zwischen deren lang und langsam zum akustischen Babylon sich erhebenden Epen, die allerdings weniger Räum erfüllen als Burgen bauen, besteht immerhin dynamisch. Hart, elektrisch, stark politisch motiviert und fast Rock'n'Roll im Vergleich mit Sigur Rós, bilden letzere gewisermassen die emotionale, andere/innere (feminine?) Seite des gleichen Baus.

Keine tonnenschweren, behauenen Steinblöcke, verdichtet zum »unpleasuredome« eines anarchistisch verdrehten Kubilai Khan; eine komplexe, exakt berechnete Statik innerhalb einer unendlich fragilen, reis-papierenen Molekularstruktur scheint den Halt zu geben.

Sigur Rós

Oh ja – in Island braucht man Mützen

Kein kategorischer Imperativ, ein imperativer Konjunktiv, der förmlich im Raum hängt und sich auf den einen/die andere KonzertbesucherIn niederlässt wie ein marlonbrandonisches Angebot zum Öffnen der seelischen Schleusentore, das man nicht ablehnen kann. Sein oder Nichtsein ist nicht die Frage: hier ist eins das andere. Die populäre Psychologie nennt das »Kraft zum Loslassen«. Right on.

Led Zeppelin

Statur und Auftreten der vier Menschlein, die als Sigur Rós die Bühne betreten, taugen leicht, Beschützerinstinkte zu wecken. Eher klein, schmal, noch jünger wirkend als sie sind (Mitte 20), muss man sie vor allem Bösen da draussen beschützen. Nicht dieses Gefühl selbst, das einen ganz unvermittelt befallen kann, ist das eigentlich Verblüffende, sondern, dass es nicht erwartungsgemäss ironisch korrumpiert ist. Es ist respektvoll und ganz und gar rein – abgesehen davon, dass der optische Eindruck selbst im ersten Moment unwahrscheinlich erscheinen lässt, dass diese Menschen jene Musik spielen.

Sigur Rós, photo: Bjarni Eiríksson

Wie Jimmy Page

Gitarrist Jon Thor Birgisson, der sein Instrument oft mit dem Geigenbogen spielt wie weiland Jimmy Page von Led Zeppelin es manchmal tat, wirkt so selbstversunken im Halbdunkel des Rampenlichts, dass die bloße Annahme, er könnte konzentriert sein auf die langsam und präzis sich fort entwickelnden Stücke, fast absurd erscheint.

Bis diese Stimme aus ihm dringt, der verirrte Ruf eines Nachtvogels, hoch und so lang wie sein eigenes Echo, zwischen Klage und Euphorie, die man beim Tonträger erstmal als weiblich identifiziert. (Merkwürdigerweise noch eine Parallele zu Led Zeppelin, deren ebenfalls hochfrequenter Sänger Robert Plant in den Anfangstagen von einem Rezensenten des Debütalbums für »ihre« besonderen Leistungen gelobt wurde).

Die lapidare Antwort der Frage nach dem Entstehungsprozess dieser Stücke (der immer ein kollektiver ist) im Allgemeinen und im Besonderen, wie er anfängt, hat ordentlich Aussagekraft bezüglich des natürlichen Ursprungs der sigurmusic und der dahinter vielvermuteten, aber unzutreffenden mikroskopischen Strukturarbeit. Achtung: »Wir treffen uns und fangen an zu spielen.«

Und genau dort, in diesem metaphorischen Proberaum, hängt der Hammer. Da menschelt und kontaktelt diese mythisch anmutende, tief melancholische Musik, die zwar traurig stimmen kann, aber niemanden in Depression versinken lässt, der nicht schon am Rande steht. Alles ganz normal. Session, Proberaum, Jungs-Territorium: Sigur Rós sind eine BAND!

Sigur Rós, photo: Bjarni Eríksson

Pixies

Sigur Rós, von Gotti Bernhöft

Der Embryo von Ágaetis Byrjun

Gegründet 1994 von den Teenagern Birgisson (git, voc), Bassist Georg Holm und Drummer Agust, brachte dem schon damals total unflotten Dreier gleich das erste eigene Stück Musik einen Vertrag mit dem isländischen »Bad Taste«-Label ein, auf dem 1997 auch das Debütalbum erschien, »VON«

Das seltsam vielsagende und ruhige Lächeln des Babys aus dem undefinierten Dunkel des Covers heraus sagt im Kontext mit dem Albumtitel womöglich etwas aus über die Art und Ausrichtung der nicht messbaren Kräfte von sigurmusic: »VON« bedeutet Hoffnung, Siegesrose der Name des Kindes, nach dem das Trio sich benannte – nach Gitarrist/Sänger Jan Thor Birgissons kleiner Schwester Sigurrós: »Sie wurde am gleichen Tag geboren wie die Band«, sagt Keyboarder Kjartan Sveinsson, (der Verschupfte) der damals noch nicht zur Band gehörte, und lächelt: Ihm gefällt das wohl auch.

Sveinsson stiess vor den Aufnahmen zum zweiten Album dazu, dem streichersatten »ÁGÆTIS BYRJUN«, was zu deutsch wiederum »Guter Anfang« bedeutet und sich tatsächlich zu einem solchen entwickelte. War mit der positiven Resonanz der stets neugeilen Medien vielleicht noch zu rechnen, war der Erfolg beim überfütterten, nach gehaltvollen Stoffen aber lechzenden Publikum in dieser Ausprägung nicht vorhersehbar: Platin-Status!

Sigur Rós, photo: Luis Cobelo

Orri: Mehr Vision als Sound

»Svefn-G-Englar«, mit seinen knapp neun Minuten Spieldauer heute sowas wie der Superhit der Band, wurde zur Single (!) der Woche im britischen New Musical Express und die Band zum Underground-Medienhype im UK und den USA. Von den grundlegenden musikalischen Unterschieden abgesehen, erinnert dieser Ausbruch aus der öffentliche Nische an die Pixies, die in den späten Achtzigern den Rock'n'Roll den Selbstgefälligkeiten sowohl der alten Säcke als auch des Underground entrissen.

Ihre Konzerte brannten, wurden nachgerade hysterisch (ab-)gefeiert, scheuchten das bürgerliche Feuilleton auf, das sich auf amüsante Weise in Beschreibungs- und Erklärungsversuchen einer Musik verwurstelte, die es nicht verstand und in Ermangelung oder wegen Übermass an Bezügen nicht verstehen konnte. Letztlich nur sympomatisch für diese Art Phänomen, dass Sigur Rós in Publikation ohne Gemeinsamkeiten wie der Boulevard-Gazette Entertainment Weekly und The Wire mit gleicher Ausführlichkeit verhandelt wurden.

Sigur Rós, photo: Declan Fleming

Ihre Konzerte brannten ...

2000 wurde zum Durchbruchsjahr für die Band, die fortan pausenlos auf Gastpielreise zu sein schien, während der Heimaturlaube aber noch eine ehemalige öffentliche Schwimmhalle zum Studio umgemodelt und die Arbeit am dritten Album begonnen hat.

Tom Cruise

Nicht so sehr wegen Sound, sondern Vision. »Ein Betonkasten«, erklärt Drummer Orri Páll Dýrason. »Keine Kacheln, nur Beton. Und Glas drum herum. Die Gegend ist sehr schön dort.« Dýrason, der, laut Bandmate Sveinsson, als erster bei den Auditions für die Nachfolge von Drummer Agust die restlichen ca. fünfzig Bewerber auf der Stelle ausstach (Orri: »Das wusste ich ja gar nicht!« Sveinsson: »Ja!«) kannte Sigur Rós in Wahrheit natürlich vorher – aber auch nicht wesentlich viel früher als die restliche westliche Welt. »Wir sind bekannt. Wir waren in Island etwas früher bekannt als in der restlichen Welt. Aber auch nicht sehr bekannt. Das kam erst, als wir auch international bekannter wurden.« Ein echter Wortschwall für solche Nordlichter.

Mittlerweile hat sie auch Hollywood entdeckt – mit »Njósnavélin (a.k.a. The Nothing Song)« steuerten sie einen Beitrag zu Tom Cruisens Kassenknüller »Vanilla Sky« von Regisseur Cameron Crowe bei – was vor dem Hintergrund der umgekehrt proportionalen Logik ihrer bisherigen Geschichte und des Sein-oder-Nichtsein-Gedankens nicht zwingend bedenklich stimmen muss. Das darauf folgende Sigur-Rós-Album hieß jedenfalls »( )« ...

© Rolf Jäger
Photo-Credits: siehe Bilder



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