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Ein Interview von Petra von Schenck

Ein sonniger, freundlicher Herbstmorgen - der passende Rahmen für ein entspanntes und herzliches Telefonat mit Silje Nergaard. Die Jazzsängerin und Songwriterin bereitet gerade ihre Stimme auf die ausstehende Kurztournee durch Norwegen vor, bei der sie ihr achtes Album »NIGHTWATCH« vorstellt.

Silje Nergaard

Herzenszeit von Hongkong bis Deutschland

Silje Nergaard

Das Trio als Familie

Du trittst auf dieser Tournee mit Streichern auf. Warst Du vorher schon mit ihnen unterwegs?

Nicht mit genau diesen, aber ich habe doch schon mit Streichern gearbeitet. Das ist jedes Mal ein ganz besonderes Gefühl, weil es da eine andere Form von Magie geben wird. Vielleicht kann ich das auch in Deutschland machen. Es gibt ja auch sehr viele Orchester in Deutschland!

Wie lange arbeitest Du schon mit Deinem eigenen Trio zusammen?

Mein Trio? Wir sind erst seit vier Jahren zusammen - nein, fünf Jahre sind es wohl schon, dass wir zusammen spielen. Als ich mich mehr in Richtung Jazz orientierte, fand ich sie.

Es ist fast so, als ob Du eine Familie findest. Ich bin sehr, sehr verbunden mit ihnen, und das Zusammenspiel ist außergewöhnlich sicher. Sie sind auch mit auf der Tournee.

Nimmst Du Deine Kinder mit?

Das kleine Kind, ja. Sie hängt an mir, und sie ist ja jetzt auch daran gewöhnt. Außerdem hat sie im Bauch gelegen, und da war es auch so: Sie hörte die Musik, und sie hörte, wie ich innen in Bewegung war, nicht wahr? Sie ist ein ganz einfaches Kind.

Planst Du auch Tourneen in Deutschland oder Umgebung?

Ich komme nächstes Jahr. Ich weiß nur nicht wann, aber ich weiß, dass ich komme. Ich setze sehr, sehr großen Wert auf das deutsche Publikum. Sie sind sehr wach und kulturell interessiert; sie wirken sehr »zuhörend« und gleichzeitig international. Deshalb gibt mir das deutsche Publikum viel zurück.

Gibt es da auch Unterschiede im Publikum, wenn Du mit Deiner Musik umherreist? Reagieren die Zuhörer verschieden?

Silje Nergaard

Intimität mit dem Publikum

Ja, auf jeden Fall. Jedes Land hat doch sehr verschiedene Ausdrucksweisen, und manche geben mehr Rückmeldungen als andere. Manche zeigen mehr Reaktionen, während andere vorsichtiger sind. Aber es ist bemerkenswerter, glaube ich, was sie gemeinsam haben: dass sie so warmherzig sind und wir es schaffen, zu vermitteln.

Wir bringen es fertig, eine Intimität mit dem Publikum zu schaffen. Und das ist das Gemeinsame zwischen Hongkong oder den Niederlanden oder Deutschland. Das ist etwas sehr Wichtiges für mich in der Musik. Dass man eine Art »Herzenszeit« schafft, in der man einander so nahe kommt.

Und das, glaube ich, ist das eigentlich Faszinierende: Das geschieht, wo auch immer. Man muss nicht die gleiche Sprache sprechen, aber wenn wir spielen, finden wir dessen ungeachtet eine gemeinsame Sprache. Es zeigt sich, dass Musik ein sehr starkes Medium sein kann.

Norwegisch für die Großmutter

Wenn Du sagst Medium: Wie hast Du das erste mal herausgefunden, dass Du diesen Weg gehen willst, dass Du komponieren oder dass Du singen willst?

Silje Nergaard

Musik ohne nachzudenken

Das war eine sehr natürliche Entwicklung, die geschah, als ich zu Hause bei meiner Familie wohnte. Es gab Musik in unserem Haus, und ich habe mich eigentlich nie entschieden, was für eine Art Musik ich mache. Das war etwas, was sehr natürlich geschah, und ich glaube, es war einfach das, was ich machen sollte, denke ich. Da war nichts, was ich lieber gemacht hätte.

So fandest Du Deinen Weg also auf eine sehr intuitive Weise.

Ja, sehr. Und das war nicht schwierig, aber ich beobachte heute, dass viele genau wissen möchten, was sie werden sollen. Mir war es nicht wichtig, das wissen zu wollen. Ich hatte eine so starke Welt in mir. Da war etwas, das ich nicht bestimmen musste, weil da etwas war, was ohnehin in der Tiefe vorhanden war.

Warum hast Du eigentlich aufgehört, auf norwegisch zu singen? Es gab ein oder zwei Alben, die Du auf norwegisch gemacht hast?

Ja, zwei Stück. Ja - das war eigentlich etwas, was ich ausprobierte ... es war ein wenig mit Liebe .. ich wollte wissen, wie es sich für mich anfühlt, eine norwegische CD zu machen und auf diese Weise zu kommunizieren. Und das war schön.

Meine Großmutter war sehr froh. Sie konnte doch kein Englisch. So diktierte ich es ihr. Sie war sehr zufrieden damit. Aber ich habe gemerkt, dass meine Welt doch wohl mehr von englischer oder amerikanischer Musik inspiriert ist.

Silje Nergaard

Meine Welt ist englisch

Also wechselte ich zurück zu englisch, weil ich zuerst englisch sang. Die ersten drei Alben waren englisch, dann kamen die zwei norwegischen, und jetzt ist es wieder englisch.

Hast Du Deine Musik auch selbst geschrieben?

Ja, ich habe meine Musik immer selbst geschrieben. Bei der ersten CD war der größte Teil von mir.

Wie beginnst Du dabei? Hast Du da ein paar Ideen, bevor Du Dich ans Klavier setzt?

Nein, meistens nicht. Ich setze mich hin und beginne zu spielen. Ich lasse es einfach von selbst kommen und nehme das auf eine Minidisk auf. Und so kommen da jede Menge kleine Melodien zusammen, die ich auf meinen Minidisks sammle. Ich höre sie mir später an, weil ich nicht wissen kann, ob sie gut oder schlecht sind.

Es kann sein, dass ich mich nicht inspiriert gefühlt habe, aber ich lasse es einfach kommen, höre es mir aber erst am nächsten Tag an oder in der Woche danach. Da höre ich dann mit einem Mal intuitiv, ob da etwas ist und ob mein Körper reagiert. Und wenn er das tut, dann glaube ich, dass da eine besondere Stimmung ist, um die ich etwas herum bauen kann.

»Nightwatch« am Tag

Silje Nergaard

Einsam mit den Planeten

Wie bist Du bei »NIGHTWATCH« vorgegangen? Wann hast Du diese Songs geschrieben?

Ja, hmm ... Das ist ein wenig eigenartig! Ich bin eigentlich kein Nachtmensch. Ich habe diese Lieder tagsüber geschrieben.

Die Stimmung passt aber besser zur Nacht. Man kann die Nacht auf verschiedene Weisen wahrnehmen. Du kannst Dich ausruhen, das Telefon klingelt nicht länger, und man sitzt da ein wenig in seiner Einsamkeit zusammen mit den Planeten - und man fühlt etwas Größeres um sich. Da ist eine faszinierende Ruhe. Diese Atmosphäre soll die CD ausdrücken. Sie beschreibt die Nacht.

Wann komponierst Du am Besten? Gibt es da eine besondere Umgebung, in der Du am Liebsten Musik machst?

Ja, die gibt es. Wenn ich zu Hause bin. Und zwar genau in der Zeit, wenn die Kinder in der Schule waren oder schliefen. Dann bin ich ans Klavier gegangen und arbeitete. Das ist die beste Zeit für mich - ein wenig paradox bei einer Platte, die »NIGHTWATCH« heißt.

Hast Du auch ein paar spezielle Lieblingslieder auf der CD?

»Borrowing Moons« mag ich sehr, sehr gerne. Auch für das erste »How Am I Supposed To See The Stars« habe ich ein großes Herz und »Dance Me love«.

Du schickst, das, was Du geschrieben hast, an Deinen Schwager, den PEN-Poeten Mark McGurk, und er schreibt Deine Texte, selbst wenn er nicht in Deiner Nähe ist und Du keinen täglichen Kontakt mit ihm hast. Wie macht Ihr das?

Silje Nergaard

»Ich bin stur«

Wir haben ja vorher im Laufe der Zeit viel miteinander geredet. Wir haben eine ganz starke Verbindung. Er ist ziemlich stur, und ich bin ziemlich stur. Und da sind wir mit der Zeit zusammengewachsen.

Es standen große Dinge zwischen uns, bei denen wir uns nicht einig waren, und das passiert weiterhin. Doch wir kommen letztlich zu einer Einigung.

Aber ich glaube, es ist gut, dass wir nicht so viel sprechen müssen. Natürlich diskutieren wir ab und zu am Telefon, wenn wir uns uneinig sind oder so. Aber jetzt sind wir uns im Großen und Ganzen einig, und er liefert das, was er muss. Er hat eine sehr klare Kenntnis und Gefühl dafür, wovon die Musik handelt.

So hast Du auch mit ihm über den Titel gesprochen, den Du haben wolltest?

Ja, das passiert auch - dass ich ihm einen Auszug schicke, wo ich selbst den Titel singe, den ich im Sinn habe. Ab und zu mache ich das - zum Beispiel bei dem ersten Lied »How I'm Supposed To See The Stars«. Da war ich es, die das gesungen hat.

Ich hatte ansonsten keine Gefühle, die ich einsetzen konnte. So saß ich da und fühlte mich auf eine Weise einsam, ohne die Atmosphäre zu sehen, und er baute das drum herum.

Schule versus Persönlichkeit

Silje Nergaard

Leidenschaft und Talent

Wirst Du auch von anderen Musikern inspiriert?

Ja, natürlich werde ich auch von anderen Musikern inspiriert. Durch die Monate hatte ich immer ganz tolle Musiker um mich, und die waren meine größte Schule, weil ich nicht zur Schule gegangen bin.

Ich bin auf eine normale Schule gegangen, aber nicht auf eine Musikschule. So war ich fertig mit dem Gymnasium, nach 9 Jahren, oder wieviel waren das? ... 6, 7, 8, 9 ...12 Jahre ging ich zur Schule.

Nach diesen Jahren zog ich nach Oslo um und spielte in einer Band, anstatt in die Schule zu gehen.

Du nutzt Dein Talent.

Ja, ich glaube auch, dass man weit mit dem Talent kommen kann. Auch musst Du vor allem eine Leidenschaft haben für das, was Du tust. Und du musst eine Leidenschaft haben für das, wofür Du selbst stehst. Wer Du bist.

Aber ich glaube auch, dass die Schule sehr gut sein kann. Wenn man nur nicht seine eigene Persönlichkeit verliert und aufhört, nach seiner Persönlichkeit zu suchen. Das kann die Schule leicht auslösen, weil man so viel lernt, was richtig ist und was falsch.

Ich habe das gesehen. Junge Menschen sind doch sehr empfänglich dafür, was die Lehrer sagen. Wenn man sich jedoch die Zeit nimmt, um ein wenig selbst auszuprobieren und seine Persönlichkeit zu finden, dann ist das o.k. mit der Schule.

Wie, glaubst Du, wirst Du es bei Deinen Kindern machen?

Wir haben ein Zuhause, in dem wir versuchen, viele verschiedene Dinge zu machen. Wir malen viel hier, wir singen oder spielen Klavier, aber ich sage nicht, dass meine Tochter sich hinsetzen muss und Klavier spielen. Ich frage sie nur, ob sie Lust hat, das zu tun. Das muss aus ihr selbst kommen.

»Sie brauchen die Musik«

Wie begann die Zusammenarbeit mit Deinem Manager?

Silje Nergaard

Ich hatte nur von ihm gehört, und er hat mich quasi »aufgelesen« vor sechs Jahren, als wir uns in Norwegen begegneten. Er versteht es zu arbeiten und hatte ganz früh klare Visionen für meine Welt. Er ist übrigens halb norwegisch, halb amerikanisch. Es klappt sehr gut mit ihm; er denkt ganzheitlich.

Hast Du auch in Amerika gespielt?

Nein, das habe ich nicht gemacht. Ich fühle, dass die Menschen in Europa mehr offen und interessiert sind als in den USA. Es gibt natürlich dort auch viel Spannendes, aber die Leute sind dort ein wenig mehr mit sich selbst beschäftigt, glaube ich.

Es gibt verschiedene norwegische Künstler, die - wie Du - zum Beispiel in Japan sehr populär sind. Es ist eine ganz andere Kultur, aber es scheint auch einen sehr starken Kontakt zwischen den Ländern zu geben. Welche Gefühle hast Du, wenn Du in Asien singst?

Das ist eine sehr fremde Welt. Es wirkt so, als ob sie einen ganz anderen Werktag haben, wo täglich sehr viel von ihnen verlangt wird. Ich glaube, Musik wurde dort wichtiger, da das Volk so viel Stress um sich hat, zu viel Leid hat und zu viel Bewegung und so. Sie brauchen die Musik.

Silje Nergaard

Ich glaube auch, dass sie sich öffnen, auch in Japan. Wenn ich singe, sind sie sehr still, sie nehmen es sehr in ihre Herzen auf. Sie finden auf eine Weise wieder einen Augenblick zurück zu sich selbst. Sie brauchen Hilfe, um ein wenig zu erkennen, was sie fühlen, weil sie nicht so viel Raum und Platz dafür haben. Sie sind sehr ehrgeizig.

So verbindet die Musik ganz verschiedene Menschen und Kulturen.

Ja, das tut sie auch. Sie macht sehr viel mit den Leuten.

Es ist sehr speziell, wenn man mit offenen Ohren Musik hört ,und man fühlt, dass da etwas geschieht. Wenn man ihr zuhört, fühlt man, ob sich da etwas tut oder nicht.

Ja. Du solltest versuchen, intuitiv selbst darauf zu reagieren. Und Du musst eine Persönlichkeit sein, in der man das erzeugen kann ... Das kann zumindest nicht schaden, glaube ich.


Energisch bis nach Japan
Eine Biografie

Silje Nergaard wurde Ende der 60er Jahre als Tochter eines Lehrer-Ehepaares geboren und hörte schon früh die Stan Getz- und Joao Gilberto-Alben ihrer Mutter. Auch ABBA und Al Jarreau begeisterten und inspirierten die abenteuerlustige junge Norwegerin.

Silje Nergaard

Mit Pat Metheny und Morten Harket

Als Sechzehnjährige enterte sie furchtlos die Bühne während des Jazzfestivals in Molde. Am nächsten Tag überschlugen sich die begeisterten Zeitungsmeldungen über ihren Beitrag zur Jamsession mit der ehemaligen Band von Jaco Pastorius, und Silje wurde zu einer Art Nationalheldin.

Mit der gleichen Energie sprach sie später Pat Metheny an, der ihr den ersten Plattenvertrag vermittelte und auch auf ihrem ersten Album »TELL ME WHERE YOU'RE GOING« mitspielte. Die Platte stieg bis in die skandinavischen Top 10 auf und erreichte sogar die Nummer eins der japanischen Radiocharts.

Speziell in Japan erfreute sich die natürliche Skandinavierin besonderer Beliebtheit, die dazu führte, dass man einen besonderen Wein nach ihr benannte und sie im heiligen Heian Schrein in Kyoto auftreten lies.

Auf dem anschließenden zweiten Album »SILJE« singt sie unter anderem ein Duett mit Morten Harket von A-ha, der zu ihren Bewunderern gehört. Nach dem Country-angehauchten »COW ON THE HIGHWAY«, ihrer dritten Scheibe, folgten zwei norwegische Produktionen.

Auch als Songwriterin war sie erfolgreich und gewann im Dezember 1999 bei der »USA Songwriter Competition« einen »Honorable Mention Award« für »I Don't Want To See You Cry«. Ebenso wurden einige ihrer Songs von asiatischen Künstlern gecovert oder als Filmmusik verwendet.

Silje Nergaard

Jazz in die Pop-Charts

Nach einer vierjährigen Ruhepause und der Geburt ihrer ersten Tochter Erle begann Silje Nergaard sich wieder verstärkt dem Jazz zuzuwenden. Das gefühlvolle Album »PORT OF CALL« begeisterte 2000 die Norweger. Und mit dem 2001 nachfolgenden »AT FIRST LIGHT« schrieb sie norwegische Jazzgeschichte, da es das erste Album überhaupt war, dass innerhalb einer Woche auf Platz eins der Pop-Charts kletterte. Eine ausgedehnte Europa-Tour folgte.

Im Mai 2003 erblickte ihre zweite Tochter Karla das Licht der Welt. Mit dem Album »NIGHTWATCH« gelang es ihr ein zweites Mal, innerhalb einer Woche Goldstatus zu erreichen, was sie zur kommerziell erfolgreichsten Jazzkünstlerin ihrer Heimat macht.

© Petra von Schenck, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits Mathias Bothor

Discografie

1990 Tell Me Where You're Going
1991 Silje
1995 Cow On The Highway
1995 Brevet
1996 Hjemmefra
2000 Port Of Call
2001 At First Light
2003 Nightwatch


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