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Sivert Høyem: Wechsel in die Opposition

Ein Interview von Peter Bickel

Als Sänger von Madrugada provozierte der Nordnorweger Vergleiche mit derTraurigkeit von Chris Isaak oder Nick Cave. Solo schaut er der Welt optimistischer und vor allem mehr am Folk interessiert ins Auge.

Sivert Høyem

Diese Stimme

Sivert Høyem

Es ist diese Stimme. Eine Stimme, die tief, rau und kehlig klingt und an Charaktersänger wie Tex Perkins, Chris Isaak oder auch mal Nick Cave erinnert. Eine Stimme, scheinbar geschmirgelt von Zigaretten und Alkohol.

Eine Stimme, zu der man eigentlich ein käsiges Gesicht über einem schwarzen Anzug vermutet, das niemals Sonnenlicht sieht; dazu einen bärigen Kerl mit fettigen langen Haaren und einem Mords-Brustkasten, um dieses Stimmvolumen zu erzeugen.

Doch als der Norweger mit dieser Stimme, die Madrugada groß gemacht hat und deren Melancholie erst richtig erblühen ließ, die Bretter der Hamburger Weltbühne betritt, wird diese Illusion zerstört: Sivert Høyem ist ein fröhlicher schlaksiger Kerl mit Kurzhaarschnitt und einem 0815-T-Shirt, an das sich wenige Minuten nach seinem Auftritt keiner mehr erinnern wird. Doch es ist tatsächlich diese tiefe gebrochene Stimme, die da aus seiner Kehle steigt – auch wenn er aussieht, als ob er geradewegs gut gelaunt vom Angeln kommt.

Sivert Høyem

Im Studio: allein mit dem Mikro

Madrugadas sehnsüchtig schwelgende Blues-Melancholie würde eigentlich viel besser hierher passen in das mondäne Fin de Siècle-Outfit der Weltbühne: Rote Vorhänge mit Troddeln versuchen die Scheußlichkeit der Sechziger Jahre-Fenster zu verhüllen, rote Relief-Tapeten konkurrieren mit dem Mobiliar, das aus den Resten eines Dorfkinos stammen könnte. Zwei an Kitsch nicht mehr zu überbietende Wohnzimmerlampen illuminieren links und rechts die Bühne.

Doch eben nicht Madrugada stehen hier auf den Bühnenbrettern, sondern deren Sänger Sivert Høyem, der seinen Nachnamen nun ganz im Sinne des internationalen Erfolgs »Höyem« schreibt, weil kaum ein nicht-skandinavischer Journalist überhaupt weiß, wie man dieses ominöse »o mit dem /« auf der Computertastatur erzeugt.

Sivert Høyem singt heute abend nicht das ganz im Madrugada-Stil rockig zerrende »Northwind« aus seinem ersten, hier und heute zu promotendem Solo-Album, in dem es heißt: »Northwind, it growls, it howls and it rolls like it's the end of everything.« Nein, er singt stattdessen den Oslo gewidmeten Ohwurm »Smalltown Supersound«, die zerbrechliche Ballade »Far From Here«, das irisch folkoristische »Black Box« oder das zärtliche »Ladyfriend«.

Sivert Høyem

Sivert (rechts) mit Robert Burås

Lieder, die auch auf akustischer Gitarre wirken und all den hier auf der Exklusiv-Veranstaltung anwesenden Journalisten klarmachen, dass dieser von den Vesterålen stammende Kerl eigentlich auch gern Folk hört – und spielt. Und doch, und doch ... fehlen dieser lediglich mit akustischer Gitarre begleiteten Stimme die polternden Drums und die schmirgelnde Gitarre, um sich an ihnen zu reiben.

Brav erzählt Sivert Høyem, dass sein neues Aolo-Album »LADIES AND GENTLEMEN OF THE OPPOSITION« heißt und ca. sechs Wochen später erscheinen wird. Dass seine Band The Oppostion heißt und es jammerschade wäre, dass die versammelten Journalisten sie heute nicht hören können. Und dass er die meisten vom uns ja am nächsten Tag zum Interview wiedertreffen würde. Korrekt ...

Jede Menge Ruhe und Frieden

Hallo Sivert!

Sivert Høyem

Madrugada live

Hallo ebenfalls!

Lass uns ein wenig zurückgehen in der Historie – nach dem erfolgreichen zweiten Madrugada-Album sind die anderen Mitglieder in verschiedenen Ecken Europas »abgetaucht«. Und Du bist nach Nordnorwegen gegangen. Warum? Was hofftest Du dort zu finden?

Ich ging nach Nordnorwegen, weil ich von dort komme und viel besser arbeite, wenn ich ein wenig Ruhe und Frieden um mich herum habe. Und es gibt eine Menge Ruhe und Frieden oben im Norden; genau genommen gibt es nichts außer Ruhe und Frieden. Schließlich wurde es mir aber langweilig, und ich ging wieder fort, aber ich genieße es noch immer, dorthin während der Ferien zurückzukehren.

Das dritte Madrugada-Album »GRIT« habt Ihr nach dieser Zeit der Rückbesinnung in Berlin aufgenommen. Was waren die Gründe dafür, und hatte die Entscheidung die erwünschten Auswirkungen?

Ich weiß nicht mehr, wessen Idee dieses »Berlin-Ding« eigentlich war, aber meine war es sicher nicht. Vermutlich kam sie von Bassist Frode. Ich habe nicht viele glückliche Erinnerungen an Berlin, im Endeffekt sogar gar keine. Es war eine schwierige Phase für die Band.

Sivert Høyem

»Dieses Berlin-Ding«

Ob das Ganze den erwünschten Effekt hatte? Vielleicht. Ich meine, wir wollten ein großes, dunkles und dreckiges Rockalbum machen. In gewisser Weise gelang uns das, aber war es brillante Musik? Naja, das ist eine andere Frage. Ich für meinen Teil liebe die Hälfte des Albums und hasse die andere.

Lebtest Du nicht auch eine Zeit lang in Berlin?

Nein, ich lebte nur in Berlin, bevor wir das Album aufnahmen. Um zu üben und Songs zu schreiben und um die »Stimmungen« dieser Stadt einzufangen. Doch was auch immer diese Stimmungen waren – ich konnte sie nicht einfangen; sie waren zu schnell, und so ging ich bald wieder weg.

Erzähle ein wenig davon, was Du seit »GRIT« getrieben hast.

Touren, Songs für Madrugada schreiben und mein Solo-Zeug; das war es im Wesentlichen.

Du hast Dein Solo-Album in Peter Gabriels legendären Real World Studios aufgenommen? Gab es technische Gründe oder war es die spezielle Atmosphäre in diesem Studio?

Keine technischen Gründe, Tchad Blake (der Prouzent, der auch schon mit Tom Waits, Los Lobos oder Neil Finn arbeitete, Anmerkung von P.B.) wollte dort arbeiten. Ich für meinen Teil wäre lieber in ein weniger edles und schickes Studio gegangen, aber es war eine nette Erfahrung.

Sivert Høyem

Warum hast Du Mikael Lindquist und Rasmus Johansen neben dem Madrugada-Drummer Simen Vangen als Deine Begleiter auf dem Solo-Album ausgewählt?

Sivert Høyem

Folkmann statt Bohemian

Nun – Mikael und Rasmus sind alte Freunde aus dem Norden, und sie sind großartige Musiker, so war es eine leichte Entscheidung.

Warum hast Du überhaupt ein Solo-Album gemacht? Wäre es nicht möglich gewesen, Deine neuen Lieder auch mit Madrugada aufzunehmen? Gerade ein rockiger Song wie »Northwind« könnte auch auf einem Madrugada-Album wie »INDUSTRIAL DISEASE« sein ...

Nein, ich glaube nicht, dass dieses Lied auf irgendeinem der Madrugada-Alben hätte sein können, Andere Leute haben das zwar auch schon gesagt , aber ich denke nicht, dass das stimmt – das Stück hat eine andere Gangart als alles, was wir bisher gemacht haben. Die Sachen, die ich alleine mache, basieren auf Folk, aber Frode and Robert mögen keine Folkmusic; sie wollen dunkel und bohemianhaft sein.

Bald soll ein neues Madrugada-Album folgen. In welche musikalische Richtung wird dieses Album zeigen? Und glaubst Du, diese Richtung wäre eine andere, wenn Du nicht Dein Solo-Album gemacht hättest?

Es muss »groß« werden, und es wird groß werden, viel melodischer und mit gewaltigerem Sound. Das Material, das wir bislang geschrieben haben, ist viel besser als alles, was wir bisher gemacht haben. Ich hoffe, dass andere Leute auch dieser Meinung sind, wenn sie die Musik hören.

Manchmal bin ich traurig, manchmal glücklich

Sivert Høyem

Bein den Aufnahmen zu »GRIT«

Bevor ich Dein Solo-Album hörte, wollte ich Dich fragen, ob Du ein trauriger Mensch bist. Aber Deine Musik klingt dort positiver und heller. Also frage ich: »Bist Du früher ein trauriger Mensch gewesen?«

Manchmal bin ich traurig und manchmal bin ich fröhlich, ja sogar glücklich. Es gibt gute und schlechte Zeiten – Du kennst das, jeder kennt das.

Auf Deinem kleinen Acoustic-Konzert gestern sagtest Du, es wäre das erste Mal, dass Du solo auf der Bühne stehst. Das Publikum fand es offensichtlich gut. Meinst Du, Du wirst noch mehr offizielle akustische Solo-Konzerte geben oder wenigstens einige Solo-Passagen in Deinen normalen Konzerten?

Das könnte ich wohl, ich habe es gestern genossen. Mal sehen.

In Deutschland gibt es ein wachsendes Interesse für skandinavische Musik speziell aus Norwegen und Schweden. Was könnten die Gründe dafür sein?

Sivert Høyem

Mehr Nordnorweger als Norweger

Ja, die Leute sind heute skandinavischer Musik gegenüber aufgeschlossener als sie es früher waren. Warum, weiß ich auch nicht, aber einer der Gründe könnte sein, dass die Musik ziemlich gut ist, und glaub mir: Das war nicht immer so!

Würdest Du sagen, Deine Musik klingt spezifisch norwegisch? Oder gibt es überhaupt eine »norwegische Musik«?

Nein, es gibt keinen norwegischen Sound, und wenn es einen gäbe, würde ich zugeben, ein typischer Vertreter dafür zu sein. Für mich ist Musik universell.

Hast Du jemals versucht, norwegisch zu singen?

Nein. Das würde für mich einfach nicht »richtig klingen«.

Wo fühlst Du Dich zuhause? In Stokmarkenes?

Ja, ich würde absolut sagen, dass ich mehr Nordnorweger bin als – naja, Du weißt schon – Norweger. Ich mag den hohen Norden, das ist meine Heimat, wo ich aufgweachsen bin, sie ist einfach wichtig für mich. Frode und Robert mögen die großen Städte. Ich nicht.

Also ist Dein Geburtsort in musikalischer Hinsicht wichtig für Dich?

Sivert Høyem

Sehr wichtig, zumindest auf einer geistigen Ebene. Musikalisch kann ich das schwer beurteilen, das bedeutet sicher etwas und wirkt sich irgendwie aus.

Kannst Du einige Deiner persönlichen Helden aufzählen – in musikalischer Hinsicht und allgemein?

Bob Dylan – wegen seines Stil, seiner Intelligenz und seines musikalischen Genies.
Erich Maria Remarque – einige siner Bücher sind meine Lieblingsbücher.
Federico Garcia Lorca – für seine außerirdische Poesie und für seinen Mut.
Und schließlich der späte Bill Hicks (ein amerikanischer Komiker) – für seinen Humor und seine Spiritualität; er war ein regelrechter Prediger. Er hatte mehr von einem Jesus als jeder andere, nur war er eben sehr sehr speziell. Ich denke, noch heute glauben viele seiner Fans, dass er der Messias war. Ich kann das nicht beurteilen – das heißt, ich bezweifle es.

© 2004 Peter Bickel, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Head



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