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Solveig Sletthjell: Jeder Takt ein Gemälde

Ein Interview von Tim Jonathan Kleinecke

Straubing liegt an der Donau, etwa 35 km flussabwärts von Regensburg, und war bis vor ein paar Jahren weitgehende Jazz-Diaspora.

Inzwischen ist allerdings das »Jazz an der Donau«-Festival von Vilshofen flussaufwärts gepaddelt und hat sich in Straubing etabliert (wenn auch der »Jazz« im Titel an Bedeutung verliert).

Und es gibt die »Jazzfreunde Straubing e.V.«, einen engagierten Verein mit ca. 130 Mitgliedern, der u.a. Konzerte veranstaltet. Absoluter Höhepunkt der diesjährigen Veranstaltungsreihe war das Konzert von Solveig Slettahjell und dem Slow Motion Quintet.

Das Publikum im Alten Schlachthof war von dem Auftritt restlos begeistert – ebenso Tim Jonathan Kleinecke, der am nächsten Tag eine fröhliche Solveig Slettahjell traf.

Solveig Slettahjell

Keine Diva

Solveig Slettahjell

Großmutters Gutenachtlied

Solveig Slettahjell, vielen Dank, dass Du Zeit für Nordische Musik hast. Und vor allem Gratulation und vielen Dank für ein großartiges Konzert gestern!

Oh, danke, danke.

Solveig, was ist der schönste Song, der jemals geschrieben wurde?

Das ist eine schwere Frage (lacht). Ich glaube, vielleicht das Gute-Nacht-Lied, das meine Großmutter mir vorsang, als ich noch klein war.

Und in Bezug auf Jazz?

Ach, ich weiß nicht so genau... (lacht) Vielleicht »12th Of Never«, was wir auch gestern gespielt haben; das ist ein wirklich sehr schöner, einfacher Song.

Du oder Ihr habt das Konzert ganz anders angefangen als viele Jazz-Sängerinnen dies sonst tun. Oft spielt die Band ein paar Stücke als »Warm Up«, dann kommt die große Diva und badet erst mal in Applaus. Ihr kommt alle gleichzeitig, und Du singst »Look For The Silver Lining« a capella!

Solveig Slettahjell

Wir sind eine Band

Ja, klar. Wir sind eine Band. Und ich möchte gleich klarstellen, um was es geht: es geht um die Songs, es geht um die Musik, das ist das Entscheidende. Da bin ich mit meinen Musikern einer Meinung.

Und Du fühlst Dich auch kein bisschen als Diva, glaube ich...

Nein, überhaupt nicht (lacht). Und ich hoffe, ich werde auch nie eine!

Die Band klingt unglaublich gut zusammen, Ihr wirkt traumhaft eingespielt ...

Wir spielen ja auch schon seit fünf Jahren zusammen. Und sie alle sind wundervolle Musiker: Mats Eilertsen am Bass, Per Oddvar Johansen am Schlagzeug, Morten Qvenild am Piano und der Trompeter Sjur Miljeteig.

Schau – viel von dem, was wir tun, ist improvisiert, und da ist es gut, dass wir uns kennen, uns vertrauen. Es ist ein tolles Feeling auf der Bühne. Und wir haben eine gemeinsame Vorstellung, wie die Band funktionieren soll, wie sie klingen soll.

Zeitlupe

Solveig Slettahjell

Buster ist der Größte

Es gibt in Deutschland bisher zwei CDs von Euch, und darauf sind sooo viele Balladen! Ihr müsst Balladen lieben ...

Ja sicher! Das Tempo ist das, was ich daran liebe! Es ist langsam. Und das Slow Motion Quintet ist auch langsam (kichert).

Es hat was damit zu tun, in der Musik die Details zu entdecken und aufzudecken, melodische, rhythmische und harmonische Details. Und wie die Instrumente zueinander klingen, wie sie sich reiben, wenn sich das Tempo verlangsamt.

Und ich bin fasziniert von den phonetischen Möglichkeiten, vom Klang der Wörter, und wenn ich das Tempo verlangsame, kann ich den Klang in den Worten hören, es gibt so viele kleine Details, wenn man langsam spielt und singt. Diese Kleinigkeiten faszinieren mich.

Dann betrachtest Du die Stimme praktisch auch als Instrument.

Sicher, man kann so viel ausdrücken ...

Wie wichtig sind dann die Texte für Dich?

Ich glaube, die Texte sind sehr wichtig für mich, und zwar auf eine ganz bestimmte Weise. Sie müssen zu mir sprechen, mich an-sprechen, mich erreichen, und ich muss mir darüber klar werden, was die Texte für mich bedeuten.

Ich mache mir aber keine großen Gedanken darüber, die Texte zu erklären, darüber viel zu erzählen, auch nicht dem Publikum. Aber wenn ich mich mit den Texten beschäftige, ist das ein Teil der musikalischen Arbeit. Wenn ich singe, dann haben die Texte für mich auch eine Bedeutung.

Solveig Slettahjell

Abstraktion durch Langsamkeit

Und der Name Slow Motion Quintet: Gibt es da auch einen Bezug zum Film oder zu allem möglichen anderen, was man in Zeitlupe zu sehen bekommt?

Natürlich kommt der Begriff vom Film, oder auch, ach, wenn ein paar Sprinter ihre Strecke runterrennen, und man sieht das hinterher eben in Zeitlupe. Daher kommt natürlich auch der Name. Wenn man bewegte Bilder verlangsamt, werden sie immer abstrakter. Und dieses Gefühl habe ich auch in unserer Musik.

Die Songs, viele davon sind ja Standards, werden sehr klar. Das sind sehr starke Lieder, auch mit vielen Klischees darin, und wenn man sie so sehr verlangsamt wie wir das tun, ist das auch eine Abstraktion.

Demokratie und Tempo

Dann ist wohl auch die Auswahl der Stücke von großer Bedeutung.

Die Auswahl der Stücke ist hauptsächlich meine Aufgabe. Ich höre Unmengen alter Songs, viele Broadway-Sachen, und dabei finde ich viele Songs, die mich ansprechen. Sie müssen mich ansprechen, sonst geht das gar nicht. Und wenn ich dann ein Dutzend Stücke habe, präsentiere ich die der Band. Originalmaterial von uns ist auch immer mehr dabei.

Und die Arrangements entstehen dann mit der Band?

Solveig Slettahjell

Jeder Ton hat seinen Sinn

Ich habe fast immer eine Vorstellung vom Tempo, von der rhythmischen Basis, vielleicht auch schon von der Instrumentierung. Meist entsteht dann durchs Spielen, durch Improvisieren ein Arrangement, manchmal auch mehrere verschiedene, und wir diskutieren das und entscheiden uns dann für irgendetwas.

Es kommt aber auch vor, dass uns spontan nicht viel einfällt, aber dann kommt am nächsten Tag einer mit einem geschriebenen Notenblatt daher.

Das klingt recht demokratisch.

Wir sind eine demokratische Band! Und es ist meine Traumband! Sie alle sind großartige Musiker, spielen noch in vielen anderen Formationen. Es war gar nicht so leicht, sie davon zu überzeugen, mit einer Sängerin ausschließlich langsames Zeugs zu spielen (lacht).

Sjur Miljeteig, der Trompeter: Ich hatte den Eindruck, er denkt über jeden Ton erst mal nach, bevor er ihn spielt.

Ja, er ist schon ein sehr denkender Musiker. Aber das mag ich an ihm, jeder Ton hat seinen Sinn.

Ich würde sogar sagen, bei der ganzen Band ist jeder Takt ein Gemälde.

Solveig Slettahjell

Es ist Jazz!

(Lacht) Oh, schön ausgedrückt! Das sag ich den Jungs. Ich glaube, das ist so ein bisschen der impressionistische Einfluß bei Mats Eilertsen und Morten Qvenild. Aber jeder von uns hat andere Einflüsse, Per Oddvar ist wieder ein ganz anderer Typ. Aber daraus entstehen sehr spannende Momente beim Spielen.

Arbeiten an den Stücken im Proberaum, CD-Aufnahmen im Studio oder Konzerte – was tust Du am liebsten?

Ersteres macht auch Spaß, aber es ist schon Arbeit. Und Studioaufnahmen machen auch Spaß, aber weniger, sich hinterher durch mehrere Versionen der Songs durchzuhören. Im Konzert gibt es nur eine Version, die Band, das Publikum – das macht Spaß, das liebe ich! Ach, ich liebe singen!

Im Konzert spielt Ihr auch manche Stücke völlig anders als auf der CD.

Ja, das variiert tatsächlich. Aber so bleibt es spannend, es ist Jazz!

Als wir »SILVER« zur CD des Monats gewählt hatten, stöhnten manche "Oh, »Moon River«, dieser alte Schinken!" Warum gerade dieser Song?

(Lacht) I love it! Und ich habe einige persönliche Erinnerungen an diesen Song, besonders an Frank Sinatras Version mit Chor und Streichern. Als mein Bruder heiratete, war das der Brautwalzer (kichert).

Auf den beiden in Deutschland erhältlichen CDs gibt es nicht allzu viele Eigenkompositionen von Dir bzw. von Euch. Die sind aber stilistisch ganz anders, wesentlich moderner.

Nun ja, in erster Linie betrachte ich mich nicht als Komponistin, sondern als Sängerin. Und ich bin sehr streng mit mir beim Schreiben, ich bin da sehr kritisch. Aber ich bin schon sehr beeinflusst von den alten Songs, von der Dramatik, der Romantik, dem Schmalz (lacht). Allerdings habe ich früher auch völlig andere Musik gemacht, viel experimentelle Sachen, auch Rock und Funk. Das schlägt sich natürlich auch in meinen Stücken nieder.

Solveig Slettahjell

Von Sidsel zu Radka

Nun zu etwas völlig anderem: es gibt in Nordeuropa in Bezug auf die Einwohnerzahl viel mehr gute Jazzmusiker als hier in Mitteleuropa. Hast Du vielleicht eine Erklärung dafür?

(Schmunzelt) Nein. (Lacht)

Und die norwegische Jazz-Szene...

Ja, natürlich, die ist recht lebendig. Und die ersten großen Musiker aus Norwegen, zum Beispiel Jan Garbarek und Jon Christensen seit den 60ern, waren eine enorme Inspiration für uns Jüngere, das ist klar. Sie haben so etwas wie eine nordische Welt im Jazz geschaffen. Und Sidsel Endresen hat mir sehr geholfen, sie war meine Lehrerin, sie ist phantastisch!

Bist Du auch ein bisschen beeinflusst von Radka Toneff?

Solveig Slettahjell

Sidsel ist die Größte

Absolut richtig! Weißt Du, für mich sind Radka und Sidsel die Hauptinspriationen, nicht nur auf Norwegen beschränkt, sondern insgesamt, was Gesang angeht. Ich glaube, Sidsel ist für mich die größte. Aber Radka ist auch toll, und ich war sehr glücklich im Sommer, als ich den Radka Toneff-Preis bekam.

Herzlichen Glückwunsch! Es gibt in Norwegen schon eine neue CD »PIXIEDUST«, weißt Du, wann die hier veröffentlicht wird?

Ja, im Januar. Es werden einige Eigenkompositionen darauf sein. Und auch einige von Peder Kjellsby, ein norwegischer Drummer, nicht in der Band, aber ein wunderbarer Komponist und auch Texter.

Have A Little Faith

Und auch ein Song, den Ihr gestern gespielt habt: »Have A Little Faith In Me« von John Hiatt. Und Eure Version war absolut traumhaft, noch schöner als die von Bill Frisell.

Oh danke! Ich liebe diesen Song, er ist so simpel, aber hat so viel Tiefe...

Kennst Du die Version von Joe Cocker?

Ääh, nein.

Hör Dir die mal an, die ist schauderhaft! Da zieht’s Dir echt die Schuhe aus. Aber vielleicht kriegst Du Dich auch vor Lachen gar nicht mehr ein!

(Lacht) Meinst Du wirklich? Ich wird’s mir anhören, garantiert!

Solveig Slettahjell, vielen Dank für das Gespräch, und alles Gute! Ach halt, Du hast im Konzert gesagt, Ihr hättet Euch bei der Herfahrt von München verfahren.

Ja, wir waren zuerst in Staubing, aber da gab es kein Hotel und keinen Alten Schlachthof, nur 50 Häuser, Traktoren und Schweine und eine alte Dame, die uns sagte, dass wir hier falsch sind.

Staubing ...? Kennt hier kein Mensch ...

Staubing ohne R, zwischen Regensburg und Ingolstadt. Aber wir sind ja dann doch noch glücklich in Straubing mit R angekommen. Und heute fahren wir nach Nürnberg, das werden wir schon finden.

© Tim Jonathan Kleinecke, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Tim Jonathan Kleinecke und Solveig Slettahjell/Curling Legs



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