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Ein Portrait von Peter Bickel

Als Tourist bleibt einem oft verborgen, welch erfrischend lebendige Blüten die nordische Kneipenszene treibt. Man muss nur wissen, wo man suchen muss.
Zum Beispiel nach »Sting«, der in Szenekreisen wohl populärsten Musikkneipe Norwegens.

Gaumenfreuden und Kultur

Sting

Das »Sting«-Cafe

Hoch oben auf dem Gipfel des Valberget, mit einer weiten Aussicht über Stavangers Fjord, thront das Café Sting. Ein passender Platz, denn eine höher entwickelte Form der norwegischen Kaffeekultur als hier findet man wohl kaum. Nicht nur durch seine reichhaltige Kuchenauswahl und die gut sortierte Kaffee-Karte unterscheidet sich das Sting von vielen »Normal-Cafes«, sondern auch durch die internationalen Gerichte.

Neben kreolischer Pasta, spanischen Tapas, indonesischen Satay-Spießen, mexikanischen Köstlichkeiten oder frittierten Scampi hat besonders das »Sting Special« eine gewisse Berühmtheit erlangt: Auf diesen scharf gewürzen Garnelen-Auflauf ist Sting-Chef Terje Vallestad zu Recht so stolz, dass er die genaue Rezeptur sorgfältig hütet.

Doch nicht die Gaumenfreuden sind es, die dem Sting in ganz Norwegen Aufmerksamkeit verschafft haben. Hier in diesem »Kulturhort« kann man wirklich abschalten und seinen Gedanken nachhängen. Denn trotz der vorherrschenden schwarzen Farbe und des scharz-weißen Schachbrett-Bodens wirkt die Kneipe urgemütlich. Und sie hat sich zu einer vielschichtigen Begegnungsstätte entwickelt: Das Sting präsentiert ständig wechselnde Ausstellungen mit stets ungewöhnlichem Konzept. Sogar eine Kindergarten-Gruppe bekommt jedes Jahr die Gelegenheit zur Ausstellung ihrer Bilder.

Auch Schriftsteller wie Jostein Gaarder lesen in regelmäßigen Abständen aus ihren Werken, und zwar nicht nur in Auszügen, sondern meist ihr komplettes Buch. Am liebsten stellt Terje Vallestad Veranstaltungen dieser Art unter ein bestimmtes Motto. Anläßlich der Fußball-WM in Frankreich lud er beispielsweise zu einem Literatur-Abend, an dem die Musiker Ole Paus und Ketil Bjørnstad ihre Texte zum Thema Fußball vortrugen.

Knoblauchfest und homophile Krabben

Musikkneipen

Live im »Sting«

Ein anderes, mittlerweile alljährlich stattfindendes Happening ist das »Hvitløksfest«. Neben allerlei Knoblauch-Gerichten amüsiert man sich hier zum Beispiel darüber, wer am besten mit verbundenen Augen Knoblauch schält oder die Jury auf besonders witzige Art zu bestechen vermag. Die norwegische Vorliebe für absurden Humor tritt auch bei Kabarett-Stücken wie »De syv reker« zutage, in dem unter anderem eine schwule reker (Garnele) vorkommt.

Die wichtigste Rolle im Sting spielt freilich die Musik. Das Ausgehen - der besonders an den Wochenden beliebte Hangout mit Freunden - hat Tradition in Norwegen. Nach einem »Vorspiel«, das man meist mit einer mitgebrachten Flasche Bier in der privaten Wohnung zelebriert, zieht man durch die Kneipen und bringt es dabei gut und gern auf vier Ortswechsel. So kommt es, dass zumindest Städte eine erstaunlich reiche Auswahl an Musikkneipen bieten.

Das Sting spielt auch hier eine Vorreiter-Rolle: Als aktiver Musiker kennt Terje die norwegische Musikprominenz persönlich. Neben Niels Henning Ørsted-Pedersen, Terje Rypdal oder Ketil Bjørnstad spielte auch der gefeierte Neutöner Nils Petter Molvær schon im Sting.

Das sprach sich schnell herum, so dass internationale Jazz-Größen nicht lange ausblieben. Bisher gaben sich schon der kanadische Trompeter Kenny Wheeler, der deutsche Massaker-Chef Peter Brötzmann, der Exil-Russe Mikail Alperin, der amerikanische Star-Trommler Billy Cobham und der gefeierte Jazz-Gitarrist Bill Frisell ein Stelldichein.

Crossover-Abenteuer statt Chart-Format

Sting

Altes Konzertplakat

Während die Konzerte meist im Erdgeschoss stattfinden, geht im darüber liegenden Club ab 23 Uhr der Tanzbär ab. Bekannte DJs wie James Lavelle von Mo'Wax oder die Ninja Posse legen dort Platten auf. Im Vergleich zur deutschen Konkurrenz fällt beim Musikprogramm des Sting und anderer Pubs die Experimentierfreude auf.

Charts-formatierte Dutzendware bekommt man in Norwegen selten aufgetischt, sondern vielmehr sorgfältig ausgewählte Geheimtips und mutige Crossover-Experimente. So kommt es, dass für gewöhnlich selbst die Tromsøer Clubs mit interessanterer Musik verwöhnen als die deutschen Trendschuppen.

Wenn sich also ein Jazz-Erneuerer wie Bugge Wesseltoft mit House-DJs, Live-Remixern, Noise-Gitarristen und Beatbox-Programmierern auf den Bühnenbrettern zur Improvisation trifft, schlägt das mittlerweile sogar bis nach Deutschland Wellen. Und das Sting als beliebter Musik-Treffpunkt hatte daran nicht unerheblichen Anteil.

© Peter Bickel, erstmals erschienen in Nordis 9/10, 1999

Musikkneipen in Norwegen


IN OSLO


Blå
Brenneriveien 9
Die wohl heißeste Adresse für Jazz-Fans, so dass es oft sehr eng zugeht. In der alten Fabrikhalle finden das ganze Jahr über experimentierfreudige Konzerte von Jazzern, DJs und Remixern statt.


Bollywood Dancing
Solligata 2
Diese Kneipe hat sich nach der dümmsten Filmindustrie der Welt benannt und geizt daher nicht mit absurdem Inventar, wie z.B. einer Disco-Kugel im Eingangsbereich. Sehr gute Küche.


Et Glass
Rosenkrantzgate 11
Ein Trend-Schuppen für den anspruchsvollen Geschmack. Fantastische Sandwichs, donnerstags außerdem schwedische Bauernkost.


Galleriet
Kristian IVs gate 12
In Linder Johansens »Gallerie« findet man drei gemütliche Etagen im Wohnungsstil - alles von der Piano-Bar bis zum Blaulicht-Technoclub. DJs mit relativ kommerziellem Geschmack.


Headon
Rosenkranzgate 11
Seit fünf Jahren einer der besten Osloer Nachtklubs. Das verdankt der Headon seiner »kompromisslosen Funk-Philosophie und relativ undemokratischen Türwach-Ideologie« (eigenes Zitat).


Jazid
Pilestredet 17
Der »alternativste« Tanzklub Oslos, der viel zum guten DJ-Renomee der Stadt beigetragen hat. Bekannte DJs aus dem Ausland werden eingeflogen und legen Underground-House, Latin, Big Beat, Soul und Jungle auf.


Palace Grill
Solligata 2
Eigentlich zwei Orte in einem: eine Bar und ein Restaurant für »Roots«-Begeisterte, das zu einem der zehn besten Osloer Speiselokale gekürt wurde. Da man keinen Tisch reservieren kann, muss man die Wartezeit an der Bar verkürzen.


Skansen
Rådhusgaten 24
Die stadtbesten DJs und angenehme Bedienung machen diesen kleinen Ort zum perfekten »Hangout« für die House-liebende Kultur-Elite. Bekannt auch bei internationalen DJs. Donnerstags legt der in Oslo legendäre Olle Løstegaard auf.


So What!
Grensen 9
Jung-energischer Szene-Schuppen mit vielen scharz gekleideten Stammgästen Mitte zwanzig. Alte und neue "Indie"-Musik und viel Synthesizer-Nostalgie. Verschiedene Themen-Abende und Live-Konzerte.


Underwater pub
Bjerregards gate
Die auf zwei Etagen verteilte Kneipe ist wie eine Unterwasserwelt eingerichtet. Allein das wäre schon Grund genug für einen Besuch, doch es kommt noch besser: Dienstags stellen sich Musikstudenten mitten ins Publikum und singen zur Klavierbegleitung klassische Arien und Operetten.



IN BERGEN


Columbi Egg
Øvregaten 12
Akustischer Jazz, Blues und Folk. Saison von Januar bis Mai und September bis Dezember.


De Stundeslose
Ole Bulls Plass 9-11
Mehr Pub als Café. Live-Konzerte, meist Jazz.


Cafe Opera
Engen 25
Sehr populäres und etabliertes Cafe, das sich etwa zur gleichen Zeit wie das »Sting« gründete. Moderne Musik.


Akademiske Kvarter
Olav Kyresgata 49
Ein Studenten-Schuppen mit drei Konzert-Hallen. Alles von Techno über Dance zu Rock.


Garage
Nygårdsgate
Ein klassischer, schwarz eingerichteter Rock-Club - hart und laut.



IN TRONDHEIM


Aroma
Prinsensgate 6
Cafeteria und Treffpunkt besonders für jüngere Leute zwischen 15 und 25 Jahren. Wirkt poppig durch die bunte Farbe an den Wänden.


Bare Blåber
Nedre Bakklandet 5
Ein klassischer »Coffee-Shop« im alten Teil von Trondheim.


Brukbar
Munkegata 26
Mehr Pub als Bar im Herzen Trondheims. Keine Livemusik, aber besonders im Sommer eine Empfehlung: Man kann draußen sitzen.


Cafe 3 B
Brattorgata 3b
Ein Studenten-Pub und beliebter Bier-Ausschank. Das meist langhaarige Publikum trifft sich in düsterer Atmosphäre bei deftiger Alternative-Musik.


Credo
Ørjaveita 4
Oben findet man ein Restaurant, unten eine Bar. Obwohl das Credo noch nicht so lange existiert, hat es schon sein Publikum gefunden. Ähnlich wie Dali.


Cafe Dali
Brattorgata 7
Eine noch junge Kneipe mit bunt gemischtem Publikum. Meist hängt Kunst an den Wänden. In der Disco läuft »Alternative Dance« jenseits von Mainstream. Gelegentlich legen bekannte DJs auf.


Dromedar Caffeebar
Nedre Bakklandet 3
Ein sehr kleines und gemütliches Café, das nur Platz für 10 bis 15 Leute bietet. Der Kaffee ist so gut, dass das Dromedar einmal in einem Kaffee-Wettbewerb gewann. Gelegentlich kleine Konzerte.


Ni Muser
Bispegata 9a
Eine etablierte Kneipe, die wechselnde Ausstellungen beherbergt und besonders bei Künstlern beliebt ist.



IN TROMSØ


Mack-Kjelleren
Sjøgata 12
Kneipe, Pub und Konzertsaal, kann bei Konzerten auch kombiniert werden. Kellergeschoss, alte Gewölbemauern, gemütlich. Liegt im Zentrum.


Blå Rock Café
Strandgata 14/16
5 Sorten Fassbier, 70 Sorten verschiedene Flaschenbiere und gute Wein-Auswahl. Geht über drei Etagen, eher für jüngeres Publikum. Ausgezeichnete Hamburger mit den besten Pommes in ganz Tromsø! Werktags Musik-Jukebox mit harter Musik; am Wochenende legen DJs auf.


Markens Grøde Café
Storgata 30
Mack Fassbier und eine riesige Auswahl an norwegischen und ausländischen Bieren. Große Weinkarte. Ein kleiner, gemütlich-intimer Pub. Gemisches Publikum von jung bis alt. Jazz und Klassik, ab und zu auch Live-Jazz.


Teaterkafeen
Grønnegatan 87
Intime Atmosphäre einer Kaffeebar; entwickelt sich sicher noch, da erst vor einem halben Jahr eröffnet. Kleine Konzerte und Jazz-Sessions.


Skarven Vertshuset
Strandtorget 1
Erinnert an ein bayrisches Wirtshaus: rustikale Holztische, schlichte und einfache, aber gemütliche Atmosphäre. Im Sommer sehr beliebt zum draußen sitzen. Ab und zu Live-Musik und kleine Konzerte.


Meieriet Café
Grønnegata 37/38
»Bierbörse« mit ständig wechselnden Bierpreisen (ca. 15-20 verschiedene Sorten). Wenn es einen Börseneinbruch gibt, fallen die Preise für ein paar Minuten auf ein Viertel bis ein Sechstel des Normalpreises. Jüngeres Publikum. Abends laute Musik, gelegentlich mit DJs.


Jernbanestasjon
Strandgata 33
Eingerichtet mit alten Zugsitzen und -tischen, jedes mit individuellem Abteilnamen. Musik für jeden Geschmack.




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