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Susanna And The Magical Orchestra: Nicht Ironie, aber Witz

Ein Interview von Sebastian Pantel

Vier Jahre hat es gedauert, bis den Live-Auftritten von Susanna Wallumrød und Morten Qvenild vor allem in Norwegen eine erste CD folgte: »LIST OF LIGHTS AND BUOYS«. Die Kritiken überschlugen sich vor Begeisterung über die intime, zerbrechliche, reduzierte Musik von Susanna und ihrem »Magical Orchestra«.

Über ihre zweite CD, ihre stille Musik, den erstaunlichen Erfolg, den sie damit haben, über Pläne und Projekte stand Susanna Wallumrød für Nordische Musik Rede und Antwort.

Susanna And The Magical Orchestra

Dekonstruktion?

Susanna And The Magical Orchestra

Susanna Wallumrød


Beim Moers-Festival 2006 stellten die beiden Mittzwanziger altgediente Musiker wie Nils-Petter Molvær oder Peter Brötzmann in den Schatten. Auch Festival-Artist in residence Arve Henriksen trat für das Duo ganz in den Hintergrund und steuerte ganz vorsichtig ein paar Klänge zu den eigentlich schon perfekten Arrangements bei. »Jolene« von Dolly Parton, »Hallelujah« von Leonard Cohen – das sind Stücke, die man in vielen Versionen kennt, aber in keinen, die so unter die Haut und ans Herz gehen. Später haben viele Zuhörer den ersten Eindruck bestätigt: Das war der beste Act des Festivals.

Die zweite CD »MELODY MOUNTAIN« ist eine Sammlung von teils radikal eigentümlichen, teils wunderschönen Coverversionen von AC/DC bis Joy Division, wie das Debüt bei Rune Grammofon erschienen. Susanna und Morten gehen inzwischen weltweit auf Tour – es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass sie der profilierten Nyjazz-Szene Norwegens eine gedeckte, aber sehr gewichtige Farbe beigemischt haben.

Auch dass sie zusätzlich auf bisher zwei Rune Grammofon-Kompilationen vertreten sind spricht dafür, dass sie auch bei diesem Ausnahme-Label von Rune Kristoffersen inzwischen zu den wichtigen Profilgebern gehören. Bei der RuneGrammofon-Tour im November 2006 quer durch Europa spielen die beiden an der Seite von Supersilent. Morten ist gleich doppelt vertreten: als magisches Orchester von Susanna und als Pianist seines Jazztrios In The Country.

Als ich euch das erste Mal gehört habe, wusste ich nichts über Euch – das war beim Moers-Festival im Juni. Da habt ihr ja direkt nach Scorch Thing gespielt, ein größerer Kontrast war kaum möglich. Wie fandet ihr das Festival? Es waren eine Menge Norweger da ...

Susanna And The Magical Orchestra

Morten Qvenild

Das Moers-Festival ist großartig, finde ich. Ich war mehrere Tage dort, und ich mag Festivals sehr, bei denen alles auf einer Bühne passiert. Ein hervorragendes Publikum und ein sehr variiertes Programm.

Nachher hörte ich einen Radiobeitrag über Euren Auftritt dort; der Journalist sprach von »Song-Deskonstruktionen«. Ist das nur intellektuelles Journalisten-Sprech, oder ist an dem Begriff etwas dran?

Naja ... man kann es nennen wie man will. Wir arbeiten viel daran, unsere eigene Art und Weise zu finden, die Songs zu interpretieren, das fühlt sich für uns am richtigsten an. Und wir meinen, es ist nicht so interessant, etwas zu kopieren was schon jemand gemacht hat. Für manchen fühlt sich das vielleicht wie eine Dekonstruktion an; wir rupfen schließlich Dinge auseinander und setzen sie auf eine neue Weise zusammen.

Diejenigen, die Euch in Moers gehört haben, würden sich sicher freuen, Euch wieder zu erleben – habt Ihr Pläne, in der Zukunft in Deutschland zu spielen?

Im November spielen wir in Köln, da gehen wir auf Europa-Tournee. Außerdem hoffen wir, im Frühjar 2007 nach Deutschland zu kommen und mehrere Konzerte zu spielen.

Coversongs als Königsdisziplin

Susanna And The Magical Orchestra

Wir rupfen Dinge auseinander

Noch ein paar Fragen zu Eurer Musik. Eure zweite CD »MELODY MOUNTAIN« klingt etwas anders als die erste, »LIST OF LIGHTS AND BUOYS«: nicht so viel elektronisches Gefrickel im Hintergrund zum Beispiel, und insgesamt ist die Stimmung düsterer, würde ich sagen. Stimmt das?

Ja, das stimmt wohl. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, auf dem zweiten Album in eine andere Richtung zu gehen. Wir haben uns mehr auf akustische Instrumente und Klänge konzentriert und uns bemüht, Versionen zu finden, bei denen unser Zusammenspiel eine große Rolle spielt. Nicht so viel Schicht auf Schicht, sondern ein einfacherer, weniger elektronischer Sound. Es war nicht unbedingt einfacher, es so zu machen – das fordert eine enorme Konzentration. Aber ich glaube wir waren bereit, es auszuprobieren. Und wir sind zufrieden mit dem Resultat.

Warum gibt es eigentlich »nur« Cover-Versionen auf dem zweiten Album? Nicht dass es deshalb schlechter wäre ...

Das war auch so eine Entscheidung, die wir getroffen haben, um eine andere Richtung einzuschlagen und diesmal etwas anderes zu machen. Die Idee war eigentlich, eine EP zu machen, aber allmählich nahm es die Form eines Albums an. Wir haben mit Coversongs angefangen, als wir 2000 begannen, zusammenzuspielen, mit dem Ausgangspunkt in der Besetzung Klavier und Stimme. Also war es ein bisschen so wie an den Anfang zurückzugehen, zum Beginn unserer Zusammenarbeit – aber mit viel besseren Voraussetzungen als vor 6-7 Jahren.

Und warum diese Songs? Sind das persönliche Favoriten, oder hat die Auswahl musikalische Gründe?

»MELODY MOUNTAIN« ist keine Platte mit unseren Lieblingsliedern. Aber natürlich mögen wir alle diese Songs sehr, ich glaube, das ist auch notwendig. Wir haben eine Zeit gebraucht, um Songs und Arrangements auszuwählen. Das war von Anfang an eine enge Zusammenarbeit mit unserem Produzenten, Deathprod. Einige der Songs, »Hallelujah« zum Beispiel, haben uns von Anfang an bei Live-Auftritten begleitet, und andere haben wir erst während dieses Prozesses kennengelernt. Die Auswahl kam also nur aus musikalischen Gründen zustande.

Susanna And The Magical Orchestra

Pop?

Auf unseren Seiten von »Nordische Musik« haben wir Eure CDs in die Kategorie Pop eingeordnet. Was würdet Ihr sagen: Was ist ein passender Name für die Musik, die ihr macht?

Pop ist eine gute Kategorie, finde ich. Es ist schwierig, unsere Musik in ein einziges Genre einzuordnen, denn was wir machen, ist ganz klar ein Mix mit Referenzen an viele Kategorien. Wir beschäftigen uns mit sehr viel sehr verschiedener Musik, hören und arbeiten mit ganz unterschiedlichen Stilen, und das spiegelt sich in dem wieder, was wir selbst machen. Für uns bedeutet es am meisten, etwas zu machen, das ganz unseres ist. Dabei denken wir natürlich nicht daran, in welche Kategorie wir wohl passen, wenn wir Musik schreiben.

Habt ihr musikalische Vorbilder?

Ja, natürlich. Es gibt so viele gute Songwriter und Musiker/Sänger, in fast allen Genres. Von denen, die mich lange begleiten, muss ich Joni Mitchell erwähnen, Lenoard Cohen, Nina Simone, Bjørk und Chet Baker. Allesamt im Grunde sehr verschieden, aber mit ausgeprägtem, persönlichem Stil.

Ist das Label Rune Grammofon, wo beide CDs erschienen sind, so etwas wie eure musikalische Heimat?

So habe ich das noch gar nicht gesehen, aber ja: Möglicherweise ist es das heute. Es ist ein Label, das ein Interesse an guter Musik hat, und es ist die Musik, die bei der Arbeit beider Seiten im Mittelpunkt steht. In Sachen künstlerischer Freiheit gibt es überhaupt keine Probleme. Und besonders mag ich, dass es einen Künstler gibt [Kim Hiorthøy, Anm.], der alle Plattencover designt.

Projekte und Prioritäten

Susanna And The Magical Orchestra

Vielbeschätigt ...

Eine Frage zum »magischen Orchester« – ist das Ironie? Oder meint der Name, dass Synthesizer und Computer das Orchester heute ersetzen können? Selbst wenn Dein Orchester, Morten, ja eher minimalistisch ist ...

Es ist wohl nicht direkt Ironie, aber vielleicht ein klein bisschen Witz dabei ...? Ich finde jedenfalls, der Name ist eine gute Definition für das, was Morten macht, egal mit welchen Instrumenten.

Ihr habt neben Susanna & The Magical Orchestra noch andere Projekte – könnt (oder wollt) Ihr prioritieren, was ihr am liebsten macht?

Morten spielt bis heute in In The Country (sein eigenes Klaviertrio) bei Solveig Slettahjell mit dem Slow Motion Quintett (eine fantastische Sängerin und meine frühere Gesangslehrerin) und bei The National Bank (eine Pop-Band mit u.a. Thomas Dybdahl und den Gebrüdern Horntvedt von Jaga Jazzist) neben SATMO. Früher hatte er noch mehr Projekte und Bands, aber er hat es auf diese Projekte heruntergefahren, die mehr oder weniger seine »Lieblingskinder« sind, glaube ich.

Er macht viel Musik und engagiert sich sehr für alles, woran er beteiligt ist, und da ist es ja etwas weniger zeitaufwändig, wenn er »nur« Klavier/Keyboard zu spielen hat. Ich glaube, seine Prioritierungen sind SATMO und In The Country, denn das sind die Bands, in die er am meisten involviert ist.

SATMO ist meine einzige Band auf fester Basis. Ich habe diverse Projekte und Studio-Arbeit gemacht in den letzten Jahren, u.a. mit einer Band namens The White Birch. Aber auf dem Gebiet wird sich im Laufe des nächsten Jahres Einiges tun, ohne dass ich da jetzt mehr drüber sagen möchte.

In Ordnung – und die weniger geheimnisvollen, kommenden Projekte?

Morten hat wie gesagt seine Projekte; im Oktober kommt das neue Solveig-Album, im November die zweite CD von In The Country. Im Herbst werden wir eine Reihe Konzert mit SATMO spielen, erst auf der England-Tournee im Oktober, danach Europa im November, und so geht es weiter bis zum Frühjahr. Und vielleicht fangen wir an, danach über das nächste Album nachzudenken?

Wer weiß ...

© 2005 Sebastian Pantel, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: SATMO (2), Sebastian Pantel (2), Joachým Ettel (2)





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