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Tavastia - Finnlands Rock Club #1

Ein Interview von Nathalie Martin
(26.Juli 2005, Helsinki)

Juhani Merimaa lüftet das Geheimnis
um den beliebtesten finnischen Rock-Club.

Der exzellente Kenner der (finnischen) Musikszene plaudert humorvoll aus dem Nähkästchen, philosophiert oder streut kleine Splitter finnischer Geographie, Geschichte und Kultur ein.

Tavastia

Der Ex-Partysaal für Studenten ...

Tavastia

Der Eingang des Ex-Partysaals

Woher kommt der Name »Tavastia«?

Da gibt's ein Gebiet in Finnland, das Häme-Gebiet, etwa 100, 200 km nördlich von Helsinki. Tavastia ist der lateinische Name. (grinst) In Hämeenlinna kannst du den Namen sogar sehen: Da gibt's ein »Tavastia-Café«.

Wie lang gibt's den Tavastia-Klubi schon?

Wir sind hier seit 1970 ... (grinst) oh wir haben dieses Jahr 35-jähriges Jubiläum! Und ich arbeite seit 25 Jahren für Tavastia. (Pause) Das Gebäude ist aus den Dreißigern. Es gehört einer Studentenorganisation – manche sind richtig reich. Und das hier war deren »Partysaal«.

Die Rockparties fingen in den Siebzigern an ... und dann wurde es Tavastia. (Pause) Jetzt sind wir eine Privatfirma, die nichts mehr mit der Studentenorganisation zu tun hat. Wir haben den Ort gemietet und jetzt ist er für alle offen.

... vorausgesetzt, sie sind mindestens 18. Gilt diese Altersgrenze immer?

Ja, wegen der Alkohollizenzen. Denn wir haben auch ein Restaurant (A.d.R: Ilves, zu Deutsch: Luchs, genannt) und insgesamt sechs Biertheken.

Ihr habt nicht täglich geöffnet?

Nein. Wir haben etwa an 300 Tagen im Jahr geöffnet. Im Sommer ungefähr vier Tage die Woche, im Winter sechs. Wir sind ein 100% Livemusik-Club. Hauptsächlich für Rock-, aber auch für Metal-Acts oder HipHop-Bands.

... Hiphop-Bands?

DelaSoul waren beispielsweise hier.

... und sein kleiner Bruder

Tavastia

Die selbst entworfenen Leuchten

Und das Semifinal, quasi der kleine Bruder vom Tavastia?

Das Semifinal öffnete in den Neunzigern, also existiert es seit ungefähr zehn Jahren. Da spielen vor allem laute Rock'n'Roll-Gruppen und neue Bands.

Ist es ein Newcomer Club?

Nicht ganz. HIM haben da mal vor ein paar Jahren gespielt ...

Ein Geheimgig?

Nein, öffentlich. Die Jungs haben einen kleinen Club gebraucht – aber voll mit Leuten.

Manche Bands mach(t)en den Schritt vom Semifinal ins Tavastia. Welche?

Beispielsweise HIM. Deren erster Gig war im Semifinal, noch als »His Infernal Majesty«. Mit zwei Bässen, Schlagzeug und Ville hat gesungen.

Wie viele Leute passen hier rein?

Ins Semifinal ungefähr 130, ins Tavastia 800.

800? Dann ist das ja ruckzuck ausverkauft, gleich am ersten Tag ...

(Lacht) ... bei den »big names« sogar in einer Stunde.

Juhani Merimaa

Juhani: 25 Jahre Tavastia ...

Da gibt's dann keine Abendkasse?

Nein. Die gibt's nur, wenn die Show nicht ausverkauft ist. Bei HIMs Neujahr-Show geht das jetzt seit sechs Jahren so.

Das ist auch ein Sonderfall ...

... ja ein Klassiker. Da sind die Tickets in einer Stunde weg – und die Hälfte davon geht ins Ausland.

Die meisten nach Deutschland?

Ja viele. Aber auch einige in die USA oder nach Japan. Genau so schnell geht's bei Nightwish, wie bei deren Endkonzert der Welttournee in der Hartwall-Arena im Oktober.

Lange, dunkle Winter ...

Ist das Tavastia der erste Club für den du arbeitest?

Ja, seit '91, als wir ihn von der Studentenorganisation gemietet haben.

Weißt Du, welche Band als erstes hier gespielt hat?

(grübelt) ... hm ... ich passe. In den Siebzigern hat auf jeden Fall der junge Tom Waits hier gespielt. In der Blues-Richtung beispielsweise John Lee Hooker. Ja, und die Glamrocker Sweet.

(Pause) Wir wurden aber in den Neunzigern aktiver, da kamen mehr internationale Musiker. Sehr viele aus Schweden, wir haben hier auch schwedisches Radio. Kent, drei Finnen und zwei Schweden, sind hier sehr populär. Ebenso Opeth, The Ark, vielleicht noch die Hellacopters. Dann Norweger wie Turbonegro. Schwedische Bands gehen gerne nach Großbritannien oder Deutschland, aber auch zu uns nach Finnland. (Grinst) Das ist für sie am einfachsten.

(Pause) Finnland ist sehr rock-/metalorienteirt. In Schweden gibt's ein breiteres Spektrum. Die größten Namen aus Finnland gehen Richtung Metal: HIM, Nightwish, Children Of Bodom.

Warum?

Juhani Merimaa

... und immer noch Spaß dran

(Ohne mit der Wimper zu zucken) Lange, dunkle Winter.

Oh nein ...

(lacht) ... that's a joke. Die Metalszene kam erst in den Achtzigern auf. Als ich im Rockbusiness anfing, Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger war Metal keine große Sache. Aber ich denke, wir hatten schon damals die gleichen langen, dunklen Winter. (lacht).

Gibt's Lärmprobleme mit den Anwohnern?

Nein. Wir haben ein kluges Gebäude (fängt an zu skizzieren). Das Tavastia ist durch Bürogebäude und einen Studentenclub abgeriegelt ...

... also quasi umgeben von einer »Lärmschutzwand« aus Häusern?

Genau. Wir können zwar erst ab 16 Uhr anfangen, wegen den Büros, aber das reicht ... mit Soundcheck! Wir haben Glück, hier so zentral in der Innenstadt einen Rockclub zu haben. Und wir denken, die Eigentümer sind stolz drauf.

Tavastia

... und unpassend gekleidete Fans

Was ist das Erfolgsgeheimnis des Clubs?

Wir sind im Stadtzentrum, und wir haben eine lange Geschichte. In Stockholm beispielsweise ist's schwer einen Platz zu finden, sogar in London – ok, da gibt's nicht »das« Zentrum, sondern mehrere wie Soho, und so weiter.

Tavastia

Wie viele Knöpfe sind das denn?

(... und sicherlich ist der Erfolg auch ein bisschen Juhani zu verdanken.)
Tavastia ist der bekannteste Club in Finnland. Auch der größte?

Das Nosturi (A.d.R. ebenfalls in Helsinki) ist gleich groß. »Pakkahuone« in Tampere hat die doppelte Kapazität, aber das ist eine Halle und kein Club.

(Philosophisch) Bands, die in Klubs spielen, spielen wegen der Atmosphäre und des Publikums. Wenn du das große Geld verdienen willst, spielst du in Hallen.

(Pause) Viele Musiker hängen auch privat im Tavastia ab, bei Konzerten ... oder arbeiten sogar fürs Tavastia. Viele Eishockeyspieler sind auch hier, oder auf den Festivals, wie bei Tuska.

Auf dem Rundgang erblicke ich ein Metallgitter um das Mischpult im Semifinal ...

Das ist sicherer: (grinst) Es ist hoch genug, damit kein Bierglas seinen Weg drüber findet.

Wie auch das Mischpult im Tavastia, doch das hat noch mehr Extras, nämlich einen festgeklebten Zettel:

(Lachend) »4623 nappulaa« – den hat mal einer der Mischer drauf geklebt, weil es ihm zu doof war, ständig auf die Frage zu antworten: »Wie viel Knöpfe sind das denn?«

Wer stellt das Lichtsystem?

Wir haben alles da, nur manche Bands bringen was extra mit.

Anekdoten und Starallüren ...

Tavastia

Die Antwort des Mischers

Du hast in deiner Zeit hier sicher schon einiges mit euren Künstlern mitgemacht?

Es kam schon mal vor, dass Bands unser Catering nicht wollten und meinten, sie wollen lieber woanders was essen gehen. Wo sind sie hin? Um die Ecke ins Ilves (grinst) und haben doch aus unserer Küche gegessen.

(grübelt) Oder als Chirac die Atombombentests im Südpazifik veranlasste, da kamen US-Bands, die wollten jedes Wasser – außer Evian. Na ja, jetzt verkaufen wir finnisches Wasser. (A.d.R.: Im September 1995 wurden erneut Atomwaffentests auf dem Muroroa-Atoll durchgeführt. Frankreichs Präsident Jacques Chirac löste mit dieser Bekanntgabe eine weltweite Protestwelle aus.)

Dann gibt's Bands, die dürfen wir nicht ansprechen. Nur wenn Sie uns ansprechen, dürfen wir mit ihnen reden.

(AdR: Irgendwo muss das »wichtige Star-Dasein« ja anfangen ...)

Und dann wollen sie natürlich alle möglichen Auskünfte.
(grinst) Der Type O Negative-Sänger fragte als erstes: »Where's the next Gym?«

Gibt es noch Bands, die du gerne hier haben willst?

Hm, wir suchen immer nach neuen Bands aus Großbritannien oder USA. Aber die kommen eher nach Stockholm als nach Finnland. (lacht) Aber ich beklage mich nicht. Wir haben viele gute Bands in Finnland!

Welche großen Namen rockten schon hier?

Tavastia

»Alkoholsperre« für das Mischpult

Die Foo Fighters, Jamiroquai, Suede, Alice in Chains, Stone Temple Pilots um ein paar internationale Künstler zu nennen.

Und von den Finnen?

So gut wie alle. Der größte Name ist wohl HIM. (denkt nach) Vor 3 oder 4 Jahren hatten wir fast -30°C an Neujahr. Da draußen standen schon Stunden vorher Fans, die waren ... (grinst) nicht dem Wetter entsprechend angezogen. Die sind fast erfroren. Wir haben die dann in den Flur gelassen und »hot juice« ausgeschenkt.

(Pause) Dann natürlich Nightwish, Rasmus – die waren vielleicht gerade mal 15 Jahre, als sie zum ersten Mal hier waren. Aber sehr talentierte Jungs. Und Hanoi Rocks fingen hier an, im Tavastia, in den Achtzigern. Deren späterer Manager hat damals hier gearbeitet, Bands gebucht und so. Jetzt managt er HIM und Rasmus. (lacht) Du siehst: Jeder war mal im Tavastia, sogar Seppo.

Und mit diesen Worten verabschiedet sich der vielbeschäftigte Tavastia-Manager.
Paljon kiitoksia Juhanille!

© 2005 Nathalie Martin, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Nathalie Martin



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