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Teitur: Das allermutigste überhaupt

Ein Interview von Eva-Maria Vochazer

Da kommt einer vom Rand der musikalischen Weltkarte
und stellt die richtigen Fragen.

Teitur lebt zwar schon lange nicht mehr auf den Faröer Inseln,
aber den Blick von außen hat er sich bewahrt.

Teitur

Der Singer-Songwriter ist auf seinem zweiten englischprachigen Album »STAY UNDER THE STARS« als Künstler erwachsen geworden. Hat festen Boden unter den Füßen gewonnen. Eine Plattform gefunden, von der aus er zu Expeditionen ins Unbekannte aufbrechen kann. Teitur stellt hohe Ansprüche an sich selbst. Fragt nach. Reflektiert das eigene künstlerische Schaffen. Ist allein, ist unterwegs, trifft Gleichgesinnte. Und vor allem: Er beobachtet genau.

Teitur

Teitur – leicht abwesend

Dabei ist der junge Musiker überhaupt nicht verkopft oder introvertiert. Von mausgrauem Weltschmerz nichts zu spüren. Eher ist er auf angemehme Weise nachdenklich. Und dabei durchaus temperamentvoll und bisweilen auch sehr witzig. Von einer Grundneugier angetrieben.

Auf den ersten Blick wirkt Teitur ungelenk, zerknautscht und leicht abwesend. Dieser Eindruck täuscht ungemein. Spätestens nach einem genauen Blick in die hellwachen, intelligenten grauen Augen ist klar, dass dieser Musiker sehr genau weiß, wer er ist und was er will.

Unter einem altrosa Abendhimmel rattern die Züge hinter dem Berliner Postbahnhof vorbei. Beste Voraussetzungen für ein intensives und überraschendes Gespräch, das Eva-Maria Vochazer am ersten Abend der Musikmesse Popkomm mit Teitur führte.

Musizieren wie ein Barock-Ensemble

Dein neues Album »STAY UNDER THE STARS« klingt heiterer als der Vorgänger »POETRY AND AEROPLANES«. Siehst Du das auch so?

Ja, ich denke, dass es verspielter ist. Es lässt diese Spannung heraus, die manchmal vorhanden war. Das Album vermittelt eine Ahnung von Spass und Gefahr, was gut ist ...

Spass und Gefahr? Kannst Du das genauer erklären?

Ich wollte vor allem ein Album machen, bei dem du nicht genau weißt, was als nächstes passieren wird. Du hörst einen Song, und der nächste ist völlig anders. Ich habe viel Zeit damit verbracht, die richtigen Songs zu finden. Für mich war auch die Ansatz wichtig, wie wir die Songs aufgenommen haben. Ich wollte eine Live-Atmosphäre schaffen. Es wurde alles live aufgenommen,

Oh, tatsächlich? Ich dachte, dass nur das sehr emotional berührende »Great Balls Of Fire«-Cover live eingespielt wurde.

Ja, natürlich. Aber tatsächlich ist das ganze Album live aufgenommen worden ...

Die schwedische Band Logh hat übrigens den gleichen Ansatz wie Du. Sie haben ihr letztes Album » A SUNSET PANORAMA« mehr oder weniger an einem Tag im Studio aufgenommen ...

Ich kenne Logh zwar nicht, aber ich habe im Grunde genau die gleiche Herangehensweise. Wir hatten ein Streicher-Quartett und meine Band dabei und haben das Album in zwei verschiedenen Abschnitten aufgenommen. Die Rohaufnahmen sind innerhalb von sechs Tagen entstanden.

Ich habe dann aber viel Zeit damit verbracht, einige Kleinigkeiten hinzuzufügen. Unser Ziel war es, dass alle beteiligten Musiker gemeinsam spielen. Bei meinem ersten Album war das nicht so. Da habe ich einen Track mit der Gitarre oder dem Klavier und den Vocals aufgenommen, und dann haben wir alle anderen Instrumente darüber gelegt. Aber dieses Mal war es eine Sache, die wir gemeinsam gemacht haben, also mehr wie ein Barock-Ensemble, weißt Du, wenn man im Halbkreis aufgereiht ist. Es war wirklich ein bisschen so! (lacht).

Dann magst Du also Barockmusik?

Ja, wirklich! (lacht vergnügt). Auch Kammermusik generell.

Teitur

Musik muss mich emotiomal berühren

Bist Du an Dein zweites Album entspannter herangegangen? Hat das mit Deiner persönlichen Entwicklung als Künstler zu tun?

Ja, ich glaube, dass ich jetzt als Künstler Verantwortung übernommen habe. Früher war ich sehr schüchtern, wenn es überhaupt darum ging, als Musiker aufzutreten. Ich habe sogar mit geschlossenen Augen gesungen und war sehr zurückhaltend. (lacht). Aber inzwischen bin ich so oft live aufgetreten ...

Musikmachen ist eine soziale Aktivität

Dein Tourplan ist seit geraumer Zeit ziemlich dicht ...

Ja, stimmt. Ich glaube, dass ich im ersten Jahr auf Tour rund 250 Konzerte gegeben habe. Für mich war das eine enorme Veränderungsprozess, auch in der Art und Weise, wie ich Musik wahrgenommen und wie ich Musik gespielt habe.

Zu Beginn bist Du ganz allein auf der Bühne gestanden?

Ja, während des ersten halben Jahres. Inzwischen bin ich mit verschiedenen Begleitmusikern aufgetreten. Aber diese Erfahrung der vielen Live-Konzerte haben mein Selbstvertrauen in positiver Form verändert. Ich glaube, dass Musikmachen eine soziale Aktivität ist. Es ist eine Form der Kommunikation. Du erschaffst mit der Musik Gefühle, die Du nicht in Worten ausdrücken kannst. Und dafür musst Du eine Umgebung schaffen, wo diese Dinge geschehen können..

Was ist für Dich als Künstler wichtiger – eine Geschichte zu erzählen oder eine Erfahrung so intensiv wie möglich in Musik auszudrücken?

Teitur

Früher war ich sehr schüchtern

(Teitur überlegt konzentriert.) Es ist für mich beides. Beides gehört zusammen. Ich glaube, dass jeder Song oder jedes Kunstwerk eine Verantwortung hat, die Art und Weise zu verändern, wie Menschen fühlen. Wenn Zuschauer ins Kino gehen, sollten sich ihre Gefühle verändert haben, wenn sie das Theater verlassen.

Es ist genau der gleiche Prozess, wenn ich Musik höre. Ich möchte verführt werden. Eine Ahnung davon haben, dass ich eine Erfahrung durchlebt habe. Es ist vielleicht auch eine Sache der Intensität. Du musst die Kontrolle über die Zuhörer übernehmen. Du musst als Künstler diese Kontrolle auch einfordern.

Was nicht einfach ist ...

(Leidenschaftlich:) Natürlich nicht! Aber ich bin nicht an Musik interessiert, die mich nicht berührt. Ich will, das mich Musik emotional berührt! Dass ist genau meine Definition guter Musik! Wenn Du zum Beispiel eine gute Idee hast oder etwas interessant ist oder Du es magst, wie sich eine Sache entwickelt – dann bist für diese Dinge unglaublich aufgeschlossen, wenn Du Musik hörst ...

Bist Du sicher? Ich bin nicht sonderlich aufgeschlossen, wenn ich schlechte Musik höre ...

Oh, ich betrachte schlechte Musik überhaupt nicht als Musik! (grinst). Vielleicht sollte ich es so erklären: Jedes Mal, wenn Du auf ein Konzert gehst, hast Du immer die kleine Hoffnung, dass es vielleicht die beste Musik sein wird, die Du jemals gehört hast! Die kleine Erwartung, dass dies tatsächlich passieren könnte.

Der Hörer ist dafür offen. Man sollte dies als Künstler nicht unterschätzen. Du solltest als Künstler dazu bereit sein, Deine Zuhörer dorthin mitzunehmen, wo sie noch niemals vorher gewesen sind. Man sollte die Hörer wirklich nicht so unterschätzen! Schlechte Musik macht das aber! (lacht).

Dein neues Album hat übrigens eine ganz starke klassische Unterströmung, was das Songwriting betrifft. Siehst Du das auch so?

Ich weiß nicht. Vielleicht entsteht dieser Eindruck, weil ich eine ganz starke musikalische Sprache und Harmonie entwickeln wollte. Ich bin nicht sonderlich an Songs interessiert, die allein aus dem Ausdrucksvermögen des Künstlers allein entstehen, ich nenne das performance, verstehst Du? (lacht und sucht nach Worten). Manche Songs wirken nur als performance – weil jemand ganz wundervoll singt oder auf eine ganz eigene Weise Gitarre spielt. Für mich ist das aber nur Ausdruck. Es ist nicht notwendigerweise ein Stoff.

Wenn ich neues Material erarbeite, stelle ich für mich selbst zunächst grundsätzlich klar, dass ich mich von der performance distanziere. Ich frage mich: Was ist das? Was sind die Akkorde? Was ist die Melodie? Was will ich damit ausdrücken? Und ich glaube, dass während dieses Prozesses etwas passiert.

Es wird wie ein Legospiel. Für mich ist das sehr wichtig. Ich will etwas architektonisch aufbauen. Ich finde, es sollte etwas entstehen, dass Bestand hat. Etwas, mit dem man in den Kampf ziehen kann.

Keine Angst vor hohen Ansprüchen

Teitur

Eine Sache der Intensität

Ist es nicht manchmal schwierig, sich so hohe Vorgaben zu setzen? Du verlangst sehr viel von Dir.

Hmm (windet sich ein bisschen). Klar. Sicher verlange ich viel von mir. Aber das ist es doch. Das ist der Sinn. Das ist das Wesentliche. Das ist es doch, was jeder erreichen will. Man sollte das tun. Wenn Du Deine hohen Ansprüche erfüllen kannst, bist Du glücklich. Und ich glaube auch, dass es das Allermutigste überhaupt ist, das zu versuchen.

Manche Künstler versuchen, Musik zu machen, indem sie mit ihren Gedanken auf Reise gehen. Und sie wollen ein kleines, ganz weit entferntes Licht finden. Und sie wollen dieses Licht jedes Mal zeigen, wenn sie auftreten. Ich finde das falsch. Das ist Gedankenmusik. Sie kommt nicht aus dem Herzen. Ich glaube, dass Du etwas aufbauen und mit Dir tragen musst. So sehe ich das. Vielleicht klingen meine Songs deshalb manchmal ein wenig klassisch (lacht).

Kommen wir mal zu den Wörtern. Glaubst Du, dass jeder gute Singer-Songwriter im Grunde seines Herzens auch ein Dichter ist?

Jaaaah, das denke ich tatsächlich. Es gibt aber sehr wenige Singer-Songwriter, die auch wirklich gute Dichter sind ...

Wer zum Beispiel?

Leonard Cohen zum Beispiel. Er wird von Worten getrieben. Er ist ein Dichter. Im Gegensatz dazu: Bruce Springsteen ist kein Dichter. (lacht).

Du nennst übrigens unter den Künstlern, die Dich beeinflusst haben, die hierzulande recht wenig bekannte US-Band American Music Club und ihren sehr dem Archetyp des Baudelaire'schen Poet Maudit entsprechenden Sänger Mark Eitzel ...

Teitur

Schlechte Musik ist keine Musik

(Begeistert:) Ja, Mark Eitzel hat mich sehr stark inspiriert. Als ich gerade ganz frisch von den Faröern nach Kopenhagen gezogen war, habe ich Eitzel in einem kleinen Club gesehen. Das hat mich verändert ... das hat etwas in mir ausgelöst.

Eitzel ist ein großer Schmerzensmann ...

Ja, stimmt, er ist sehr selbstzerstörerisch. Ja, Mark Eitzel ist auch ein Dichter. Ich weiß nicht, warum ich von ihm so angezogen war ... vielleicht, weil es sein Auftritt so echt und überhaupt nicht künstlich war.

Ich habe Eitzel auf einem Konzert in Berlin gesehen, das er abgebrochen hat – weil eine Frau im Publikum an der falschen Stelle laut gelacht hat ...

(Lächelnd:) Das ist schon ziemlich spacy! Man muss aber natürlich auch respektieren, wenn andere beim Musikmachen eine andere Perspektive einnehmen als man selbst. Es bedeutet nicht exakt das Gleiche für alle. Wenn Du ein Stück aufgenommen und veröffentlicht hast, gehört es nicht mehr Dir.

Ich werde von den Wörtern angetrieben

Siehst Du Dich also selbst auch in der Tradition der Singer-Songwriter-Dichter?

Ja. Ich werde definitiv von Wörtern angetrieben. Ich würde niemals einen Song singen wegen der Art, wie die Wörter klingen. Ich möchte etwas zu sagen haben.

Aber Du hast Dich bei deinem zweiten Album auch sehr stark auf die Arrangements konzentriert.

Teitur

Ich will etwas architektonisch aufbauen

Ja, absolut. Das kommt sicher auch daher, dass ich so hin- und hergerissen bin. Zwischen denen, die nur die die Wörter schreiben können, aber keine eigene musikalische Sprache entwickeln. Und den anderen, die sich allein auf die Musik konzentrieren und dabei die Wörter nur als Illustrationen verwenden und nicht notwendigerweise als Grundlage für eine vollständige Geschichte. Ich bewege mich auf beiden Ebenen. Für mich ist es wichtig, diese beiden verschiedenen Welten zusammenzubringen.

Bei den Arrangements zeigst Du auch eine größere Vielfalt – bei den Streichern, auf dem Klavier ...

Das stimmt. Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich mit meiner ersten Veröffentlichung ein sehr sicheres Album machen wollte, um es als Plattform benutzen zu können. Jetzt kann ich mir erlauben, einfach zu sein wie ... (ringt nach Worten)

... wie Du selbst?

Ja, wie ich selbst zu sein und von dort aus aufzubrechen. (lacht).

Unterwegs zu sein ist ja auch ein großes Thema auf »STAY UNDER THE STARS«.

Richtig. Andererseits bist Du ja immer unterwegs. Musiker sind sowieso ständig in Bewegung. Die Definition des Lebens ist Bewegung.

Das klingt wie ein Zitat des Schriftstellers Bruce Chatwin, der meint, dass allem Menschen von Natur her Nomaden sind ...

(Überrascht:) Ja. Aber es stimmt. Wenn etwa eine Pflanze nicht wächst, dann stirbt sie. Und bei Menschen ist es das Gleiche. Wenn Du Dich nicht mehr bewegst, dann stirbst Du. Als Musiker bist Du häufig unterwegs.

Ich finde das einen faszinierenden Gedanken, dass Du als Musiker, der live auftritt, ständig physisch in anderen Städten präsent sein musst. Ich finde das eine sehr schöne Vorstellung. Das macht Dich sehr menschlich. Es mag ziemlich unmenschlich klingen, so viel zu reisen zu müssen, aber tatsächlich ist es so: Wenn Du Deine Musik wirst, dann musst Du Dich bewegen, um sie mit anderem zu teilen. Das ist wunderschön.

Ich mag es, jemand anderes zu sein

Teitur

Musiker sind ständig in Bewegung

Du schreibst sehr eindringliche Liebeslieder. Sind Liebe und Partnerschaft für Dich Grundthemen eines jeden Singer-Songwriters?

Ich sehe das so: Die Songs die gut sind. Songs, die bleiben. Songs, die du immer wieder spielst – das sind die Songs, die wahrhaftig sind und die Dich inspirieren und die einfach lebendig sind. Oft handeln sie von Dingen, auf die Du Dich ganz einfach beziehen kannst – wie Geschehnisse aus Deiner Kindheit. Auf die gleiche unmittelbare Weise kannst Du auch über jemanden reden, den Du nicht magst, jemanden, den Du hasst. Das wird sofort sehr greifbar für Dich.

Und Liebe und Beziehungen, das ist auch so ... das ist einer der am einfachsten zugänglichen Orte, an dem Du Dich als Schreibender bewegen kannst. Jeder, der sich leidenschaftlich mit dem Schreiben beschäftigt, geht an diesen Ort. Ich wäre mit Sicherheit kein Autor geworden, ohne zu beschreiben, was ich zum Thema Liebe fühle (lacht). Das bedeutet so viel.

Aber ich schreibe hauptsächlich über Menschen im Allgemeinen ... und manchmal versetze ich mich gerne in die Gedankenwelt anderer Leute. Ich mag es, jemand anderes zu sein! Viele Songs auf dem Album handeln davon. Wie der Song von dem Mann, der das Karussell betreibt, also »I Run The Carousel«. Oder »Waiting For Mars«, das handelt von einem Astronomen ... viele Songs auf dem Album funktionieren aus dieser Perspektive.

Ich glaube, dass jeder von uns unglaublich alleine ist. Und einzigartig. Um wirklich herauszufinden, wer Du wirklich bist, musst lernen, dass Du einzigartig bist. Deswegen bist Du allein. Niemand ist wie Du. Und trotzdem bist Du ein soziales Wesen. Aber, grundsätzlich: Wenn Du wirklich Du selbst sein willst und nicht jemand, der vorgibt, wie alle anderen zu sein, dann bist Du unglaublich allein. Das ist traurig. Aber zu lernen, Dir gegenüber ehrlich und loyal zu sein, das ist eines der schwierigsten Dinge im Leben überhaupt. Du musst die anderen respektieren, aber trotzdem Dir gegenüber selbst wahrhaftig bleiben.

Great Balls Of Fire in Moll

Einer der emotional berührendsten Songs auf dem Album ist das Cover von »Great Balls Of »Fire«. Das Hören tut fast schon weh. Hast Du das bewusst beabsichtigt?

Ja, ich wollte, dass der Song sehr brutal ist. (lacht verschmitzt).

Teitur

Jeder von uns ist alleine

Wie bist Du ausgerechnet auf Jerry Lee Lewis gekommen?

»Great Balls Of Fire« war einer meiner Lieblingssongs, als ich klein war. Der Song hat mich immer sehr glücklich gemacht. Es ist einer dieser Songs, der diese besondere Qualität hat: Du willst dazu tanzen oder wie wild herumrennen. Er hat eine unglaublich starke Energie. Ich war von dieser Aufnahme schon immer völlig fasziniert.

Man kann unglaublich traurige Lyrics schreiben – wenn der Interpret den Song auf eine lebhafte Weise vorträgst, wirkt das völlig anders. Das ist das schon fast schizophren. Für mich ist das extrem interessant: Wenn die Lyrics in Moll geschrieben sind, aber die Akkorde in Dur – wie zum Beispiel »Luka« von Suzanne Vega – dann wirkt das Ergebnis sehr kraftvoll. Oberflächlich sind es angenehme, harmlose Harmonien. Aber tatsächlich geht es in dem Song um häusliche Gewalt.

Ich habe Songs über Wahnsinn, über Schizophrenie geschrieben. Ich habe das geschrieben (summt eine harmlose Tonfolge, die an Frère Jacques erinnert), und mir sind einige Wörter durch den Kopf gegangen. Und dann habe ich mich plötzlich an »Great Balls of Fire« erinnert: »You shake my nerves, and you rattle my brain« ... und ich dachte: Das ist genau das, was ich unter Wahnsinn verstehe. Und dann sagte ich mir: Wenn ich den Song in Moll statt in Dur spiele und alles verlangsame, vielleicht liegt darin die ureigene Kraft des Songs. Die den Kern des Songs erfasst (lacht). Wenn Du den Song wie Jerry Lee Lewis mit 200 Stundenkilometern spielst, ist das natürlich eine andere Sache.

Ich finde es unglauhlich faszinierend, Songs einfach in Moll statt in Dur zu spielen. Songs, die völlig dämlich sind, wie zum Beispiel »The Final Countdown« von Europe. Wenn Du den in Moll spielen würdest, hätte der sich nicht bis zum heutigen Tag gehalten (lacht).

Den Ball nach oben werfen

Teitur

Sinnieren über Dur und Moll

Jetzt haben wir lang und breit über Gefühlstiefen und Lebensphilosphie geredet – Du zeigst auf »STAY UNDER THE STARS« auch Deine entspannte, spaßige Seite, fast ein bisschen wie Adam Green, aber ohne dessen kleine Gemeinheiten und Schweinereien..

Stimmt (lacht).

Ich kann mir schlecht vorstellen, dass Du insgeheim ein Fiesling bist :-)

Keine Ahnung (schmunzelt). Aber klar gehört es zur Kreavität, dass Du den Ball einfach nach oben wirfst und abwartest, was passiert. Du kannst den Ball nicht die ganze Zeit nur in der Hand halten. (lacht).

Ganz zum Schluss: Die dänische Rock- und Popszene ist im Moment sehr aktiv, sehr kreativ und rückt auch international mehr in den Fokus. Siehst Du das auch so?

Ich erinnere mich noch lebhaft an die Zeit, als ich von den Faröer Inseln nach Dänemark kam, um dort zur Schule zu gehen. Zu dieser Zeit war es noch furchtbar. Du kannst Dir das so vorstellen, wie ich es Dir vorhin beschrieben habe: Die dänischen Bands haben das Publikum unterschätzt. Sie haben die Musik nur für sich selbst gespielt. Musik, von der sie annahmen, dass sie cool ist. Und viele waren Musikstudenten die dachten, dass sie schon alles über Musik wissen. Sie haben niemals sich selbst als Ausgangspunkt gesehen. Und auch die Plattenfirmen haben sich nie groß um dieses Thema gekümmert.

Teitur

Von Wörtern angetrieben

Das Label, das diese Situation endlich verändert hat, heißt Crunchy Frog Recordings. (Anmerkung der Redaktion: Dort sind Bands wie EPO-555 und The Mopeds unter Vertrag). Crunchy Frog hat damit begonnen, Bands wie die Raveonettes und Junior Senior herauszubringen. Was eigentlich passiert ist, ist folgendes: Die Musiker haben die Kontrolle darüber übernommen, was sie machen wollten. Es gibt im Moment viele interessante Bands in Dänemark.

Welche würdest Du persönlich nennen?

Ich glaube, dass Mew sehr interessant sind. Die haben ihren eigenen Stil entwickelt. Und dann gibt es eine junge Band, die ich sehr mag, die heißt I Got You On Tape. Die sind unglaublich cool. Die Band steht noch völlig am Anfang. Sie spielen Lo-Fi, sehr intelligente Musik. Mit elektrischen Gitarren. So wie Sonic Youth, aber ohne die Verzerrer-Effekte. Und sie sind daneben noch sehr gute Musiker, und das scheint ganz deutlich durch. Diese Band unterschätzt ihr Publikum ganz bestimmt nicht! (lacht).

Ein guter Abschlusssatz! Vielen Dank für das anregende Gespräch und viel Erfolg auf Deiner Tour noch!

Biographisches:


Teitur Lassen wird 1977 auf den Färöer Inseln geboren. Als junger Mann zieht er 1994 mit seinen Eltern nach Holstebro auf dem dänischen Festland. 2002 verlässt er Europa für zwei Jahre in Richtung New York, wo er zwar nie ein eigenes Appartement bezieht, aber dennoch immer irgendwo unterkommt.

Beeinflusst vom Geschmack eines Färinger Radio-DJs – Teitur wächst ohne Fernseher auf –, beginnt sich der Sänger, Pianist und Gitarrist für so unterschiedliche Musiker wie Steve Reich, Kim Gordon, Miles Davis, John Coltrane, Bob Dylan und Leonard Cohen zu interessieren. Vor allem den Einfluss Cohens kann man in Teiturs neuem, seinem vierten Album »Stay Under The Stars« heraushören.

Zwei Anfang des Jahrtausends aufgenommene Alben erscheinen noch auf färöisch, der Sprache der Färöer Inseln. Im Jahre 2003 veröffentlicht er sein erstes englischsprachiges Album »Poetry & Airplanes«, das von Rupert Hine produziert wird.

© 2005 Eva-Maria Vochazer, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Teitur/Edel



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