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Tenhi - Auf zu neuen Ufern

Ein Interview von Marco Pütz

Finnland ist ein weites Land, ein karges Land, dunkles Land – zumindest im Klischeedenken. Es erstaunt daher nicht, dass finnischer Musik häufig etwas Weites, Dunkles und Karges anhaftet.

Wie kaum ein Musiker versteht es Tyko Saarikko, Kopf der Band Tenhi, sein weites, dunkles und karges Finnland stimmungsvoll zu vertonen. Damit er sich seiner Passion noch intensiver widmen kann, gründete er gemeinsam mit seinem Freund und Bandmitstreiter Ilmari Issakainen die UTU-Studios und schuf sich damit die denkbar beste Plattform, um kompromissfrei neue Projekte zu verwirklichen.

Tenhi

Altes Leid, neues Lied

Tenhi

Ein karges, dunkles Land?


Als eines der ersten Projekte erschien das Album »AIRUT:AAMUJEN«, für das eine Gruppe namens Harmaa verantwortlich zeichnet. Versierte Tenhi-Hörer mögen bei dem Titel stutzen – hieß doch ein früheres Album der Band »AIRUT:CIWI«. Und nicht nur der Titel erinnert an die Finnen. Auch die Besetzungsliste liest sich wie von einem Tenhi-Album.

Aber was steckt dahinter? Warum eine neue Band, wenn doch die Parallelen zu der Mutterformation so offensichtlich sind? »Anders als bei den Tenhi-Platten suchten wir auf »AIRUT:AAMUJEN« einen direkteren Zugang zu unseren Hörern«, erklärt Saarikko. »Unser Anliegen war es, einfacher, persönlicher und intimer zu werden. Zugleich ist »AIRUT:AAMUJEN« sehr vielschichtig ausgefallen, tiefer, aber auch schmutziger.«

Tenhi

Tyko Saarikko

Die musikalische Umsetzung blieb davon nicht unberührt. Während bei Tenhi die traditionellen Instrumente wie akustische Gitarren, Violinen oder auch Maultrommeln dominieren, setzt man nun auf klassisches Pianospiel, das nur dezent um Schlagzeug und Bass ergänzt wird. Zudem wird Tyko Saarikko durch die Sängerin Janina Lehto unterstützt, deren fragil-helle Stimme im Kontrast zu Saarikkos tiefem Gesang steht und ihm ganz neue Seiten abgewinnt.

Doch es ist nicht nur die Offenheit gegenüber neuen musikalischen Impulsen. Vor allem die Absicht, von Album zu Album die Besetzung zu ändern, ist Beleg dafür, dass man sich von Tenhi unterscheiden möchte. »Auch wenn Ilmari und ich für die Kompositionen verantwortlich bleiben, sollen sich die anderen Musiker kreativ einbringen. Unsere Aufgabe ist es sozusagen, die Ideen zu filtern und in das richtige Format zu bringen.«

Ein hohes Maß an Eigenständigkeit und Unabhängigkeit sind dabei unabdingbar. Und um beides gewährleisten zu können, produziert man nun im eigenen Studio.

Introspektion statt Zivilisationskritik

Tenhi

Tenhis »Homebase«


Die Handschrift der Herren Saarikko und Issakainen bleibt demnach unverkennbar. Wie schon bei den Tenhi-Alben »KAUAN« und »VÄRE« stehen Zerrissenheit und Entrückung, Sehnsucht und Einsamkeit im Vordergrund des künstlerischen Schaffens.

Die Lieder handeln von der Natur, von der menschlichen Entfremdung und vom Streben nach Harmonie und Einklang. Saarikko: »Die Kritik ist zwischen den Zeilen zu finden. Ich gehörte nie einer Religion an, doch weiß ich die Werte heidnischer Glaubensrichtungen zu schätzen, die die Natur als Ursprung des Seins betrachten. Dem Menschen fällt es in der heutigen Zeit schwerer, sich mit einer bestimmten Sache zu identifizieren, einem bestimmten Weg zu folgen.«

Die Musik will sich demnach als Introspektion verstanden wissen, die eher Gefühlen, Ängsten und Sehnsüchten Ausdruck verleiht, als belehrend oder gar moralisierend zu wirken.

Tenhi

Es fehlt an Visionären

Obwohl Saarikko die Musikszene inner- und außerhalb Skandinaviens ziemlich genau verfolgt, sieht er ihren Einfluss auf das eigene Schaffen eher begrenzt. »Ich höre für gewöhnlich Musik, die mit unserer nicht allzu viel gemein hat. Zuweilen kommt es allerdings vor, dass das Spiel bestimmter Musiker meine Aufmerksamkeit erregt und ich mich davon inspirieren lasse.«

Dem starken medialen Interesse an skandinavischen Bands und Künstlern steht er zwiespältig gegenüber. »Skandinavien ist zu einer festen Größe im Musikbusiness geworden. Das ist großartig, vor allem wenn man bedenkt, wie wenig Menschen in den skandinavischen Ländern leben.« Dennoch bleibt Tyko Saarikko skeptisch. Und das ist durchaus verständlich. Beinahe täglich, so scheint es, formieren sich junge Menschen zu neuen Bands, die schon kurze Zeit später als die ultimativen Geheimtipps gehandelt werden.

Hauptsächlich im Metal-Sektor hat sich Skandinavien zu einer festen Größe entwickelt. In diesem Erfolg spiegelt sich aber auch Stillstand wider. »Durchaus talentierte Bands klingen häufig lahm und einfallslos. Es fehlt an Visionären. Insbesondere bei den Produzenten lässt sich häufig Engstirnigkeit feststellen. Kaum jemand, der sich traut, etwas Neues und Innovatives zu machen. Alles ist irgendwie kalkuliert.«

Tenhi

Keine Musik für die Massen


Tenhi

Kreatives Studio-Chaos

Solcherlei Kalkül lässt sich wohl problemlos auf die gesamte Musikindustrie übertragen. Musiker werden in vorhandene Schablonen gepresst, um sie für den Markt glatter, für den potenziellen Käufer fassbarer zu machen. Selbiges Schicksal erfuhren in gewisser Weise auch Tenhi, als sie – vor allem in Deutschland – mit dem Stigma »Gothic« respektive »Neofolk« versehen und von der Schwarzen Szene in Beschlag genommen wurden: »Auch wenn ich nicht wüsste, welche andere Musikrichtung uns näher stünde, wollen wir nicht mit der Schwarzen Szene gleichgesetzt werden. Wir würden es sehr schätzen, wenn auch Leute außerhalb der Szene unsere Platten für sich entdecken, einen Zugang zu unserer Musik finden würden. Unsere Musik lässt sich keiner bestimmten Kategorie zuordnen. Jeder muss selbst herausfinden, ob sie etwas für ihn ist.«

Saarikko bleibt seiner Linie treu. Kompromisse, die auf Kosten der Eigenständigkeit gehen, werden tunlichst vermieden. Dazu gehört auch, dass die Kompositionen in der finnischen Muttersprache vorgetragen werden. Erfolgreich oder gar massenkompatibel zu sein, wofür die englische Sprache beinahe Voraussetzung wäre, hat keine Priorität. »Würden wir auf Englisch singen, da bin ich mir sicher, wäre alles ein wenig anders.« Hinter der Entscheidung, die Lieder in der sperrigen Heimatsprache zu verfassen, liegt jedoch mehr als das Bestreben, sich mit aller Kraft von anderen Musikern abheben zu wollen.

Tenhi

Neofolk -Etikett unerwünscht

Die Sprachwahl ist essenziell für sein Anliegen, Finnland in ein angemessenes musikalisches Gewand zu kleiden. »Meine Begeisterung für Finnland wächst mit jedem Tag; die Natur in Finnland ist unerschöpfliche Inspirationsquelle. Die Musik kann jedoch nicht all das ausdrücken, was wir mit Finnland verbinden. Die Gedanken, Ideen und Gefühle sind weitaus komplexer.« Sich künstlerisch weiterzuentwickeln, Visionen zu folgen, Grenzen auszuloten und gegebenenfalls zu überschreiten – all das sind die Dinge, für die es sich laut Saarikko lohnt, auf den schnellen Erfolg zu verzichten.

Man kann also gespannt sein, was die Zukunft noch bringen wird. Während dieses Interview arbeiteten Saarikko und Issakainen mit Hochdruck am neuen Tenhi-Album, das im Februar 2006 erschien. Im Anschluss soll eine Tournee folgen – die erste seit knapp drei Jahren. Aber auch das Schaffen in den eigenen UTU-Studios soll voranschreiten. Es gibt noch viel zu tun, die Möglichkeiten sind bei weitem noch nicht alle ausgeschöpft.

© Marco Pütz,
Foto-Credits: Tenhi

DISCOGRAFIE

Tenhi

1998

Hallavadet (MCD)

1999

Kauan

2000

Airut:Ciwi (MCD)

2002 Väre

Harmaa

2004

Airut: Aamujen



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