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Terje Isungset: Iglu-Musik

Ein Interview von Peter Bickel

Als der norwegische Perkussionist 2003 seine erste Eis-CD veröffentlichte, war Nordische Musik eines der ersten Magazine, das über diesen ungewöhnlichen Musiker berichtete.

Auch beim Nachfolge-Album hatten wir wieder die Nase vorn.

Terje Isungset: Photo: Bard Loken

Gen Norden

Terje Isungset, Photo: Casper Tybjerg

Das mikrophonierte Iceophon


Das Timing passt perfekt: Ich halte mich im Februar 2004 zufällig für vier Wochen in Nordschweden auf, um für die Zeitschrift NORDIS eine Reportage über einen praxisnahen »Outdoor-Erste-Hilfe-Kurs« zu schreiben, der unter Extrembedingungen auf dem abgelegenen Rentierhof Solberget stattfindet.

Da erfahre ich, dass Terje Isungset abermals eine CD im Eishotel bei Jukkasjärvi aufnehmen wird. Die Distanz von Solberget zum Eishotel beträgt 200 Kilometer – das ist zu schaffen. Per E-Mail vereinbaren wir einen Treffpunkt; Terje gibt mir per SMS die letzten Weg-Instruktionen.

Und so schieße ich am Vormittag noch Fotos von den Kursteilnehmern auf Solberget, die auf Skiern in unberührter Natur den Polarkreis überschreiten, um kurz darauf über stark vereiste und kurvige, von meterhohen Schneewällen gesäumte Nebenstraßen 200 Kilometer gen Norden zu brausen, immer auf der Hut vor abrupt auf die Straße springenden Rentieren.

Eigentlich verwundert es nicht, dass man sich unter solchen Bedingungen verspätet. Wobei der Hauptgrund für die verpasste Verabredung der ist, dass die Aufnahmen diesmal nicht im eigentlichen Eishotel stattfindet, sondern in dem einige Kilometer südlich liegenden Eis-Iglu, das in diesem jar außerplanmäßig gebaut wurden: Ein polnischer Rockstar feierte seine Hochzeit im Eishotel und ließ diesen gewltigen Schneebau mit insgesamt 32 Räumen für seine Hochzeitsgäste fertigen.

Terje Isungset, Photo: Casper Tybjerg

Vorarbeit mit der Motorsäge

Drei dieser Räume nutzte Terje Isungset für seine CD-Aufnahme – einen als Kontrollraum für die Technik von Tor Magne Hallibakken, einen als Aufnahmeraum für seine Begleiterin Sidsel Endresen und einen als Aufnahmeram für seine eigenen Eisinstrumente.

Im Igloo


In diesem Raum nun also treffen wir uns zum Gespräch – zu spät wie gesagt, aber Terje ist noch da. Die Aufnahmen sind abgeschlossen; Sidsel Endresen ist bereits abgereist: »Sidsel ist seit meiner Kindheit eine meiner Lieblingssängerinnen«, erzählt Terje. »Ich habe sie gefragt, und sie hat spontan zugesagt.« Er ist mit dem Abbau des Instrumentariums beschäftigt.

Im Innern des Igloos ist es sehr viel wärmer als außerhalb. Die Sonne ist untergegangen, und während in den letzten Tagen eine absolut ungewöhnliche Wärmeperiode von etlichen Plusgraden über Nordschweden lag, habe ich eben auf dem Weg zum Iglu eine Temperatur von -25 Grad gemessen.

Meinen Aufnahme-Walkman hatte ich in der Innentasche meiner Daunenjacke aufbewahrt, in der Hoffnung, dass das Gerät dadurch für die Dauer des Interviews betriebsfähig bleibt. Eine Hoffnung, die sich schnell verflüchtigt: Obwohl in Terjs winzigem Aufnahmeraum – er misst etwa drei mal drei Meter – nur etwa minus 10 Grad herrschen, halten die neuen Batterien nicht lange durch.

Terje Isungset, Photo: Casper Tybjerg

Ice-Sticks mit Spezial-Mikrofonen

Also notiere ich das Gespräch hinterher aus der Erinnerung, auf Papier und mit einem Spezial-Kugelschreiber, der auch bei diesen Temperaturen noch problemlos funktioniert.

Rückblick

Zwei Jahre lang liegen meine Aufzeichnungen in der Schublade, denn ich wollte das Interview erst veröffentlichen, wenn die CD erscheint, deren Aufnahme-Ende ich beim Interview miterlebt hatte.

Ursprünglich sollte die CD im November 2004 erscheinen, aber es zog sich dann doch bis zum Januar 2006 hin, bis Terje Isungset »IGLOO« zeitgleich zum weltweit ersten Eisfestival im norwegischen Wintersportort Geilo veröffentlichte, wo er selbst eine der Haupt-Konzertattraktionen war.

Warum sein eigenes Label? Es scheint, als sei das Label für die erste Eis-CD, Bugge Wesseltofts »Jazzland«, nicht mehr die rechte Heimat gewesen für diese doch sehr spezielle Musik. Terje Isungset gründete daraufhin »All Ice Records«, auf dem pro Jahr mindestens eine CD mit Eismusik erscheinen soll; die dadurch gewonnen Freiheiten nutzte er konsequent: Das teils mit transparentem Papier und stimmungsvollen Eisfotos gestaltete Booklet und ein zusätzlicher durchsichtiger Schuber mit transparenten Eisformen bildern die denkbar beste Verpackung für seine Eismusik.

Wie auch immer: Nun also ist die Zeit reif für die Veröffentlichung des Gesprächs, das wir zwei Jahre zuvor führten, im Iglu des Jukkasjärvi Eishotel, neben dem imposasnten Eis-Drumset stehend, das der Norweger selbst mit Kettensägen und japanischen Messern gebaut und auf die Aufnahme benutzt hatte.


Terje Isungset & Sidsel Endresen: Photo: Jan Magnus Reneflot

Ictruments live und im Studio

Terje Isungset, Photo: Peter Bickel

Die Iceharp


Seine »Icetruments« für die »IGLOO«-Aufnahme hatte Terje Isungset aus einem Eisblock von außergewöhnlicher Qualität gebaut, den er schon 2003 »geerntet« hatte. Das Eishotel bewahrte den Block auf, und kurz vor der Aufnahme begann er dann mit dem Bau der Instrumente – was im Normalfall 3-4 Tage dauert. Natürlich gehen die Instrumente beim Bau auch mal zu Bruch, und – ja – auch bei Konzerten passiert das ab und zu.

Sieben oder acht Konzerte auf Eisinstrumenten hatte der seines Wissens erste Eismusiker der Welt bis zum Zeitpunkt der »IGLOO«-Aufnahme gegeben – inzwischen sind noch einige mehr dazu gekommen. So etwa seine Mitwirkung beim Generator Festival in Helsinki im März 2005 oder der Auftritt auf dem Eisfestival in Geilo, das 2006 zum ersten Mal stattfand und nun jedes Jahr in der ersten Vollmondnacht stattfinden soll.

Auf Konzerten ist bei ihm komplette Improvisation angesagt, während Isungset zu seinen Aufnahmen gut vorbeitet anreist: Aus einer Reihe von Ideen werden dann die Stücke entwickelt. Bei »IGLOO« scheint er seine Ideen besonders gut ausgearbeitet zu haben, denn die Platte wirkt streckenweise im Vergleich zum Vorgänder regelrecht durchkomponiert und Song-orierntiert.

Wie verläuft ein typischer Aufnahmetag? »Meistens nehme ich zehn bis vierzehn Stunden auf und fange so gegen 10 Uhr morgens an. Aber natürlich muss ich auch Pausen machen, um mich mit warmen Getränken wieder aufzuwärmen.«

Terje Isungset, Photo: Jan Magnus Reneflot

Musizieren im Kühlschrank

Während Terje bei der letzten CD »ICEMAN IS« noch etliche Overdubs und auch elektronische Nachbearbeitungen vornahm, ist »IGLOO« nahezu 100%ig »Eis pur«: Nicht mal klangverändernde Equalizer gab es, sondern lediglich etwas Hall. Bei zwei Stücken fügte nachträglich ein wenig Icepercussion hinzu, das war alles. »Ich wollte die CD ganz nackt und rein in ihrem Ausdruck und ehrlich dem Eis gegebenüber halten. Es sollte genauso klingen, wie Eis eben klingt.«

Wir wissen von Musikern, die Instrumente aus gepresstem Schnee fertigen, aber Terje Isungset ist höchstwahrscheinlich der erste Musiker, der auf Eis Musik macht – oder zumindest der erste, von dem wir wissen: Gibt er sein mittlerweile einzigartiges Wissen und seine reiche Erfahrung weiter, zum Beispiel in Workshops? »Das wäre sicher ganz sinnvoll. Aber dazu habe ich immer zuviel zu tun.«


Terje Isungset, Photo: Peter Bickel

Contemporary Improvised Music

Terje Isungset, Photo: Jan Magnus Reneflot

Terje Isungset mit Sidsel Endresen

Wir sollten noch über die Icetruments sprechen. Dein Drumset sieht ja immer wieder etwas anders aus, aber es gibt doch einige Konstanten, wie ich sehe. »Ja, gern. Es gibt zum Beispiel das Icehorn, ein Blasinstrument, durch das man ohne extra Mundstück bläst. Es schmilzt beim Spielen, so dass es sich nach einer Weile perfekt dem Mund anpasst.

Bei der Iceharp ist der Rahmen aus Eis gemacht. Die Saiten sind aber nicht aus Eis. Dann gibt es das Iceophon, eine Art Marimba oder Xylophon, das man stimmen kann.

Und dann gibt es natürlich die Icepercussion, was Du hier siehst. Ich habe zum Beispiel verschiedene Eis-Sticks, die nach unten hängen und einen speziellen Ton abgeben, verschieden lang und unterschiedlich dick sind. Dann gibt es einige Tische mit einer individuellen Eisschicht und entsprechend eigenen Sounds.

Ich habe sogar eine Art Hi-Hat: Ich schlage meinen Fuss auf Eis und mache erzeuge dadurch einen Rhythmus. Und ich habe wieder eine Art Bassdrum, mit der ich die tiefen Frequenzen mache. Alles aus Eis.«

Terje Isungset, Photo: Terje Isungset

»All Ice«

Wie würdest Du selbst Deine Musik nennen? »Hm, dafür gibt's keinen Namen. Ich würde die Schublade Contemporary Improvised Music nennen.« Es wird Zeit für mich zu gehen. Terje muss noch an diesem Abend zum nächsten Konzert fahren; das zum Teil abgebaute Eis-Schlagzeug wird mitgenommen und muss also vorsichtig verpackt und ins Auto geladen werden. Danke für das Gespräch, und bis zum nächsten Mal.

All Ice-Records:
www.all-ice.no

Ice-Festival Geilo:
www.icefestival.no

© 2006 Peter Bickel, exklusiv für Nordische Musik
Foto-Credits: Jan Magnus Reneflot (3), Casper Tybjerg (3), Bard Loken, (1), Terje Isungset (1), Peter Bickel (2)



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